Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 9 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Maria

Maria lebt unter den Heerscharen des Dritten Chores. Sie ist deshalb eine Nachbarin von Erzengel Gabriel. Und ihre beste Freundin…

Maria ist die „Mutter Gottes“ und die oberste Heilige der christlichen Kirche.

Gott bestand deshalb darauf, die Mutter seines einzigen Sohnes im ersten Chor, der nur aus Licht und Musik besteht, einzuquartieren.

Nach Marias Ankunft im Himmel präsentierte ihr der Allmächtige eine phantastische Zimmerflucht im Herzen des Universums.

Maria wusste schon nach fünf Minuten Wohnungsbesichtigung, dass sie sich bei den Seraphimen und Cherubimen zu Tode langweiligen würde.

Aus diplomatischen Gründen war sie gezwungen gewesen, Christus zu seinem Vater zu schicken, auf das der ihm diese Botschaft so schonend als möglich nahe brachte.

Es hatte ein ziemliches Drama gegeben, aber am Ende war es Maria erlaubt worden, sich in einem Loft in der obersten Etage des dritten Chors häuslich einzurichten.

Wie es der Zufall wollte, war sie nach ihrem Umzug aus dem ersten Chor die direkte Nachbarin von Erzengel Gabriel. Die bewohnte, gleich neben ihrem Büro, eine kleine Dachwohnung. https://www.water-runs-east.eu/?p=4183&preview=true

Maria und Gabriel kannten sich zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile.

Die Gottesmutter kann sich noch gut daran erinnern, wie sie beinahe der Schlag getroffen hatte, als sich auf einmal diese große leuchtende Frau mit den dicken dunklen Locken und den strahlend blauen Augen in ihrer winzigen Kammer materialisiert hatte.

Wenn ihr Gabriel nicht sofort so sympathisch gewesen wäre, hätte sie die Botschaft des Herrn, sie würde zeitnah als Jungfrau mit dem Gottessohn geschwängert werden, weniger gefasst aufgenommen.

Im Rückblick kam dann alles so, wie es kommen musste. Es waren harte Zeiten gewesen, keine Frage.

An Maria Himmelfahrt hatte sie dieses unerquickliche irdische Leben fluchtartig hinter sich gelassen.

Seitdem zog sie es vor, nicht viel über ihre Vergangenheit nachzudenken.

Nur, dummerweise fühlte sie sich auch nach fast zweitausend Jahren im Himmel nicht wirklich Zuhause.

Gut, sie hatte ihren Sohn. Er war ihr Augenstern. Nur war der ständig beschäftigt und hielt sich für gewöhnlich zur Rechten seines Vaters auf. Er fand nur selten Zeit, sich in den dritten Chor herabzubegeben, um seine Mutter zu besuchen.

Selbst mit den, von ihr eigenhändig zubereiteten, Lieblingsspeisen seiner irdischen Kindheit konnte Maria ihn nur alle paar Wochen in ihr Loft locken.

Sie hatte natürlich Verwandtschaft in der Heiligensektion des dritten Chores. Sie besuchte dort regelmäßig ihre Mutter Anna, ihre Cousine Elisabeth und ihren Großneffen Johannes.

Wenn sie ehrlich mit sich war, fühlte sie sich bei jedem ihrer Besuche unwohl. Und dabei war es nicht so, dass sie ihrer Familie nicht von Herzen zugetan wäre. Im Gegenteil!

Nur verhielt die sich leider immer etwas seltsam.

Was Johannes bei Kaffeekränzchen von sich gab, war selbst für hartgesottene Heilige verstörend! Seine Mutter Elisabeth war – man konnte es nicht anders sagen – genauso gaga wie ihr Sohn!

Und ihre eigene Mutter jammerte für gewöhnlich zwei Stunden am Stück durch, und war extrem gut darin, ihrer einzigen Tochter ein schlechtes Gewissen einzureden.

Das machte jedes Familientreffen zur Tortur. Hinterher musste sich Maria immer zwei Wochen erholen, weil sie sich so ausgelaugt fühlte.

Mit den anderen Heiligen des dritten Chores lief es nicht viel besser. Sie kannte ein paar näher, aber befreundet war sie mit niemanden.

Das verhinderte ihre Status. Und ihre Schönheit.

Zuverlässig verliebten sich früher oder später alle männlichen Heiligen in sie. Was alle weiblichen Heiligen extrem eifersüchtig machte.

Mit dem Ergebnis, dass es auf jeder Party Ärger gab.

Die einzige, mit der sich Maria seit zweitausend Jahren uneingeschränkt gut verstand, war Erzengel Gabriel.

Der Pakt

Uriel erfährt durch Suriyel von einem teuflischen Pakt, mit dem Luzifer die Schutzengel von Berlin-Mitte außer Gefecht setzt…

Suriyel sah fertig aus!

Berlin-Mitte war aber auch ein hartes Pflaster. Dazu noch die Aufgabe, eine Heerschar strauchelnder Schutzengel zu beaufsichtigen – Uriels Erzengel-Kollege war definitiv nicht um seinen Job zu beneiden. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Während er den Freund begrüßte, dankte Uriel im Stillen dem Allmächtigen dafür, dass der vor 4000 Jahren so gnädig gewesen war, ihm – als dem einzigen der Sieben – den Auftrag zu erteilen, seine unsterbliche Existenz der Erforschung von Mystik und Magie zu widmen. https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Suriyel war der lebende Beweis dafür, dass man es als Erzengel schlechter treffen konnte.

Der sank mit einem tiefen Seufzer auf dieTerrassenbank und ließ den Blick über den in der späten Nachmittagssonne glänzenden Weiher gleiten. Hinter ihm rauschte der Mühlbach an der Hausmauer entlang. Am anderen Ende der großen Wiese leuchtete das Laub des Waldes in allen Herbstfarben.

Uriel trat zu ihm auf die Terrasse und reichte ihm ein gut gekühltes alkoholfreies Bier.

Suriyel nahm es dankbar entgegen und prostete dem Kollegen erschöpft zu: „Das tut gut, nach dieser Woche!“

Uriel setzte sich ihm gegenüber und nahm einen Schluck Wein: „Was war denn wieder geboten, in Deinem Chaos-Haufen?“

„Du wirst es nicht glauben: Beelzebub ist in Friedrichshain!“ https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

„Beelzebub? Der Herr der Fliegen?“ https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

„Genau der! Israfel hat es gestern von einem gefallenen Schutzengel erfahren, mit dem er immer noch befreundet ist. https://www.water-runs-east.eu/israfel/ Beelzebub ist bei Luzifer ins Gästezimmer gezogen und macht jede Nacht Party. Mit meinen Schutzengeln!“

„No good news!“

„Extremly bad news! Als ob Luzifer und seine Mannschaft nicht schon schlimm genug wären! Jede Woche gehen mir mindestens zwanzig Schutzengel flöten! Und wenn sie weg sind, sind sie weg!“

„Wieso kannst Du sie nicht zurückholen? Eine kleine Beichte und gut ist es? So nachtragend ist der Allmächtige doch normalerweise nicht mit dem neunten Chor! Mein Wissenstand ist, dass er inzwischen eingesehen hat, dass er selber schuld ist, weil er sie mit einem so hohen Anteil an Materie geschaffen hat. Kein Wunder, dass sie ständig vom Weg abkommen.“

„Das habe ich alles schon abgeklärt. Das Problem ist nicht, dass sie sich verführen haben lassen. Das ließe sich in der Tat unkompliziert lösen. Die Schutzengel gehen alle einen Pakt mit dem Teufel ein! Und danach ist es gelaufen, das weißt Du genausogut wie ich!“

„Die gehen freiwillig einen Pakt mit Luzifer ein? Ich hatte keine Ahnung, dass die dummen Dinger dermaßen korrumpierbar sind!“

„Sie wissen nicht, was sie tun! Aber der Pakt hat trotzdem Gültigkeit! Ich habe es mit allen Tricks und Mitteln versucht, aber ich habe keinen einzigen Schutzengel, der jemals auf einer von Luzifers Parties war, über die Schwelle des Buddhistischen Zentrums gebracht! Du solltest sie sehen, wenn ich es versuche! Sie kriegen Krämpfe und schreien wie von Sinnen, egal welche Magie ich anwende. Sie gehören definitiv Satan. Und das nach einer Party!“

„Das ist eine Katastrophe!“

„Du sagst es. Und Du kannst Dir vorstellen, wie es den Menschen in Berlin-Mitte ohne Schutzengel geht. Es war vorher schon Scheiße, aber jetzt ist es untragbar.“

„Hast Du schon Bericht erstattet?“ Uriel wies mit dem Kinn gen Himmel.

„Noch nicht. Ich wollte mich erst noch mit Dir besprechen. Der Allmächtige hat genug anderes um die Ohren. Und Berlin-Mitte steht auf seiner To-do-Liste nicht sehr weit oben.“

Uriel nahm einen Schluck Wein, während er nachdachte. „Woher weißt Du, dass die Schutzengel den Pakt unwissentlich eingehen?“

„Das ist das, was sie immer wieder erzählen. Sie werden mit wilden Versprechungen auf eine Party gelockt, feiern, saufen und werfen ein, was das Zeug hält. Hinterher tut es ihnen leid und sie wollen wieder in Gnaden aufgenommen werden. Aber, wie gesagt, es geht nicht. Sie sind verloren.“

„Irgendeine Idee, wie Luzifer das anstellt?“

„Ich kann nur raten. Aber es könnte etwas mit Dommiel zu tun zu haben.“

„Dommiel? Der Torwächter der Hölle? Den hat Satan nach Friedrichshain geschickt?“

„Definitiv. Israfel hat ihn erkannt. Er wollte letzte Woche zwei befreundete Schutzengel davon abhalten, auf eine Party zu gehen und ist mit ihnen in das Haus hinein und die Treppen hoch. Er ist sich sicher, dass er durch die offene Tür Dommiel im Flur hat stehen sehen. Israfel hat sich umgedreht und ist, was er konnte, wieder ins Buddhistische Zentrum zurückgerannt. Aber die beiden Schutzengel kamen am nächsten Tag nicht mehr durch das Tor. Sie waren völlig fertig!“

„Und die beiden haben nichts gemacht, außer gefeiert? „

„So haben die das erzählt. Es deckt sich mit den Schilderungen der anderen Schutzengel. Und das sagen sie nicht nur mir, sondern auch Israfel. Wenn noch etwas anderes gelaufen wäre, würden sie sich mir gegenüber wohl eher bedeckt halten, aber bei ihm sieht es anders aus. Er ist ja mit den meisten befreundet.“

„Ok. Also die Schutzengel gehen da rein, feiern – und am nächsten Morgen sind sie unwiderbringlich verflucht. Das klingt nach einem fiesen Trick. Typisch Luzifer! Aber ihm auf die Schliche zu kommen, dürfte nicht einfach sein.“

Suriyel stöhnte auf. „Und jetzt auch noch Beelzebub oben drauf! Als ob alles nicht schon kompliziert genug wäre!“

Uriel drehte sein Weinglas zwischen den Fingern, während er konzentriert nachdachte. „Apropos Gnade. Hast Du schon mal daran gedacht, Gabriel zu Rate zu ziehen? Das fällt ja eigentlich unter ihr Arbeitsgebiet.“

Gabriel

Gabriel ist der einzige weibliche Erzengel im Kreis der Sieben – und ständig bis zum Anschlag beschäftigt…

Unter den sieben Erzengeln gibt es lediglich einen, der weiblichen Geschlechts ist: Gabriel.

Seraphime und Cherubine – die Engel des ersten und zweiten Chores – sind reines Licht und damit androgyn. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Als führendes Mitglied des dritten Chores ist Gabriel deshalb der höchste aller weiblichen Engel.

Der Allmächtige greift für gewöhnlich auf seinen einzigen femininen Erzengel zurück, wenn er den Menschen etwas wichtiges mitzuteilen hat. Dass es Gabriel war, die Maria über die anstehende Empfängnis eines göttlichen Kindes informierte, ist hinreichend bekannt.

Aber Gabriel ist nicht nur der Engel der Verkündigung.

Im Kreis der Sieben ist sie zur Deutung von Visionen, Offenbarungen, Träumen und Erscheinungen berufen.

Ihr obliegt die Verantwortung für den Beginn jedes Lebens. Sie wacht über Zeugung, Schwangerschaft und Geburt.

Und der Allmächtigen hat ihr die Gabe gegeben, Gnade schenken zu können.

Mit dem Ergebnis, dass Gabriel seit viertausend Jahren bis zum Anschlag beschäftigt ist.

Glücklicherweise steht ihr eine riesige Heerschar Engel des dritten und vierten Chores zur Verfügung, die vor Ort die lange Liste ihrer Verpflichtungen abarbeiten.

Nachdem alle Engel seit mehreren tausend Jahren auf einander eingespielt, dazu unsterblich und vor allen Krankheiten und Zipperlein gefeit sind, läuft der riesige Betrieb von Erzengel Gabriel für gewöhnlich so zuverlässig wie ein Uhrwerk.

