Mein Schreintisch nach dem Abschluss der Initiation

Die dröhnende Stimme des Lama hallt in dem engen Raum wieder, in dem wir uns an diesem Abend versammelt haben. Wir: das sind vier Praktizierende – und zwei Lamas. Ein nepalesischer und ein amerikanischer. Uriel witzelt, das Betreuungsverhältnis entspräche dem einer englischen Eliteuniversität.

Tagsüber war das Betreuungsverhältnis sogar noch besser: Eins zu Eins. Die Vorlesung des amerikanischen Lamas Vajranatha erinnert mich an lang zurückliegende Oberseminare. Er ist Ethnologe und Antrophologe, spricht fließend Tibetisch und erklärt einer einzigen Schülerin – mir – die Grundprinzipien des tibetischen Tantra. Die anderen hören aus Höflichkeit zu, sie wissen Bescheid.

Es gibt das Sutra-System, referiert er, und das Tantra-System. Sutra – den Weg der Entsagung – lehrte der Buddha öffentlich. Die „Eintrittskarte“ zum Sutra-Pfad sind Gelübde, wie die Zufluchtnahme und der Boddhisattva-Schwur. Schüler, die diesem Pfad zur Erleuchtung folgen, geloben, alle Handlungen zu unterlassen, die Anderen Schaden zufügen könnten. Damit ihnen das gelingt, werden sie darin unterwiesen, die Wurzelgifte der Leidenschaften (die Kleshas) zu erkennen und zu meiden und bekommen als Antidot bestimmte Meditationstechniken mit auf ihren Weg.

Tantra – der Pfad der Transformation – war dagegen nur wenigen fortgeschrittenen ausgewählten Schülern vorbehalten. Die Unterweisungen in diese esoterischen Praktiken waren – im Gegensatz zu den Sutren – geheim. Zugang zum tibetischen Tantra erhält bis heute nur, wer vom Lama initiert wird.

Der kleine Lama mit dem kahlgeschorenen Schädel singt mit seiner vollen dröhnenden Stimme. Ich werfe die Blüte, die ich während der Zeremonie in der Hand gehalten habe, auf das Blatt Papier, das er mir entgegenstreckt. Darauf abgebildet: Simhamukha, die Dakini mit dem Löwenkopf, in ihrem Mandala. Die Blume landet irgendwo am rechten Rand, der Lama nickt und verkündet: „Green“! Die anderen lachen. Ich verstehe wieder einmal nichts und stolpere auf meinen Platz zurück.

Die Initiationszeremonie ist jetzt, nach zwei Stunden, fast zu Ende. Wir durften an einem magischen Akt teilhaben. Die Linienhalter der Praxis wurden angerufen, Geistern und Göttern geopfert, in symbolischen Gesten die Waffen der zornvollen Dakini Simhamukha an die Praktizierenden übergeben. Wir sprachen die tibetischen Worte nach, die uns der Lama vorgab, und rezitieren Mantras.

Der enge Raum glüht vor Energie. Uriels kleiner weißer Hund hüpft nervös auf und ab. Er ist von ausgesprochen sanftem und liebenswertem Gemüt, die vibrierende Kraft der zornvollen Göttin Simhamukha, die uns alle erfasst hat, verstört ihn.

Zu Beginn der Zeremonie mussten wir uns mit einem roten Band die Augen verbinden. Wir sind symbolisch „blind“, erklärt uns der nepalesische Lama, durch die Praxis der zornvollen Dakini Simhamukha werden wir auf neue Weise „sehen“ lernen.

Ich lausche dem magischen tibetischen Singsang des Lama, starre auf das leuchtende Rot der Binde und spüre der bleiernen Erschöpfung hinter meinen Augäpfeln nach. Die habe ich wohl schon immer, vermute ich, oder zumindest schon sehr lange. Bewusst wurde es mir aber erst während der Vajra Armor-Retreats sechs Wochen zuvor. Als die schwarze Wolke ging und die Wut kam.

Irgendwas ist da! Es fühlt sich an, als säße zwischen meinen Augen und der Schädelwand etwas, das unaufhörlich Energie zieht und mich dazu zwingt, auf eine künstliche Weise auf die Welt zu sehen. Alle Versuche, meinen Blick zu entspannen, diese Erschöpfung zu mildern, das was da sitzt, loszulassen, sind gescheitert.

Ich habe keine Ahnung, was „es“ ist, ich bin nicht in der Lage, in meinen Schädel „hineinzusehen“. Es gibt sicher Praktizierende die das können – es gibt nichts, was es nicht gibt, habe ich gelernt – ich kann es jedenfalls nicht und ich habe auch keine Idee, wie es anzustellen wäre. Schon alleine die Vorstellung, meine Pupillen so zu verdrehen, dass sie in das Innere meines Schädels wandern, lässt Übelkeit in mir aufsteigen. Was für eine bizarre Vorstellung!

Als wir in der Mitte des Zeremoniells aufgefordert werden, die Augenbinde abzunehmen, das Mandala praktizieren und den Reis werfen, fühle ich mich, als würde die Last mehrerer Leben auf meine Sehnerven drücken. Gleichzeitig „prickelt“ es auf meiner Stirn, mein „drittes Auge“ ist höchst aktiv. Dieses Prickeln spüre ich seit dem erfolgreich bestandenen Wasser-Test des Vajra Armor Retreats immer wieder, es kommt und geht in Schüben. So stark wie jetzt, nach der Initiation, war es noch nie.

Als wir nach dem Ende der Zeremonie alle beim Abendessen sitzen, frage ich den nepalesischen Lama, was es mit der Farbe grün, die ich mit meiner Blüte getroffen habe, auf sich hat. Es wäre eine Prophezeiung, erklärt er mir. Grün wäre die Farbe der Karma-Familie von Simhamukha. Ich verstehe wieder einmal nichts und erkundige mich, ob die Tatsache, dass meine Blüte ausgerechnet im grünen Bereich des Mandalas gelandet ist, Konsequenzen für meine Praxis haben wird? „For sure“, kommt es zurück. Und welche? „Grün“ steht für „zornvoll“, antwortet er. Ich könne mich auf eine besonders zornvolle Praxis einstellen.

Wer den Tantra-Vortrag nachlesen möchte, dem sei diese Schrift empfohlen. Zu Beziehen ist sie über den Autor: Lamavajranatha@hotmail.com