Beelzebub ist einer der höchsten Fürsten der Hölle und Kanzler des Ordens der Fliege. Luzifer hat ihn als Verstärkung nach Berlin-Mitte beordert…

Luzifer schlich in der Abenddämmerung über die Brachfläche. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/
Gedankenversunken bahnte er sich seinen Weg durch dichtes Gestrüpp, umkreiste benutzte Kondome, zerbrochene Bierflaschen, halb verweste Hamberger-Reste, zerbrochene Klappstühle und einen vor sich hin rostenden Kühlschrank.
Dabei dachte er angestrengt über seinen Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nach. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/
So fade und berechenbar Suriyel war: ein Erzengel blieb er trotzdem.
Ihn zu unterschätzen wäre unklug und konnte sich früher oder später bitter rechen.
Die Observation des Buddhistischen Zentrums musste unbedingt intensiviert werden! Es, wie bisher, lediglich von außen im Auge zu behalten, war jetzt, wo Suriyel sich dort im Keller eingenistet hatte, nicht mehr ausreichend.
Er würde jemanden abstellen müssen, der in der Lage war, sich im Buddhistischen Zenrum undercover einzuschmuggeln und Suriyel auf Schritt und Tritt zu überwachen.

Während der schwarze Kater durch eine halb geöffnete Fensterlucke in den Keller eines heruntergekommenen Hinterhauses sprang, ging er im Geist seine Belegschaft durch.
Tief in Gedanken huschte Luzifer die Kellertreppe aufwärts. Als er das Treppenhaus betrat, ließ er den Geruch von Feuchtigkeit und Fäulnis hinter sich.
Dafür empfing ihn dröhnender Techno-Beat.
Luzifer stieg die Stufen zum Hauptquartier im zweiten Stock des baufälligen Hinterhauses hoch. Dabei nahm er, immer noch vor sich hin grübelnd, seine – halb menschliche, halb teuflische – Gestalt an.
Die Flügel schenkte er sich für gewöhnlich, mit denen blieb man ständig an den Türstöcken hängen. Die Hörner ließ er auch bleiben, genauso den Eselsschwanz und die Pferdebeine. Die Vollkostümierung packte er nur aus, wenn er Eindruck schinden wollte.
In Berlin-Mitte zog Luzifer es vor, so unauffällig als möglich ausszusehen. Allerdings konnte er – genau wie Suriyel – seinen fünfzig-prozentigen Ätheranteil nicht leugnen.
Wenn er – als drahtiger, gut aussehender, dunkelhaariger, immer in schwarz gekleideter Mann mit gepflegtem Ziegenbart – in Berlin unterwegs war, löste sein Anblick regelmäßig bei Passanten den unwillkürlichen Gedanken aus: „Der Mann sieht aus wie ein Teufel!“
Bis auf ein paar Psychiatriepatienten ist Luzifer in all den Jahren nie auf einen Menschen gestossen, der verstand, dass er in diesem Moment wirklich einen Höllenfürsten vor der Nase hatte.
Was Luzifer nur recht sein konnte.
Er war von Satan nicht wegen der Menschen nach Berlin-Mitte entstandt worden, sondern wegen der Schutzengel.

Als Luzifer die Tür zur Zentrale der Zweigniederlassung der Hölle in Berlin-Mitte öffnete, war die Party schon in vollem Gange.
Im Flur empfing ihn wie immer Dommiel. Der fungierte eigentlich hauptberuflich als Torwächter des Reiches der Finsternis. Satan hatte ihn abgestellt, um im Hauptquartier seiner Truppe in Berlin-Friedrichshain den Job des Türstehers zu übernehmen.
Dommiel oblag es, alle vergnügungssüchtigen Menschen auszusortieren und nur partylustigen Schutzengeln Einlass zu gewähren.
Weil Schutzengel über einen hohen Anteil an Materie verfügen, war der Unterschied nicht leicht erkennbar. Um den Streu vom Weizen zu trennen, bedurfte es deshalb eines Profis.