Weil der Anteil an Materie in den Engeln, die Gabriel unterstellt sind, relativ niedrig ist, laufen diese nicht so sehr Gefahr, von fleischlichen Lüsten und materiellen Verlockungen korrumpiert zu werden, wie die Schutzengel des neunten Chores.

Ein Umstand, der Gabriel das Leben als Management-Engel sehr erleichtert. https://www.water-runs-east.eu/?p=4021

Dafür zeichnen sich Gabriels ätherische Engel durch ausgeprägte Sensibilität und Suggestibilität aus.

In Gabriels Reich geht deshalb mindestens einmal am Tag die Welt unter!

Sie kann sich darauf verlassen, dass zuverlässig eine der vielen Engelstruppen, die unter ihrem Kommando stehen, wegen irgendeines menschengemachten Problems, einer Naturkatastrophe, dem Ausbruch eines Krieges oder einer der zahlreichen Abgründe menschlichen und dämonischen Handelns emotional zusammenbricht.

Wenn sie sich nicht mehr zu helfen wissen, schieben die Führungsengel der niederen Ebenen ihre aufgelösten Untergebenen in den Fahrstuhl und drücken auf den Knopf zum obersten Stockwerk des dritten Chores.

Dort werden sie von Erzengel Gabriel empfangen. Die hört auch noch den unbedeutensten hysterischen Engel geduldig an, spricht Trostworte, deutet Träume, liefert ein paar hoffnungsvolle Prophezeiungen und greift, wenn nichts anderes mehr hilft, in die große bunte Bonbondose der Gnade.

Wenn sich alle wieder beruhigt haben, die zerknüllten Taschentücher eingesammelt und die letzten Tränen getrocknet sind, gehen die Engel wieder an die Arbeit.

Erzengel Gabriel schließt leise die Tür hinter ihnen. Danach lässt sie sich mit einem tiefen Seufzer in ihren Bürostuhl fallen, schiebt einen Aktenberg zur Seite und legt die Füße auf den Schreibtisch.

Dem fernen Gesang der Seraphime und Cherubine irgendwo hoch über ihr lauschend, träumt sie von einem anderen Leben.

An einem fernen Ort, an dem sie keiner kennt. Und an dem niemand irgendetwas von ihr will!

Energie

Beelzebub lässt sich von Luzifer in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum in Berlin-Friedrichshain führen. Dort muss er feststellen, dass sein Auftrag herausfordernder ist, als er das erwartet hatte…

Wie Luzifer befürchtet hatte, war Beelzebub schon wach.

Als der gefallene Erzengel nach seiner Morgentoilette die Wendeltreppe hinunter in den Wohnbereich nahm, fand er den Höllen-Kollegen mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Esstisch sitzend vor. https://www.water-runs-east.eu/der-orden-der-fliege/

Luzifer beschränkte sich auf ein kühles Nicken, brühte sich einen Espresso auf, warf währenddessen dezent ein paar Aspirintabletten ein, und ließ sich Beelzebub gegenüber auf den Stuhl fallen.

Dem sah man weder die durchzechte Nacht noch den – lautstark zelebrierten – vergnüglichen Morgen mit den beiden üppigen Engeln an.

Eine solche dämonische Konstitution war Luzifer leider nicht gegeben. Er war völlig fertig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den Vormittag im Bett verbracht. Aber es half nichts: er hatte Beelzebub angefordert, jetzt war er da. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Seine Anwesenheit sorgte dafür, dass sich Luzifer im eigenen Zuhause extrem unwohl fühlte. Je schneller Beelzebub in das Buddhistische Zentrum verschwand, um Erzengel Suriyel zu überwachen, desto besser für Luzifers Seelenfrieden. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Wann willst Du aufbrechen?“ Luzifer warf seinem Gast einen auffordernden Blick zu.

Beelzebub streckte – auf dem edlen Designerstuhl sitzend – Arme und Beine von sich und gähnte herzhaft und ausdauernd. Als er damit fertig war, sprang er mit einem Mal ruckartig auf: „Jetzt!“

Ehe sich Luzifer versah, stand der Kollege auch schon in der Tür. „Du bringst mich hin und zeigst mir die Räumlichkeiten. Als was gehst Du normalerweise?“

Luzifer stöhnte innerlich auf. Er hatte gehofft, Beelzebub würde sich ohne ihn auf den Weg ins Buddhistische Zentrum machen. Aber nun gut. Während er Beelzebub zur Tür folgte, transformierte er zum schwarzen Kater.

Beelzebub nickte anerkennend. „Stimmt. Der geht immer. Was empfiehlst Du mir?“

Dass Beelzebub nicht als kanaanitischer Gott im tibetisch-buddhistischen Zentrum auftauchen konnte, war beiden klar.

Luzifer hatte sich bereits nach dem Aufwachen unter der Dusche über eine passende Camouflage Gedanken gemacht: „Dort gehen ziemlich viele Chinesen ein und aus. Wie wäre es mit einem taiwanesischen Maschinenbaustudenten auf der Suche nach seinen buddhistischen Wurzeln?“

Der junge Han-Chinese in Jeans und Freizeitjacke lief neben dem großen schwarzen Kater die Straße entlang. Er hob erstaunt den Kopf: auf der gegenüberliegenden Seite leuchtete hinter einem mit Graffiti besprühten Bauzaun die goldene Kuppel einer Stupa.

Dem Kater folgend, überquerte er die Straße und trat durch ein Metalltor in einen begrünten Innenhof. Hinter den letzten Herbstblumen grüßte eine große Buddhastatue. Bunte tibetische Gebetsfahnen flatterten in langen Reihen im Wind.

Der Chinese sah sich um. Rechterhand entdeckte er das Schaufenster eines kleinen Buchladens. Eine Tafel daneben informierte darüber, dass hier das Büro der Zentrumsleitung untergebracht war. Er trat an die Glastür eines roten einstöckigen Pavillons, der sich gegenüber dem Buchladen befand, und überflog die Plakate, auf denen in Deutsch und Englisch die Veranstaltungen des Zentrums angekündigt wurden. Yoga, Meditation, Vorträge über Buddhismus. Das übliche.

Der schwarze Kater war inzwischen in einem schmalen Durchgang verschwunden, der, am Pavillon vorbei, zum Eingang des Tempels führte. Der Chinese folgte ihm und fand sich in einem weiteren – ebenfalls begrünten – Innenhof wieder. Hinter den halb entlaubten Ästen der Büsche und Bäume glänzte die goldene Kuppel der großen Stupa.

Aus der Ferne klang das Rauschen des Großstadtverkehrs über den hohen Bauzaun. In einem der Bäume sang eine Amsel. Ansonsten war alles still.

Für Menschen war das hier ein kleines Paradies. Für einen Dämonen wie Beelzebub war es die Hölle!

„Warum hast Du mir nicht gesagt, wie beschissen die Energie hier ist?“, fuhr er – nachdem er sich wachsam umgesehen hatte – den schwarzen Kater zu seinen Füßen an.

„Was hast Du erwartet?“ Luzifer trat unruhig von einer Pfote auf die andere. „Wir sind im Hauptquartier eines Erzengels. Niemand aus meiner Truppe schafft es durch das Tor! Geschweige denn in den Keller!“

Der schmale Han-Chinese schüttelte den Kopf. „Und warum erträgst Du das?“

„Ich war mal ein Erzengel.“

„Phantastisch! Aber ich nicht! Du hast mich verarscht, Luzifer!“

„Ich hatte nicht erwartet, dass Dich die Energie hier so mitnimmt. Du bist der Kanzler des Ordens der Fliege.“

Richtig! Beelzebub beschloss, dass er sich keine Blöße geben durfte. Wenn er jetzt kniff, wäre sein Ruf für die nächsten 4000 Jahre ruiniert.

„Ich muss mich erst akklimatisieren. Mit so etwas habe ich selten zu tun.“

Mit so etwas hatte er noch nie zu tun gehabt! Aber das würde er Luzifer sicher nicht auf die Nase binden.

Der Kater nickte. „Gerade ist es gut auszuhalten. Unter der Woche ist nicht viel los. Aber wenn am Wochenende die tibetischen Lamas hier sind, kann ich im Umkreis von fünfhundert Metern keinen Wachposten aufstellen, weil niemand die Energie erträgt. Das ist ein echtes Problem. Aber ich bin mir sicher, Du kriegst das irgendwie hin.“

Beelzebub musste sich eingestehen, dass er Luzifer unterschätzt hatte.

Der Orden der Fliege

Beelzebub ist nicht nur einer der höchsten Fürsten der Hölle, sondern als Kanzler des Ordens der Fliege auch noch Vorsitzender eines exklusiven satanischen Clubs…

Um neun Uhr morgens stand Beelzebub verkatert und unausgeschlafen in Luzifers roter Hochglanzküche und versuchte, die edle italienische Siebträger-Kaffeemaschine zum Laufen zu bringen. https://www.water-runs-east.eu/beelzebub/

Stirnrunzelt drückte er aufs Geratewohl ein paar Knöpfe. Der Apparat begann zu gurgeln und zu dampfen. Es folgte ein lautes Zischen, das Beelzebub erschrocken zusammenfahren ließ. Dass es vom sanften Plätschern des Espresso-Stroms in die Tasse begleitet wurde, stimmte ihn wieder versöhnlich.

Mit einem erleichterten Seufzer ließ er sich auf einen von Luzifers unbequemen Designer-Stühlen fallen und nahm einen Schluck von der heißen Brühe, bevor er die Tasse auf dem riesigen schwarzen Tisch abstellte, der in der Mitte des Lofts platziert war.

Durch die raumhohen Fenster klang gedämpft der Verkehrslärm von Friedrichshain an einem Werktagmorgen. Die ersten Sonnenstrahlen des Oktobertages stahlen sich durch die Lamellen der Jalousien und warfen Lichtkringel auf das Eichenparkett.

Beelzebub nippte ein weiteres Mal an seiner Tasse und genoss die Stille. In seinen Ohren hallten immer noch die Techno-Beats der vergangenen Nacht. Der Wodka war vom Feinsten gewesen. Trotz des Vollrausches hielt sich der Kater in Grenzen.

Und mit den beiden Schutzengel, die er am frühen Morgen in Luzifers Gästezimmer abgeschleppt hatte, war die Nacht stimmig ausgeklungen.

Als er den gestrigen Abend und die darauffolgende Nacht Revue passieren ließ, kam er zu dem Schluss, dass das Beste an Schutzengeln war, dass man sie so unkompliziert wieder los wurde. Obwohl er ihnen nicht mal erlaubt hatte, sich anzuziehen und ihnen ihre Klamotten einfach ins Treppenhaus warf, waren sie ohne großes Maulen verschwunden.

Wenn er das mit Teufelinnen oder Dämoninnen versucht hätte, wäre er hinterher ein Fall für die Intensivstation gewesen…

Entspannt die Beine auf den Tisch legend, dachte Beelzebub voller Genuss an die erschrocken aufgerissenen Augen der beiden üppigen blonden Engel, als er sie fluchend aus dem Schlafzimmer gejagt hatte.

Er würde ordentlich Spaß hier haben, so viel war klar…

Obwohl er dafür Luzifer ertragen musste. Diesen alten Schleimscheißer! https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Beelzebub hatte null Respekt vor dem gefallenen Erzengel. So blasiert der auch immer auftrat: seine Servilität verriet den ehemaligen Diener des Herrn.

Dass Satan Luzifer zum Höllenfürsten ernannt hatte, war eine rein strategische Entscheidung gewesen. Luzifer hatte durch seine gescheiterte Spaß-Revolution unbeabsichtigt dafür gesorgt, dass ein Drittel der Himmlischen Heerscharen in den Katakomben des Reiches der Finsternis gestrandet war.

Satan hatte sich zufrieden die Hände gerieben und den gefallenen Erzengel seinen höchsten Dämonen gleichgestellt, um sich die Kontrolle über dessen geflügelter Armee zu sichern.

Luzifer war eine Luftnummer – im wahrsten Sinne des Wortes. Das einzige, was er gut konnte, war sich verkaufen. Viel Blabla und nichts dahinter…

Beelzebub dagegen war ein Dämon aus eigenem Recht. Als kaananitscher Fruchtbarkeitsgott Ba´al hatte er sämtlichen Israelitischen Stämmen den Stinkefinger gezeigt, als sie seine Unterwerfung forderten.

Er hatte sich auf den Weg gemacht, ohne sich auch nur einmal umzusehen. An der Kreuzung des Schicksals musste er nicht lange nachdenken, bevor er den Weg zu den Abgründen der Hölle einschlug.

Dort angekommen war er – als viriler Schöpfer neuen Lebens und Herrscher über Donner und Blitz – mit offenen Armen und allen ihm zustehenden Ehren empfangen worden.

Beelzebubs Ausnahmeposition im Reich der Finsternis verdankte sich jedoch seiner Funktion als Kanzler des „Ordens der Fliege“.

Beelzebub wurde dadurch in der Todesstunde Herr über alle Geschöpfe, die zu Lebzeiten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten.

Die Seelen dieser Verdammten wurden nicht von ihrem Schutzengel in den Himmel eskortiert.

