Erzengel Gabriel bricht auf eigene Faust nach Berlin-Mitte auf, um herauszufinden, was mit den Schutzengeln geschehen ist…

Am Abend materialisierte Gabriel sich in einem U-Bahntunnel an der Karl-Marx-Allee. Nachdem sie menschliche Form angenommen hatte, eilte sie zum Ausgang. https://www.water-runs-east.eu/?p=4783&preview=true

Dort wurde sie von einem prächtigen Sonnenuntergang und einem Schwall von Abgasen empfangen. Kolonnen von Autos und Lastern rauschten auf der vierspurigen Straße an ihr vorbei – rush hour in Berlin-Mitte. Es gelang ihr gerade noch, einem Radfahrer auszuweichen, der den Gehweg entlang hetzte.

Gabriel war gestresst: Eigentlich hatte sie bereits vor Stunden in Berlin ankommen wollen! Aber die Delegation ihrer zahlreichen Verantwortlichkeiten im dritten und vierten Chor hatte sie den ganzen Tag in Beschlag genommen. Glücklicherweise war Rafael bereit gewesen, bei Notfällen für sie einzuspringen. Und die Verantwortung für den fünften Chor übernahm er auch. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/

Und das, obwohl Rafael der Ansicht war, dass Gabriels Entschluss, in Berlin-Mitte persönlich nach dem Rechten zu sehen, überzogen war. Er hatte ihr angeboten, mit Suriyel zu sprechen, um den davon zu überzeugen, ein weiteres Gnadenkommando in seinem Machtbereich zu dulden.

Aber Gabriel hatte sich nicht umstimmen lassen. Sie konnte Rafael nicht erklären, warum sie nach Berlin musste. Sie konnte es sich nicht einmal selbst erklären, warum sie so stur darauf beharrte.

Auf der rationalen Ebene hatte Rafael sämtliche Argumente auf seiner Seite: Alles sprach dafür, dass irgendein technischer Fehler die Ursache des Scheiterns der letzten Gnadenaktion gewesen war. Nach den üblichen Regeln hätte Gabriel die Aufgabe delegieren müssen.

Sie wusste trotzdem, dass sie persönlich gehen musste. Warum auch immer.

Gabriel war nicht nur der Erzengel der Verkündigung und der Gnade, sondern auch der Engel der Visionen und Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

In diesem Fall war es eine Eingebung. Irgendetwas in ihr beharrte energisch darauf, dass sie nach Berlin-Mitte musste. Und zwar sofort!

Dank des Fernsehturms brauchte Gabriel nicht lange überlegen, welche Richtung sie einschlagen musste. Ein Glück, dass er in der Ferne zu sehen war – ihr Orientierungsvermögen war nicht das Beste.

Am Frankfurter Tor bog sie in eine ruhige Seitenstraße ein und betrat fünf Minuten später das Foyer eines günstigen Hotels.

Sie buchte ein Einzelzimmer für vier Tage und nahm, ihren Rucksack über die Schulter geworfen, den Aufzug in den dritten Stock. Als sie die Zimmertür aufschloss, schlug ihr der Geruch von Desinfektionsmitteln und kaltem Zigarettenrauch entgegen.

Das Fenster ging zum Hinterhof. Gabriel warf einen Blick auf Mülltonnen und Fahrräder, stellte ihren Rucksack in der Zimmerecke ab und setzte sich auf das schmale Bett.

Sie war seit gestern Abend – als sie spontan den Beschluss gefasst hatte, in Berlin-Mitte nach dem Rechten zu sehe – so sehr mit der Organisation ihrer Abwesenheit im Himmel beschäftigt gewesen, dass sie sich nur bis zu diesem Punkt Gedanken gemacht hatte: Sie würde sich ein Hotelzimmer in Friedrichshain nehmen.

Was sie hiermit getan hatte. Und nun?

Gabriel stellte erstaunt fest, wie irritierend es für sie war, auf einmal völlig alleine zu sein. Normalerweise war sie von morgens bis abends von Engeln und Heiligen umgeben. Und auf einmal war sie ganz für sich! Niemand wollte etwas von ihr. Aber sie konnte auch niemanden um Rat fragen und oder um Hilfe bitten. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie jemals zuvor in einer solchen Situation gewesen war.

Noch nie! Und das nach 4000 Jahren als Erzengel!

Und dabei befand sich ein anderer Erzengel gleich um die Ecke. Suriyels Tibetisch-Buddhistisches Zentrum war gerade mal 900 Meter von ihrem Hotel entfernt. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Eine eherne Erzengel-Regel verlangte, dass sie einander über ihre Anwesenheit im Machtbereich des Anderen informierten. Gabriel streckte sich rücklings auf dem Bett aus, schloss die Augen, konzentrierte sich und nahm in ihren Gedanken Kontakt mit Suriyel auf. „Hallo Suriyel. Ich bin bis Sonntag in einem Hotel in Friedrichshain.“ Danach wartete sie ein paar Minuten und lauschte in die Stille hinein. Schließlich stand sie auf, zog ihre Jacke über und verließ das Hotel.

Sie war sich sicher, dass Suriyel sie gehört hatte. Er hatte nicht geantwortet. Etwas anderes hatte sie von ihm auch nicht erwartet.