Berichte von den Grenzen des Ich

Kategorie: Pema Choling

Frank

Der verstorbene Vorbesitzer meines Historischen Pfarrhofs ist integraler Teil meines neuen Lebens geworden…

Franks Regenjacke im Heizungsanbau

Ich spreche oft von Frank.

Mit seinem ehemals besten Freund, der hier im Dorf lebt und mich regelmäßig besuchen kommt. Auf ein alkoholfreies Bier.

Mit den Nachbarn, die hinter der Remise des Pfarrhofs wohnen.

Frank war ein guter Freund und Nachbar.

Auch Suriyel spricht regelmäßig von Frank. Wieder und wieder lobt er dessen handwerkliches Geschick und Weitsicht.

Für Suriyel und mich ist Frank zu einem guten alten Freund geworden.

Dabei haben wir ihn nie kennengelernt!

Frank starb im August 2022. Er wurde nur 52 Jahre alt. Er hatte keine Familie.

Seine Erben boten den Pfarrhof zum Kauf an. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Deshalb war ich im Oktober 2024 das erste Mal im Historischen Pfarrhof. Zum Besichtigungstermin mit dem Makler.https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Im März 2025 unterschrieb ich den Kaufvertrag. https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Im Juni zog ich ein. https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Die seltsame Beziehung mit dem verstorbenen Vorbesitzer nimmt ihren Anfang, bevor ich den Pfarrhof das erste Mal betrete: Weil wir vor dem Besichtigungstermin mit dem Makler noch etwas Zeit haben, fahren mein Bruder und ich ins Nachbardorf.

Dort kommen wir unter seltsamen Umständen mit einer Frau ins Gespräch, die nicht nur den Pfarrhof kennt, sondern sogar mit dem verstorbenen Vorbesitzer befreundet war.

Von ihr hören wir zum ersten Mal seinen Namen.

Frank.

Und von den Umständen seines Todes. Dass er in seinem Zuhause gestorben ist. Wie schockiert alle über seinen frühen Tod sind. Und das unklar ist, woran er gestorben ist.

Nach meinem Einzug bin ich überwältigt von Franks Präsenz.

Überall im Haus, in den Gebäuden und auf dem Grundstück ist Frank.

Frank ist im Pfarrhof geboren und aufgewachsen.

Er hat sein Leben hier verbracht und ist hier gestorben.

Frank hat den Pfarrhof geliebt.

So wird mir das von allen erzählt, die ihn gekannt haben. Und noch einiges andere über Frank dazu.

Gleichzeitig mache ich meine eigenen Entdeckungen. Ziehe meine eigenen Schlüsse aus den verbliebenen Spuren von Frank, die mir im Laufe der Zeit in die Hände fallen.

Oft ist mir Frank geradezu erschreckend nah:

Wenn ich morgens bei Nieselregen von Frank gesägtes, gespaltenes und aufgeschichtetes Brennholz aus der Werkstatt hole.

Und mir vorher seine Regenjacke überziehe, die im Heizungsanbau an einem Haken hängt.

Wenn ich Franks verblichenen Notizen in der Bedienungsanleitung des Heizkessels überfliege. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Jedesmal wenn ich die riesige Werkstatt betrete.

Franks Reich, von ihm selbst entworfen und gebaut.

Im November beginne ich mit dem Ausräumen der Werkstatt.

Schicht für Schicht arbeite ich mich durch Franks erloschenes Leben.

Frank liebte Autos. Und Motorräder.

In den blauen Werkzeugschränken stapeln sich angebrochene Motoröle, Lackstifte, Polituren und Frostschutzmittel. Dazu Ersatzbirnen für Scheinwerfer, Bremsklötze, Keilriemen…

Frank liebte Angeln. Dabei mochte er keinen Fisch!

Was er angelte, schenkte er den Nachbarn.

Ich hole vergilbte Speisefisch-Plakate von den Wänden, sortiere Reusen, Angelschnüre, Haken und eine gebrochene Angelrute aus.

Frank sammelte Email-Plaketen.

Bevorzugt von Brauereien. Und Traktor-Firmen.

Die lasse ich hängen.

Alle Plaketen mit doofen und/oder sexistischen Bildern und Sprüchen schraube ich ab.

Davon gibt es einige.

Suriyel in Franks Werkstatt

Frank hatte jahrelang eine Fensterbau-Firma. Im Hochregal lagern kistenweise Fenstergriffe, Scharniere und Einbaumaterial.

Ich hieve – auf der Leiter balancierend – Eimer voller Nägeln und Schrauben vom Regal. Einen verrosteten Werkzeugkasten. Isolierfolien, Mauerschutzfolien, Mörtelreste, Farbreste, Gummischläuche, Unkrautvernichter und noch vieles mehr.

Als ich mich zum obersten Regalbrett durchgearbeitet habe, stelle ich fest, dass hier bis vor kurzem eine Mäusefamilie lebte. Eine Pappschachtel mit Farbresten diente als Mäuseklo. Die Röhre einer Rolle Isolierfolie für Trockenbau war die Mäuse-Kinderstube. Warm und gemütlich gepolstert mit dem zerrissenen Etikett eines Farbeimers.

Der Haufen für den Wertstoffhof wird immer größer.

Er riecht streng nach Mäusekot.

Während ich tagelang in der ungeheizten Werkstatt vor mich hin arbeite, sind meine Gedanken bei Frank.

Dem Mann, der nie die passende Frau fand.

Der immer der Sohn seiner dominanten Mutter blieb, die er bis zu ihrem Lebensende pflegte. Drei Monate nach dem Tod der Mutter starb Frank.