Statt dessen verwandelten sie sich im verwesenden Fleisch ihrer eigenen Körper erst in eine Made, dann in eine Fliege. Sobald die geschlüpft war, steuerte sie vollautomatisch die Hölle an.

Der „Orden der Fliege“ war dafür zuständig, dass die Seelen-Fliegen auf ihrem Weg von ihren Kadavern zu ihrem Bestimmungsort nicht vom Kurs abkamen.

Die wenigen Mitglieder dieser exklusiven Society genossen in der Hölle höchstes Ansehen. Und sie waren handverlesen. Beelzebub wählte sie nach knallharten Kriterien persönlich aus.

Seit zwei Milennien bereitete es Beelzebub Jahr für Jahr besonderes Vergnügen, Luzifers Aufnahmeantrag kommentarlos abzulehnen.

Da konnte der noch so cool tun: für eine Mitgliedschaft im Orden der Fliege mangelte es ihm an satanischer Reife.

Immerhin taugte Luzifer dafür, Beelzebub eine entspannte Zeit in Berlin-Friedrichshain zu ermöglichen.

Während er an den Kaffeeautomaten trat und sich eine weitere Tasse Espresso aufbrühte, beschloss der Kanzler des Ordens der Fliege, den albernen Auftrag, Suriyel zu überwachen, als lästiges Übel zu betrachten. Der Job bot die perfekte Entschuldigung für eine Auszeit von seinen zahllosen Verpflichtungen in der Hölle. Das war das einzige, was zählte. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Davon, dass Beelzebub ein paar Stunden am Tag in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum abhängen und einen spießigen Erzengel im Auge behalten sollte, würde die Welt nicht untergehen.

Vor sich hin grinsend trat Beelzebub ans Fenster und warf einen Blick über die Dächer von Friedrichshain.

Ein Hoch auf alle dämlichen Engel!

Uriel

Am Ende der Welt betreibt Erzengel Uriel – zusammen mit seinem kleinen weißen Hund – ein tibetisch-buddhistisches Retreathaus…

Nur ein paar hundert Kilometer von Berlin-Mitte entfernt lebt Erzengel Uriel.

Uriel ist im Kreis der Sieben der Erzengel, der für Mystik und Magie zuständig ist. Es war Uriel gewesen, der den Menschen einst die Kabbala brachte.

Wenn es um Mystik und Magie geht, ist Uriel genauso gnadenlos, wie Suriyel, wenn es um die göttlichen Gesetze geht.

745 nach Christus wurde Uriel deshalb während eines Kirchen-Konzils der Prozess gemacht. Der Papst selbst saß über den Erzengel zu Gericht und kam, nach langer Beweisaufnahme, zu dem Schluss, Uriel wäre in Wahrheit ein Dämon. Denn nur die verstünden etwas von Magie.

Deshalb wurde der Erzengel aus dem Kreis der Heiligen, die von den Gläubigen angebetet werden dürfen, verbannt und aus dem Kirchenkalender gestrichen.

Ein paar hundert Jahre später drehte sich der Wind zu Gunsten Uriels. Der Erzengel wurde in Ehren wieder aufgenommen. Als Zeichen des Respekts für seine mystischen und magischen Fähigkeiten ist das Symbol, mit dem er seitdem auf allen Bildern dargestellt wird, eine offene Hand, die eine Flamme hält.

Uriel hatte dem Prozess keine Aufmerksamkeit geschenkt. Das Kirchengericht musste selbstverständlich ohne seine Anwesenheit tagen. Dass er aus dem Kreis der Heiligen verbannt worden war, hatte den Erzengel genauso kalt gelassen, wie, dass er irgendwann wieder in Gnaden aufgenommen wurde.

Solche Status- und Distinktionsfragen sind für Engel von Bedeutung, die einen höheren Anteil Materie in sich tragen, als dies bei einem Erzengel der Fall ist.

Aus fünfzig Prozent Äther zu bestehen, geht mit Vorteilen einher.

Seinem Ätheranteil verdankt sich auch Uriels – seit über 4000 Jahren währende – Leidenschaft für Mystik und Magie.

Die Sache mit der Kabbala liegt inzwischen schon etwas zurück. Der Erzengel hat sich mittlerweile dem weiten Feld magischer Techniken der tibetisch-buddhistischen Tradition zugewandt.

Für einen Erzengel spielen die Begrenzungen von Religionen keine Rolle. Mit dem Segen des Allmächtigen kann sich Uriel mit der gleichen Intensität dem buddhistischen Tantra widmen, mit dem er sich zuvor der jüdischen Mystik hingab.

Sowohl Gott als auch seine weisen Diener wissen, dass Mystik nichts anderes ist als die Wissenschaft, die sich der magischen Praxis widmet, universelle Energie zu kanalisieren und zu transformieren.

Diese universellen Energie wird von den Seraphimen und Cherubinen des ersten und zweiten Chores von Anbeginn aller Zeiten erschaffen und durch ihren Gesang in Bewegung gehalten.

Uriel war als Führungsengel des dritten Chores vom Allmächtigen der Auftrag erteilt worden, zu erforschen, wie diese Energie am wirkungsvollsten zum Wohle aller lebenden Wesen kanalisiert und transformiert werden kann.

Er ist deshalb der Erzengel aus der Schar der Sieben, der ruhige und abgelegene Plätze bevorzugt. Nichts soll ihn von seinem Werk ablenken. Und seine jeweilige Heimstatt muss genau über jene Energie verfügen, die er benötigt, um seinen aktuellen Forschungsauftrag am effektivsten bearbeiten zu können.

Uriel hat schon hunderte von Jahren in diversen Wüsten verbracht, am Polarkreis bibernd seinen fünfzigprozentigen materiellen Anteil verflucht, und im neunzehnten Jahrhundert einen Forschungsaufenthalt in der Tiefsee absolviert.

Seit ein paar Jahren bewohnt Uriel ein Heim, das für seine Verhältnisse ausgesprochen kommod ist: sein gerade laufender wissenschaftlicher Auftrag, die Führung des Herrn und ein paar schräge Umstände haben dafür gesorgt, dass er sich in einer einsamen Ecke der Republik in einer alten Mühle niederließ.

Das Retreathaus, in das er die alte Mühle verwandelt hat, dient als Versuchslabor für seine mystisch-magischen Experimente.

Seitdem gehen die seltsamsten Gestalten dort ein und aus. Nepalesische Lamas geben sich mit tibetischen Schamanen die Klinke in die Hand.

Der pferdeköpfige Wassergeist, der im Mühlbach zuhause ist, freut sich genauso darüber, wie die kleinen Zauberwesen, die in den alten Weiden am nahen Flüsschen wohnen.

Alle paar Wochen bekommt Uriel Besuch aus dem fernen Berlin: wenn sein Erzengel-Kollege Suriyel Erholung von Luzifers Treiben in Friedrichshain braucht, schaut er für ein paar Tage bei Uriel vorbei.

Dann praktizieren die beiden Erzengel gemeinsam unter dem Dachstuhl und auf der Terrasse der alten Mühle. Zur Begeisterung all der Naturgeister und magischen Wesen, die, von der Energie der beiden angelockt, von nah und fern herbei eilen.

Uriels kleiner weißer Hund, der mit seinem himmlischen Herrn in der alten Mühle lebt, kennt jeden der magischen Besucher beim Namen und begrüßt die Gäste mit stürmischer Herzlichkeit.

Gerade ist Uriel mit einem besonders komplexen, anspruchsvollen und riskanten magischen Feldversuch beschäftigt.

Deshalb bleibt der Ort, an dem Erzengel Uriel lebt, geheim: er bittet darum, nicht bei seiner Arbeit gestört zu werden…

Beelzebub

Beelzebub ist einer der höchsten Fürsten der Hölle und Kanzler des Ordens der Fliege. Luzifer hat ihn als Verstärkung nach Berlin-Mitte beordert…

Luzifer schlich in der Abenddämmerung über die Brachfläche. https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

Gedankenversunken bahnte er sich seinen Weg durch dichtes Gestrüpp, umkreiste benutzte Kondome, zerbrochene Bierflaschen, halb verweste Hamberger-Reste, zerbrochene Klappstühle und einen vor sich hin rostenden Kühlschrank.

Dabei dachte er angestrengt über seinen Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nach. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

So fade und berechenbar Suriyel war: ein Erzengel blieb er trotzdem.

Ihn zu unterschätzen wäre unklug und konnte sich früher oder später bitter rechen.

Die Observation des Buddhistischen Zentrums musste unbedingt intensiviert werden! Es, wie bisher, lediglich von außen im Auge zu behalten, war jetzt, wo Suriyel sich dort im Keller eingenistet hatte, nicht mehr ausreichend.

Er würde jemanden abstellen müssen, der in der Lage war, sich im Buddhistischen Zenrum undercover einzuschmuggeln und Suriyel auf Schritt und Tritt zu überwachen.

Während der schwarze Kater durch eine halb geöffnete Fensterlucke in den Keller eines heruntergekommenen Hinterhauses sprang, ging er im Geist seine Belegschaft durch.

Tief in Gedanken huschte Luzifer die Kellertreppe aufwärts. Als er das Treppenhaus betrat, ließ er den Geruch von Feuchtigkeit und Fäulnis hinter sich.

Dafür empfing ihn dröhnender Techno-Beat.

Luzifer stieg die Stufen zum Hauptquartier im zweiten Stock des baufälligen Hinterhauses hoch. Dabei nahm er, immer noch vor sich hin grübelnd, seine – halb menschliche, halb teuflische – Gestalt an.

Die Flügel schenkte er sich für gewöhnlich, mit denen blieb man ständig an den Türstöcken hängen. Die Hörner ließ er auch bleiben, genauso den Eselsschwanz und die Pferdebeine. Die Vollkostümierung packte er nur aus, wenn er Eindruck schinden wollte.

In Berlin-Mitte zog Luzifer es vor, so unauffällig als möglich ausszusehen. Allerdings konnte er – genau wie Suriyel – seinen fünfzig-prozentigen Ätheranteil nicht leugnen.

Wenn er – als drahtiger, gut aussehender, dunkelhaariger, immer in schwarz gekleideter Mann mit gepflegtem Ziegenbart – in Berlin unterwegs war, löste sein Anblick regelmäßig bei Passanten den unwillkürlichen Gedanken aus: „Der Mann sieht aus wie ein Teufel!“

Bis auf ein paar Psychiatriepatienten ist Luzifer in all den Jahren nie auf einen Menschen gestossen, der verstand, dass er in diesem Moment wirklich einen Höllenfürsten vor der Nase hatte.

Was Luzifer nur recht sein konnte.

Er war von Satan nicht wegen der Menschen nach Berlin-Mitte entstandt worden, sondern wegen der Schutzengel.

Als Luzifer die Tür zur Zentrale der Zweigniederlassung der Hölle in Berlin-Mitte öffnete, war die Party schon in vollem Gange.

Im Flur empfing ihn wie immer Dommiel. Der fungierte eigentlich hauptberuflich als Torwächter des Reiches der Finsternis. Satan hatte ihn abgestellt, um im Hauptquartier seiner Truppe in Berlin-Friedrichshain den Job des Türstehers zu übernehmen.

Dommiel oblag es, alle vergnügungssüchtigen Menschen auszusortieren und nur partylustigen Schutzengeln Einlass zu gewähren.

Weil Schutzengel über einen hohen Anteil an Materie verfügen, war der Unterschied nicht leicht erkennbar. Um den Streu vom Weizen zu trennen, bedurfte es deshalb eines Profis.

Dommiel nahm Luzifer die Jacke ab und brüllte ihm über die dröhnenden Beats hinweg ins Ohr: „Beelzebub ist hier!“

Bevor sich Luzifer dem Kollegen stellte, nahm er sich zehn Minuten Auszeit auf der Toilette. Während sich in der Nachbarkabine jemand laut würgend in die Kloschüssel erbrach, saß er nebenan auf dem Deckel der seinen und dachte angestrengt nach, wie er es am Besten angehen sollte.

Es war eine unüberlegte Kurzschlusshandlung gewesen, in der Hölle um Verstärkung zu bitten!

Als er die Meldung erhalten hatte, im Buddhistischen Zentrum triebe sich ein hoher Engel herum, war er völlig in Panik geraten! Luzifer war sich sicher gewesen, der Allmächtige hätte Michael geschickt!

Auch nach mehr als 2000 Jahren verfolgte der Erzengel mit dem Flammenschwert ihn immer noch in seinen Alpträumen.

Es war Michael gewesen, der Luzifer damals in einem epochalen Zweikampf besiegt und triumphierend aus dem Himmel geworfen hatte.

Und all das nur, weil Luzifer ein bisschen Spaß dort oben hatte haben wollen! Warum musste es im Himmel auch immer so bierernst zugehen?

Luzifer war nach 2000 frustrierenden Jahren zu dem Schluss gekommen, dass Gott ein Idiot war.

Der Allmächtige hatte keine Ahnung von nichts und musste von jemandem abgelöst werden, der wirklich etwas von den manigfachen Lüsten und Freuden der Existenz und der Non-Existenz verstand!

