Während Maria für die kontaminierten Schutzengel von Friedrichshain sorgt, ruft Erzengel Uriel Torwächter und Beschützer herbei…

Zweihundert verstörte Schutzengel in einer alten Mühle zu versorgen und bei Laune zu halten, war selbst für die Mutter Gottes eine Herausforderung.
Maria hetzte – in jeder Hand eine Thermoskanne mit Kaffee – aus dem Haupthaus. Dort hatten sich sechzig Engel um die drei langen Tische des Speisesaals gequetscht. Die hundertvierzig anderen saßen im historischen Pferdestall und warteten auf ihr Frühstück.
Geschirr gab es genug in Uriels alter Mühle. Die vorherigen Eigentümer hatten über Jahrzehnte eine Pension betrieben und schienen nie etwas weggeworfen zu haben. Zwei Schutzengel folgten Maria, zwischen sich einen Wäschekorb voller Teller und Tassen. Dahinter kamen noch ein paar andere, die auf Tabletts Essen zum Pferdestall schleppten.
Maria war sehr erleichtert gewesen, als sie heute morgen feststellte, dass sich in der Speisekammer H-Milch, Müsli, Knäckebrot, Nudeln, Reis und Konserven aller Art bis zur Decke stapelten. In einer Ecke lagen zwei Säcke Kartoffeln. Der Kühlschrank war bis zum letzten Zentimeter mit Joghurt und Käse gefüllt. Uriel hatte, als er gestern seine Bestellung beim Großhändler aufgab, sogar an Kekse und Schokolade für die Schutzengel gedacht. Und, weil er Maria kannte, an zwei Kisten mit Obst und Gemüse.
Nach dem Frühstück verteilte Maria Aufgaben: Zehn Schutzengel wurden zu Assistenten ernannt, die jeweils zwanzig Engel beaufsichtigten. Jede Gruppe bekam eine andere Arbeit zugewiesen. Zu tun gab es genug: Maria teilte Kochgruppen für drei Mahlzeiten ein, Tisch- und Spüldienste, Putz- und Gartengruppen. Nach kurzem Überlegen setzte sich auch noch Fensterputzen und Dachboden sortieren auf ihre lange Liste.
Das Ziel war, alle Engel möglichst sinnvoll und ausführlich zu beschäftigen. Keiner sollte irgendwo herumsitzen, Trübsal blasen und auf dumme Gedanken kommen.
Morgens und Abends, beschloss sie, sollte mindestens eine Stunde gebetet werden. Das beruhigte die Nerven aller Schutzengel und hatte hoffentlich auch noch ein paar andere positive Nebeneffekte.
Nachdem sie alle Aufgaben verteilt hatte, machte sich Maria auf die Suche nach Uriel. Heute morgen war sie ihm kurz in der Küche begegnet. Seitdem war er verschwunden.
Während sie im Haupthaus von Zimmer zu Zimmer ging, stellte sie erleichtert fest, dass die Engel einen stabilen Eindruck machten. Bei ihrer Ankunft gestern Nachmittag waren einige in einem beklagenswerten Zustand gewesen. Sie hatte ernsthafte Sorge gehabt, es könnte noch eines sterben. Ein paar von ihnen waren so schwach und apathisch gewesen, dass Suriyel sie hatte tragen müssen.
Heute schien es allen besser zu gehen. Ob das an der Mühle lag?
Uriel war im Garten beschäftigt, stellte Maria beim Blick aus einem der Fenster im zweiten Stock fest. Sie eilte die Treppen hinunter, durchquerte den Speisesaal und trat auf die überdachte Terrasse. Ein paar Meter davor stand Uriel an dem dicken Seil, dass sich rund um die Grenze der Mühle spannte.
Als Maria zu ihm trat, stellte sie fest, dass er gerade dabei war, Holz auf einer Feuerstelle aufzuschichten. Daneben stand auf einem kleinen Tisch ein seltsames rotes pyramidenförmiges Ding, das mit weißen Scheiben dekoriert war. „Was machst Du da?“
Uriel richtete sich auf. „Die Boundaries stehen und alle haben ihre Posten bezogen.“ Er wies mit dem Kinn an die Ecken des Grundstücks. „Vier Wächter an den Toren und zehn Beschützer entlang der Grenzen.“
Marias Blick folgte stirnrunzelnd dem Seil. „Ich sehe nichts!“
„Wirklich?“ Uriel schüttelte den Kopf. „Eigentlich sind sie nicht zu übersehen. Aber es fehlt Dir wohl die Praxis dafür.“ Er griff zum Feuerzeug und entzündete das Papier, auf dem er die Holzscheite gestapelt hatte. „Wahrscheinlich ist es besser so. Sie sehen ziemlich furchteinflössend aus. Zumindest die Beschützer. Es sind zornvolle Gottheiten. Sie halten böse Mächte von der Mühle fern.“
„Das habe ich noch nie gehört.“
Sie kommen aus Tibet. Eigentlich sind es schamanische Kräfte. Die buddhistischen Lamas haben sie sich untertan gemacht. Die haben verstanden, dass auch die Nachtseiten des Lebens wertvoll sind.“
„Wie meinst Du das?“
„Ach, unsere Trennung zwischen Gut und Böse ist Unfug, wenn Du meine persönliche Meinung hören willst. Wir sind die guten Engel und wohnen im Himmel, die anderen sind die bösen Dämonen und Teufel und leben in der Hölle – alles Käse.“
„Das sagst Du nur, weil Du schon so lange nicht mehr im Himmel lebst!“
„Das sage ich, weil ich ein bisschen rumgekommen bin in den letzten 4000 Jahren, ja.“ Uriel nahm das seltsame rote Ding, murmelte vor sich hin und stellte es ins lodernde Feuer.
Maria beobachtete, neben ihm stehend, wie die Flammen an dem seltsamen Gebilde leckten. „Was ist das?“
„Ein Torma, eine Opfergabe. Habe ich gestern Nacht gemacht und geweiht. Damit füttere ich die zornvollen Beschützer, damit sie die negativen Kräfte Luzifers fern halten.“
Vor Marias Augen fing die rote Opfergabe Feuer. Sie starrte in die Flammen. „Und das funktioniert?“
„Geht es den Schutzengeln heute besser?“
„Ja.“
„Dann scheint es wohl zu funktionieren.“
„Heute Abend wollte ich mit ihnen beten.“
„Du kannst gerne morgen mit ihnen beten. Heute Abend machen wir eine Feuer-Puja. Bis dahin brauche ich die Namen aller Engel , die hier in der Mühle sind, auf einem Blatt Papier niedergeschrieben. Und dazu noch die Namen von denen, die Suriyel erwähnte. Die, die in Friedrichshain hätten sein müssen, aber verschwunden sind. Ach ja: Und der Namen des Engels, der gestorben ist, muss auch drauf stehen!“
„Und wofür brauchst Du die Liste?“
„Wie gesagt: Heute Abend machen wir hier eine große Feuer-Puja. Dann wirst Du ja sehen.“ Damit drehte er sich um und ging ins Haus.
Maria sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan zu verstehen, was Uriel ihr eigentlich sagen wollte.
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