Ich bekomme eine spannende Geschichte geschenkt: Jemand erzählt mir von einem griechischen Gott, der zum buddhistischen Schützer wird…

In der Feuerschale ist immer noch ein Rest Glut, stelle ich fest, als ich zu Beginn der Mittagspause des privaten Teachings auf die Terrasse drehte. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/
Dabei liegt das morgendliche Rauchopfer, das die amerikanische Khandro mit uns praktiziert hat, bereits ein paar Stunden zurück. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/
Weil danach der Lehrer – Rinpoche und Hauptlinienhalter der Düdjum Tersar Tradition – erwartet wurde, haben wir das Feuer nicht wie gewöhnlich herunterbrennen lassen.
Es war die Khandro, die uns darauf hinwies, dass der Respekt vor dem hohen nepalesischen Gast gebietet, ihn mit wohlriechendem Rauch zu empfangen. So wäre das in seiner Heimat üblich, erklärte sie uns.
Als Rinpoche vor der Haustür steht, brennt in der Feuerschale ein kräftiges Feuer.

Rinpoche tritt auf die Terrasse und blinzelt in die warme Herbstsonne. Nach drei Stunden Teaching in englischer Sprache sieht er müde aus. Zusammen mit seiner Frau nimmt er an einer langen Tafel Platz. Die amerikanische Khandro setzt sich zu ihm und dazu noch ein paar andere. Die Dharma-Freundin, die ihr Haus für das private Teaching zur Verfügung gestellt hat, serviert ihnen Mittagessen.
Ich biege um die Hausecke. Ein paar Teilnehmer des Teachings haben eine Decke im Gras ausgebreitet und veranstalten ein Picknick. Ich darf mich zu ihnen setzen. Wir teilen Baguette, Käse und Obst und plaudern während des Essens. Netterweise wechseln sie mir zu Liebe aus dem Französischen ins Englische.
Die Gruppe – erfahre ich – kennt sich aus Frankreich. Vor einiger Zeit haben dort alle gemeinsam ein Dreijahres-Retreat absolviert.
Ich bin beeindruckt: Ich sitze doch tatsächlich unter lauter Lamas! Denn der Abschluss eines Dreijahres-Retreats ist in der tibetischen Tradition verpflichtend, um Buddhismus lehren zu dürfen.
Direkt hinter der Gartenhecke der gastfreundlichen Dharma-Freundin steht eine prächtige Kirche. Gerade schlägt die Turmuhr die volle Stunde. Das laute Dröhnen der Kirchenglocken lässt alle Augen zum Kirchturm wandern, der in den strahlend blauen Himmel aufragt.
Ich erzähle der Picknickgesellschaft, dass es sich bei der Kirche – die viel zu groß für die kleine Dorfgemeinschaft ist – um eine Wallfahrtskirche handelt. „Der Legende nach hat an der Stelle, an der die Kirche erbaut wurde, der Heilige, der hier vor mehr als tausend Jahren die Menschen zum Christentum bekehrte, ein paar Blutstropfen verloren.“ Das habe ich am Abend meiner Ankunft im Dorf von der Dharma-Freundin erfahren.
„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass an dieser Stelle ein vorchristlicher Tempel stand oder der Ort für heidnische Riten genutzt wurde. Das gab es während der Christianisierung häufig“, fahre ich fort. „Durch Heiligenlegenden wurde der Bau der Kirchen legitimiert.“
„Ach,“ meint einer aus der Gruppe nachdenklich. „Da fällt mir eine Geschichte aus unserem buddhistischen Zentrum in Frankreich ein.“ Der Franzose, der ihm gegenüber sitzt, nickt wissend.