Dummerweise hatten Luzifer und seine Spaß-Armee die anderen sechs Erzengel – und insbesondere ihren Chef Michael – unterschätzt.

Luzifer hasste ihn!

Und er hatte eine Heidenangst vor ihm. Auch wenn er das niemals zugeben würde.

Dass er in seiner Panikattacke die Nummer der Notrufzentrale der Hölle gewählt und ausgerechnet Beelzebub angefordert hatte, war ihm jetzt – wo er wusste, dass es lediglich um Suriyel ging – extrem peinlich.

Nur: Beelzebub war prompt – und viel schneller als erwartet – im Hauptquartier in Friedrichshain aufgeschlagen. Und Luzifer durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen!

Luzifer trat aus der Toilette in den Vorraum, wusch sich umständlich die Hände, strich sich – begleitet von einem kritischen Blick in den Spiegel – das gegeelte schwarze Haar zurecht und kehrte – nachdem er dreimal tief ein und ausgeatmet hatte – auf die Party zurück.

Die hatte inzwischen an Intensität gewonnen. Beleuchtet von zuckenden Disco-Strahlern wanden sich halbnackte betrunkene Schutzengel zu Techno-Beats auf der Tanzfläche. Luzifer stieg über zwei sinnlos betrunkene Engel hinweg, die komatös auf dem Boden lagen und entdeckte Beelzebub am anderen Ende des Raumes.

Der hatte sich rücklings auf einer Bank ausgestreckt und ließ sich gerade – zur Erheiterung der Umstehenden – von einem blonden Schutzengel mit verrutschtem Korsett einen Schwall Whiskey mit Cola in den weit aufgerissenen Mund kippen.

Luzifer setzte einen blasierten Gesichtsausdruck auf, während er beobachtete, wie Beelzebub wie wahnsinnig schluckte, und sich, als er nicht mehr hinterher kam, kreischend vor Lachen aufrichtete, um dem blonden Engel die braune Brühe in das üppige Dekollete zu spucken.

Dabei fiel sein Blick auf Luzifer. Begleitet vom Johlen seiner Fans stand Beelzebub langsam auf und steuerte auf den Höllenfürsten-Kollegen zu.

„Coole Party! So viele schöne Schutzengel auf einem Haufen sieht man selten! Du machst einen guten Job!“ Beelzebub ließ seinen Blick genüßlich über die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche wandern.

Ruckartig drehte er den Kopf und starrte Luzifer in die Augen. „Wofür brauchst Du mich hier?“

„Ich dachte, Berlin-Friedrichshain wäre mal eine nette Abwechslung für Dich. Hattest Du mir nicht bei unserem letzten Zusammentreffen erzählt, die Hölle würde Dich langweilen?“

Beelzebub hob die Augenbrauen: „Du bist um mein Wohlergehen besorgt? Das rührt mich!“

„Nein, wirklich! Wir wissen überhaupt nicht, wohin mit den ganzen Schutzengeln. Du kannst gerne ein paar abhaben! Das ist doch mal was anderes, als immer die Dämoninnen und Teufelinnen!“

Beelzebub wiegte den Kopf. „Wo Du recht hast, hast Du recht!“ Er starrte Luzifer wieder in die Augen: „Und wo ist der Haken? Du kannst mir nicht ernsthaft erzählen, dass Dich der Allmächtige hier ungehindert Spaß haben lässt!“

Womit sie beim Thema angekommen waren.

„Der Herr hat vor ein paar Tagen einen Erzengel geschickt.“

Beelzebub kniff die Augen zusammen: „Michael?“

„Nein. Suriyel.“

„Die Spassbremse? Im Ernst? Mit dem wirst Du auch ohne mich fertig!“

„Klar! Ganz sicher! Aber wenn Du den Auftrag für mich übernimmst, kannst Du bei mir wohnen und in Deiner freien Zeit hier Party machen!“

Beelzebub vertrieb gedankenverloren ein paar Fliegen, die um seine wilden Locken kreisten. Nachdem er etwas nachgedacht hatte, streckte er Luzifer ruckartig die rechte Hand entgegen: „Ok. Ich mache es! Wo steckt unser Freund?“

„In einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrums, gleich hier um die Ecke. Er hat sich im Keller eingenistet.“

Luzifer

Ein großer schwarzer Kater geht im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte ein und aus. Nur Suriyel weiß, dass es sich dabei um seinen ehemaligen Erzengel-Kollegen Luzifer handelt…

Es ist inzwischen einige Jahre her, dass Erzengel Suriyel, von Gott gesandt, seinen Posten im Keller des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums in Berlin-Mitte bezog.

Ein paar Tage, nachdem er sich dort häuslich niedergelassen hatte, bekam er Besuch.

Niemand im Zentrum bemerkte den großen schwarze Kater, der durch das verwitterte Tor des Zentrums in den Innenhof geschlichen war. Auf Samptpfoten betrat der den Flur, wanderte geräuschlos am Eingang des Tempels vorbei und nahm die Treppe in den verwinkelten Keller. Dort sprang er mit einer geschmeidigen Bewegung auf die große Werkbank und streckte sich behaglich darauf aus.

Suriyel, war – ein paar Meter von der Werkbank entfernt – gerade dabei, Kabeltrommeln zu sortieren.

Weil er ein so fähiger wie pragmatischer Engel ist, geht er in der Zeit, in der er sich nicht mit seinen unwilligen Schutzengeln abmüht, einer sehr irdischen Tätigkeit nach: er hat sich selbst zum Hausmeister des Buddhistischen Zentrums ernannt.

Die Zentrumsleute hatten ihr Glück nicht fassen können, als auf einmal dieser schweigsame Mann mit den langen blonden Locken bei ihnen aufgetaucht war und kommentarlos begonnen hatte, in den unzähligen Winkeln und Ecken der halb verfallenen Gebäude Stromleitungen zu verlegen, Steckdosen zu setzen und alles zu reparieren, was ihm vor die Nase kam.

Als Suriyel den riesigen schwarzen Kater sah, der sich behaglich auf seiner Werkbank ausgestreckt hatte, richtete er sich seufzend auf: „Hi Luzifer.“

Der Kater warf einen prüfenden Blick zur Kellertür, bevor er antwortete: „Hi Suriyel. Und? Was hältst Du von Berlin-Mitte?“

Der hatte sich wieder seinen Kabeln zugewandt. „Keiner befolgt die Gesetze.“

Der Kater drehte sich auf den Rücken und schlug mit den Vorderpfoten verspielt gegen einen von Suriyels Schraubenziehern. „Genau. Überall nur Chaos! Es ist phantastisch!“

Suriyel ignorierte den Kater. Er hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen.

Luzifer sprang von der Werkbank und strich noch einmal um Suriyels Beine, bevor er die Treppe hoch und durch das Tor wieder in einer ruhigen Seitenstraße von Friedrichshain verschwand.

Er liebte solche Auftritte. Da konnte Suriyel noch so cool tun: Der schwarze Kater wusste, dass er einen Treffer gelandet hatte.

Einen von vielen.

Denn hier, in Berlin-Mitte, hatte Luzifer ein Heimspiel. Gut, das Tibetisch-Buddhistische Zentrum war die Ausnahme. Für Wesen, die – wie Suriyel und Luzifer – zur Hälfte aus Äther bestehen, war offensichtlich, dass der Ort ohne Mühe in der Lage war, die wilden Vibes von Berlin energetisch zu transformieren.

Das war der Grund gewesen, weshalb Suriyel sich im dortigen Keller einquartiert hatte.

Und gleichzeitig der Grund, weshalb Luzifer das Buddhistische Zentrum engmaschig überwachen ließ.

Von Anfang an war klar gewesen, dass früher oder später einer der Sieben dort auftauchen würde, um in Berlin-Mitte für Ordnung zu sorgen.

Als Luzifer durch einen Späher über die Sichtung eines hohen Engels im Buddhistischen Zentrum informiert wurde, war seine größte Befürchtung gewesen, es könne Michael sein.

Wenn Luzifer vor jemandem Respekt hatte, dann war das der Erzengel mit dem Flammenschwert.

Getarnt als schwarzer Kater begab er sich sofort an den Ort des Geschehens und hatte zu seiner Erleichterung nicht den mächtigen Michael, sondern dessen Kollegen Suriyel im Keller des Buddhistischen Zentrums angetroffen.

Suriyels Aufgabe als Erzengel war es seit 4000 Jahren, darüber zu wachen, dass sich alle Engel an die göttlichen Gebote halten.

Von all seinen Kollegen hatte Luzifer, als er noch „Der Lichtbringer“ und der achte der Erzengel war, Suriyel am wenigsten ausstehen können.

Während die anderen sechs Erzengel die materielle Hälfte ihrer Wesensnatur durchaus ausleben konnten – und das, auf den wilden Parties, die Luzifer im himmlischen Areal des dritten Chores zu veranstalten pflegte – auch ungehemmt taten, war Suriyel zuverlässig der gewesen, der allen den Spaß verdarb.

Seine langen komplizierten Vorträge über die Speiseregeln, die er – neben dem üppigen Buffett stehend – zu halten pflegte, waren legendär.

Mit Humor begabte Erzengel konnten sich köstlich darüber amüsieren. Luzifer hatte es immer nur angekotzt.

Und jetzt hatte Gott ausgerechnet Suriyel nach Berlin-Mitte entsandt, um seinen gefallenen ehemaligen Kollegen in die Schranken zu weisen und für Ordnung unter den Schutzengeln zu sorgen!

Ein von oben bis unten tätowierter Australier in Lederkluft blieb irritiert auf dem Gehweg stehen und starrte dem großen schwarzen Kater nach, der sich gerade durch eine Lücke des Bauzauns auf eine Brachfläche schob. Es konnte ja wohl nicht sein, dass dieses Katzen-Vieh soeben hämisch gelacht hatte?

Im Weiterlaufen griff er sich verwirrt an den kahl geschorenen Schädel und beschloss, sich noch heute einen neuen Dealer zu suchen. Das Koks taugte nichts!

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, seit Luzifer zum ersten Mal im Keller des Buddhistischen Zentrums aufgetaucht ist.

Wenn Suriyel an ruhigen Abend aus dem neunten Stock des Plattenbaus, in dem er lebt, über das nächtliche Berlin blickt, ertappt er sich regelmäßig bei dem Gedanke, dass seine Mission zum Scheitern verurteilt ist.

Das ist ihm in 4000 Jahren noch nie passiert!

Früher oder später hat er bisher noch jeden bockigen Schutzengel auf Linie gebracht.

Aber gegen den Sog von Berlin-Mitte kämpft er vergebens an. Luzifer hat endlich den Ort gefunden, der genau die Energie verströmt, die er braucht, um seine Macht ungehemmt ausleben zu können.

Suriyel

Erzengel Suriyel wurde gesandt, darüber zu wachen, dass sich die Schutzengel Berlin-Mittes an die göttlichen Gebote halten…

Wie alle, die zum Fußvolk der Schutzengel des neunten himmlischen Chores gehören, untersteht Israfel einem Führungsengel. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Die meisten Schutzengel werden von Engeln kontrolliert, die einen, zwei, oder höchstens drei Chöre über ihnen angesiedelt sind.

Diese Mittelbau-Engel verfügen normalerweise über alle Kompetenzen, die ihr Führungsjob erfordert.

Weil Israfel als Streetworker des Herrn undercover in der hedonistischen Nahkampfzone Berlin-Mitte tätig ist, sieht die Sache bei ihm ein bisschen anders aus.

Sein direkter Vorgesetzter – Erzengel Suriyel – gehört zu den höchsten Vertretern des dritten Chores.

Die Engel des dritten Chores bestehen zur einen Hälfte aus Äther, zur anderen aus Materie. Das erlaubt ihnen, bei Bedarf leibliche Gestalt anzunehmen. Sie sind deshalb die Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen.

Dagegen sind die Engel des ersten Chores – die Seraphime – und die des zweiten Chores – die Cherubine – reines Licht. Seit Anbeginn der Zeiten umkreisen sie den Thron Gottes und preisen seinen Namen. Sie sind die Energie des Universums. Ihr Gesang lässt Materie, Raum und Zeit fließen.

Seraphime und Cherubine sind dem menschlichen Verstand nur mithilfe mathematischer Berechnungen und physikalischer Formeln zugänglich.

Vom dritten Chor an gleichen sich Engelklassen und Menschen immer stärker an. Als Faustformel gilt: Je niedriger der Status des Chores, desto ähnlicher sind deren Engel den Menschen.

Die Königsklasse dieser – für Menschen sichtbaren und begreifbaren – himmlischen Geschöpfe, sind die sieben Erzengel.

Einer von ihnen – Suriyel – ist vor einigen Jahren in Berlin-Mitte aufgetaucht. Er kam mit dem göttlichen Auftrag, die Heerschar der dort tätigen Schutzengel im Auge zu behalten.

Je niedriger die Klasse der Engel, desto ähnlicher sind sie den Menschen – auch in ihrer Verführbarkeit. Schutzengel sind, als Angehörige des neunten Chores, die materiellsten aller himmlischen Wesen, und damit die verführbarsten.

