Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 3 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Schock

Dass ich die Immobilienanzeige des evangelischen Pfarrhauses aus meinem Traum im Internet finde, hebt meine Welt aus den Angeln…

Mitte September war überraschend ein hoher nepalesischer Rinpoche in der Spirituellen WG zu Gast gewesen. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Rinpoche lehrte die Sangha, wie das Rauchopfer Sur praktiziert wird. Und er zeigte uns, wie man Opfer für Nagas – mächtige Wassergeister – vollzieht. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Rinpoche verließ uns, mit dem Versprechen, nächstes Jahr wieder zu kommen – für ein Thröma-Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Nach Rinpoches Abschied treibt mich die Frage um, an welchem Ort die Sangha ihre neu erworbenen Kenntnisse umsetzen, und das Thröma-Retreat stattfinden, soll?

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg ist ungeeignet. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Auch das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain kommt nicht in Frage. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

In der Großstadt ist zu wenig Platz. Der Lärm unserer Instrumente, der Rauch der Opferfeuer – das alles passt nicht hierher.

Wir brauchen Platz, denke ich mir. Und Ruhe.

Wir müssen raus aus der Stadt!

Am Besten – denke ich weiter – an ein Gewässer! Schließlich leben die Nagas im Wasser und in Feuchtgebieten.

Dann mussen wir an diesem Ort allerdings auch übernachten können! Denn Naga Opfer – so hat es uns Rinpoche erklärt – werden am Morgen vollzogen. Vor dem Frühstück!

Vier Tage nachdem uns Rinpoche verlassen hat, bin ich auf dem Weg zum nächsten Privat-Teaching eines anderen hohen nepalesischen Rinpoches. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Im ICE nach München rekapituliere ich, welche Eigenschaften der Ort braucht, an dem die Sangha Praxis machen kann: Er muss abgelegen sein, zähle ich an den Fingern ab, aber trotzdem gut erreichbar. Außer Suiyel hat kein Sangha-Mitglied ein eigenes Auto! Dort muss es Schlafplätze und Verpflegungsmöglichkeit für mindestens fünfzehn Leute geben. Er muss an einem Gewässer liegen. Man muss dort Feuer machen können. Und Krach…

Ich bin mir sicher, dass es irgendwo außerhalb Berlins einen solchen Ort gibt.

Nur: Wie soll ich ihn finden?

Auf dem Rückweg vom Teaching in Oberbayern überkommt mich mit einem Mal das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen würde ein Ort nach mir rufen. Ein „heiliger Ort“ sogar… https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Mit der Bitte um einen Traum, der mir diesen Ort zeigen möge, schlafe ich ein. In der Nacht träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus. Mit einem Weiher vor der Haustür.

Am nächsten Morgen finde ich eine Immobilienanzeige online, in der ein evangelisches Pfarrhaus angeboten wird, das genau dem Haus in meinem Traum entspricht. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Erst bin ich verblüfft.

Dann zweifle ich an meinem Verstand: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Im Zustand innerer Auflösung lasse ich Israfel die Immobilienanzeige zukommen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Mein Herz rast. Ich zittere am ganzen Körper. Verzweifelt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen.

Ich rette mich auf mein Meditationskissen, wie ein Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel. „Einatmend nehme ich wahr, dass ich einatme. Ausatmend nehme ich wahr, dass ich ausatme.“

Nach etwa einer halben Stunde habe ich zumindest genug Abstand zu meinem inneren Chaos entwickelt, dass ich eine Selbst-Diagnose zustande bringe:

Ich stehe unter Schock!

Weiher

Meine Bitte um ein Traum-Zeichen erfüllt sich auf wunderbare Weise. Es lässt mich den heiligen Ort finden, der mich rief…

Das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen gäbe es einen bestimmten Ort, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten, lässt mich auch nach meiner Ankunft in Berlin nicht los. https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Als ich am späten Abend in meinem Zimmer in der Spirituellen WG angkomme, gehe ich sofort ins Bett. Ich bin völlig übermüdet, meine Nerven sind so überreizt, dass ich regelrecht vibriere.