Der Mann, der regelmäßig ins Puff ging.

Der harte Kerl, der stundenlang Gewichte hob.

Der Bäume fällte und Motorcross fuhr.

Aber auch der Mann, der Holzreste in Tiere und Fabelwesen verwandelte.

Immer wieder finde ich Zeugnisse von Franks Fantasie.

Als ich seinen früheren besten Freund darauf anspreche, ist der verblüfft. Das Frank diese Seite hatte, war ihm nicht bewusst gewesen.

Ich lebe inmitten der Spuren, die ein fremder Mensch hinterlassen hat.

Für ein paar Jahre.

Ein paar Jahrzehnte, wenn ich Glück habe.

Dann wird der nächste in den Pfarrhof ziehen, und in meinen Spuren leben.

Sich durch die Reste meiner verblichenen Existenz arbeiten.

Denn das einzig Beständige ist der Wandel…

Stille

Rinpoche und die Gäste der Einweihungsfeier haben sich verabschiedet. Im Pema Choling kehrt Frieden ein…

Die Einweihung des Pema Choling ist zu Ende gegangen. https://www.water-runs-east.eu/wasserschlange/

Am 23. Juni bricht Rinpoche auf nach Warschau. Dort wird er ein Retreat anleiten.

Am Nachmittag des 24. Juni verlassen die letzten Gäste der Einweihungsfeier das Pema Choling.

Ich bleibe zurück.

Alleine.

Sieben Wochen lang.

Nicht einmal Suriyel kommt zu Besuch.

Nur ich – und ein alter Kater. https://www.water-runs-east.eu/kater/

Umgeben von vielen wilden Tieren.

Dem Reh, das nachts auf der Wiese hinter dem Haus äst.

Dem Fuchs, der am Nachmittag ein Nickerchen unter dem Busch am Zaun hält.

Dem riesigen Schwarm Stare, der sich in meinen Kirschbäumen über die reifen Früchte hermacht.

Dem Milan, der über dem Dach des Pfarrhauses schwebt, als hinge er an einer Drachenschnur.

Den Schwalben, die über der Wasseroberfläche des Weihers nach Mücken jagen.

Den Turmfalken, die sich mit den Schwalben Luftkämpfe liefern.

Den Fledermäusen, die über dem Weiher jagen, wenn die Schwalben bei Einbruch der Nacht zu Bett gegangen sind.

Den Fröschen, die mich in den Schlaf quaken.

Der Eule, deren schriller Ruf mich in den ersten Nächten aus dem Schlaf reißt.

Jeden Morgen praktiziere ich im Pavillon am Weiher.

Erst Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Danach Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Danach tue ich, was zu tun ist.

Nicht mehr, nicht weniger.

Mir ist, als würde ich mit jedem Tag, den ich alleine verbringe, mehr zu einem Teil des Pema Choling werden.

Verschmelzen mit der friedlichen Stille.

Eins werden mit der Zeitlosigkeit des Ortes.

Trotz all meiner Neurosen, die durch die Natürlichkeit des Pema Cholings schmerzhaft transparent werden.

„Interessant!“, denke ich ein um das andere Mal, wenn ich mit abstrusen Mustern, Gedanken und Ängsten in meinem Inneren konfrontiert werde.

Sieben Wochen verbringe ich allein im Pema Choling.

Jeder Tag gleich.

Jeder Tag eine Überraschung…

Abschied

Am Tag nach der Einweihung des Pema Choling praktizieren wir das Ritual „Sur“ für den verstorbenen Vorbesitzer des historischen Pfarrhofs…

Anfang Juni ziehe ich in meinen historischen Pfarrhof.https://www.water-runs-east.eu/einzug/

Überwältigt, überfordert – aber auch erleichtert und dankbar für die schöne sanierte Wohnung im Erdgeschoss des Haupthauses.

Meine zukünftig Wohnung hat drei Zimmer, ein großzügiges Bad – und eine hübschen kleinen Küche im Landhausstil.

Den Küchentisch hat der Entrümpler mitgenommen. https://www.water-runs-east.eu/entruempler/

Aber das Geschirr aus blauem Glas, Töpfe und Besteck hat er zurückgelassen. Und auch noch sonst so einiges andere, was er nicht gebrauchen konnte. Angebrochene Ketchup- und Grillsoßenflaschen im Kühlschrank zum Beispiel.

Während Suriyel versucht, das Heizungssystem ans Laufen zu bringen, gehe ich Schublade für Schublade durch. https://www.water-runs-east.eu/heizung/

Im Hängeschrank über dem Herd stapeln sich Gewürzdöschen. Ich finde eine Gewürzmischung für saure Gurken und eine andere extra für Pommes.

Was es nicht alles gibt!

Im Ausziehschrank neben dem Kühlschrank Schlaf- und Beruhigungstees. Mehrere Packungen. Im Hängeschrank daneben pflanzliche Beruhigungstropfen.

Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich mit dem vergangenen Leben eines unbekannten Menschen konfrontiert zu sein.

Von dem wir nur wissen, dass er „Frank“ hieß. Und den Nachnamen. Denn so steht es immer noch am Briefkasten und am Klingelschild.

Der Makler, der den Kauf abwickelte, wusste auch nicht viel mehr. Die Erben hatten ihm den Auftrag erteilt, den Pfarrhof zu verkaufen. Frank war unverheiratet und kinderlos gestorben.

Ich gehe die Schubladen durch. Besteck, Kochlöffel, Dosenöffner.