Die durchschnittlichen Mittelbau-Führungsengel, die vor Suriyel versucht hatten, für Ordnung zu sorgen, waren schmählich gescheitert. Unzähliche Schutzengel gingen in den Clubs, Bars, Parks und Kaschemmen Berlins verloren.

Und das, wo sie dort so dringend gebraucht wurden!

Deshalb beschloss Gott, denjenigen seiner Erzengel nach Berlin-Mitte zu entsenden, der im Kreis der Sieben die Funktion hat, darüber zu wachen, dass sich alle Engel an die göttlichen Gebote halten.

Suriyel materialisierte sich auf göttlichen Befehl an einem grauen Regenabend Mitte September irgendwann zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem S-Bahn-Tunnel in der Nähe des Alexanderplatzes.

Während er Form annahm, konzentrierte er seine ganze Energie darauf, so gewöhnlich als möglich auszusehen. Wie immer gelang es ihm nur bedingt.

Alle Erzengel bestehen zur einen Hälfte aus Materie, zur anderen Hälfte aus Äther. Der Äther-Anteil lässt sich leider nicht wegzaubern.

Wenn Suriyel in Berlin unterwegs ist, geschieht es deshalb regelmäßig, dass Passanten bei seinem Anblick denken: „Der Mann sieht aus wie ein Engel!“

Abgesehen von ein paar Psychiatriepatienten ist Suriyel in all den Jahren noch niemandem begegnet, der in diesem Moment versteht, dass er wahrhaftig einen Erzengel vor sich hat.

Was ihm nur recht sein kann.

Suriyel war nicht nach Berlin entsandt worden, um sich um Menschen zu kümmern, sondern um Schutzengel.

Deren Situation, stellte er bereits bei seinem ersten Rundgang durch Berlin-Mitte fest, war eine einzige Katastrophe. Die örtlichen Schutzengel hatten vor lauter Party und egozentrischer Selbstfindung die Basics ihres Handwerks verlernt.

Er war definitiv mit einer Langzeit-Mission betraut worden.

Suriyel machte seinen Job seit mehr als 4000 Jahren, er war Ärger gewohnt.

Und er war Profi genug, um zu wissen, dass er – wollte er irgendwann Erfolg haben – eine stabile Basis brauchte. Er wanderte durch Berlin-Mitte, kontrollierte Kirchen, ehemalige Klöster, neu errichtete Synagogen, aber keine Location verfügte über den notwendigen Energie-Level.

Schließlich wurde er in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain fündig. Im Keller des Gebäudekomplexes richtete er sich häuslich ein. Von dort aus wacht er über die örtlichen Schutzengel und müht sich redlich, ihnen die göttlichen Regeln und Gebote zu vermitteln.

Aktuell mit überschaubarem Erfolg.

Aber, wie gesagt, es handelt sich um eine Langzeit-Mission…

Israfel

Mitten in Berlin-Friedrichshain lebt und wirkt ein Schutzengel…

Irgendwo in Berlin-Friedrichshain, in der Nähe der Warschauer Straße, lebt ein Schutzengel Namens Israfel.

Dass er Teil der himmlischen Heerscharen ist, sieht man ihm nicht an. Gott entschied, Israfel undercover in dieses Leben zu schicken, damit er seiner Aufgabe gerecht werden kann.

Lediglich Israfels rundlicher Körper lässt den Cherub erahnen. Damit trotzdem niemand seine geheime Mission vermutet, ist er von kleiner Gestalt, trägt einen wilden, schütteren Bart und sackartige Kleidung in Batikoptik.

Der göttliche Wille hat Israfel darüber hinaus mit einer ausgeprägt häuslichen Ader beschenkt: In seinen Musestunden dreht der kleine Schutzengel die Spindel, strickt und näht. Aus allem, was ihm vor die Nase kommt, bäckt er köstlichen Kuchen, den er großzügig an die Hungrigen seiner Umgebung verteilt.

In allem was Israfel tut, unterwirft er sich folgsam dem Auftrag, mit dem ihn sein Herr auf diese Erde gesandt hat: Er schützt, liebt und sorgt. Der Blick Gottes ruht deshalb mit Wohlgefallen auf seinem zarten Engel.

Der Erhabene kennt Israfel gut, obwohl der in der Hierarchie einen niedrigen Rang einnimmt und unzählige Kollegen hat: als Schutzengel gehört er zum neunten – und letzten Chor – der himmlischen Heerscharen.

Die Angestellten dieser Abteilung des Himmels sind das Fußvolk unter den Engeln.

Schutzengel, aus dem Tau des göttlichen Atems geboren, hatten schon immer einen aufreibenden und undankbaren Job: Mit ihren bescheidenen magischen Mitteln müssen sie seit über 4000 Jahren Menschen beistehen, die ihrer Natur nach verbohrt, uneinsichtig und nur schwer lenkbar sind.

Die spirituellen Zumutungen der Moderne haben die Aufgabe der Schutzengel nicht leichter gemacht.

Schutzengel, die von ihren Vorgesetzten in die Schwäbische Alb oder in den Bayerischen Wald entsandt werden, lobpreisen und jubilieren ob dieser Nachricht über Tage. Sie wissen, dass ihre Magie an diesen Orten noch wirken kann, ohne dass sie Gefahr laufen, einen Burnout zu erleiden.

Israfel dagegen ist da gelandet, wo kein vernünftiges Mitglied des neunten Chores hin möchte: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain!

Hier, als kleiner rundlicher Schutzengel in Batikkleidung und mit Fusselbart, dem göttlichen Willen gerecht zu werden, erfordert Einfallsreichtum und Flexibilität.

Israfel hat, nach längerem Suchen, eine brillante Lösung gefunden! Er hat seine Kommandozentrale in ein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Mitte verlegt. Von dort geht er – unerkannt und bescheiden – seiner himmlischen Aufgabe nach.

Er hat den Segen seines Schöpfers dafür erhalten.

Zen-Magie

Nach meiner Heimkehr vom Zen-Sesshin im Spirituellen Zentrum ziehe ich Bilanz und meditiere über die Magie von Zen…

Die Woche „Sitzen“ im Sommer-Sesshin des Spirituellen Zentrums war effektiv, stelle ich nach meiner Rückkehr fest. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Zen ist direkt und brutal. Der Effekt der Meditationspraxis zeigt sich jedoch auf sanfte Weise.

Was sofort nach einem intensiven Sesshin zugänglich wird, ist die tiefe Ruhe, in der man sich danach durch die Tage bewegt.

Es ist, als hätte jemand im Universum auf die „Stop-Taste“ gedrückt.

Alle Sinne arbeiten mit verblüffender Präzision. Gleichzeitig ist mit einem Mal – hinter der neuen Intensität der Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und Empfindungen – eine unendliche Stille erahnbar.

Das ist die Stille der Leerheit.

In einem jahrelangen schleichenden Prozess, der erst im Rückblick greifbar wird, transformiert diese Stille Wahrnehmung, Fühlen, Denken – und irgendwann die Persönlichkeit.

Das erlebt jeder anders. Man hört es an den Teshos der Lehrer. https://www.water-runs-east.eu/tesho/

Und auch das Ergebnis ist völlig individuell: Manche werden bescheiden, andere dominant. Die einen werden zu Künstlern, die anderen zu Handwerkern. Soziale Menschen entdecken ihre Egozentrik. Karrieristen erforschen Hingabe und Fürsorge.

Zen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Niemand kann dem Anfänger sagen, was aus ihm nach einigen Jahren intensiver Praxis werden wird.

Gleich einer Raupe, die in der Stille des Kokons nur vage ahnt, dass sie zum Schmetterling wird, verharrt der Meditationsschüler auf dem Kissen und hat auszuhalten, dass die Veränderung gewiss, der Ausgang aber offen ist.

Als einzige Gewissheit des Zazen gilt: Alles, was nicht wirklich zur eigenen Persönlichkeit gehört, wird früher oder später abfallen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Diese Gewissheit speist sich aus zwei „Zauberformeln“ des Zen, die für mich an Magie grenzen:

Zum einen werden durch die innere Klarheit, die das Meditieren in der Stille schenkt, vorher unhinterfragbare Ideen und Konzepte transparent. Dadurch werden sie als bloße Anschauungen greifbar, können verändert oder abgelegt werden.

Ich habe diesen Prozess als persönliche „Kopernikanische Wende“ erlebt. Meine Weltsicht wurde buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt.

Das Hinterfragen und Ablegen persönlicher, familiärer und sozialer Glaubensätze geht für gewöhnlich mit großen Ängsten einher.

Diese Gewissheiten aufzugeben, fühlt sich an wie der Gang zum Schafott.

Bei diesem existentiell bedrohlichen Prozess hilft die zweite „magische“ Wirkung des Zazen: über die Jahre hat man zu dem Zeitpunkt, an dem Gewissheiten zu bloßen Glaubenssätzen werden, gelernt, extreme Unlustgefühle auszuhalten.

Das, oft schmerzhafte und eintönige Meditieren, dazu die ruppige Behandlung durch den Lehrer im Dokusan, haben den – ständig besorgt um sein Wohlergehen kreisenden – Anfänger zum abgebrühten Stoiker gemacht. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Die Haltung der abgeklärten Akzeptanz gegenüber den Zumutungen der Realität macht den Zusammenbruch des Selbst- und Weltbildes zu einer beherrschbaren Katastrophe.

Hinterher steht der fortgeschrittene Praktizierende vor den Trümmern seines Egos. Nachdem der Schock überwunden ist, widmet er sich – als guter Zen-Schüler – stoisch der Neuordnung seines Lebens.

Und wird mit einer vitalen, lustvollen Existenz beschenkt.

Das typische Feedback, das Praktizierende nach dem Zusammenbruch ihres alten „Ich“ zu hören bekommen, ist üblicherweise nicht: „Du hast Dich aber verändert!“

Sondern: „Du bist jetzt viel mehr so, wie Du schon immer warst.“

Was schön ist, finde ich.

Und fast schon Magie…

Mondo

Das Mondo ist im Zen traditionell ein dialogisches „Battle“ zwischen Lehrer und Schüler. Im Mondo des Spirituellen Zentrum geht es zivilisierter zu…

An jedem letzten Abend eines Sesshins findet im Spirituellen Zentrum ein Mondo statt.

Nachdem der Assistent in einer feierlichen Zeremonie das Mondo angekündigt und der Lehrer die obligatorischen Niederwerfungen vollzogen hat, ist es den Meditierenden das erste Mal seit Beginn des Retreats erlaubt, in der Gruppe zu sprechen.

Im Mondo stellen sie dem Lehrer Fragen zu allen Aspekten von Zen, die der so verständlich als möglich beantwortet. Dieses Frage- und Antwortspiel geht für gewöhnlich routiniert und zivilisiert über die Bühne.

Deshalb entspricht das Mondo, wie es am Hof praktiziert wird, nur bedingt seinem klassischen Vorbild.

Der traditionelle Sinn eines Mondos ist nicht der freundliche Austausch von Ideen, sondern das öffentliche Prüfen der Kenntnisse von Lehrer und Schülern.

Ein traditionelles Mondo hat deshalb eine ähnliche Qualität wie ein modernes Rap Battle.

Der Lehrer muss im Mondo beweisen, dass er den Schülern in Weisheit und Erkenntnis wirklich überlegen ist. Die Schüler haben während des Mondos die Chance, der Sangha zu zeigen, dass sie es in ihrer Meditationspraxis zur Meisterschaft gebracht haben.

Wenn ihre Fragen jedoch von Hybris, und nicht von Erkenntis, geleitet sind, hat der Lehrer keine Skrupel, sie vor versammelter Mannschaft bis auf die Knochen bloß zu stellen.

Im Kern geht es darum zu prüfen, wie realitätsbezogen die Selbst- und Weltwahrnehmung der Diskutanten ist. Sind Lehrer und Schüler vollkommend im Hier und Jetzt, entspinnt sich ein atemberaubend schneller, intellektuell brillianter Schlagabtausch.

In dem Moment, in dem es dem einen gelingt, den anderen durch eine geschickte Frage aus der Präsenz und in ein Konzept zu drängen, ist es, als würde der Linienrichter in Wimbledon „Out!“ rufen.

Der Sieger hat seine Überlegenheit unter Beweis gestellt, der Verlierer schleicht gedemütigt vom Platz.

Manchmal gibt es, im Gegensatz zum Tennis, im Mondo auch ein Patt: der Meister bleibt Meister, hat aber nun einen ebenbürtigen Praktizierenden an seiner Seite.

„In der traditionellen Chan-Literatur werden folgende mögliche Resultate eines Mondos aufgezählt: „Der Meister bleibt Meister, der Schüler wird zum Meister anstelle des Meisters, der Schüler wird zum Meister neben dem Meister.“

Diese spannenden Mondos kenne ich allerdings nur aus der klassischen Literatur. Dort wird anschaulich beschrieben, wie sich ein solcher dialogischer Wettkampf zwischen Meister und Schüler, manchmal auch zwischen zwei Meistern, um das Verständnis von „Leerheit“ entfaltet.