Was ist nur los mit mir?

Während ich versuche einzuschlafen, wird die Energie, die sich in meinem Herzen verankert hat, stärker. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, und leere meine Gedanken.

„Wünsch dir einen Traum“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr.

Ich schrecke hoch. Stimmt! Das hat schon öfter funktioniert!

Ich schließe die Augen, fokussiere mich wieder auf meinen Atem und formuliere bewusst den Wunsch, in dieser Nacht von dem Ort zu träumen, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten.

Mit dem Gedanken an diesen Ort, und dem Fokus auf die fremdartige Energie in meinem Herzen, schlafe ich ein.

Es ist Nacht. Suriyel ist bei mir. Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Das fahle Licht des Mondes fällt durch die Fenster. Unter unseren Füßen knarren Dielenbretter. Die Räume stehen leer. Der Geruch von Staub hängt in der Luft. Hier wohnt schon lange niemand mehr.

Mit einem Mal verändert sich die Perspektive. Ich schaue von oben auf Suriyel und mein Traum-Ich herab. Es ist so dunkel, dass ich die Gesichtszüge meiner Traum-Figuren nur erahnen kann. Ich höre mein Traum-Ich zu Suriyel sprechen. „Das hier ist der Ort, an dem unsere Sangha Praxis machen muss!“, sagt es in bestimmtem Ton.

Mir ist, als würde ich angehoben werden. Mit der Bewegung geht das Wissen einher, dass ich mich gerade in einem alten evangelischen Pfarrhaus befinde. Mein Blick weitet sich. Ich bin im Haus – und gleichzeitig davor. Auf der Wasseroberfläche eines Weihers spiegelt sich der Mond.

Ich wache auf.

Mein erster Gedanke gilt schrägerweise nicht dem Pfarrhaus – sondern Suriyel! In meinem Kopf dröhnt der Satz: „Da macht der doch nie mit!“

Es ist zwei Uhr morgens, stelle ich fest.

Wolfsstunde.

Damit schlafe ich wieder ein.

Am nächsten Morgen erinnere ich mich beim Aufwachen sofort an den Traum. Ein evangelisches Pfarrhaus! Mit einem Weiher davor!

Ich stelle die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und fahre den Laptop hoch. Versuchsweise gebe ich „Evangelisches Pfarrhaus“ und „kaufen“ ein. Und siehe da: die Evangelische Kirche hat ein eigenes Immobilienportal! In der Suchmaske gibt es die Option „Häuser“.

Ich brauche keine halbe Stunde, bis ich es gefunden habe:

Ein rotes Backstein-Pfarrhaus, davor ein Weiher. Baujahr 1800, lese ich. Ortsrandlage. Sanierungsbedürftig.

Das also ist der Ort, der mich gerufen hat…

Ruf

Mich überkommt das seltsame Empfinden, irgendwo dort draußen versuche ein heiliger Ort, mit mir in Kontakt zu treten…

Das Teaching des Hauptlinienhalters im oberbayerischen Wohnzimmer der Dharma-Freundin ging am späten Sonntagnachmittag zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Als ich – die Gedanken immer noch bei Hermes – in München ankomme, ist es bereits Abend. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

Dort verbringe ich die Nacht bei einer Freundin. Die interessiert sich weder für den Dharma, noch für Meditation. Nach zwei Rinpoches in zwei Wochen tut es mir gut, bis weit nach Mitternacht über die ganz normalen Dinge des Lebens zu plaudern.

Am nächsten Tag nehme ich die S-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Wagon ist gefüllt mit schönen Menschen in quietschbunter Trachtenkleidung, die sich gegenseitig fotographieren und dabei lautstark auf Italienisch unterhalten.

