Erzengel Suriyel entdeckt die Seelenfliegen seiner verfluchten Schutzengel im Keller von Luzifers Höllenareal…

Aus versteckten Boxen erklang sphärische Musik, untermalt von Vogelgesang. Ein künstlicher Wasserfall plätscherte die gegenüberliegende Wand hinunter.
Der süßlich-abgestandene Geruch von Dope hing in der Luft.
Gabriel starrte verwirrt auf die riesige Sofalandschaft, die in der Mitte der leeren Halle platziert war. „Das soll die Hölle sein?“
„Klar. Was sonst?“ Suriyel sah sich prüfend um.
„Ich meine, ich dachte: Werden die hier nicht gefoltert und leiden und so?“
„Im alten Areal haben sie noch das traditionelle Equipement, aber das hier ist der Neubau.“
„Und warum sieht der so anders aus?“
„Die gehen halt mit der Zeit. Folter ist es trotzdem. Und leiden tun sie nicht weniger als früher.“
„Ach komm! Das ist doch Wellness!“ Gabriel schüttelte fassungslos den Kopf. „Davon kann ich nur träumen! Und ich lebe im Himmel!“
„Wenn du hier ein paar Wochen mit Tausenden von Teufeln sinnlos abgehangen hättest, würdest du das anders sehen.“ Er griff nach ihrem Arm. „Jetzt komm. Und sei leise!“
Gabriel folgte ihm quer durch den Raum. Auf beiden Seiten des Wasserfalls entdeckte sie je eine Tür. Suriyel steuerte die rechte an.
Die Türflügel öffneten sich automatisch. Der Flur, der sich dahinter auftat, war breiter als der Notausgang, durch den sie gekommen waren. Links und rechts gingen in regelmäßigen Abständen Seitengänge ab. Gabriel musterte im Vorbeilaufen besorgt die Türen, die sich dort befanden. „Wo sind wir hier?“, flüsterte sie Suriyel ins Ohr.
„Luzifers Areal. Das hier ist einer der Wohntrakte seiner Teufel.“
„Du meinst: Hinter diesen Türen wohnen Teufel?“
„Wenn wir Glück haben, schlafen sie.“
„Oh Suriyel!“ Gabriel wollte sich überhaupt nicht ausmalen, was mit ihnen geschehen würde, sollten sie entdeckt werden! „Du bist wahnsinnig!“
„Ich habe dir gesagt: ‚Das ist nichts für dich!‘ Wenn es dir nicht passt, kannst du gehen. Du weißt, wo der Ausgang ist.“
Gabriel biss die Zähne zusammen und klammerte sich an seine Hand.
Sie waren am Ende des langen Flures angekommen. Wieder schwang die Tür automatisch auf. Vor ihnen erstreckte sich ein großes Treppenhaus. „Wir müssen runter.“ Suriyel rief den Aufzug.
Mit leisem Sirren öffnete sich die Aufzugtür. Suriyel schob Gabriel in die leere Kabine, folgte ihr und mustere die Etagenbeschriftungen. „Das sieht doch gut aus!“ Er drückte auf den untersten Knopf.
Während sich die Kabine lautlos nach unten bewegte, überflog Gabriel die Anzeigetafel. Es gab zehn Stockwerke, stellte sie fest. Ganz oben stand „Lounge/Wellness/Speisesaal/L-X“. Darunter L-IIIIV, L-IIIV, L-IIV, L-IV. Ab dem fünften Stock änderte sich die Beschriftung: Es gab Abteilungen für Sünden, Naturkatastrophen, Seuchen und sogar eine für Geschlechtskrankheiten! In den Stockwerken eins und zwei war die Verwaltung untergebracht. Inklusive der Pressestelle.
Die Beschriftung des untersten Knopfes war überklebt. Jemand hatte mit Edding „L-F“ auf den Aufkleber geschrieben.
Die Aufzugtür öffnete sich und gab den Blick auf einen, von einem Notlicht beleuchteten, Vorraum frei. Die Glastür zum Flur war mit einem biometrischen Smart Lock gesichert. Suriyel drückte seinen rechten Daumen gegen das Display. Ein schrilles Piepen ertönte, dann schwang die Tür auf. Suryiel nickte zufrieden. „Meine Daten sind in der höchsten Sicherheitsstufe gespeichert. Praktisch, oder?“
Gabriel schwieg. Es war definitiv nicht der richtige Augenblick, darüber zu diskutieren, dass sie Suriyels intime Beziehung zur Hölle nicht „praktisch“, sondern verstörend fand.
Links und rechts des Flurs gingen Büros ab. Die wurden jedoch nicht benutzt, stellten sie fest, nachdem sie in mehreren das Licht angeschaltet und sich umgesehen hatten. Die Drehstühle waren eingeschweißt, in den Ecken stappelten sich Drucker, Tischlampen und Laptops in Kartons. Gabriel zog probeweise die Schublade eines Hängeschranks auf. Das Registerfach war leer. „Was sie hier wohl vorhaben?“
Suriyel war schon wieder verschwunden. Sie löschte das Licht und fand ihn am Ende des Flures. Er stand an einer weißen Sicherheitstür und drückte seine Stirn gegen die Glasscheibe. Gabriel stellte sich neben ihn. „Was ist da?“
Er trat einen Schritt zur Seite. Sie presste ihre Nase gegen die dicke Scheibe. Dahinter befand sich ein Raum überschaubarer Größe, in dessen Mitte ein weißer Tisch stand. Darauf waren eine flache Schale Wasser platziert und daneben ein Teller, auf dem sich etwas großes Rot-Braunes befand.
Während Gabriel das seltsame Ding näher musterte, landete plötzlich eine Fliege auf der anderen Seite der Scheibe. Ihre vordersten Beinchen klopften gegen den Türrahmen. „Oh nein! Ist das die Seelenfliege von dem armen Engel in der Warschauer Straße?“
Suriyel wies kommentarlos mit dem Kinn auf den Tisch hinter der Scheibe. Gabriel folgte seinem Blick: Das seltsame rot-braune Ding, stelle sie fest, war ein Stück gammeliges Fleisch. Darauf krabbelte ein ganzer Schwarm Schmeißfliegen. Es waren sicher zwanzig oder dreißig Stück.
„Wusste ich es doch, dass die nicht verloren gegangen sind. Sie sind gestorben!“ Suriyel drosch mit der Faust gegen die Scheibe. „Und wir kommen nicht rein!“
Die Tür, sah Gabriel, war mit einem klassischen Sicherheitsschloss versperrt. Wer hier hinein wollte, brauchte einen Schlüssel.