Wenn ich meinem Lehrer während eines Mondos zuhöre, juckt es mich immer öfter, ihn herauszufordern. „Er ist nicht perfekt“, denke ich mir bei manchen seiner Sätzen, „genau jetzt könntest Du ihn stellen!“

Bisher hat er noch jeden meiner vorsichtigen Einwände parriert.

Irgendwann, so meine Hoffnung, wird der Moment gekommen sein, an dem ich mich behaupten kann.

Dass mein Meister in der Zukunft zum „Schüler“ wird, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen…

Tesho

Im Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – erklärt der Meister den Schülern die Prinzipien des Zen…

Regelmäßig, wenn ich während eines Sesshins dem Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – meines Zen-Meisters lausche, bin ich fasziniert davon, in wie vielen Variationen er buchstäblich über „NICHTS“ referieren kann.

Denn das ist das einzige Thema, das im Zen wirklich von Bedeutung ist.

Das Ziel buddhistischer Meditation ist die Befreiung von Leid. Das ist im nüchternen Zen nicht anders als im bunten tibetischen Vajrayana.

Im Herzsutra – einem der Basistexte des Mahayana-Buddhismus, zu dem auch das Zen gehört – heißt es „Bodhisattva Avalokitheshvara, in tiefer Versenkung, erkannte, dass alle fünf Skandhas leer sind und überwand so alles Leiden“.

Die „Fünf Skandhas“ sind die Sinneswahrnehmungen, zu denen im Buddhismus nicht nur das Hören, Sehen, Riechen und Schmecken gehört, sondern auch alle Gefühle, Gedanken und das Ich-Bewusstsein.

Alle dies, lehrte Buddha, ist nicht – wie es uns unser Körper und unser Geist vorgaukelt – fraglos gegeben und absolut, sondern bedingt.

Jeder Sinneseindruck, jede emotionale Reaktion darauf, alle Gedanken, die wir uns über äußere Reize und innere Zustandsveränderungen machen und all die Schlüsse, die wir daraus in Bezug auf unser „Ich“ ziehen, sind vollkommend subjektiv, vom Augenblick, und von äußeren und inneren situativen Gegebenheiten, abhängig.

Deshalb sind sie in ihrer Bedingtheit und Flüchtigkeit ohne Substanz: sie sind leer.

Wer dies erkennt und versteht, ist von allen Leiden befreit.

Darum besteht die einzige Funktion des Lehrers im Zen darin, seine Schülern mit allen Tricks und Mitteln ins „Nichts“ zu bringen.

Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr sitzt der Lehrer deshalb in der Mitte seiner Schüler und referiert in seinen Teshos über Leerheit.

Nur: wie erklärt man etwas, das es nicht gibt?

Die Lehrer der Zen-Linie „Leere Wolke“ am Hof haben unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden.

Es gibt die „Prediger“, die jedes Tesho mit einem klassischen Text aus der Zen-Literatur eröffnen und dann, im Stil einer protestantischen Predigt, eine Textexegese vornehmen .

Es gibt die „Pragmatiker“, die das Prinzip der Leerheit anhand aktueller Alltagsereignisse aufdröseln.

Es gibt die „Humoristen“, die ihre Schüler mit kurzweiligen unterhaltsamen Anektdoten zur Erleuchtung bringen wollen.

Und dann gibt es am Hof noch meinen Lehrer, der das Problem der Leerheit wissenschaftlich angeht. Irgendwie schafft er es, habe ich über die Jahre gelernt, aus allem, was gerade en vouge ist, Zen zu extrahieren.

Wir hatten Tiefenpsychologie, Emotionstheorien, Sprechakttheorien und Dekonstruktion. Seit ein paar Jahren sind es die Erkenntisse der Neurowissenschaften, die für die Erklärung der „Leerheit“ herhalten müssen.

Früher oder später findet fast jeder Schüler am Hof „seinen“ Lehrer, der ihm das Prinzip der „Leerheit“ auf eine, für ihn verständliche Weise, vermitteln kann.

Aber grundsätzlich bleibt es ein schwieriges Geschäft, Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr über „Nichts“ referieren zu müssen.

Sitzen

Ein paar grundsätzliche – und nicht immer ganz ernst gemeinte – Gedanken zur Praxis des Meditierens im Zen des Spirituellen Zentrums…

Im Zen ist das Meditieren im Zazen – der Präsenz in offenem Gewahrsein – essenziell. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber kein Mensch am Spirituellen Zentrum sagt „Zazen“. Alle sprechen nur vom „Sitzen“.

„Ich sitze immer morgens“, heißt es. Oder „Ich sitze schon seit zwanzig Jahren.“ Für Außenstehende klingt das sicher schräg.

Wer es im Zen zu etwas bringen möchte, heißt es im Spirituellen Zentrum, der müsse täglich vierzig Minuten lang „Sitzen“ und dazu noch zwei Sesshins im Jahr „Durchsitzen“.

Das schwarze Meditationskissen heißt im übrigen „Zafu“. Die meisten Zen-Praktizierenden haben eine sehr persönliche und enge Beziehung zu ihrem häuslichen Zafu.

Wobei viele Zen-Praktizierende nicht auf dem Zafu Platz nehmen, wenn sie meditieren. Nicht jeder verfügt über die – für das Sitzen auf dem Zafu erforderliche – Beweglichkeit der Hüft- und Kniegelenke. Alternativ gibt es hölzernen Meditationsbänckchen, auf denen man kniend Platz nimmt.

Für die, denen auch das Meditationsbänckchen noch zu unbequem ist, gibt es Meditationshocker ohne Rückenlehne.

Es gibt auch Achtzigjährige, die auf dem Zafu sitzen. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Früher oder später, weiß der Zen-Jünger, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Meditationshocker landen. Das ist der Lauf der Zeit. Die einen erwischt es eher, die anderen später…

Während der Retreats stellt man schnell fest, dass sich die Praktizierenden nicht nur in ihren Sitzgelegenheiten, sondern auch in ihren „Sitzgewohnheiten“ unterscheiden. Das lässt sich unschwer erkennen, wenn man während des Kinhins – der Gehmeditation – im Kreis durch das Zendo läuft und dabei den Blick über die Sitzunterlagen schweifen lässt.

Es gibt ein paar Grundtypen von Sitzern, die ich hiermit vorstelle:

Typus eins ist „Der Purist“. In seiner Reinform ist er immer männlich. Das einzige, was der Purist auf seinem Platz duldet, ist ein – möglichst kleines – schwarzes Kissen. Das war es.

Kissen, muss ich dazu sagen, gibt es am Hof in drei Größen: klein und rund, flach und breit, und dazu noch die hohe runde Variante.

Puristen wollen den Zen von Zen. Sie suchen nicht nur Erleuchtung, sondern auf dem Weg dorthin auch körperliche Herausforderung und sportlichen Wettkampf. Je kleiner das Kissen, desto besser der Sitzer, so die Logik der Puristen. Das kleine Kissen wird hier zum Statussymbol. Die Botschaft: „Ich bin so ein harter Kerl, dass ich ein komplettes Sesshin auf DIESEM kleinen Kissen durchsitze!“

Es gibt auch die weibliche Variante der Puristen. Die ist ebenfalls fokussiert auf ein einziges und möglichst kleines Kissen. Nur habe ich noch keinen Sitzplatz einer Frau gesehen, auf dem sich – neben dem allerkleinsten schwarzen Kissen – nicht auch noch eine Decke befunden hätte. Frauen frieren eben schneller als Männer.

Typus zwei ist dafür ausschließlich weiblich: Das sind die „Hygge-Sitzerinnen“. Ihre Sitzplätze sehen einladend kuschelig aus. Dafür scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie bringen ihr eigenes geschmackvolles Sitzkissen oder -Bänkchen von Zuhause mit, dazu farblich passende Decken. Meist eine als Unterlage unter das Sitzkissen und eine zweite zum Zudecken, wenn es beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren zu kalt werden sollte.

Zusätzlich haben sie meist auch noch – ebenfalls farblich perfekt abgestimmt – kleine Kissen auf dem Platz liegen, wenn zwischendurch mal die Knie schmerzen sollten. Und oben drauf noch ein schönes – ebenfalls farblich stimmiges – Plaid – dass sie beim Kinhin über die Schultern werfen. In jedem Sesshin sind ein oder zwei Frauen dabei, die das Zen-Hygge zur Perfektion gebracht haben.

Typus drei ist „Der bequeme Sitzer“. Die gibt es in der weiblichen wie männlichen Variante. Die Haltung ist: wenn man sich schon etwas so anstrengendes wie ein Sesshin zumutet, dann soll es so schmerzfrei und komfortabel als möglich ablaufen.

„Bequeme“ mauern sich auf ihrem Platz mit Sitzgelegenheiten, Decken und Kisschen in allen Größen und Variationen regelrecht ein. Mit dem Ziel, für jeden Modus und für jedes Zipperlein sofort die passende Lösung zur Hand zu haben.

Das ist der Typus, der sich in dauerndem Kampf mit dem Assistenten befindet, der versucht, das Horten von Sitzgelegenheiten am Platz einzudämmen.

Dann gibt es noch „Chaos-Sitzer“: die nehmen alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit in das Zendo und lagern sie auf ihrem Platz. Was ebenfalls den Assistenten auf dem Plan ruft. Chaos stört die Konzentration, erklärt er dann.

„Chaos-Sitzer“ sind im Zen aber eine seltene Erscheinung. Der durchschnittliche Zen-Praktizierende ist ordentlich und gut organisiert.

Die Mehrheit der Zen-Praktizierenden changiert irgendwo zwischen den Extremen. So wie ich. Ich bin, nach Jahren Meditationspraxis, irgendwo zwischen „Purist“ und „Bequem“ angelangt.

Regelmäßig vor dem Beginn eines Sesshins mahnt der Assisstent, man solle es mit dem Ehrgeiz im Sitzen nicht übertreiben. Jeder – erklärt er – solle eine Stufe unter seiner anspruchsvollsten Sitzkomposition wählen. Auf das sich niemand verletze und sich selbst Schäden zufüge.

Ein weiser Ratschlag. Ich lernte ihn erst zu befolgen, nachdem ich mir im Versuch, eines meiner ersten Sesshins im vollen Lotus-Sitz „durchzusitzen“, beinahe meine Hüftgelenke ruiniert hätte.

Auch ich war zu Beginn meiner Zen-Karriere „Puristin“. Ich musste viele Stunden und Tage auf meinem kleinen schwarzen Kissen leiden – und mir noch dazu eine ganze Sammlung verbale Ohrfeigen meines Zen-Lehrers im Dokusan abholen – bis ich bereit war, meine aggressiven Ansprüche an meinen Körper aufzugeben. Der Wechsel vom kleinsten zum größten schwarzen Kissen während meines fünften Sesshins war ein Meilenstein in meiner spirituellen Entwicklung. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Seitdem sitze ich nicht nur entspannter: ich bin auch in Bezug auf Essen, Sport treiben, Schlaf und alle anderen Bedürfnisse meines Körpers, nachsichtiger mit mir geworden.

Das ist das Prinzip des „Sitzens“: Zazen lehrt nicht einfach nur Achtsamkeitsmeditation. Die Praxis schreibt sich über die Jahre schleichend in das Gehirn und den Körper ein. Ohne dass dieser Prozess bewusst zugänglich wäre, verkörpert man irgendwann Zazen.

Die Praxis wird zur Haltung. Und macht das Leben zwar nicht einfach oder unkompliziert – eher im Gegenteil – aber dafür reich und spannend.

Kinhin

Das Kinhin – die Meditation im Gehen – ist das zweite Kernelement des Zen im Spirituellen Zentrums…

Neben dem Zazen – dem stillen Meditieren im Sitzen – gibt es im Zen noch eine zweite Form der Meditation: Kinhin – das meditative Gehen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Es gibt die flotte Variante, bei der zügig im Kreis gegangen wird. Am Hof läuft sie unter „Schnelles Kinhin“.

„Langsames Kinhin“, wird am Hof immer vor dem Tesho – dem Abendvortrag des Lehrers – praktiziert. Dann bewegt sich die ganze Sangha im Gänsemarsch durch das Zendo, indem jeder sehr langsam einen Fuß vor den anderen setzt.

Ich war aber auch schon mal bei einer Soto-Zen-Gruppe zu Gast. Bei denen – lernte ich – bedeutet „Kinhin“ seeeeeehr langsam zu gehen. Nach einer Viertelstunde Kinhin hatte ich mich etwa dreißig Zentimeter durch den Raum bewegt. https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Interessante Erfahrung…

Während eines Zen-Retreats ist es nur dem Assistenten, der die schweigende Gruppe durch die Tage führt, erlaubt, zu sprechen. https://www.water-runs-east.eu/schweigen/

Der Assistent ist jedoch darauf fokussiert, so wenig Worte als möglich zu verlieren.

Während des Zen-Retreats soll der analytischen Geist der Meditierenden vollkommend zur Ruhe kommen. Schon Gesprochenes zu hören, aktiviert ihn.

Deshalb lenkt der Assistent die Sangha nicht durch Sprache, sondern durch Klänge.