Nach jedem Halt erklingt eine freundliche Frauenstimme mit hörbar bayerischem Einschlag, die in Deutsch und Englisch erklärt, dass „Heißluftballons der natürliche Feind der Oberleitung“ wären. Sie sollten doch bitte in „ihrem natürlichen Biotop auf der Wiesn bleiben“.

Am Hauptbahnhof umkreise ich Männergruppen in Lederhos´n und Frauen im Dirndl.

Der ICE nach Berlin ist pünktlich. Ein scharfer Pfiff des Schaffners, das harte Knallen der Türen, dann schiebt sich der Zug aus dem Bahnhof, den alljährlichen Oktoberfest-Wahnsinn hinter sich lassend.

Ingolstadt, Nürnberg, Erlangen, Bamberg. Bayern liegt hinter mir.

Draußen zieht der Thürniger Wald vorbei. Ich bin so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken kann. Die Reizüberflutung, die Energie von Teaching, Praxis und Einweihung durch den Hauptlinienhalter am vergangenen Wochenende, lassen meine Nerven vibrieren.

Ich bin – stelle ich fest, während ich mit zitternden Fingern meine Wasserflasche zuschraube – völlig neben der Spur.

Noch drei Stunden bis Berlin. Ich lehne mich im unbequemen Stuhl zurück, schließe die Augen und versuche, zu dösen. Das gleichmäßige Rauschen des ICE lässt mich in eine Art Trance fallen.

Bilder steigen auf: die bayerische Wallfahrtskirche neben dem Haus der Dharma-Freundin, bei der ich das letzte Wochenende verbracht habe. Vage Bilder eines schamanischen Kultplatzes an der Stelle, an der die Kirche errichtet wurde.

Der Innenhof eines buddhistischen Zentrums in Frankreich, über dem das Deckblatt eines Gedichts für Hermes tanzt, der gerade zum Schützer des Ortes wird. Die Säulen eines antiken Tempels, in dem Hermes gehuldigt wurde, lange bevor an der gleichen Stelle das Zentrum entstand. https://www.water-runs-east.eu/hermes/

„Ein heiliger Ort“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Die Sangha braucht einen heiligen Ort für ihre Praxis!“

Auf einmal ist mir, als würde etwas von meinem Herz Besitz ergreifen. Eine fremde Energie, die – von Außen kommend – einen Anker in meinem Brustkorb schlägt und sich dort ausbreitet.

Begleitet wird das – so irreale wie beängstigende – Gefühl von dem Gedanken, dass dort draußen jemand nach mir ruft.

Ein Ort.

Ich starr aus dem Fenster. Über Brandenburgs Kiefernwäldern wird es Nacht.

„Irgendwo dort draußen“, denke ich, „befindet sich ein Ort mit hoher Energie, der mit mir in Kontakt treten möchte.“

Hermes

Ich bekomme eine spannende Geschichte geschenkt: Jemand erzählt mir von einem griechischen Gott, der zum buddhistischen Schützer wird…

In der Feuerschale ist immer noch ein Rest Glut, stelle ich fest, als ich zu Beginn der Mittagspause des privaten Teachings auf die Terrasse drehte. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dabei liegt das morgendliche Rauchopfer, das die amerikanische Khandro mit uns praktiziert hat, bereits ein paar Stunden zurück. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Weil danach der Lehrer – Rinpoche und Hauptlinienhalter der Düdjum Tersar Tradition – erwartet wurde, haben wir das Feuer nicht wie gewöhnlich herunterbrennen lassen.

Es war die Khandro, die uns darauf hinwies, dass der Respekt vor dem hohen nepalesischen Gast gebietet, ihn mit wohlriechendem Rauch zu empfangen. So wäre das in seiner Heimat üblich, erklärte sie uns.

Als Rinpoche vor der Haustür steht, brennt in der Feuerschale ein kräftiges Feuer.

