Erzengel Suriyel macht sich auf den Weg in die Hölle, um die Seelenfliegen der verfluchten Schutzengel Friedrichshains zurückzuholen…

Gabriel lief durch die stillen Straßen Friedrichhains. Es war früher Sonntagmorgen. Lediglich aus der 24/7 Kneipe dröhnte noch Techno in die Dunkelheit. Der Erzengel umrundete ein paar letzte Partygänger, die vor der Tür standen und sich an ihren Kippen und Bierflaschen festhielten.

Drei Straßen weiter, am Boxhagener Platz, lagen Obdachlose unter Zeltplanen. Ein Streifenwagen fuhr langsam an Gabriel vorbei und verschwand in Richtung Warschauer Straße.

Der Erzengel war komplett übermüdet. Die Evakuierung der kontaminierten Schutzengel Friedrichhains in die alte Mühle ihres Kollegen Uriel hatte sich bis Mitternacht gezogen. Mehr als fünf Stunden Schlafen waren nicht drin gewesen.

Denn in ein paar Minuten war sie schon wieder mit Suriyel im Buddhistischen Zentrum verabredet. Die Angelegenheit duldete keinen Aufschub!

Und das, obwohl Gabriel heute Abend im dritten Chor des Himmels erwartet wurde. Auf ihrem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit sicher schon bis zur Decke! Sämtliche Engel gingen davon aus, dass sie morgen, wie seit 4000 Jahren, in ihrem Büro sitzen und für alles und jedes Verantwortung tragen würde.

Aber das kam nicht in Frage!

Im Dahinlaufen ordnete sie ihre Argumente. Sie musste Rafael davon überzeugen, dass sie in Friedrichshain gebraucht wurde.

„Ich will nicht zurück!!!“ Der Satz drängte sich so energisch in Gabriels wohlsortierte Gedanken, dass die verblüfft stehen blieb. Er wurde – stellte sie irritiert fest – von einem tiefen Gefühl des Widerwillens begleitet.

Sie konnte nur den Kopf über sich schütteln.

Als Erzengel, der für Verkündigungen, den Beginn und das Gedeihen allen Lebens, für Prophezeiungen und oben drauf noch für Heil und Gnade zuständig war, hatte sie ihre Aufgabe bisher nie in Frage gestellt. Im Gegenteil: bis vor kurzem war sie davon überzeugt gewesen, einen Traumjob abbekommen zu haben. Das nagende Gefühl der Sinnlosigkeit, mit dem sie in letzter Zeit immer wieder konfrontiert war, hatte sie erfolgreich verdrängt.

Und auf einmal stand sie in der morgendlichen Dunkelheit Friedrichhains und war mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie lieber sterben, als zurück in den Himmel gehen würde.

Ein makaberer Gedanke für einen Engel. Und speziell für einen so pflichtbewussten Erzengel wie Gabriel. Ihre Versuche, den verstörenden Impuls mit: „Wir können ja ab und zu für ein paar Tage nach Berlin zu Besuch kommen!“ zu besänftigen, lösten heftige Gegenwehr aus.

Und das in ihrem Zustand! In diesem Augenblick! Zu dieser Uhrzeit!

Gabriel fand sich vor dem Stahltor des Buddhistischen Zentrums wieder. Es stand offen. Suriyel schien bereits da zu sein.

Gabriel entdeckte ihren Erzengel-Kollegen im Keller. Er stand an der Werkbank und schraubte wieder an diesem komischen Metallgestänge herum, mit dem er bereits am Vortag beschäftigt gewesen war. Als er sie kommen hörte, hob Suriyel den Kopf. Er sah genauso müde aus, wie sie sich fühlte.

„Ich bin fertig.“ Er löste das seltsame Ding aus dem Schraubstock und steckte es in seine Tasche. Im Flur nahm er seine Jacke von der Garderobe und öffnete die Eingangstür. „Wenn du noch bleiben willst, lasse ich Dir den Schlüssel hier. Vergiss nicht, abzusperren.“

Gabriel verstand kein Wort. „Wo willst Du hin?“

„Ich gehe, die Schutzengel holen.“

„Aber die sind doch bei Uriel in der Mühle!“

„Nicht die. Die anderen. Die, die gestorben sind.“

„Einer! Einer ist gestorben!“

„Es fehlen ein paar. Um die zwanzig. Israfel denkt, sie sind irgendwo in Mitte verloren gegangen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

„Und wie willst Du sie holen, wenn sie wirklich gestorben sind? Sie sind in der Hölle!“

Suriyel trat in den Innenhof und nickte ihr ungeduldig zu. Er schien keine Lust auf Diskussionen zu haben.