Die beiden Erzengel zuckten zusammen. Die Tür zum Flur war aufgeschwungen. Schritte erklangen. Suriyel packte Gabriel am Arm, schob sie in das nächstgelegene leere Büro und zog die Tür bis auf einen schmalen Spalt hinter ihnen zu.
Die Schritte kamen näher und stoppten vor der Glastür, hinter der sich die Fliegen befanden. Gabriel warf einen vorsichtigen Blick in den Flur. Nur fünf Meter von ihr entfernt stand Luzifer. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er ihr den Rücken zuwandte.
Neben ihm wippte ein schmaler Teufel auf seinen Zehen, während er seinen Blick über ein Klemmbrett schweifen ließ. „Wir hatten die letzte Ankunft gestern morgen.“ Der Teufel fuhr mit seinem Finger die Liste entlang. „Die Fliege wurde um 9:13 Uhr am Hölleneingang registriert und hier um 10:00 Uhr im System abgespeichert. Es handelt sich um die Seele des Schutzengels Rahab, wohnhaft Grünberger Straße 48 in Berlin-Friedrichshain.“
„Informiere das Höllentor, dass ich morgen Abend etwa hundert Fliegen erwarte!“
Der Unterteufel trat ein paar Schritte zur Seite und presste sein Handy ans Ohr.
Nach ein paar Sätzen steckte er es wieder ein und trat zu Luzifer. „Sie wissen Bescheid.“
„Gut.“ Luzifer drehte sich um und ging, gefolgt von seinem Assistenten, in Richtung Ausgang. „Stell zehn Teufel ab, die morgen ab zwölf Uhr Mittags am Höllentor Posten beziehen. Oder besser zwanzig. Sicher ist sicher. Es müssen immer mindestens zwei von unseren Leuten am Empfang stehen. Der Orden soll keine einzige unserer Fliegen bekommen!“ Damit schloss sich die Tür hinter ihm und seinem Unterteufel.
Die beiden Erzengel warteten ein paar Minuten, bevor sie das Büro verließen.
Gabriel strich Suriyel, der wieder durch die Glasscheibe auf die Fliegen starrte, tröstend über den Arm.

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