Im Rinzei-Zen – und damit am Hof – sind sein wichtigstes Instrument zwei einfach braune Klanghölzer.

Jeder Tag eines Sesshins am Hof startet um 5:25 Uhr mit dem morgendlichen Kinhin. Der Beginn des meditativen Gehens wird vom Assistenten lautstark angekündigt. Dazu stellt er sich in die Mitte des Innenhofs, nimmt in jede Hand eines der kurzen braunen Klanghölzer und schlägt sie rhythmisch aufeinander. Das klingt fast wie ein Trommelwirbel.

Worauf die verschlafenen Mitglieder der Sangha ihre Teetassen auf den Geschirrwagen des Speisesaals stellen und gehorsam den Innenhof betreten, um dort stumm und in sich gekehrt eine halbe Stunde um einen Baum zu laufen.

Die Konzentration liegt während des Gehens – wie im Zazen – auf dem Atem. Dazu kommt der Fokus auf die Bewegung. Der Geist soll im Kinhin so zur Ruhe kommen, dass man sich selbst nicht mehr im Modus von „ich gehe“ erlebt, sondern zum Gehen wird.

Klingt schräg, funktioniert aber.

Zum Ende des Kinhins erklingen wieder die Klanghölzer. Diesmal schlägt der Assistent die beiden Stäbe einmal kräftig aufeinander. Ein lautes Klacken ertönt.

Das bedeutet „Achtung!“

Alle erstarren mitten in der Bewegung des Kinhin, um dann eine aufrechte Stehhaltung einzunehmen.

Der Assistent wartet kurz, dann schlägt er die Klanghölzer ein weiteres Mal aufeinander. Alle falten die Hände vor der Brust und verneigen sich.

Damit ist das Kinhin beendet.

Nach jedem Zazen – das in den Sesshins am Hof zwischen dreißig und vierzig Minuten bewegungsloses Sitzen auf dem Kissen bedeutet – folgen zwischen zehn und fünfzehn Minuten schnelles Kinhin.

Zu Beginn der Übungsblöcke am Morgen, am Vormittag und nach dem Mittagessen wird normalerweise im Freien Kinhin praktiziert. Während der Übungsblöcke – die aus zwei beziehungsweise drei Runden Zazen bestehen – laufen die Teilnehmer im Zendo im Kreis.

Dabei kommt einiges zusammen: im Schnitt legt man während eines Sesshins etwa zehn Kilometer am Tag durch Kinhin zurück.

Immer orchestriert von den Klanghölzern des Assistenten. Ihr Diktat gibt den Abläufe, denen sich Praktizierende im Rinzei-Zen zu unterwerfen haben, die Anmutung von Exerzierübungen.

Das Rinzei-Zen war im Mittelalter Teil der Elite-Ausbildung der Samurai, der adeligen Kriegerkaste Japans.

Auch heute noch wird, wer sich den Regeln des Rinzei-Zen unterwirft, mit den Jahren zum Krieger – oder zur Kriegerin.

Das muss man mögen.

Ich finde: es hat was…

Grundsätzliches über Zen

Das Zen des spirituellen Zentrums hat seine Wurzeln im chinesischen Chan. Der ist ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus. Das verleiht dem Zen in der Familie der buddhistischen Traditionen eine Sonderstellung…

Was viele nicht wissen: Zen ist keine originär japanische Erfindung, sondern stammt aus China.

Die indische Religion des Buddhismus gelangte im 2. Jahrhundert nach Christus nach China, wurde dort heimisch und zur dritten Staatsreligion neben Konfuzianismus und Daosimus.

Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte verschmolz der Buddhismus in China mit dem Daoismus.

Der Daoismus wurzelt in Jahrtausende alten schamanischen Traditionen und erhielt durch Laotse im 4. Jahrhundert vor Christus eine ganz eigene Philosophie. Laotse lehrte, dass das „Dao“ das „höchste Mysterium“ darstellt. Ihm sind alle kosmischen Prozesse unterworfen. Das Dao repräsentiert sowohl Sein als auch Nicht-Sein und vollzieht sich in unaufhörlichem Wandel.

Der Daoismus hat kein Gottesbild. Das Dao wird als mysteriöses Naturgesetz verstanden, dessen Kräften alles unterworfen ist.

Im Ergebnis entstand im 5. Jahrhundert nach Christus im Norden Chinas das Chan. Es waren Wandermönche, die sich vom traditionellen Buddhismus, wie er in chinesischen Klöstern nach indischer Tradition praktiziert wurde, distanzierten. Dort lag der Fokus auf dem Rezitieren von Sutren, dem Praktizieren aufwendiger Riten und dem Vermitteln intellektuellen Wissens über die Lehren des Buddhismus.

Die chinesischen Wandermönche suchten den direkten Weg zur Erleuchtung, fokussierten sich auf Meditation und beriefen sich dabei auf den historischen Shakayamuni.

Auch Buddha hatte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum nach acht Tagen und Nächten des konzentrierten Meditierens erlangt.

Zuvor hatte er sich an allem versucht, was die spirituellen Traditionen des Hinduismus bereit hielten, um dem Leiden zu entkommen: er hatte diverse Meditationstechniken erlernt und bis zur völligen Erschöpfung praktiziert, er hatte sich kasteit und wäre bei seinem Versuch, durch strenge Nahrungsvorschriften erleuchtet zu werden, beinahe verhungert. Alles war vergebens gewesen.

Am Ende erreichte er durch das Meditieren in offenem Gewahrsein die Erkenntnis über das Entstehen und die Überwindung allen Leidens.

Deshalb, so die chinesischen Wandermönche, reiche diese Praxis der Meditation aus, um Erleuchtung zu erlangen. Alles andere, was der traditionelle Buddhismus noch bereithält, wäre überflüssiger Schnick-Schnack.

Nachvollziehbarer Weise waren traditionelle Buddhisten nicht begeistert von dieser Sichtweise. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die aufmüpfigen Wandermönche zogen durch die Berge Nordchinas, meditierten über viele Jahre und interpretierten die spirituellen Erfahrungen, die ihnen in tiefer Versenkung zuteil wurden, als Mysterienspiele des Dao.

Deshalb hat das Chan eine ganz eigene Philosophie, die Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen nicht ohne weiteres zugänglich ist.

Im 9. Jahrhundert nach Christus kam das Chan durch japanische buddhistische Mönche, die in China in dieser Tradition zu Meistern wurden, nach Japan.

Dort wurde es zum Zen.

In Japan gibt es heute drei Hauptströmungen des Zen-Buddhismus: Soto, Ubaku und Rinzei. Wer im Westen Zen praktizieren möchte, hat üblicherweise die Wahl zwischen Soto-Zen und Rinzei-Zen.

Soto-Zen ist stark vom japanischen Zen-Meister Dogen geprägt. Der erlangte im 13. Jahrhundert in der chinesischen Soto-Tradition Erleuchtung, kehrte danach in sein Heimatland zurück und reformierte dort den japanischen Soto-Zen.

Dogen, der ein bezaubernder Mensch gewesen sein muss, bemühte sich darum, auch Laien den Zugang zum Zen zu ermöglichen. Er – der aus dem japanischen Hochadel stammt – hatte keine Berührungsängste mit dem „einfachen Volk“ und entwickelte eine Meditationspraxis, die auch Menschen mit wenig Bildung und freier Zeit zugänglich war. Er war sehr erfolgreich in seinen Bemühungen. Soto ist bis heute die beliebteste Zen-Tradition in Japan. Sie ist, wie ihr Begründer Dogen, sanft und freundlich.

Die zweite große Zen-Tradition Japans, der Rinzei-Zen, blickt traditionell auf den Soto-Zen herab. Er gilt dort als „Zen der Bauern“.

Rinzei dagegen war das Zen des japanischen Krieger-Adels, der Samurai. Entsprechend elitär und martialisch ist die Tradition das Rinzei-Zen. Das machte ihn anfällig für nationalistische und faschistische Strömungen, die im Zuge der Meiji-Restauration zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan populär wurden.

Der Rinzei-Zen spielte während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle in Japan. Zen-Meister dieser Tradition bildeten zum Beispiel Kamikazi-Piloten aus, die durch Zen-Meditation lernten, ihre Todesangst zu überwinden, während sie ihre Flugzeugen in amerikanische Kriegsschiffe steuerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehrere japanische Zen-Meister als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.

Auch aus diesem Grund beruft sich die Zen-Linie des spirituellen Zentrums weniger auf den japanischen Rinzei-Zen, sondern auf die ursprüngliche chinesische Tradition und ihren Gründer Linij.

Der lebte im achten Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster inmitten eines Gebirges. Er war berühmt für seine Klarheit und berüchtigt für seine Grobheit. Das von ihm bevorzugte Mittel, um seine verstockten Mönche zu tieferer Erkenntnis zu bewegen, war eine saftige Ohrfeige.

Deshalb ist das Zen des spirituellen Zentrums, trotz seiner Hinwendung zum chinesischen Chan, immer noch nichts für sensible Gemüter.

Wer gerne Zen praktizieren möchte und einen etwas weniger rauen Umgang bevorzugt, dem sei eine Soto-Linie empfohlen.

Dokusan

Das Einzelgespräch mit dem Lehrer während des Retreats ist im Zen des Spirituellen Zentrums integraler Bestandteil der Praxis…

Unter jeder der beigen Sitzunterlagen im Zendo befindet sich ein kleiner roter Papierzettel.

Wenn der Assistent zu Beginn einer Meditationseinheit verkündet: „Gelegenheit für Dokusan!“, kann man den Zettel unter der Matte hervorholen und davor platzieren. Dann weiß der Assistent, dass man den Zen-Lehrer sprechen möchte.

Der wartet in einer kleinen Kammer neben dem Zendo auf die Schüler. Wenn er die Glocke läutet, tritt man ein, verneigt sich und nimmt ihm gegenüber auf dem kleinen schwarzen Kissen Platz.

Im Dokusan prüft der Lehrer die Meditation des Schülers. Hat der verstanden, was zu tun ist?

Man sollte regelmäßig den Lehrer konsultieren, wird jedem Zen-Praktizierenden erklärt. Zu recht. Es ist erstaunlich, wie viel man bei einer so simplen Tätigkeit wie Sitzen und Atmen falsch machen kann!

Denn das Zazen ist nicht einfach nur „herumsitzen und entspannen“. Es geht darum, in der Realität anzukommen.

Dummerweise ist das kein Ort, den man freiwillig aufsucht.

Wie der Lehrer nicht müde wird auszuführen, sind wir so gestrickt, dass wir uns automatisch immer in den Modus des „Wohlbefindens“ einschwingen. Darauf ist unser System ausgerichtet. Jeder Einzelne verfügt über eine Fülle von Techniken, um sich im Alltag automatisch zu stabilisieren – und damit einen Schleier aus Phantasien und Konzepten über die Wirklichkeit zu legen.

Die meisten dieser Techniken zerschellen am Zazen. Während der dreißig bis vierzig Minuten des stillen Sitzens auf dem Kissen kann man sich nicht mehr mit Handyscrollen, Textnachrichten schreiben oder dem Gang zum Kühlschrank ablenken. Während der Meditationszeiten darf man nicht auf die Toilette. Man darf sich noch nicht mal bewegen. Selbst das Kratzen an der juckenden Nase oder das Verlagern des schmerzenden Knies sind verpönt.

Heftige Unlustgefühle sind die Folge. Und als einzige Möglichkeit, sich trotzdem emotional in das Gleichgewicht zu bringen, bleibt nur noch der Kopf. Der arbeitet dafür um so hochtouriger: Zukunftsphantasien, Trostworte, Wutanfälle – mit allen Tricks versucht der Geist, der harten Realität zu entfliehen.

Und hier ist der Lehrer gefragt: im Dokusan hört er sich an, was für Ideen, Phantasien und Vorstellungen der Schüler entwickelt, um selbst in dieser misslichen Lage noch irgendwie ein – wie auch immer geartetes – „gutes Gefühl“ zu produzieren.

Worauf der Lehrer zum scharfen Schwert der Logik greift und mit einem entschiedenen Streich alle Gedankenstränge durchtrennt.

Während meiner ersten Jahre Zen-Praxis fühlte ich mich im Dokusan immer wie im „Märchen vom Hasen und vom Igel“. Egal wo ich gedanklich hin flüchtete: der Lehrer war schon da! Das gab er mir üblicherweise mit einer verbalen Ohrfeige zu verstehen. Zen – zumal das der Rinzei-Tradition, zu der meine Linie gehört – ist nichts für empfindsame Gemüter.

Für gewöhnlich bedachte ich, wenn ich nach dem Dokusan die Tür hinter mir zuzog, den Lehrer mit einem stummen „Arschloch!“.

Wenn der Lehrer perfekt ins Schwarze getroffen hatte, verbrachte ich nach einem Dokusan durchaus auch mal ein oder zwei Tage im „Arschloch-Modus“ auf meinem kleinen schwarzen Kissen. Es gibt wenige Menschen, die ich mit derselben Intensität gehasst habe, wie meinen Zen-Lehrer.