Rinpoche tritt auf die Terrasse und blinzelt in die warme Herbstsonne. Nach drei Stunden Teaching in englischer Sprache sieht er müde aus. Zusammen mit seiner Frau nimmt er an einer langen Tafel Platz. Die amerikanische Khandro setzt sich zu ihm und dazu noch ein paar andere. Die Dharma-Freundin, die ihr Haus für das private Teaching zur Verfügung gestellt hat, serviert ihnen Mittagessen.

Ich biege um die Hausecke. Ein paar Teilnehmer des Teachings haben eine Decke im Gras ausgebreitet und veranstalten ein Picknick. Ich darf mich zu ihnen setzen. Wir teilen Baguette, Käse und Obst und plaudern während des Essens. Netterweise wechseln sie mir zu Liebe aus dem Französischen ins Englische.

Die Gruppe – erfahre ich – kennt sich aus Frankreich. Vor einiger Zeit haben dort alle gemeinsam ein Dreijahres-Retreat absolviert.

Ich bin beeindruckt: Ich sitze doch tatsächlich unter lauter Lamas! Denn der Abschluss eines Dreijahres-Retreats ist in der tibetischen Tradition verpflichtend, um Buddhismus lehren zu dürfen.

Direkt hinter der Gartenhecke der gastfreundlichen Dharma-Freundin steht eine prächtige Kirche. Gerade schlägt die Turmuhr die volle Stunde. Das laute Dröhnen der Kirchenglocken lässt alle Augen zum Kirchturm wandern, der in den strahlend blauen Himmel aufragt.

Ich erzähle der Picknickgesellschaft, dass es sich bei der Kirche – die viel zu groß für die kleine Dorfgemeinschaft ist – um eine Wallfahrtskirche handelt. „Der Legende nach hat an der Stelle, an der die Kirche erbaut wurde, der Heilige, der hier vor mehr als tausend Jahren die Menschen zum Christentum bekehrte, ein paar Blutstropfen verloren.“ Das habe ich am Abend meiner Ankunft im Dorf von der Dharma-Freundin erfahren.

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass an dieser Stelle ein vorchristlicher Tempel stand oder der Ort für heidnische Riten genutzt wurde. Das gab es während der Christianisierung häufig“, fahre ich fort. „Durch Heiligenlegenden wurde der Bau der Kirchen legitimiert.“

„Ach,“ meint einer aus der Gruppe nachdenklich. „Da fällt mir eine Geschichte aus unserem buddhistischen Zentrum in Frankreich ein.“ Der Franzose, der ihm gegenüber sitzt, nickt wissend.

„Das Zentrum, in dem wir das Dreijahres-Retreat absolviert haben, liegt auf einer Hochebene. Genau in der Mitte von drei erloschenen Vulkanen. Auf dem Gipfel des einen Vulkan gab es ein Hotel. Das brannte mehrmals hintereinander aus. Überhaupt passierten in der Gegend immer wieder seltsame Dinge.“

Er nimmt einen Schluck Wasser. „An der Stelle, an der unser buddhistisches Zentrum gebaut worden war, stand in der Antike ein Hermes-Tempel. Und während der Zeit, als wir alle dort im Retreat waren, kam der Rinpoche, der das buddhistische Zentrum leitete, im Traum in Kontakt mit Hermes.“

Der Erzähler nickt in meine Richtung. „Ich weiß das alles so genau, weil ich damals der persönliche Assistent von Rinpoche war. Der war alt und saß im Rollstuhl. Einer von uns musste deshalb Tag und Nacht bei ihm sein und sich um ihn kümmern. Als die Sache mit Hermes passierte, war gerade ich an der Reihe.“

Ich hänge gebannt an seinen Lippen.

„Rinpoche konnte in seinen Träumen Hermes davon überzeugen, zum buddhistischen Beschützer des Zentrums zu werden. Hermes bekam einen neuen Namen.“

Einer aus der Gruppe ruft einen tibetischen Namen. Alle anderen nickten, auch der Erzähler.

