Durch Krodhi Kali taste ich mich an die Quelle meiner Vitalität heran – und an die Kraft, aus der sich mein Teufel speist.

Ein Zen-Lehrer erklärte mir einmal, dass ihn die langen Jahre der Praxis nicht von seinen Neurosen befreit hätten. Er habe vielmehr gelernt, entspannt mit ihnen Tee zu trinken.

Das fand ich gut, an den Punkt wollte ich auch kommen. Ich kaufte mir meinen Teufel („Eins“), damit ich lernen möge, mit ihm Frieden zu schließen. Sonderlich erfolgreich – so meine aktuelle Erkenntnis – ist das Projekt bisher nicht verlaufen, sonst würde mich Krodhi Kali nicht in jeder Visualisierungsrunde aufs Neue so an meine Grenzen bringen.

Jetzt ist mir klar: letztendlich habe ich immer versucht, meinen „Teufel“ in all seinen Ausprägungen in Schach zu halten. Ich wollte ihn nicht abspalten und projizieren. Statt dessen habe ich versucht, ihn zu kontrollieren, damit er mich – und Andere – nicht in einem unaufmerksamen Moment von hinten anfällt. Das hat nichts mit „Frieden schließen“ zu tun. Anstatt ihn an meine Tafel zu bitten, habe ich versucht, meinen Teufel in ein Verlies zu sperren.

Jetzt denke ich mir: er hat sich sicher königlich über meine Naivität amüsiert. Und sich so groß und mächtig vor mir aufgebaut, dass ich ihn in meiner Großspurigkeit nicht erkannt habe. Ich bin um seinen kleinen Zehennagel in Gestalt meiner putzigen kleinen Figur herumgehüpft und habe mich nicht getraut, einfach den Kopf in den Nacken zu legen, nach oben zu schauen und mir einzugestehen, dass er DA ist.

Eine ebenso beschämende wie erheiternde Erkenntnis.

Wir wenden uns allen Objekten im Außen in der selben Weise zu, wie wir dies unseren „inneren Objekten“ gegenüber tun. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat diese Erkenntnis in ihrer „Objektbeziehungstheorie“ dargestellt. Tantra weiß es schon lange. Der eherne Grundsatz lautet: „Wie Innen – so Außen.“

Das bedeutet: ich gestalte unbewusst meine äußere Welt in derselben Weise, in der ich innerlich strukturiert bin. Deshalb ist der Weg zur Beendigung des Leidens nicht die möglichst kunstvolle Manipulation äußerer Faktoren – inklusive Partner, Kinder, Kollegen – sondern die heilsamenTransformation der inneren Realität durch die Beseitigung energetischer Blockaden.

Ich habe meine wilde Vitalität immer gefürchtet und entwertet. Ich konnte akzeptieren, dass sie DA ist. Und auch, dass sie nicht WEG gehen würde. Aber ohne dass es mir bewusst war, habe ich sie immer als Erbsünde erlebt. Etwas in mir, das schlecht und verdorben ist und nur Unheil bringen kann. Und deshalb mit allen Mitteln unter Kontrolle gebracht werden muss.

„Unter Schmerzen sollst du gebären…“ wurde mir als Kind gepredigt. Eva war Schuld daran, dass Gott die Menschen aus dem Paradies verbannt hat. Sie hatte sich vom Teufel verführen lassen, Gottes Gebot missachtet und Adam und sich ins Unglück gestürzt. Die Bibel lehrt, dass es ein schlechtes Ende mit ihr genommen hat: nach dem Rauswurf aus dem Paradies musste sie sich ihr Brot durch harte Arbeit verdienen und zu allem Unglück ermordete einer ihrer Söhne auch noch den anderen. Über die Qualität ihrer Ehe schweigt die Bibel, aber die Chance ist groß, dass ihr Adam bei jeder Gelegenheit vorhielt, dass SIE Schuld an der ganzen Katastrophe hätte…

Kein Wunder, dass ich um wilde Vitalität herumtanze, als wäre sie eine ungesicherte Handgranate. Nicht nur bei mir, sondern auch bei Anderen. Nichts provoziert mich mehr als rüdes und aggressives Verhalten, bringt mich zügig an die Grenzen meiner Akzeptanz und macht mich gleichzeitig völlig hilflos. Ich habe mit der Zeit Strategien erlernt, nicht mehr sofort darauf anzuspringen, aber letztendlich behandle ich die Nachtseiten anderer auch nicht besser als meine eigenen – mit Ohnmacht, Entwertung und Kontrollversuchen.

Was wäre, wenn ich Kodhri Kali zum Tee bitten würde? Könnte ich mir mein Dominanzverhalten – und auch das Anderer – als Ausdruck ihrer Kraft verzeihen?

Vielleicht könnte ich in Zukunft meine Grenzen besser verteidigen, wenn ich die aufbrausende Wut Anderer in banalen Alltagssituationen nicht mehr als Affront, sondern als Repräsentation der Wildheit Kodhri Kalis würdigen würde? Und notfalls meine eigene Kodhri Kali auspacke, anstatt mich zwanghaft in Akzeptanz zu üben?

Möglicherweise – denke ich gerade – wäre es mir und meiner Umgebung angemessen, wenn ich mir zugestehen könnte, dass ich in der Tiefe weit weniger kultiviert und umgänglich bin, als ich es gerne wäre.

Aber das ist nur eine Idee. Ich stochere gerade im Nebel….