Der Inhalt der letzten Schublade lässt sich nicht exakt zuordnen. Ich ziehe Müllbeutel, Teelichter, einen Schraubenzieher und ein kaputtes Feuerzeug heraus.

Außerdem einen Packen Plastikkarten. Ich sortiere sie durch: eine Tankkarte, eine Rabattkarte des örtlichen Discounters, die Visitenkarte eines Fensterbauers – und ein Führerschein!

Franks Führerschein!

Mit ernstem Blick schaut mir ein Mann mittleren Alters mit Halbglatze und hängenden Mundwinkeln entgegen.

Das also war Frank!

Ich drehe den Führerschein um. Frank war ziemlich genau mein und Suriyels Jahrgang, stelle ich fest.

Und er hätte in wenigen Wochen Geburtstag gehabt!

Als Suriyel in die Küche kommt um zu überprüfen, ob der Heizkörper warm wird, halte ich ihm Franks Führerschein entgegen.

„Schau, was ich gefunden habe!“

Suriyel dreht den Führerschein in den Händen und betrachtet konzentriert Franks Foto. Er ist genauso berührt wie ich.

„Warum ist der Führerschein noch da? Wollten die Erben den nicht haben?“

„Ich glaube nicht. Sonst hätten die den Führerschein doch mitgenommen.“

Ich zeige auf das Geburtsdatum. „Schau mal. Franks Geburtstag ist nach dem Wochenende, an dem Rinpoche kommt. Wir könnten Rinpoche fragen, ob wir an seinem Geburtstag eine Praxis für Frank machen sollen?“

Das, findet Suriyel, ist eine ausgezeichnete Idee.

Ich lege Franks Führerschein zurück in die Schublade.

Am Tag nach der Einweihung des Pema Choling hole ich den Führerschein von Frank wieder heraus.

Rinpoche wird uns am Abend verlassen.

Nach dem Frühstück zeige ich Rinpoche den Führerschein. „Look Rinpoche, this is the late owner of Pema Choling. He died two years ago. Tomorrow would be his birthday. Can Suriyel and I do a practice for him at his birthday? Maybe Chenrezig?“

Auch Rinpoche betrachtet eingehend Franks Foto. Dann schüttelt er den Kopf.

„No. Not Chenrezig. And not on his birthday. It would bind him to you and to the place. He has to move on. We will do a Sur for him. Today.“

Das, finde ich, ist eine kluge Entscheidung von Rinpoche.

Gleichzeitig bestätigt Rinpoches Antwort meine eigene Einschätzung: Frank hat den historischen Pfarrhof nicht verlassen. Obwohl er bereits vor zwei Jahren gestorben ist.

Eigentlich – so lehrt es der Buddhismus – vergehen zwischen dem Tod eines Lebewesens und seiner Wiedergeburt höchstens 49 Tage.

Aber der Weg aus dem Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – in ein neues Leben ist ein komplexer und störanfälliger Prozess. Manch einer geht darin verloren.

Mir kommt es so vor, als wäre das auch bei Frank der Fall. Dieses Gefühl, er wäre noch da – unsichtbar, aber energetisch spürbar – begleitet mich durch meine ersten Wochen im historischen Pfarrhof.

Rinpoche scheint es nicht anders zu ergehen.

Deshalb also Sur.

Die Praxis, die Verstorbene in einer Weise nährt, dass ihnen eine gute Wiedergeburt möglich ist.

Am Vormittag versammeln sich alle Gäste im Pavillon.

In einem tragbaren Räuchergefäß bereitet Rinpoche sorgfältig das Rauchopfer für Frank vor.

Dann nimmt er auf dem grünen Samtsessel Platz und führt uns durch die Praxis.

Die einführenden Gebete, Zufluchtnahme, Bodhichitta, schließlich die Transformation der Opfergabe.

Rinpoche nimmt das Schälchen mit dem Sur-Powder und kippt es über die glühende Kohle im Räuchergefäß. Eine schmale Rauchsäule steigt auf.

Er winkt Suriyel zu sich und drückt ihm das qualmende Räuchergefäß und einen Feder-Fächer in die Hand. „Carry it through the house.“

Ich springe auf und folge Suriyel, der mit großen Schritten aus dem Pavillon eilt und das Haupthaus betritt.

Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Suriyel voran, ich hinter ihm her. Beide rezitieren wir ein Mantra. In jedem Zimmer schreitet Suriel von Ecke zu Ecke, während er mit dem Feder-Fächer den Rauch der verbrennenden Opfergabe verteilt.

Nach zwanzig Minuten sind wir wieder zurück im Pavillon. Dort haben während unserer Abwesenheit Rinpoche und die Sangha ebenfalls ein Mantra rezitiert.

Für Frank.

Der jetzt hoffentlich gehen kann. In eine gute neue Wiedergeburt.

Suriyel stellt das Räuchergefäß, in dem immer noch Kohle glüht, vor Rinpoche auf dem Boden. Dann lässt er sich – wie ich – auf dem Meditationskissen nieder.

Auf einmal ruft einer der Dharma-Brüder, der einen Sitzplatz mit Blick auf den Weiher hat, laut auf: „Da! Eine Wasserschlange!“

Wie am Vortag springen alle auf und versuchen, einen Blick auf den Weiher und die Schlange zu erhaschen. https://www.water-runs-east.eu/wasserschlange/

Wieder bin ich zu langsam. Als ich einen Blick durch das Fenster werfen kann, ist die Schlange bereits im Ufergebüsch verschwunden. Genau wie gestern.