„Rinpoche“, fährt er fort, „schrieb ein Gebet für den neuen Schützer des Zentrums. An dem Tag, an dem es das erste Mal gebetet wurde, fand ein großes Fest für Hermes statt, der zum budhistischen Beschützer des Dharma geworden war.“

Der Erzähler zeichnet mit beiden Armen einen Kreis in die Luft. „Wir saßen alle im Innenhof im Kreis. Mein Platz war direkt neben dem Rollstuhl von Rinpoche. Ich war dafür verantwortlich, die Papierstreifen, auf denen das neue Gebet gedruckt war, für Rinpoche umzublättern.“

Er holt tief Luft. „Und in dem Augenblick, als die Instrumente verklungen waren und wir anfangen wollten, es zu rezitieren, fuhr ein Windstoß in die Blätter, erfasste das Deckblatt mit dem Bild von Hermes als buddhistischem Schützer und hob es über unsere Köpfe. Dort schwebte es sacht hin und her. Rinpoche ließ sich davon nicht beeirren. Er begann, das Gedicht laut vorzulesen und wir andere fielen ein. Auf einmal begann das Blatt, das über uns schwebte, wie wild zu rotieren!“

Der Erzähler dreht mit schnellen Bewegungen beide Hände vor der Brust.

„Als wir mit dem Gebet zu Ende waren, stieg das Blatt höher und höher und flog davon.“

Ich bin beeindruckt: „Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit mir geteilt hast!“ Mehr bringe ich nicht heraus.

Kurz darauf ist die Mittagspause zu Ende. Am Nachmittag dürfen wir mit dem Hauptlinienhalter und seiner Frau Thröma praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Zum Abschluss erhalten wir von Rinpoche eine spezielle Throma Nagmo Einweihung. Die Energie während Thröma ist überwältigend. Die Einweihung ist noch viel krasser.

Dann ist das Teaching zu Ende. Völlig überwältigt und konfus verabschiede ich mich von meiner amerikanischen Khandro. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Sie schaut ein bisschen irritiert, als ich ihr den weißen Katak mit einem Umschlag hinhalte, in dem zwei Scheine stecken. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Dann legt sie mir den Schal um den Hals, nimmt den Umschlag entgegen und verabschiedet mich nicht – wie sonst immer – mit einer Umarmung, sondern auf traditionelle tibetische Weise, indem sie ihre Stirn an die meine drückt.

Netterweise nimmt mich ein anderer Teilnehmer des Teachings in seinem Auto mit nach München.

Am Irschenberg ein letzter Blick auf die bayerischen Alpen. Der übliche Stau vor Weyarn. Während ich in der Abendämmerung durch die Windschutzscheibe auf die Asphaltwüste der A8 starre, kreisen meine Gedanken um Hermes.

Linienhalter

Fünf Tage, nachdem ich Rinpoche in Berlin verabschiedet habe, treffe ich den nächsten hohen nepalesischen Lama – diesmal am bayerischen Schliersee…

Am Samstag, dem 14. September, habe ich Rinpoche, nach seinem Teaching bei uns in der Spirituellen WG, am Berliner Flughafen verabschiedet. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Am Donnerstag, dem 19. September, schleppe ich früh am Morgen meinen Koffer die Treppen der Spirituellen WG hinunter. Der Trecking-Rucksack, den ich auf dem Rücken trage, ist bis oben hin voll.

Auf den Stufen breche ich beinahe unter dem Gewicht zusammen.

Den ratternden Koffer hinter mir herziehend, eile ich zur S-Bahnhaltestelle Schönhauser Allee. Um kurz nach acht Uhr geht der ICE vom Hauptbahnhof.

Ich bin auf dem Weg zum nächsten Teaching.

Die Veranstaltung ist so privat wie hochkarätig.

Dass ich – als kleine unbedeutende und unerfahrene Laien-Praktizierende – dazu eingeladen wurde, verdanke ich der Tatsache, dass ich letzte Woche „meinen“ Rinpoche zu Besuch hatte. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Der hat bei dieser Gelegenheit einige Ritualgegenstände aus Nepal für eine Dharma-Schwester aus Bayern bei mir zurückglassen, mit der wir beide befreundet sind.

