Beelzebub lässt sich von Luzifer in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum in Berlin-Friedrichshain führen. Dort muss er feststellen, dass sein Auftrag herausfordernder ist, als er das erwartet hatte…

Wie Luzifer befürchtet hatte, war Beelzebub schon wach.

Als der gefallene Erzengel nach seiner Morgentoilette die Wendeltreppe hinunter in den Wohnbereich nahm, fand er den Höllen-Kollegen mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Esstisch sitzend vor. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Luzifer beschränkte sich auf ein kühles Nicken, brühte sich einen Espresso auf, warf währenddessen dezent ein paar Aspirintabletten ein, und ließ sich Beelzebub gegenüber auf den Stuhl fallen.

Dem sah man weder die durchzechte Nacht noch den – lautstark zelebrierten – vergnüglichen Morgen mit den beiden üppigen Engeln an.

Eine solche dämonische Konstitution war Luzifer leider nicht gegeben. Er war völlig fertig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den Vormittag im Bett verbracht. Aber es half nichts: er hatte Beelzebub angefordert, jetzt war er da. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Seine Anwesenheit sorgte dafür, dass sich Luzifer im eigenen Zuhause extrem unwohl fühlte. Je schneller Beelzebub in das Buddhistische Zentrum verschwand, um Erzengel Suriyel zu überwachen, desto besser für Luzifers Seelenfrieden. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Wann willst Du aufbrechen?“ Luzifer warf seinem Gast einen auffordernden Blick zu.

Beelzebub streckte – auf dem edlen Designerstuhl sitzend – Arme und Beine von sich und gähnte herzhaft und ausdauernd. Als er damit fertig war, sprang er mit einem Mal ruckartig auf: „Jetzt!“

Ehe sich Luzifer versah, stand der Kollege auch schon in der Tür. „Du bringst mich hin und zeigst mir die Räumlichkeiten. Als was gehst Du normalerweise?“

Luzifer stöhnte innerlich auf. Er hatte gehofft, Beelzebub würde sich ohne ihn auf den Weg ins Buddhistische Zentrum machen. Aber nun gut. Während er Beelzebub zur Tür folgte, transformierte er zum schwarzen Kater.

Beelzebub nickte anerkennend. „Stimmt. Der geht immer. Was empfiehlst Du mir?“

Dass Beelzebub nicht als kanaanitischer Gott im tibetisch-buddhistischen Zentrum auftauchen konnte, war beiden klar.

Luzifer hatte sich bereits nach dem Aufwachen unter der Dusche über eine passende Camouflage Gedanken gemacht: „Dort gehen ziemlich viele Chinesen ein und aus. Wie wäre es mit einem taiwanesischen Maschinenbaustudenten auf der Suche nach seinen buddhistischen Wurzeln?“

Der junge Han-Chinese in Jeans und Freizeitjacke lief neben dem großen schwarzen Kater die Straße entlang. Er hob erstaunt den Kopf: auf der gegenüberliegenden Seite leuchtete hinter einem mit Graffiti besprühten Bauzaun die goldene Kuppel einer Stupa.

Dem Kater folgend, überquerte er die Straße und trat durch ein Metalltor in einen begrünten Innenhof. Hinter den letzten Herbstblumen grüßte eine große Buddhastatue. Bunte tibetische Gebetsfahnen flatterten in langen Reihen im Wind.

Der Chinese sah sich um. Rechterhand entdeckte er das Schaufenster eines kleinen Buchladens. Eine Tafel daneben informierte darüber, dass hier das Büro der Zentrumsleitung untergebracht war. Er trat an die Glastür eines roten einstöckigen Pavillons, der sich gegenüber dem Buchladen befand, und überflog die Plakate, auf denen in Deutsch und Englisch die Veranstaltungen des Zentrums angekündigt wurden. Yoga, Meditation, Vorträge über Buddhismus. Das übliche.

Der schwarze Kater war inzwischen in einem schmalen Durchgang verschwunden, der, am Pavillon vorbei, zum Eingang des Tempels führte. Der Chinese folgte ihm und fand sich in einem weiteren – ebenfalls begrünten – Innenhof wieder. Hinter den halb entlaubten Ästen der Büsche und Bäume glänzte die goldene Kuppel der großen Stupa.

Aus der Ferne klang das Rauschen des Großstadtverkehrs über den hohen Bauzaun. In einem der Bäume sang eine Amsel. Ansonsten war alles still.

Für Menschen war das hier ein kleines Paradies. Für einen Dämonen wie Beelzebub war es die Hölle!

„Warum hast Du mir nicht gesagt, wie beschissen die Energie hier ist?“, fuhr er – nachdem er sich wachsam umgesehen hatte – den schwarzen Kater zu seinen Füßen an.

„Was hast Du erwartet?“ Luzifer trat unruhig von einer Pfote auf die andere. „Wir sind im Hauptquartier eines Erzengels. Niemand aus meiner Truppe schafft es durch das Tor! Geschweige denn in den Keller!“

Der schmale Han-Chinese schüttelte den Kopf. „Und warum erträgst Du das?“

„Ich war mal ein Erzengel.“

„Phantastisch! Aber ich nicht! Du hast mich verarscht, Luzifer!“

„Ich hatte nicht erwartet, dass Dich die Energie hier so mitnimmt. Du bist der Kanzler des Ordens der Fliege.“

Richtig! Beelzebub beschloss, dass er sich keine Blöße geben durfte. Wenn er jetzt kniff, wäre sein Ruf für die nächsten 4000 Jahre ruiniert.

„Ich muss mich erst akklimatisieren. Mit so etwas habe ich selten zu tun.“

Mit so etwas hatte er noch nie zu tun gehabt! Aber das würde er Luzifer sicher nicht auf die Nase binden.

Der Kater nickte. „Gerade ist es gut auszuhalten. Unter der Woche ist nicht viel los. Aber wenn am Wochenende die tibetischen Lamas hier sind, kann ich im Umkreis von fünfhundert Metern keinen Wachposten aufstellen, weil niemand die Energie erträgt. Das ist ein echtes Problem. Aber ich bin mir sicher, Du kriegst das irgendwie hin.“

Beelzebub musste sich eingestehen, dass er Luzifer unterschätzt hatte.