„Die war deutlich kleiner, als die von gestern!“, merkt einer aus der Gruppe an, der mehr Glück hatte.

„Die Wasserschlange gestern war der Naga-König. Und das heute war die Naga-Königin!“, erklärt ein anderer mit großer Bestimmtheit.

Rinpoche schweigt dazu. Er macht einen zufriedenen Eindruck.

Das Sur scheint funktioniert zu haben…

Wasserschlange

Während der Einweihung des Pema Choling praktiziert Rinpoche ein Naga-Opfer für die mächtigen Wassergeister – mit verblüffendem Ergebnis!

Es wird Mittag, bis wir mit der Einweihungs-Zeremonie des Pema Choling beginnen können.

Weil Rinpoche das Pema Choling mit einem Naga-Opfer einweihen möchte, mussten erst in aufwendiger Kleinarbeit Tormas – traditionelle Opferkuchen – geknetet werden.

Rinpoche und Suriyel waren sicher eine Stunde damit beschäftigt, aus Haferflockenteig kleine Wassertiere und Kügelchen zu formen. https://www.water-runs-east.eu/opfer/

Jetzt steht der Teller mit den Haferflockentieren und den Kügelchen auf dem improvisierten Altar im Pavillon am Weiher. Daneben befindet sich eine Tasse mit Ziegenmilch, in die Rinpoche eine spezielle nepalesische Kräutermischung gerührt hat.

Während Rinpoche und Suriyel die Tormas basteln, treffen die „Tagesgäste“ ein. Mein Zen-Dharma-Bruder kommt aus Berlin und bringt seine kleine Tochter mit. Eine Dharma-Schwester aus Bayern hat ihren Urlaub so geplant, dass sie auf dem Weg an die Ostsee im Pema Choling vorbeikommen kann. Schließlich fährt mein Bruder samt Familie vor.

Mein Bruder ist der einzige, der das Pema Choling bereits kennt. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Alle anderen sind das erste Mal hier – und sind entzückt!

Was mich sehr freut.

Aber vor allem bin ich erleichtert, dass sich der Regen der letzten Tage verzogen hat und – pünktlich zum Besuch von Rinpoche – die Sonne scheint.

Weil schönes Wetter ist, können die Gäste auf der Wiese neben dem Weiher bewirtet werden. Bei Regen hätten wir mit der unsanierten Schwarzküche im Haupthaus vorlieb nehmen müssen.

Und dass nicht alle Gäste in den kleinen Pavillon passen, in dem Rinpoche das Nago-Opfer praktizieren wird, ist bei Sonnenschein auch kein Problem. Wir öffnen die Flügeltüren und wer Innen keinen Platz findet, setzt sich draußen ins Gras.

Überhaupt hat sich alles auf das Beste gefügt!

Der Regen der letzten Tage hat den Wasserspiegel des Weihers merklich ansteigen lassen.

Was ein großes Glück ist!

Durch die Trockenheit des Frühjahrs betrug die Wassertiefe zuvor höchstens einen Meter. Suriyel war so besorgt gewesen, dass das Wasser im Weiher kippen könnte, dass er vor zwei Wochen in der Mitte des Teichs eine Wasserpumpe installierte.

Obwohl der Wasserstand jetzt höher ist, hat Suriyel die Pumpe eingesteckt. In der Mitte des Weihers verankert, plätschert eine Wasserfontäne vor sich hin.

Rinpoche hat von seinem Platz im Pavillon aus einen perfekten Blick auf den Weiher und die Fontäne. Er trohnt neben dem Altar auf meinem grünen Samtsessel und wartet geduldig, bis alle Gäste ihren Platz gefunden haben.

Auf meinem Coffee-Table hat Rinpoche alles platziert, was er für die Zeremonie braucht: Dorje und Glocke, seine kleine Handtrommel, eine Schüssel mit Rauchpulver, eine mit Safran-Wasser gefüllte Bumpa, ein mehrstöckiges Mandala aus Metall und dazu noch einen Stapel länglicher Papierstreifen, auf die der Text des Zeremoniells gedruckt ist.

Die Teilnehmer haben die Texte nur als pdf auf dem Handy. Besser als nichts, aber zum Mitrezitieren mit Rinpoche nicht ideal.

Wir geben trotzdem unser Bestes, mit Rinpoche mitzuhalten, der sich Seite um Seite durch den Text arbeitet.

Als wir mit der Eröffnungsgebeten durch sind, legt Rinpoche überraschend einen Stop ein.

„Is this water-pump neccessary?“, fragt er Suriyel, während er mit dem Finger nach draußen auf die vor sich hin plätschernde Fontäne weißt.

„Not really“, antwortet Suriyel.

„Switch it out“, befielt Rinpoche.

Suriyel steht auf und geht ins Freie. Die Pumpe ist an der Außenwand des Pavillons mit der Steckdose verbunden. Kaum hat Suriyle den Stecker gezogen, legt sich tiefe Stille über den Weiher.

„Much better!“, stellt Rinpoche zufrieden fest, bevor er mit dem Naga-Opfer beginnt.

Zuerst werden die Gäste eingeladen: die Hauptwassergeister, die Dharma-Schützer-Wassergeister und am Schluss die örtlichen Naturwassergeister. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Als die Wassergeister-Gäste versammelt sind, weiht Rinpoche die Tormas, kippt die kleinen Haferflocken-Kügelchen in die Ziegenmilch und winkt zwei Dharma-Brüder aus der Gruppe zu sich.