Eigentlich war vereinbart, dass die Dharma-Schwester die große Tüte während ihres nächsten Besuchs in Berlin bei mir abholen wird.

Nun hat es sich aber so ergeben, dass völlig überraschend im Wohnzimmer dieser Dharma-Schwester ein Teaching stattfinden wird. „Sie ist dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, pflegt man in meiner bayerischen Heimat zu sagen.

Genau dort wird auch das Teaching stattfinden: nur zehn Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, im Landkreis Rosenheim.

Ich bin also an diesem Donnerstagmorgen „back to the roots“. Denn die Dharma-Schwester braucht für das überraschende Teaching ganz dringend die schwere Tüte von Rinpoche.

So kommt es, dass ich – nur fünf Tage, nachdem ich Norbu Rinpoche verabschiedet habe – auf den nächsten Rinpoche treffe.

Die Dharma-Schwester holt mich vom Regionalbahnhof ab. Gemeinsam wuchten wir meinen schweren Koffer in ihr Auto. Mit einem erleichterten Seufzer lade ich auch noch meinen prall gefüllten Rucksack darin ab.

Dann machen wir uns zu Fuß auf die Suche nach Khandro-La. Denn meine amerikanische Khandro ist extra für das Teaching aus den USA nach Deutschland gekommen! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten am Ufer des Schliersees entdeckt haben, laufen wir zu viert zur Ferienwohnung, die die Dharma-Schwester für den – uns allen nicht persönlich bekannten – Rinpoche gebucht hat.

Der ist nicht einfach nur ein anerkannter wiedergeborener hoher Lama – die Bedeutung von „Rinpoche“ – sondern gleichzeitig auch noch Hauptlinienhalter einer Traditionslinie der tibetisch-buddhistischen Nyingma-Schule und Abt eines nepalesischen Klosters.

Während wir im Wohnzimmer der Ferienwohnung auf die Ankunft des Linienhalters warten, habe ich Gelegenheit, meiner Khandro Fragen zu stellen. Sie ist erkennbar nicht begeistert davon – sie ist im Urlaub – lässt sich aber dann doch darauf ein.

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Der Mann, der Rinpoche vom Münchner Flughafen abgeholt hat, teilt uns mit, dass der Linienhalter in zehn Minuten vor der Tür stehen wird.

Wir ziehen Schuhe und Jacken an und reihen uns auf dem Parkplatz vor der Ferienwohnung auf. Ganz vorne steht die Khandro, gefolgt von ihrem Lebensgefährten. Neben ihm hat sich die Dharma-Schwester postiert. Ich bilde das Schlusslicht.

Jeder von uns hat einen weißen Schal – einen Katak – und einen Briefumschlag in der Hand. Darin: Zwei Geldscheine für den Linienhalter. Denn die Zahl eins bringe Unglück, erklärte uns die Khandro, als wir im Wohnzimmer die Umschläge füllten.

Nun stehen wir fröstelnd auf dem Parkplatz und halten nach einem schwarzen Mercedes Ausschau. Über uns ragt der Wendelstein empor, sein imposanter Gipfel ist mit Schnee bedeckt. In den letzten Tagen hat es bis ins Tal hinunter geschneit.

Während wir warten, erzählt uns die Khandro, dass der Linienhalter in Nepal immer in einer Prozession das Haus verlässt. Vor ihm geht einer, der ein Weihrauch-Fass schwenkt, vier andere tragen den Baldachin. Passanten werfen sich bei seinem Anblick zu Boden.

Im Vergleich dazu muss dem Linienhalter der Empfang vor der Ferienwohnung am Schliersee mehr als bescheiden erscheinen: Vier verfrorene Westler, die ihm mit tiefer Verbeugung Katak und Umschlag entgegenstrecken.