„Das Zentrum, in dem wir das Dreijahres-Retreat absolviert haben, liegt auf einer Hochebene. Genau in der Mitte von drei erloschenen Vulkanen. Auf dem Gipfel des einen Vulkan gab es ein Hotel. Das brannte mehrmals hintereinander aus. Überhaupt passierten in der Gegend immer wieder seltsame Dinge.“
Er nimmt einen Schluck Wasser. „An der Stelle, an der unser buddhistisches Zentrum gebaut worden war, stand in der Antike ein Hermes-Tempel. Und während der Zeit, als wir alle dort im Retreat waren, kam der Rinpoche, der das buddhistische Zentrum leitete, im Traum in Kontakt mit Hermes.“
Der Erzähler nickt in meine Richtung. „Ich weiß das alles so genau, weil ich damals der persönliche Assistent von Rinpoche war. Der war alt und saß im Rollstuhl. Einer von uns musste deshalb Tag und Nacht bei ihm sein und sich um ihn kümmern. Als die Sache mit Hermes passierte, war gerade ich an der Reihe.“
Ich hänge gebannt an seinen Lippen.
„Rinpoche konnte in seinen Träumen Hermes davon überzeugen, zum buddhistischen Beschützer des Zentrums zu werden. Hermes bekam einen neuen Namen.“
Einer aus der Gruppe ruft einen tibetischen Namen. Alle anderen nickten, auch der Erzähler.
„Rinpoche“, fährt er fort, „schrieb ein Gebet für den neuen Schützer des Zentrums. An dem Tag, an dem es das erste Mal gebetet wurde, fand ein großes Fest für Hermes statt, der zum budhistischen Beschützer des Dharma geworden war.“
Der Erzähler zeichnet mit beiden Armen einen Kreis in die Luft. „Wir saßen alle im Innenhof im Kreis. Mein Platz war direkt neben dem Rollstuhl von Rinpoche. Ich war dafür verantwortlich, die Papierstreifen, auf denen das neue Gebet gedruckt war, für Rinpoche umzublättern.“
Er holt tief Luft. „Und in dem Augenblick, als die Instrumente verklungen waren und wir anfangen wollten, es zu rezitieren, fuhr ein Windstoß in die Blätter, erfasste das Deckblatt mit dem Bild von Hermes als buddhistischem Schützer und hob es über unsere Köpfe. Dort schwebte es sacht hin und her. Rinpoche ließ sich davon nicht beeirren. Er begann, das Gedicht laut vorzulesen und wir andere fielen ein. Auf einmal begann das Blatt, das über uns schwebte, wie wild zu rotieren!“
Der Erzähler dreht mit schnellen Bewegungen beide Hände vor der Brust.
„Als wir mit dem Gebet zu Ende waren, stieg das Blatt höher und höher und flog davon.“
Ich bin beeindruckt: „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit mir geteilt hast!“ Mehr bringe ich nicht heraus.
Kurz darauf ist die Mittagspause zu Ende. Am Nachmittag dürfen wir mit dem Hauptlinienhalter und seiner Frau Thröma praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/
Zum Abschluss erhalten wir von Rinpoche eine spezielle Throma Nagmo Einweihung. Die Energie während Thröma ist überwältigend. Die Einweihung ist noch viel krasser.
Dann ist das Teaching zu Ende. Völlig überwältigt und konfus verabschiede ich mich von meiner amerikanischen Khandro. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Sie schaut ein bisschen irritiert, als ich ihr den weißen Katak mit einem Umschlag hinhalte, in dem zwei Scheine stecken. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/
Dann legt sie mir den Schal um den Hals, nimmt den Umschlag entgegen und verabschiedet mich nicht – wie sonst immer – mit einer Umarmung, sondern auf traditionelle tibetische Weise, indem sie ihre Stirn an die meine drückt.
Netterweise nimmt mich ein anderer Teilnehmer des Teachings in seinem Auto mit nach München.
Am Irschenberg ein letzter Blick auf die bayerischen Alpen. Der übliche Stau vor Weyarn. Während ich in der Abendämmerung durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltwüste der A8 starre, kreisen meine Gedanken um Hermes.
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