Das Bild Simhamukhas auf den blauen Fahnen

Uriels kleiner Hund jagt durch den frisch gefallenen Schnee. Es ist sieben Uhr morgens. Oben im zweiten Stock sitzt der Rinpoche betend in seinem Zimmer und begleitet uns mit einer Zeremonie dabei, wie wir im Garten die Schnüre der tibetischen Gebetsfahnen spannen. Auf den blauen Fahnen prangt das Bild von Simhamukha, auf den roten das von Kurukulle.

Als wir fertig sind, flattern entlang des wild rauschenden Baches zwei lange Reihen blauer und roter Fahnen. Der kalte Wind trägt ihre Gebete und Wünsche hinaus in die Welt. Gestern nach dem Abendessen haben wir die einzelnen Fähnchen noch „personalisiert“, indem wir die Namen von Freunden und Familienmitgliedern darauf schrieben. Die flatternden roten Fähnchen beten jetzt für jeden von ihnen um Liebe und Wohlstand , die blauen Fähnchen um Schutz und Klarheit.

Es ist inzwischen acht Uhr, aber das Frühstück muss warten. Während wir Schuhe und Jacken ausziehen, hat der Rinpoche bereits im Schreinraum auf seinem roten Thron Platz genommen und betet und singt halblaut vor sich hin. Das Vajrakilaya-Retreat wird mit einem feierlichen Zeremoniell beendet, das langes Leben schenkt. Gestern in der Mittagspause hat der Rinpoche kleine Haferflocken-Bällchen vorbereitet und heute morgen in einem Schälchen auf dem Schrein platziert. Nachdem sie durch das Ritual gesegnet worden sind, treten wir einzeln vor, nehmen ein paar davon – zusammen mit einem Schluck geweihtem Schnaps – in Empfang und stopfen sie uns in den Mund.

Danach folgt noch das morgendliche Riwo Sang Chöd – das tägliche Opferritual. Eigentlich soll die Kohle glühen, aber heute hat der Rinpoche so viel Energie, dass er versehentlich ein Feuer in der kleinen Metallschale entfacht, die neben seinem Thron auf dem Boden steht. Besorgt beobachten wir, während wir die tibetischen Silben rezitieren, wie die Flammen gefährlich nah an seinem Sitzkissen züngeln. Als er noch ordentlich von der Mischung aus Mehl, Butter und Zucker darüber gibt, füllt sich der Raum mit Rauch. Uriel balanciert das heiße qualmende Gefäß unter Mühen aus dem Schreinraum und auf die Terrasse, damit sich die Buddhas, Boddhisattvas und die Wesen des formlosen Bereichs daran gütlich tun können.

Für die Metallschale wurde – trotz des Einwands des Rinpoche, dass sich die armen hungrigen Geister aus dem formlosen Bereich vor dem Metall fürchten und das Opfer nicht annehmen können – kein brauchbarer Ersatz im Haus gefunden. Uriel wird in den nächsten Tagen mit dem nepalesischen Lama in den örtlichen Baumarkt fahren, damit der dort ein tönernes Gefäß aussucht, das auch für die ärmsten und schwächsten aller Wesen kein Hindernis darstellt.

Als wir – der amerikanische Lama, der tibetische Rinpoche und die verbliebenen drei Praktizierenden – gemeinsam beim späten Frühstück sitzen, wirft die Frühlingssonne ihre Strahlen durch die Fenster. „I feel like I worked in a coal mine!“ stelle ich fest, während ich mir den zweiten Pott Kaffee des Morgens gönne. Es war ein gutes, aber extrem forderndes Retreat.

Und bald geht es weiter: wir haben zwei Tage Pause, dann beginnt Throma.