Er begrüßt jeden von uns herzlich, legt mit strahlendem Lächeln Katak um Katak um die Hälse, drückt seine Stirn an die unsere und verschwindet nach ein paar freundlichen Worten an die Khandro zusammen mit seiner Frau in der Ferienwohnung.

Nachdem wir Khandro-La und ihren Lebensgefährten im Haus der Dharma-Schwester abgeladen haben, fährt die mich in meine Ferienwohnung. Der Bauernhof, in dem sich die Ferienwohnung befindet, liegt in einem winzigen Weiler oberhalb des Dorfes der Dharma-Schwester. Morgen werde ich zu Fuß zu ihr laufen. Ich freue mich schon darauf.

Abends, im fremden Bett in der unbekannten Wohnung, umgeben vom aus der Kindheit vertrauten Geruch nach Heu und Kuhstall, siniere ich über mein Leben.

Dass ich heute in dem katholischen oberbayerischen Landkreis, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, dem Hauptlinienhalter der Geluk-Tradition der Dudjom-Tersar-Linie des tibetischen Nyingma-Buddhismus vorgestellt wurde, ist mehr als schräg.

„There is no such thing as an accident“, denke ich beim Einschlafen.

Retreat

Bevor er uns verlässt, macht mir Rinpoche ein Versprechen – und erteilt mir einen Auftrag…

Zum Abschluss seines Besuchs in der Spirituellen WG hat sich Rinpoche eine Stadtführung durch Berlin gewünscht. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Während Rinpoche in meinem Zimmer seinen Koffer packt, beseitigt die Sangha alle Spuren des improvisierten Teachings. Es dauert nicht länger als eine Stunde, bis alles wieder an seinem Platz ist. https://www.water-runs-east.eu/teaching/

Die Mitglieder meiner Sangha wuseln durch die Räume, jagen Treppen hoch und Treppen hinunter, schleppen Gegenstände, putzen, spülen und räumen. Jeder Griff sitzt. Kein überflüssiges Wort wird verloren.

Ich habe – denke ich dankbar – eine unglaublich tüchtige Sangha.

Und eine liebenswerte noch dazu…

Rinpoche, so mein Eindruck, sieht es nicht anders. Als er – zusammen mit sechs Mitgliedern der Sangha – unter der Führung von Esther zur Sightseeing-Tour durch Berlin aufbricht, wirkt er rundum glücklich.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schließe ich die Haustür hinter der vergnügten Truppe. Jetzt, wo alles überstanden ist, merke ich erst, wie erschöpft ich bin.

Die Tage mit Rinpoche waren schön – und anstrengend.

Ich habe drei Stunden Zeit, um mich etwas zu erholen. Die Stadtführung soll um vierzehn Uhr zu Ende sein. Danach wird Rinpoche noch einen Abschiedslunch in dem veganen chinesischen Restaurant einnehmen, in dessen Keller wir vor ein paar Monaten ein Rauchopfer abgehalten haben. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Suriyel hat dort einen Tisch für Rinpoche und die Sangha reserviert. Nach dem Essen will Suriyel unbedingt Rinpoche das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain zeigen. Vom chinesischen Restaurant bis zum Zentrum sind es nur fünf Minuten zu Fuß.

Spätestens um 16 Uhr müssen wir zum Flughafen aufbrechen. Rinpoche wird am Abend nach Florenz fliegen. Dort erwartet in eine italienische Sangha für ein Retreat.

Rinpoche ist ein viel beschäftigter Mann. Und begehrt. Sein Besuch in Berlin ist eine große Ehre.

Während ich mein Zimmer wieder in Besitz nehme – während der letzten drei Tage war dort Rinpoche untergebracht, ich durfte bei Maktiel übernachten – denke ich darüber nach, wie es mit uns und Rinpoche weitergehen wird.

Alle aus der Sangha wünschen sich, dass Rinpoche nächstes Jahr wieder zu Besuch kommt!

