Der Erzengel Uriel und Luzifer treffen vor dem Tor zum Mandala der zornvollen Göttin der Nacht aufeinander…

Uriel hob ein letztes Mal die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das mächtige hölzerne Tor. Das laute Pochen klang weithin über die Stille der Hochebene. Er lauschte: hatte sich hinter der Tür gerade etwas geregt?
Nein! Das Geräusch kam aus der anderen Richtung. Er drehte sich um. Zu seinem Erstaunen erkannte er eine Gestalt, die mit weit ausholenden Schritten auf der Straße, die vom Tal heraufführte, auf ihn zulief.
Der Fremde, der auf ihn zueilte, kam dem Erzengel vage vertraut vor. Uriel kniff die Augen zusammen. Der Andere trug einen schwarzen Anzug über dem weißen Hemd. Er war von großer schlanker Gestalt, das Haar dunkel. Auf seiner Stirn prankten zwei spitze Hörner.
Das war Luzifer!
Als sein ehemaliger Kollege vor ihm zum Stehen kam, hatte Uriel sich wieder gefasst. „Das nenne ich eine Überraschung.“
Luzifer schnappte nach Luft. „Uriel! Lange nicht gesehen! Wo kommst du denn her? Und wo sind wir hier überhaupt!“
„Gute Frage.“ Uriel hob erneut die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das Holztor. „Scheint keiner da zu sein.“
In diesem Moment erklangen schwere Schritte hinter dem verschlossenen Durchgang. Ein Schlüssel wurde knirschend im Schloss gedreht. Begleitet vom Quietschen der rostigen Scharniere schwang einer der beiden Torflügel auf.
Uriel trat erschrocken einen Schritt zurück und rempelte dabei Luzifer an, der hinter ihm in Deckung gegangen war.
Vor ihnen stand ein riesiges schwarzes Wesen, dessen muskulöser menschlicher Körper von einem mächtigen Wolfskopf geziert wurde. Es starrte sie aus hellblauen Augen an. Dann ging es in die Knie, streckte den Hals und begann, Uriel von oben bis unten abzuschnüffeln. Danach schob es ihn mit einer entschiedenen Bewegung beiseite und wiederholte das selbe Procedere mit Luzifer.
„Nanana.“ Der Wolfsmensch wiegte nachdenklich den Kopf, während er sich wieder zu seiner vollen Höhe aufrichtete. Er starrte längere Zeit nachdenklich auf sie herab, bevor ein tiefes Grollen aus seiner Kehle erklang. „Ihr beide wollt also Einlass in das Mandala der großen Mutter?“
Uriel musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Wächter in die Augen sehen zu können. „Ich habe nichts mit ihm zu tun.“ Er wies auf Luzifer. „Was aus ihm wird, ist mir einerlei. Ich bitte dich darum, das Mandala der Yeshe Walmo betreten zu dürfen.“
Der Wolfsmensch nickte. „Ich sehe, du bist einer, der weiß, womit er es zu tun hat.“
Er starrte wieder nachdenklich auf Uriel und Luzifer herab, bevor er ein weiteres Mal seine Stimme erhob. „Du weißt“, er wandte sich erneut an Uriel, „was zu tun ist, damit ich dir ohne weitere Fragen den Zutritt in das Mandala gewähre?“
Uriel nickte. „Ich muss dich bei deinem Namen rufen.“
Der Wolfswächter nickte. „So ist es. Kennst du ihn?“
„Selbstverständlich.“ Uriel sprach den Namen des zornvollen Wächters Yeshe Walmos laut aus.
Der Wolfsmensch nickte erneut. „So ist es. Aber wenn du meinen geheimen Namen kennst und um Yeshe Walmo weißt, dann hast du auch von ihren Gesetzen gehört: In dem Moment, in dem du dieses verbotene Wissen mit jemandem anderen teilst, gehst du einen karmischen Beziehung ein.“ Er wies mit der Schnauze auf Luzifer. „Der da hat von dir sowohl den Namen der Hüterin dieses Mandalas als auch den meinen erfahren. Ich lasse euch nun beide ein. Aber seid euch bewusst, dass ihr innerhalb seiner Mauern aneinander gebunden seid!“
Damit öffnete er das Tor.
Uriel schritt entschlossen hindurch. Luzifer schob sich hastig an dem riesigen Wächter vorbei und eilte hinter ihm her.
Der Wolfsmensch sah den beiden nach, wie sie auf dem Pfad, der in das Innere des Mandalas führte, veschwanden. „Und auch außerhalb dieser Mauern, so wie es aussieht…“, murmelte er vor sich hin, während er das Tor wieder schloß und den Schlüssel im Schloss drehte.
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