Dommiel nahm Luzifer die Jacke ab und brüllte ihm über die dröhnenden Beats hinweg ins Ohr: „Beelzebub ist hier!“
Bevor sich Luzifer dem Kollegen stellte, nahm er sich zehn Minuten Auszeit auf der Toilette. Während sich in der Nachbarkabine jemand laut würgend in die Kloschüssel erbrach, saß er nebenan auf dem Deckel der seinen und dachte angestrengt nach, wie er es am Besten angehen sollte.
Es war eine unüberlegte Kurzschlusshandlung gewesen, in der Hölle um Verstärkung zu bitten!
Als er die Meldung erhalten hatte, im Buddhistischen Zentrum triebe sich ein hoher Engel herum, war er völlig in Panik geraten! Luzifer war sich sicher gewesen, der Allmächtige hätte Michael geschickt!
Auch nach mehr als 2000 Jahren verfolgte der Erzengel mit dem Flammenschwert ihn immer noch in seinen Alpträumen.
Es war Michael gewesen, der Luzifer damals in einem epochalen Zweikampf besiegt und triumphierend aus dem Himmel geworfen hatte.
Und all das nur, weil Luzifer ein bisschen Spaß dort oben hatte haben wollen! Warum musste es im Himmel auch immer so bierernst zugehen?
Luzifer war nach 2000 frustrierenden Jahren zu dem Schluss gekommen, dass Gott ein Idiot war.
Der Allmächtige hatte keine Ahnung von nichts und musste von jemandem abgelöst werden, der wirklich etwas von den manigfachen Lüsten und Freuden der Existenz und der Non-Existenz verstand!
Dummerweise hatten Luzifer und seine Spaß-Armee die anderen sechs Erzengel – und insbesondere ihren Chef Michael – unterschätzt.
Luzifer hasste ihn!
Und er hatte eine Heidenangst vor ihm. Auch wenn er das niemals zugeben würde.
Dass er in seiner Panikattacke die Nummer der Notrufzentrale der Hölle gewählt und ausgerechnet Beelzebub angefordert hatte, war ihm jetzt – wo er wusste, dass es lediglich um Suriyel ging – extrem peinlich.
Nur: Beelzebub war prompt – und viel schneller als erwartet – im Hauptquartier in Friedrichshain aufgeschlagen. Und Luzifer durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen!

Luzifer trat aus der Toilette in den Vorraum, wusch sich umständlich die Hände, strich sich – begleitet von einem kritischen Blick in den Spiegel – das gegeelte schwarze Haar zurecht und kehrte – nachdem er dreimal tief ein und ausgeatmet hatte – auf die Party zurück.
Die hatte inzwischen an Intensität gewonnen. Beleuchtet von zuckenden Disco-Strahlern wanden sich halbnackte betrunkene Schutzengel zu Techno-Beats auf der Tanzfläche. Luzifer stieg über zwei sinnlos betrunkene Engel hinweg, die komatös auf dem Boden lagen und entdeckte Beelzebub am anderen Ende des Raumes.
Der hatte sich rücklings auf einer Bank ausgestreckt und ließ sich gerade – zur Erheiterung der Umstehenden – von einem blonden Schutzengel mit verrutschtem Korsett einen Schwall Whiskey mit Cola in den weit aufgerissenen Mund kippen.
Luzifer setzte einen blasierten Gesichtsausdruck auf, während er beobachtete, wie Beelzebub wie wahnsinnig schluckte, und sich, als er nicht mehr hinterher kam, kreischend vor Lachen aufrichtete, um dem blonden Engel die braune Brühe in das üppige Dekollete zu spucken.
Dabei fiel sein Blick auf Luzifer. Begleitet vom Johlen seiner Fans stand Beelzebub langsam auf und steuerte auf den Höllenfürsten-Kollegen zu.
„Coole Party! So viele schöne Schutzengel auf einem Haufen sieht man selten! Du machst einen guten Job!“ Beelzebub ließ seinen Blick genüßlich über die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche wandern.
Ruckartig drehte er den Kopf und starrte Luzifer in die Augen. „Wofür brauchst Du mich hier?“
„Ich dachte, Berlin-Friedrichshain wäre mal eine nette Abwechslung für Dich. Hattest Du mir nicht bei unserem letzten Zusammentreffen erzählt, die Hölle würde Dich langweilen?“
Beelzebub hob die Augenbrauen: „Du bist um mein Wohlergehen besorgt? Das rührt mich!“
„Nein, wirklich! Wir wissen überhaupt nicht, wohin mit den ganzen Schutzengeln. Du kannst gerne ein paar abhaben! Das ist doch mal was anderes, als immer die Dämoninnen und Teufelinnen!“
Beelzebub wiegte den Kopf. „Wo Du recht hast, hast Du recht!“ Er starrte Luzifer wieder in die Augen: „Und wo ist der Haken? Du kannst mir nicht ernsthaft erzählen, dass Dich der Allmächtige hier ungehindert Spaß haben lässt!“
Womit sie beim Thema angekommen waren.
„Der Herr hat vor ein paar Tagen einen Erzengel geschickt.“
Beelzebub kniff die Augen zusammen: „Michael?“
„Nein. Suriyel.“
„Die Spassbremse? Im Ernst? Mit dem wirst Du auch ohne mich fertig!“
„Klar! Ganz sicher! Aber wenn Du den Auftrag für mich übernimmst, kannst Du bei mir wohnen und in Deiner freien Zeit hier Party machen!“
Beelzebub vertrieb gedankenverloren ein paar Fliegen, die um seine wilden Locken kreisten. Nachdem er etwas nachgedacht hatte, streckte er Luzifer ruckartig die rechte Hand entgegen: „Ok. Ich mache es! Wo steckt unser Freund?“
„In einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrums, gleich hier um die Ecke. Er hat sich im Keller eingenistet.“

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