Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel finden sich nach ihrem Sturz in die Tiefe an einem unheimlichen Ort wieder…

Sie stürzten kopfüber in die vollkommene Dunkelheit. Sie fielen und fielen. Zeit und Raum waren bedeutungslos geworden.

Auf einmal war da ein gleißendes Licht. Es jagte über sie hinweg, durch sie hindurch, löschte sie aus.

Das einzige, das Gabriel spürte, war Suryiels eiserner Griff, mit dem er ihr Handgelenk umklammerte.

Sie standen auf festem Grund. Um sie waren Kälte und Dunkelheit.

Suriyel drehte den Kopf. Das Licht seiner Stirnlampe, die wie durch ein Wunder den Sturz überstanden hatte, tanzte im Kreis und ließ die dichten Nebelschwaden um sie weiß aufleuchten.

„Wo sind wir?“ Gabriel klapperte vor Angst mit den Zähnen.

„Ich glaube nicht, dass wir noch unter der Erde sind.“ Suriyel sah sich weiter prüfend um.

„Aber wir sind eine Ewigkeit in die Tiefe gestürzt!“

„Ja. Erst ging es abwärts. Seltsam, dass wir nicht fliegen konnten. Aber dann war da irgendwo weit über uns diese wahnsinnige Detonation. Es klang, als wäre die komplette Hölle gesprengt worden. Die Druckwelle muss uns irgendwie an die Oberfläche geschleudert haben.“

„Ich habe nicht gespürt, dass es nach oben ging. Es hat sich angefühlt, als würde ich mich auflösen!“ Gabriel schlotterte bei der Erinnerung daran. „Da war nur noch weißes Licht!“

„Ja, das war seltsam.“ Suriyel machte zögernd ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein und zog sie dabei, immer noch ihren Arm haltend, hinter sich her. Mit der Stirnlampe leuchtete er den Boden ab. Der Lichtkegel strich über graues Gestein, das von Moosen und Flechten überwuchert war.

„Hörst du das auch?“ Gabriel hielt den Atem an. Ihr war, als würden hinter den Nebelschwaden Stimmen wispern. War da nicht ein tiefes Seufzen, gefolgt von langezogenen Klagelauten? Oder spielten ihre Sinne verrückt?

„Ich will sofort weg von hier!“ Sie wusste, dass sie hysterisch klang.

„Kannst du dich dematerialisieren?“

„Nein!“

„Ich auch nicht.“ Suriyel umklammerte ihren Arm fester und schritt schneller aus.

Im Licht seiner Stirnlampe begannen die Nebelschwaden zu tanzen. Während Gabriel hinter ihm her stolperte, schien ihr, die grauen Fetzen würden lebendig werden. Sie glaubte, Gesichter zu erkennen, verzerrte Fratzen mit weit aufgerissenen Mündern. Lange Arme, die sich nach ihnen ausstreckten. Hände, deren Finger wie Krallen gekrümmt waren und nach ihnen griffen. „Da sind lauter Gespenster!“

„Das ist einfach nur Nebel. Wir sind auf einem Weg.“ Suriel ließ den Strahl der Stirnlampe nach vorne wandern.

Richtig. Sie standen auf einem schmalen Pfad.

„Besser als nichts.“ Er leuchtete erst in die eine, dann in die andere Richtung. Irgendwo hinter ihnen erklang wieder ein langgezogener Klagelaut. „Wir gehen da lang!“ Er wies nach vorne. „Bleib dicht hinter mir!“

Er ließ ihren Arm los und ging voran. Gabriel hastete hinter ihm her.