Die beiden bekommen den Auftrag, die Opfer-Kuchen am Ufer des Weihers zu platzieren, während wir anderen – im Pavillon sitzend – wieder und wieder ein Mantra rezitieren.

Den drei Kindern unter den Gästen ist das Zeremoniell inzwischen zu langweilig geworden. Begleitet von ihren Eltern halten sie am Ufer des Weihers Ausschau nach Fröschen.

Die beiden Dharma-Brüder kommen wieder in den Pavillon, den leeren Teller und die leere Tasse in der Hand.

Die Tormas und die in der Ziegenmilch getränkten Haferflockenkügelchen haben sie hinter dem Pavillon direkt am Ufer des Weihers ins Gras gelegt.

Rinpoche greift zur Trommel, um im Ritual fortzufahren. Die Wassergeister-Gäste müssen verabschiedet werden.

Auf einmal werden wir aus unserer Konzentration gerissen. Am Ufer des Weihers herrscht Aufregung. Von meinem Platz aus sehe ich nur die Kinder, die aufgeregt schreiend ins Wasser zeigen.

„Eine Schlange!“, ruft einer, der mit Blick auf dem Weiher im Pavillon sitzt. „Dort schwimmt eine riesige Wasserschlange!“

Alle springen auf, um einen Blick auf die Schlange zu erhaschen und verstellen sich gegenseitig die Sicht.

„Jetzt ist sie im Uferdickicht verschwunden“, erklärt einer aus der Sangha.

Schade. Ich war zu langsam.

Alle sind aufgeregt. Nicht nur die Kinder. Auch die Erwachsenen.

„Die kam von da drüben!“, ruft einer der beiden Männer, der das Naga-Opfer ausgelegt hatte. „Die kam direkt von den Tormas und schwamm danach quer über den Weiher!“

Der einzige, der ruhig und unbeeindruckt bleibt, ist Rinpoche. Er sitzt entspannt auf dem grünen Samtsessel und ist offensichtlich kein bisschen erstaunt über unseren Gast.

Nüchtern betrachtet: Warum sollte er es sein?

Schließlich hatten wir die Nagas – die Wassergeister – ausdrücklich eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Und Nagas – das weiß in Nepal und Tibet jedes Kind – sind magische Wasserschlangen.

Wenn keine Wasserschlange käme, wenn Rinpoche ein Ritual für sie volllzieht, wäre er ein schlechter Lama.

So sieht das vermutlich Rinpoche.

Er ist Profi. Ausgebildet als buddhistischer Schamane – denn das sind die Nyingmas, zu denen Rinpoche gehört – seit er acht Jahre alt ist.

Wir dagegen: Naive Westler, die brav ihre Meditation praktizieren. Über Jahre. Manche seit Jahrzehnten.

Und gleichzeitig sind wir nie wirklich sicher, dass das, was wir so hingebungsvoll praktizieren, mehr ist als kluge Psychologie.

Deshalb stellt die Wasserschlange für uns einen Bruch unserer Realität dar.

Nach dem Zeremoniell versammeln sich die Gäste und Rinpoche um die lange Tafel am Weiher. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Und einiges zu besprechen.

Opfer

Rinpoche wird das Pema Choling einweihen – mit einem Opfer für die Nagas, die mächtigen Wassergeister. Dafür bedarf es Vorbereitungen…

Rinpoche ist das erste Mal in meinem Historischen Pfarrhof!https://www.water-runs-east.eu/ankunft/

Oder besser: Im Pema Choling. https://pema-choling.de/

Denn das ist der Name des Buddhistischen Zentrums, das im Historischen Pfarrhof entstehen wird.

Norbu Tsering Rinpoche wird der Head Lama des Zentrums sein. Er ist gekommen, um sein Zentrum einzuweihen. https://www.water-runs-east.eu/einweihung/

Für den Fakt, dass wir – Rinpoche, die Sangha und ich – im Historischen Pfarrhof gelandet sind, gibt es keine rationale Erklärung.

Niemand hatte vor, ein Buddhistisches Meditationszentrum zu gründen.

Das einzige, was wir wollten war ein Ort, an dem wir ungestört Throma-Praxis und Opferrituale praktizieren konnten. https://www.water-runs-east.eu/schock/

Für die Nagas. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Die Nagas sind mächtige Wassergeister. Sie verfügen über magische Fähigkeiten. Ihnen zu opfern ist segensreich, aber riskant.

Rinpoche hatte uns während seines Besuchs in Berlin gelehrt, wie man den Nagas Opfer darbringt. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Nachdem uns Rinpoche verlassen hatte, suchte ich nach einem Ort, an dem die Sangha ungestört praktizieren konnten.

Auf Suriyels Rat hin schrieb ich ein Buddhistisches Retreathaus im Umland Berlins an. Ich inserierte bei Ebay eine Anzeige. Darin fragte ich nach einem Grundstück im S-Bahnbereich Berlins, auf dem wir ein Zelt aufstellen konnten.

Ohne Erfolg.

Stattdessen: Ein Traum! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Am nächsten Morgen eine Immobilienanzeige des Ortes aus dem Traum.

Einem Historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Perfekt geeignet für ein Buddhistisches Retreathaus. https://www.water-runs-east.eu/retreathaus/

Von Anfang gibt es Indizien dafür, dass der Traum vom Pfarrhof etwas mit den Nagas – den Wassergeistern – zu tun haben könnte:

Der Weiher vor dem Haus.

Die Lage des Historischen Pfarrhofs in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Umgeben von Weihern, Tümpeln und Seen.

Naga-Land.