„Ich komme mit!“ Gabriel folgte ihm. „Glaub nur nicht, dass Du mich los wirst! Das geht mich genauso an wie Dich!“

„Das ist nichts für Dich!“

„Sagt wer?“ Gabriel stemmte die Hände in die Hüften. 4000 Jahre mit sechs männlichen Erzengel-Kollegen, dazu ein Patriarch als Chef: Sie hatte gelernt, sich durchzusetzen.

Suriyel stöhnte auf: „Ich habe keine Zeit zu verlieren! Warum verstehst Du das nicht?“

„Nimm mich mit und diese Diskussion ist beendet.“

Er gab auf. „In Gottes Namen. Aber Du tust, was ich Dir sage!“

„Ja, gut. Versprochen.“ Wenn das der Preis war, würde sie ihn bezahlen.

Suriyel streckte seine Hand aus. „Dann komm.“

Eine kräftige Böe trieb Gabriel die Haare ins Gesicht. Sie ließ Suriyels Hand los, drehte sich mit dem Rücken zum Wind und schob sich die Strähnen aus den Augen.

Sie stand auf einer riesigen Ebene. Um sie war nur Sand und Gestein. Über ihr spannte sich ein seltsam blassblauer Himmel. Am Horizont zeichneten sich die weißen Gipfel eines riesigen Gebirges ab.

„Wo sind wir hier?“

„Chile.“

„Sieht aus wie eine Wüste.“

„Das ist es auch. Die Atacama-Wüste.“ Suriyel drehte sich um und begann, in Richtung der Gebirgskette zu laufen. „Da vorne sind die Anden.“

Gabriel registrierte, dass sie sich auf einem schmalen Trampelpfad materialisiert hatten. „Und was wollen wir hier?“

Suriyel ignorierte ihre Frage und lief stur den Weg entlang. Ihn innerlich verfluchend, stolperte sie hinter ihm her. Sie musste sich anstrengen, mit seinem Tempo mitzuhalten.

Nach etwa zwanzig Minuten kam er so abrupt zum Stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingerannt wäre. Vor ihnen tat sich eine riesige Grube auf. Wohl eine verlassene Mine. Der schmale Pfad, der sie hergebracht hatte, führte in Serpentinen bis zum Grund. Weil und breit war niemand zu sehen.

„Wir müssen da runter. Aber leise!“ Suriyel machte sich an den Abstieg, ohne sich nach ihr umzusehen.

Seitenwände und Boden der Mine bestanden aus schwarzem Gestein. Von der Hochebene klang gedämpft das Pfeifen des Windes in die Tiefe. Ansonsten herrschte völlige Stille.

Gabriel folgte Suriyel, der die weite Fläche überquerte und vor der gegenüberliegenden Steilwand zum Stehen kam. Dort versperrte eine solide Metalltür den Zugang zum Minenschacht. Sie sah neu aus.

„Ich hoffe, ich bin noch im System“, murmelte Suryiel vor sich hin, während er seine rechte Hand in Hüfthöhe in einen schmalen Felsspalt schob.

Ein metallisches Klicken ertönte. Die Tür schwang auf. Dahinter befand sich kein Tunnel aus roh behauenen Felswänden, wie Gabriel das erwartet hatte. Statt dessen starrte sie in einen langen schmalen, weiß getünchten Flur. Grüne Fluchtwegleuchten spendeten mattes Licht. „Wo sind wir hier?“

„Das ist einer der Notausgänge des dritten Höllenareals. Haben sie erst vor ein paar Jahren gebaut. Alles nagelneu.“

Gabriel drehte sich um und musterte Suriyel misstrauisch. „Wie kommt es, dass Du die Tür zur Hölle öffnen kannst? Was spielst Du hier für ein Spiel, Suriyel?“ Sie kannte ihn seit 4000 Jahren. Das hätte sie ihm niemals zugetraut!

„Ich kenne eben ein paar von Luzifers gefallenen Engeln von früher. Mit einem aus der IT bin ich immer noch befreundet. Er hat meine biometrischen Daten im System abgespeichert. Ab und zu treffen wir uns hier.“

„Ach? Und dann spielt ihr Scrabbel, oder was?“

„Wir unterhalten uns.“ Suriyel schob sie zur Seite und trat in den Flur.

„Suriyel!“ Gabriel war fassungslos.

„Komm jetzt! Und sei leise! Du tust was ich sage, war ausgemacht!“

Gabriel verdrehte die Augen, trabte aber gehorsam hinter ihm her.