Ich lege Tarot, bekomme eine interessante Meditations-Augendiagnose verpasst und darf – Dank Suriyels Riwo Sangchö-Rauchopfer aus dem tibetischen Buddhismus – an einem magischen Happening teilnehmen.

Am Sonntagmorgen weckt mich Vogelgesang. Im Bett sitzend, werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Der Weiher glänzt in der frühen Morgensonne. Ein paar Enten paddeln darauf herum, ich höre sie quaken, während ich mich anziehe.
Um sieben Uhr früh stehe ich in der Küche. Ich bin die Erste, die wach ist, stelle ich zu meiner Erleichterung fest. Der Blogtext für morgen muss in den nächsten zwei Stunden geschrieben werden, tagsüber werde ich keine Zeit finden. Dafür brauche ich Ruhe. Bevor ich anfange zu arbeiten, schalte ich Uriels ehrwürdige Jura-Kaffeemaschine an. Jetzt ist Konzentration gefordert, sie ist von sensiblem Gemüt – ein unachtsamer Handgriff und ich kann meinen Morgenkaffee vergessen! Mit angehaltenem Atem befolge ich die Anweisungen auf dem Display und hole erst wieder Luft, als der braune Kaffeestrahl in die Tasse läuft. Geschafft!
Ich bin schon im letzten Drittel des Textes angekommen, als nach und nach die anderen in die Küche einlaufen. Suriyel in seinem üblichen Gleichmut und im Pyama, Maria komplett angezogen, dafür in aufgelöstem Zustand. Sie hätte seltsames geträumt! Da ist sie nicht die einzige, mir ging es nicht anders. Suriyel setzt sich mit seinem Kaffee zu uns an den Tisch. Ihm wäre es genauso gegangen, erzählt er uns. Es wäre immer das selbe: in seinen Nächten im Retreathaus am Ende der Welt hätte er die wildesten Träume.
Ich schreibe den Blogtext zu Ende und lege gleichzeitig Maria die Karten. Multitasking gehört nicht zu meinen Stärken, aber sie möchte so dringend wissen, was der seltsame Traum zu bedeuten hat, dass sich die Sache nicht auf später verschieben lässt. Suriyel verschwindet dezent nach oben – Kartenlegen ist eine intime Sache – dafür taucht, kaum ist er zur einen Tür hinaus, durch die andere der kleine weiße Hund auf und möchte begrüßt und gestreichelt werden. Kurz darauf gefolgt von Uriel, der etwas derangiert aussieht. Er hätte aber auch wildes Zeug geträumt, heute Nacht, erzählt er uns, während im Hintergrund die alte Jura-Maschine krachend Kaffeebohnen mahlt.
Ich fotographiere Marias Legung und schicke ihr die Bilder per Whatsapp samt der Info, die Interpretation würde ich später per Sprachnachricht liefern. Für ein entspanntes Kartenlegen ist hier gerade zu viel Betrieb. Maria wird uns nach Riwo Sangchö verlassen, am Abend wartet in Leipzig eine Geburtstagsparty auf sie. Auch Uriel hat gesellschaftliche Verpflichtungen, er muss – samt Hund – schon vor dem Morgenritual aufbrechen. Bis zum Mittag des nächsten Tages wäre er wieder zurück, meint er. Bevor er verschwindet, schaut er mir tief in die Augen: ich hätte wieder diesen wahnsinnigen Blick, wie er ihn von mir eigentlich nur während Retreats kennen würde! Ich solle bloß aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird! Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich über den „wahnsinnigen Blick“ ärgern, oder ob seiner Fürsorge gerührt sein soll…
Allerdings hat er mit seiner „Augen-Diagnose“ ich wäre gerade gaga, recht. Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich Suriyel, der alles für unser morgendliches Riwo Sangchö vorbereitet – und vor ihm auf der Wiese im warmen Licht der Vormittagssonne eine Ansammlung wild herumtollender halbtransparente Gestalten. Sie reichen ihm bis zur Hüfte. „Himmel hilf!“, denke ich mir, „Geht das schon wieder los?“ Ich verkneife mir die Frage, ob Suriyel die muntere Schar ebenfalls sieht, versuche die seltsamen Wesen, die sich keine zwei Meter vor uns aufreihen, zu ignorieren und nehme so würdevoll, wie es mir in meinem aktuellen Zustand möglich ist, vor dem Schreintischen Platz.
Maria setzt sich auf einen der Gartenstühle, Suriyel entzündet Kerze und Räucherstäbchen und dann fangen wir an.
Die seltsamen Gnome, Wichtel, Klabautermänner what´s ever – waren nur die Vorhut, stelle ich fest. Kaum schwingt Suriyel das erste Mal die Glocke, ist die Wiese voll. In allen Größen, Formen und Variationen haben sich wieder die gleichen halbtransparenten Gestalten wie gestern eingefunden. Es hat was von Open Air, denke ich mir, während ich, den Blick auf den Text, den ich gemeinsam mit Suriyel rezitiere und singe, gleichzeitig mit meinem hyperaktiv delierenden „Dritten Auge“ das Szenario vor uns betrachte. Als wären wir eine Band auf einer Bühne und vor uns stehen die begeisterten Fans. Und begeistert sind sie, mir fällt kein anderes Wort dafür ein.
Als wir beim Speiseopfer angelangt sind und Suriyel einen Löffel von der Mehl-Zucker-Butter-Mischung über die Räucherkohle in dem kleinen Tongefäß kippt, setzt unser Publikum noch eins drauf: jetzt hat es was von Woodstock, denke ich mir. So viel Euphorie muss man erst mal zustande bringen!
Während ich das bizarre Szenario vor mir beobachte, nehme ich gleichzeitig die friedliche Stille um uns war: hinter uns rauscht der Bach, in den Bäumen singen Vögel, ab und zu klingt das Quaken der Enten vom Weiher zu uns herüber. Eine leichte Brise spielt mit meinen Haaren und weht mir ein paar Strähnen ins Gesicht. Ich sitze in Meditationshaltung neben Suriyel auf der Bank, höre ihn und mich, betrachte die euphorische Geisterschar und spüre gleichzeitig die vollkommene Stille um uns. Das Szenario ist vollkommend verrückt – und gleichzeitig wahnsinnig schön.
Als wir zu Ende sind, sehe ich den kleinen Gnomen nach, die vergnügt über die Wiese davon hüpfen. Ich bin richtig neben der Spur! Eigentlich müsste ich erneut schlafen, um mein Gehirn in die Balance zu bringen. Aber ich kann nicht schon wieder kneifen! Während Suriyel Maria zum Bahnhof fährt, ziehe ich in meinem Zimmer die immer noch feuchte Malerkluft über. Ein kompletter historischer Pferdestall wartet darauf, von mir gestrichen zu werden!
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