Dazu die beeindruckende Energie des Pfarrhofs! Sie ähnelt auf verblüffende Weise der Energie, mit der wir konfrontiert waren, als Rinpoche das Naga-Opfer im Garten der Spirituellen WG mit uns praktizierte.

So bizarr es klingt: Einiges spricht dafür, dass der Traum, der mich zum Historischen Pfarrhof führte, eine Einladung war.

Eine Einladung der Nagas.

So erkläre ich das auch Rinpoche: Sein wunderbares Naga-Offering im Garten der Spirituellen WG am Prenzauer Berg in Berlin im September 2024 hatte die Nagas aus der Mecklenburgischen Seenplatte herbeigelockt.

Denn zu Beginn des Ritualtextes werden alle Nagas von Fern und Nah zum Opfer eingeladen.

Das erste Opfer für die Nagas seit Jahrhunderten!

Das noch dazu speziell ist. Auch für tibetisch-buddhistische Maßstäbe. Es gibt nicht viele Lamas, die Naga-Opferungen beherrschen.

Und Rinpoche ist ein hoher Lama von außergewöhnlicher Energie.

Deshalb beschloß der Naga-König des Pfarrhofs, mir den Traum zu schicken. Er wollte nicht mich – er wollte Rinpoche!

Denn nur Rinpoche kann den Nagas geben, was sie so dringend brauchen.

Das ist meine Erklärung für die seltsamen Ereignisse, die sich ereignet haben, seit Rinpoche im Garten der Spirituellen WG ein Naga-Offering praktizierte.

Ich finde die Erklärung komplett überspannt.

Rinpoche findet sie plausibel.

Deshalb wird er das Pema Choling mit einem Naga-Opferritual einweihen.

Für das Naga-Opfer werden spezielle Tormas – Opferkuchen – benötigt. https://www.water-runs-east.eu/naga-tormas/

Am Samstagvormittag sitzen Rinpoche und Suriyel an der langen Tafel hinter dem Pavillon und formen Wassertiere aus Haferflockenteig.

Außerdem unbedingt notwendig für das Ritual: Milch einer weißen Ziege!

Netterweise hat ein Sanga-Mitglied eine Packung Ziegenmilch in einem Berliner Biosupermarkt besorgt und mitgebracht.

Auf der Packung ist eine weiße Ziege aufgedruckt. Das reicht – so Rinpoche – als Nachweis dafür, dass die Ziege, von der die Milch stammt, die korrekt Farbe hat.

Rinpoche gießt die Ziegenmilch in eine große Tasse, kippt eine ordentliche Menge Naga-Powder dazu und rührt um.

Anschließend stellt er den Teller mit den Haferflocken-Tieren und der Tasse mit Ziegenmilch auf den Altar im Pavillon.

Die Einweihung kann beginnen!

Glücksverheißend

Rinpoche besichtigt den Grund und die Gebäude das Pema Choling – und ist sehr angetan von dem, was er sieht…

Am Freitag, den 20. Juni 2025 kommt Rinpoche das erste Mal in sein Pema Choling im Historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte. Er wird feierlich von der Sangha begrüßt und segnet das Pfarrhaus. https://www.water-runs-east.eu/ankunft/

Danach tragen wir zwei Klapptische und ein paar Campingstühle aus der Werkstatt, bauen am Weiher eine improvisierte Tafel auf und essen mit Rinpoche zu Abend.

Curry mit Reis.

Das ißt Rinpoche am liebsten. Weil er – ansonsten von großer Bescheidenheit – empfindsam in Bezug auf Reis ist, habe ich extra einen Reiskocher für ihn gekauft. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Nach dem Abendessen werden die Schlafplätze verteilt.

Das ist keine einfache Angelegenheit. Dabei sind wir an diesem Freitagabend nur zu zwölft. Und haben 450 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

Zumindest theoretisch.

Denn praktisch läuft es darauf hinaus, dass sich keiner der Gäste dazu aufraffen kann, im unsanierten Teil des Hauses zu übernachten.

Die Zimmer in meiner sanierten Wohnung im Haupthaus sind vergeben: an Rinpoche, seinen Manager und einem Dharma-Bruder mit kleinem Sohn.

Der Rest muss sehen, wo er bleibt.

Auch ich. Denn ich habe mein Zimmer an Rinpoche abgetreten.

Das gehört sich so, hat mir Suriyel bei der Planung des Einweihungswochenendes erklärt: Der Lama bekommt immer das schönste Zimmer!

Das in diesem Fall das meine ist.

Rinpoche ist es ein bisschen unangenehm, als ich ihm mein Zimmer zuweise. Er fragt zwei Mal nach, wo ich schlafen werde.

Ich versichere ihm, dass für mich gesorgt ist.

Dass ich in meinem Crafters übernachten werde, verrate ich ihm nicht.

Es könnte ihn überfordern.

Obwohl der Laderaum des Transporters mit Matratze, Bettzeug und Kuschelkissen sehr gemütlich aussieht.

Suriyel schläft in der Werkstatt.

Zwei Dharma-Brüder übernachten im Pavillon.

Zwei Sangha-Mitglieder sind in ihren Campern angereist. Die parken neben meinem Crafter vor der Werkstatt.

Daneben stehen noch zwei Zelte.

Ich verteile warme Decken, dicke Pullover und Jogginghosen. Nachts hat es um die 10 Grad. Eine Information, die ein paar Gäste verblüfft.

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Crafters klettere, empfangen mich die warmen Strahlen der Morgensonne.

Ich habe wunderbar geschlafen.