Irgendwann lernte ich, dass „Arschloch!“ ein Qualitätssiegel war: der Zen-Lehrer hatte seinen Job wieder einmal gut gemacht.
Früher oder später verrauchte die Wut und ich konnte das Geschenk, das in der Ohrfeige versteckt war, annehmen: ein kleines Stückchen Realität, dass hinter den Wolken meiner Konzepte und Phantasien hervor blitzte.

Zazen

Zazen – das Sitzen in der Stille – ist die zentrale Mediation im Zen des Spirituellen Zentrums…

Es gibt nur wenige Beschäftigungen, die mein pedantisches Ego und meine intuitive Innere Stimme gleichermaßen lieben. Konkret sind das: Wandern, Kochen, Schreiben, Klassische Musik hören – und Zazen.

Beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren in der Stille während eines Sesshins sind meine intuitive Innere Stimme und mein Ego beide glücklich.

Allerdings aus völlig verschiedenen Gründen: der Zendo – und das kleine schwarze Meditationskissen darin – ist einer der ganz wenigen Orte, an denen sich mein ängstliches Ego entspannen kann.

Es darf einfach nur „Da-sein“ und dabei dem Atem lauschen, der kommt und geht, den Körper spüren, der unbewegt im Lotussitz auf dem kleinen schwarzen Kissen platziert ist – und zur Ruhe kommen.

Es muss nichts kontrollieren – es ist alles perfekt organisiert.

Es muss sich nicht damit herumplagen, was es jetzt, in den nächsten fünf Minuten oder heute Abend tun oder lassen soll – es ist alles festgelegt.

Es muss sich nicht überlegen, wie es irgendjemand irgendwas erklärt – während der nächsten Tage ist Sprechen verboten.

Es muss nicht ständig die Umgebung nach Gefahren scannen und Überlebensstrategien durchspielen – der Hof ist „Safe Space“.

Das Ego darf sich zurücklehnen, alle Viere von sich strecken und zum Mitläufer werden. Was es genießt.

Mein Ego ist – das habe ich durch Zazen gelernt – von bescheidener Natur: es hat weder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, noch möchte es über andere bestimmen. Im Gegenteil: das sind genau die Modi, in denen es sich unwohl fühlt.

Mein Ego ist kein egozentrischer Tyrann. Mein Ego ist ein ängstlicher Neurotiker. Es will Ordnung und Struktur. Menschen und Situationen sollen berechenbar, alles Notwendige zuverlässig vorhanden sein.

Dann ist es gut, findet das Ego. Mehr braucht es nicht.

Für all das ist am Hof gesorgt. Sobald der Assistent mit dröhnendem Gongschlag die erste Runde Zazen zu Beginn eines Sesshins einläutet, geht das Ego auf seinem kleinen schwarzen Kissen deshalb in den Entspannungsmodus über.

Und meine intutitive Innere Stimme atmet erleichtert auf: Endlich Ruhe!

Bevor die beiden mit Zazen begannen, war meine intuitive Innere Stimme vierundzwanzig Stunden täglich damit beschäftigt, das hysterische Ego zu stabilisieren. Ein Drama jagte das nächste!

Die intuitive Stimme besänftigte und beruhigte, setzte Katastrophen-Phantasien des Egos Happy Ends entgegen, offerierte Ablenkungsangebote – und fühlte sich andauernd erschöpft und überfordert.

Irgendwann ergab es sich, dass sich das neurotische Ego auf dem Hof und in Willigis Ostergottesdienst wiederfand. Die intuitive Innere Stimme wird das ihrige dazu beigetragen haben. Was – und wie das alles zugegangen ist – darüber schweigt sie sich bis heute aus.

Das Ego war von Anfang an begeistert und klagte und jammerte kein bisschen, als ihm die intuitive Innere Stimme den Besuch des Zen-Einführungsseminars vorschlug.

Dort angekommen, saß das Ego keine fünf Minuten das erste Mal in Zazen auf dem kleinen schwarzen Kissen, als es begriff, dass es genau die Tätigkeit und den Ort gefunden hatte, nach dem es sich sein Leben lang gesehnt hatte.

Und die intuitive Innere Stimme musste sich das erste Mal in diesem Leben nicht um das Ego kümmern, sondern konnte sich auf sich selbst konzentrieren.

Ergebnis: so bescheiden und unkompliziert das Ego ist, so dominant und komplex ist die intuitive Innere Stimme.

Das Ego darf im Alltag gerne freundlich und bescheiden sein. Das stört die intuitive Innere Stimme kein bisschen. Auch sie schätzt Harmonie. Je größer die Stille im Außen und Innen, desto besser kann sie wahrnehmen was ist – und sich danach ausrichten.

Denn das ist ihre Funktion: sie hat – in einer Weise, die sich weder verstehen noch durch Sprache erklären lässt – Zugang zu etwas, von dem das Ego keine Ahnung hat. Was das ist, darüber schweigt die Innere Stimme. Und beschränkt sich – wenn das Ego wieder einmal auf Erklärungen drängt – auf ein Lächeln.

Wie immer es auch zugehen mag: wenn das Ego befriedet ist, kann die Innere Stimme beide mit traumwandlerischer Sicherheit durchs Leben führen. Von Wunder zu Wunder, wie sich über die Jahre herausgestellt hat.

Deshalb lieben die beiden Zazen. So einfach ist das…

Autopilot

Im Spirituellen Zentrum ist alles perfekt durchorganisiert. Man kann den Verstand am Ankunftstag am Empfang abgeben und nach dem Ende des Zen-Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen, ohne dass man ihn in sieben Retreattagen auch nur einmal vermisst hätte…

Während eines Sesshins verbringe ich die Nächte auf engem Raum mit anderen Menschen.

Tagsüber ist es nicht anders: Jeder Teilnehmer hat einen festen Platz im Zendo – der Meditationshalle.

Exakt einen Quadratmeter groß sind die beigen Meditationsunterlagen, die an den Wänden entlang ausgelegt sind. Davor hat der Assistent – alphabetisch geordnet – die Namensschilder der Teilnehmer platziert. Man kann sich weder aussuchen wo, noch neben wem man sitzt.

Und auch auf dem eigenen einen kostbaren Quadratmeter ist es nicht erlaubt, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat.

Jeder darf nur so viele Sitzgelegenheiten auf den Platz nehmen, wie gerade benötigt werden, ermahnt der strenge Assistent. Private Dinge haben im Zendo nichts verloren! Und auf dem Platz hat immer Ordnung zu herrschen!

Auch die Kleiderordnung ist festgelegt: am Hof sind keine grellen Farben erlaubt, der Körper soll bedeckt sein und alles was intensiv riecht – vom Parfum über Rasierwasser bis Weichspüler – ist ebenfalls verpönt.

Nichts soll die Sinne von der Konzentration auf das Sitzen und Atmen abhalten.

Nach dem Abendessen – das selbstverständlich im Schweigen stattfindet – beginnt das Sesshin.

Vierzig Leute haben sich diesmal zum Sommertraining eingefunden, stelle ich fest, während wir stumm und bewegungslos vor unseren Matten stehen. In Bezug auf das Geschlecht herrscht Parität. Die Altersspanne reicht von Anfang Zwanzig bis Ende Siebzig.

Bevor er das Sesshin feierlich eröffnet, erklärt der Assistent den wenigen Novizen die Regeln. Tagesablauf, Ordnung am Platz, Schweigen immer und überall.

Besonders wichtig: Pünktlichkeit! Man hat sich fünf Minuten vor dem Beginn jedes Meditationsblocks an seinem Platz einzufinden. Wer zu spät kommt, stört nicht nur die anderen in ihrer Konzentration – und dazu noch das fein abgestimmte Procedere – sondern läuft auch noch Gefahr, sich vor verschlossener Tür wiederzufinden. Dann muss dreißig bis vierzig Minuten gewartet werden, bis der Assistent die Meditationsrunde mit einem kräftigen Gongsschlag beendet und wieder Zutritt zum Zendo gewährt.

Überhaupt läuft der Hof wie ein Uhrwerk. Wenn man die Prozesse einmal verstanden hat – und sie sind so logisch, dass das nicht schwer ist – kann man seinen Verstand bei der Anmeldung am Empfang abgeben und ihn am Ende des Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen.

Es ist, als würde man in einen Fluss steigen. Wenn der Widerstand gegen die dauernde Bevormundung überwunden ist, treibt man durch die Tage, ohne sich auch nur einmal fragen zu müssen: „Was soll ich tun?“

Es ist toll! Ja, wirklich!

Schweigen

Im Spirituellen Zentrum herrscht Schweigen. Nicht nur während der Zen-Praxis, sondern immer und überall. Eine existentielle Erfahrung…

„Ich bin wieder da!“, denke ich beglückt, als ich – den Rucksack über den Schultern – den Innenhof betrete.

Im großen Springbrunnen plätschert das Wasser. Vögel singen in den Bäumen. Auf der Terrasse des Buchladens sitzen ein paar Gäste in der Sonne, trinken Kaffee und blättern in Büchern.

Ich reihe mich in die lange Schlange ein, die, vom Empfang kommend, die Treppe des Eingangsportals hinunter bis auf den Weg reicht. Es ist Sonntagnachmittag und mit dem Abendessen beginnen gleich mehrere Kurse: neben meinem „Zen-Sommertraining“ die „Schwesterveranstaltung“ „Kontemplations-Sommertraining“, dazu noch ein Tai-Chi-Kurs und zwei Selbsterfahrungsangebote mit seltsamen Titeln, die mir nichts sagen.

Als ich nach zwanzig Minuten am Empfangstresen angekommen bin, zahle ich und bekomme den Schlüssel in die Hand gedrückt. Ich bin im Mehrbettzimmer untergebracht. Zusammen mit acht anderen Frauen, wie sich herausstellen wird.

Während meiner Schulzeit besuchte ich jahrelang ein Internat: ich bin es gewohnt, mit anderen in einem Raum zu schlafen. Trotzdem musste ich zu meinem Glück gezwungen werden: für meine ersten Retreats am Hof nahm ich immer ein Einzelzimmer. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.

Allerdings sind Einzelzimmer im spirituellen Zentrum ein rares Gut. Man muss Wochen vorher buchen, wenn man den Luxus eines eigenen Zimmers haben möchte.

Irgendwann beschloss ich spontan, ein Retreat zu besuchen, dass nur wenige Tage später starten sollte. Das Sesshin war noch nicht ausgebucht – aber die Einzelzimmer. Ich fand mich mit einem Bett im Mehrbettzimmer ab – und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass sich das „Rudelschlafen“ positiv auf meine Meditationspraxis auswirkt.

Auf einmal konnte ich mich nicht mehr zurückziehen und das Sesshin für ein paar Stunden „aussperren“. Im Mehrbettzimmer gibt es keine Auszeit von der Praxis!

Ich war auf einmal Tag und Nacht in mitten der Sangha und ununterbrochen den subtilen energetischen und sozialen Prozessen ausgeliefert, die sich während eines mehrtägigen Retreats entfalten.

Auch in der Stille.

Denn am Hof herrscht Schweigen. Immer und überall. Damit man das nicht vergisst, wird man, wo man steht und geht, mit dem oben abgebildeten Symbol daran erinnert. Es klebt buchstäblich überall – und auch an der Tür des Mehrbettzimmers.

Während meiner ersten Retreats war das Schweigen eine Herausforderung. Nicht mehr spontan bei den Mahlzeiten den Tischnachbarn um Butter oder die Käseplatte bitten können. Keine Entschuldigung mehr aussprechen, wenn ich versehentlich jemanden in der engen Umkleide auf die Zehen getreten war. Nicht mehr „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ wünschen.

Und das für solide fünf, sechs oder sieben Tage!

Nachdem Verwirrung und Stress nachließen, wurde ich – wie die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen – mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt.

Für mich war die entscheidende Erfahrung, wie sehr ich meine Umgebung durch freundliche Kommunikation zu kontrollieren versuche. Das wurde mir aber erst zugänglich, als ich es nicht mehr durfte: die Angst, die mich plötzlich in sozialen Situationen anfiel, die ich nicht mehr durch Sprechen steuern konnte, war heftig.

Es kostete mich anfangs erhebliche Anstrengungen, das Schweigegebot durchzuhalten. Aber die Stille am Hof ist so überwältigend, die Strenge, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, so greifbar, dass ich zähneknirschend den Mund hielt – und die Angst und die heftigen Unlustgefühle, die sie begleiteten, ausstand.

Erste Erkenntnis: die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht „Entschuldigung“ sage. Oder jemandem „Guten Morgen“ wünsche. Oder mit dem Zeigefinger auf die Butter deute und mich lediglich mit einem Kopfnicken beim Tischnachbarn bedanke.

Zweite Erkenntnis: es ist angenehm, nicht dauernd die Bedürfnisse anderer bei jeder Alltagshandlung mit einplanen zu müssen. Ich sorge für mich, halte mich an die Regeln – alle anderen tun das gleiche.

Im Schweigen eine Woche mit acht Frauen im Schlafsaal zu verbringen, ist deshalb gut auszuhalten.

Mehr noch: Es ist erholsam!

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