Ich rufe die kraftvolle Energie des zornvollen blauen Gottes Vajrakilaya in mir wach – eine umwerfende Erfahrung…

Ich breite meine Flügel aus und bewege sie vorsichtig auf und ab. Sie sind viel größer als auf dem Bild. Vajrakilaya tanzt, spüre ich. Ich nehme seine Bewegung auf, die Flügel schlagen im Takt dazu. Ich hüpfe auf und ab, Funken sprühen, Feuerzungen lodern.
Die Energie, die mich durchströmt, ist phantastisch.
Doch, halt!
Ich habe drei Köpfe!
Einen roten links, einen weißen rechts. Als ich in der Dynamik der Bewegung versuche, auch noch in drei Richtungen gleichzeitig zu schauen, bricht die Visualisierung zusammen.
Ich sitze wieder auf meinem Kissen im Schreinraum und muss mich beherrschen, vor lauter Frustration nicht meine Mala in die Ecke zu pfeffern.
Die Anderen murmeln weiter konzentriert das Wurzel-Mantra vor sich hin, lassen dazu die Perlen ihrer Malas durch die Finger gleiten und sind in der Meditation.
Also noch einmal von vorne: ich nehme wieder Position ein, kontrolliere kurz im Skript, ob ich alle Silben des Wurzel-Mantra auch korrekt rezitiere, fokussiere noch mal den kleinen blauen Vjarakilaya auf der Postkarte vor mir, taste in meinem Unterleib nach der korrespondierenden Energie und lasse sie meine Wirbelsäule entlang nach oben strömen, bis sie über mein Stirnchakra nach Außen dritt.
Während mich die Energie nur so durchschüttelt, transformiere ich erneut zur flügelschlagenden, rhythmisch sechs Arme bewegenden, auf ihren Feinden tanzenden Gottheit Vajrakilaya, die von Flammenzungen umspielt wird.
Ein wunderbares Gefühl der Freiheit durchströmt mich!
Ich beschließe, die Visualisierung der zwei Köpfe erst einmal ruhen zu lassen, genieße Bewegung, Energie und Klarheit und entschuldige mich im Geiste für alles, was ich dem tanzenden blauen Gott gestern in meiner Frustration vorgeworfen habe.
Er fühlt sich auch nicht richtig männlich an. Was ich mit meiner Gefährtin machen soll, die ich auf meiner mächtigen Brust vor mir her trage, ist mir auch noch nicht richtig klar. Sie sind offensichtlich im Geschlechtsakt vereint, aber jetzt an Sex zu denken – und auch noch als Mann! – wäre höchst störend, es ist ein weiteres Problem, das ich auf später verschiebe. Wir haben ja noch ein paar Tage: mehr als zu Vajrakilaya zu werden und das Bild in seiner Komplexität stabil in der Bewegung halten zu können, habe ich mir für das erste Retreat nicht vorgenommen.
Ich konzentriere mich auf die Flügel. Die sind richtig cool! Sechs Arme, nun gut, die werden sicher noch von Nutzen sein, wenn es darum geht, die Feinde zu zerschmettern. Aber gerade tanze ich, schwinge die Arme im Takt dazu und fache mit jedem Schlag meiner mächtigen Flügel das Feuer um mich weiter an. Funken sprühen,der Energielevel steigt und steigt. Es wäre klasse abzuheben und eine Runde zu fliegen, denke ich mir. Nur wohin dann mit den sechs Armen? Außerdem bin ich noch nicht durch, ermahne ich mich. Die beiden Köpfe an den Seiten müssen auch noch aktiviert werden.
Der Rinpoche fängt an, laut das Mantra zu singen, die erste Runde Visualisierung ist beendet. Ich mache mir eine mentale Notiz für den morgigen Tag: einmal Rundumsicht erarbeiten und zur Belohnung ein Flug über das Retreathaus stehen auf dem Programm.
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