Die anderen auch, wird mir während des Frühstücks versichert.

Wir nehmen es an unserer Tafel am Weiher ein.

Eine sanfte Brise streicht über die Wasseroberfläche und lässt das Laub im Wallnussbaum rauschen.

In den Kirschbäumen zwitschern die Stare, während sie sich über die reifen Kirschen hermachen.

Rinpoche sitzt auf meinem Garten-Sofa – das Suriyel in der Mitte der Tafel platziert hat – und erfreut sich am perfekten Rührei unseres Sternekochs.

Um vierzehn Uhr soll die Einweihung des Pema Choling beginnen.

Bis dahin ist noch Zeit.

Rinpoche lässt sich von Suriyel und mir das Gelände und die Nebengebäude zeigen.

Den verwilderten Gemüsegarten, indem Johannisbeersträucher und Erdbeeren gegen Brombeerranken und Brennesseln kämpfen.

Den großen Stall mit der schiefen Firstmauer.

Den kleinen Stall mit dem löchrigen Dach.

Als Rinpoche hört, das Suriyel in dem Stall – wenn der saniert sein wird – Schafe halten möchte, ist er entsetzt!

„No sheep!“, erklärt er entschieden.

„Schafe“, so Rinpoche, „machen immer Ärger! Sie verlaufen sich, fressen giftige Pflanzen, werden krank, müssen geschoren werden!“ Rinpoche ist in einem kleinen Bergdorf an den Ausläufern des Himalaya aufgewachsen. Er kennt sich mit Schafen aus. Im Gegensatz zu Suriyel, der seine Kindheit im Herzen Warschaus verbracht hat.

„Da hörst du es!“, sage ich zu Suriyel. „Möchtest du wirklich, dass ich dich nachts um drei in Berlin anrufe, um dir zu sagen, dass eines DEINER Schaf krank ist und du sofort kommen musst?“

Suryiel schaut enttäuscht. Keine Schafe – also auch niemand, der das Gras kurz hält.

Abgesehen von einem Rasenmäher…

Als wir beim Hühnerstall angekommen sind, erkläre ich Rinpoche, dass ich gerne Hühner hätte. Vor ein paar Tagen bin ich zufällig auf einen Bauern im Nachbardorf gestossen, der junge Hühner verkauft. Zehn Hühner und einen Hahn kann ich in dem kleinen Hühnerstall halten, hat mir der Bauer erklärt.

Rinpoche nickt. „Chicken are okay. Chicken are not complicated. Not like Sheep. So Chicken yes, but Sheep no!“

Vor der großen Werkstatt beenden wir den Rundgang. Suryiel eilt von dannen.

Rinpoche und ich bleiben zurück.

Gespannt warte ich, was Rinpoche zum Pema Choling sagen wird.

Der lässt seinen Blick über die große Wiese hinter dem Haus gleiten, bevor er zustimmend nickt. „A really good place! And you did find it through a dream?“

„Yes.“

„This is really auspicious!“ Rinpoche nickt noch einmal bekräftigend, dann eilt er zu Suriyel an den Weiher.

Der wartet schon auf Rinpoche.

Mit den Gebetsfahnen.

Die müssen dringend aufgehängt werden.

Denn aus dem Historischen Pfarrhof wird hier und heute das buddhistische Zentrum Pema Choling.

Ankunft

Am Nachmittag des 20. Juni ist es endlich so weit: Rinpoche kommt das erste Mal in meinen historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Drei Monate ist es her, seit ich den Kaufvertrag für den historischen Pfarrhof unterschrieben habe.https://www.water-runs-east.eu/notartermin/

Vor neun Monaten kam ich das erste Mal in Kontakt mit dem Pfarrhof. Durch einen Traum! https://www.water-runs-east.eu/weiher/

In der Woche, bevor ich den Traum vom Pfarrhof träumte, war Rinpoche bei uns in Berlin gewesen. Er hatte mit uns Sur und Naga Offering praktizert. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Bevor sich Rinpoche letzten September von mir verabschiedete, versprach er, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Für ein Troma Retreat. Wohin auch immer. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Und heute ist es endlich so weit! Rinpoche wird das erste Mal in den historischen Pfarrhof in der Mecklenburgischen Seenplatte kommen.

Oder besser: In das Pema Choling!

Denn so soll das zukünftige Buddhistische Zentrum im historischen Pfarrhof heißen.

Das hat Rinpoche beschlossen.

Nachdem ich ihn per WhatsApp über meinen Taum informiert und gefragt hatte, ob er sich vorstellen könne, dort mit mir zu leben und zu arbeiten.

Als Head Lama.

Ich hatte gerade mal mit dem Immobilienmakler telefoniert und einen Besichtigungstermin vereinbart.

Aber ich wusste von Anfang an: Ohne Rinpoche würde das alles keinen Sinn machen.

Da konnte der Traum noch so verblüffend, und der Pfarrhof noch so schön sein.

Was sollte ich – unwissend und ahnungslos wenn es um die Geheimnisse des buddhistischen Tantra geht – mit einem buddhistischen Meditationshaus?

Denn das war es, was mir der Traum gesagt hatte: Ich solle ihn kaufen, damit „die Sangha dort ihre Praxis machen soll!“. So hatte ich das in dem Traum Suriyel erklärt.

Ohne Rinpoche kein buddhistisches Meditationshaus.

Rinpoche reagierte zuerst enthusiastisch auf mein Angebot. Dummerweise wegen eines Missverständnisses: er hatte gedacht, ich hätte ihm angeboten, in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg dauerhaft zu leben und zu arbeiten.

„I really like this place!“, schrieb er mir zurück. „Berlin is great!“

„Sorry, Rinpoche!“, schrieb ich ihm zurück. „It´s not in Berlin!“

Statt des schönen Townhouses in Berlin konnte ich Rinpoche lediglich ein Leben am Ende der Welt in einem sanierungsbedürftigen Anwesen anbieten.

Seine Reaktion darauf viel gedämpft aus: „I´ll do a Mo when I´ll be back in Kathmandu.“

Ein „Mo“ ist eine Prophezeiung.

Wie die ausfallen würde, war völlig offen.

Rinpoche tingelte gerade durch Europa. Zurück in Kathmandu würde er frühestens Ende November sein.

Bis dahin war der Pfarrhof möglicherweise schon an einen anderen Interessenten verkauft.

Ich beschloss, dass die Sache mit dem Pfarrhof ein bizarrer Störunfall meiner Tantra-Praxis gewesen war.

Mehr aber auch nicht.

Suriyel reagierte erkennbar erleichtert auf Rinpoches verhaltene Begeisterung.

Rinpoche wusste nicht, was er von der Sache halten sollte.

Suriyel wusste es dagegen umso besser: Er hielt definitiv überhaupt nichts davon! https://www.water-runs-east.eu/hurra-aktion/

Umso größer war mein Schock – und auch der von Suriyel – als ich drei Tage später völlig unerwartet eine Nachricht von Rinpoche erhielt.

Ich werde den Augenblick nie vergessen!

Wir waren alle gemeinsam im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Wie jeden Sonntag leitete Suryiel erst die „Grüne-Tara-Praxis“ an, danach das wöchentliche Riwo Sang Chö. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Nach Abschluss der Praxen – noch an meinem Platz im Tempel sitzend – schaltete ich den Flugmodus meines Handys aus.

Eine Nachricht poppte auf.

Von Rinpoche.

„Mo is good“, schrieb er.

„Name of Centre is „Pema Choling“.

„You will organise everything.“

Neun dramatische Monate später wird Rinpoche das erste Mal in seinem Pema Choling im historischen Pfarrhof erwartet.

Um kurz vor 15 Uhr schickt mir Suriyel eine Nachricht aus Berlin: „Wir brechen jetzt auf.“

Zwei Stunden bleiben uns noch, bis Rinpoche eintrifft.

Gerade genug Zeit, um den improvisierten Altar im Pavillon aufzubauen, das Abendessen vorzubereiten und das letzte Unkraut vor dem Eingang des Pema Chöling zu entfernen.

Wir kriegen es sogar hin, dass alle Sangha-Mitglieder duschen und sich umziehen können, bevor Rinpoche vorfährt.

Als es dann endlich so weit ist, stehen wir nebeneinander aufgereiht vor dem Eingang, jeder hält einen Katak – den traditionellen weißen Schal – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: eine ungerade Anzahl von Geldscheinen.

Genauso muss es sein, wenn ein hoher Lama eintrifft.

So habe ich das von meiner Khandro letzten September gelernt. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Wir sind jetzt keine versprengte kleine Sangha mehr, deren Praxis im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain eher erduldet wird.

Nein!

Wir sind die Sangha des Pema Choling.

Deshalb müssen wir jetzt professioneller werden.

So erkläre ich das den anderen Sangha-Mitgliedern, während ich darauf achte, dass alle in Reihe und Glied stehen.

Kurz darauf biegt Suriyels Toyota in die Zufahrt ein. Mit Rinpoche auf dem Beifahrersitz.

Der schaut ein bisschen erstaunt, als er uns alle – die Kataks über die ausgestreckten Arme, die Briefumschläge in den Händen – aufgereiht stehen sieht.

So viel Formbewusstsein ist er von der Berliner Sangha nicht gewohnt.

Erkennbar erfreut lässt er sich von mir begrüßen, legt erst mir, dann der Reihe nach den anderen die Kataks um den Hals, drückt seine Stirn gegen die ihre und nimmt die Briefumschläge in Empfang.

Dann schaut er sich interessiert um.

„Rinpoche, the first time you are entering Pema Choling you have to walk through the main entrance!“, erkläre ich ihm.

Das macht organisatorisch keinen Sinn. Der Haupteingang führt in den unsanierten Teil des Hauses, den wir noch nicht nutzen können.

Aber irgendwann in Zukunft wird das der Eingang zum Zentrum sein.

Das Klingelschild habe ich schon mit „Pema Choling“ beschriftet.

Rinpoche schreitet feierlich die – von Unkraut befreiten – Treppenstufen hoch. Suriyel hält ihm die Tür zum Flur auf.

Als Rinpoche über die Schwelle tritt, kommen mir die Tränen.

Wir haben es tatsächlich geschafft!

Hier ist Rinpoche! Im Pema Choling!

Das alles – wird mir in diesem Moment bewusst – ist ein einziges Wunder!

Ein kleiner rundlicher buddhistischer Lama aus Nepal, geboren in Mugu, einer abgeschiedenen Provinz an der Grenze zu Tibet.

In einem evangelischen Pfarrhof, erbaut 1750, in der Mecklenburgischen Provinz.

Zusammengeführt durch einen Traum…

Langsam und konzentriert geht Rinpoche von Raum zu Raum, während er mit gedämpfter Stimme unablässig ein Mantra rezitiert.

Schweigend wandern wir hinter ihm her.

An den Wänden hängen zerschlissene Tapeten, von der Decke bröckelt der Putz.

In uns ist Stille und Freude.