Ich habe deshalb beschlossen, ihn heute einzuladen, ein weiteres Mal zu uns zu kommen.

Nur: Was soll er unterrichten?

Während ich den Altar in meinem Zimmer wieder aufbaue, grüble ich vor mich hin. Gedankenversunken platziere ich meine Grüne Tara auf dem Podest. Dann greife ich zu Throma Nagma. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Rinpoche hat vorletzten März entschieden, dass Thröma – die Sadhana der zornvollen schwarzen Göttin des Todes und der Friedhöfe – meine Hauptpraxis ist.

Ich habe ein siebentägiges Thröma-Retreat bei ihm absolviert, aber die Sadhana seitdem nicht mehr praktiziert. Mir fehlt es an Übung, um sie alleine zuhause zu machen. Ich brauche ein weiteres intensives Retreat, um sie sicher zu beherrschen.

Wenn es nach mir ginge, würde ich mir deshalb wünschen, dass Rinpoche uns in Thröma unterweist.

Aber ist das auch das Beste für die Sangha?

Thröma ist eine zornvolle Praxis. Wer Thröma praktiziert, gewinnt an Kraft und Klarheit. Aber Thröma ist nicht ungefährlich. Wer die Praxis aus den falschen Motiven praktiziert, wem es an den rechten Voraussetzungen dafür mangelt, kann erhebliche Schäden davon tragen.

Als ich um kurz nach dreizehn Uhr zur S-Bahn eile, habe ich für mich beschlossen, die Entscheidung Rinpoche zu überlassen.

Am Ende des gemeinsamen Essens im Chinesischen Restaurant findet sich eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Rinpoche zu sprechen.

Der sieht in etwa so müde aus, wie ich mich fühle. Er hört mir trotzdem konzentriert zu, als ich ihn frage, ob er uns denn nächstes Jahr wieder besuchen kommen möchte?

Er nickt zustimmend. „Next June I will come again.“ Ich muss mich beherrschen, ihm nicht um den Hals zu fallen.

„What would you like to teach us?“, frage ich ihn.

„Something you are lacking,“ kommt es zurück.

Jetzt wage ich es doch, zu fragen: „Could you teach us Thröma? I would like to build up a regular Thröma group!“

„Does a Thröma group exist in Berlin?“, fragt mich Rinpoche.

„No. Not as far as I know.“

„Then this is a really good idea!“

Ich spüre ein nervöses Ziehen im Magen! Er wird doch tatsächlich Thröma unterrichten! Es besteht die realistische Hoffnung, dass ich in naher Zukunft regelmäßig in einer festen Gruppe praktizieren kann!

„How long do you plan to teach us?“, erkundige ich mich. Ich rechne mit drei oder vier Tagen. Mehr Zeit, denke ich mir, hat er sicher nicht für uns.

„A week.“

Eine komplette Woche mit Rinpoche!

„You will have to organize the retreat. Three or four people.“, führt Rinpoche weiter aus.

„No way, Rinpoche. I will try to find at least ten people! You should earn a bit of money with your teaching!“ Dass er bereit ist, faktisch umsonst eine Woche zu opfern, berührt mich sehr.

Ich habe in diesem Moment keine Ahnung, an welchem Ort ich nächsten Juni ein Retreat organisieren soll. Die Spirituelle WG eignet sich nicht dafür. Und woher ich zehn Leute nehmen werde, die qualifiziert und bereit sind, sich den Verpflichtungen zu unterwerfen, die mit der Einweihung für Throma Nagmo einher gehen, weiß ich auch nicht.

Ich weiß nur, dass ich das hinbekommen werde. Irgendwie.

Am späten Nachmittag stehe ich Rinpoche während des Check-in am Flughafen zur Seite. Als die Ryan Air Angestelle vernimmt, dass es sich bei dem kleinen entspannten Mann vor ihr um einen echten buddhistischen Lama handelt, winkt sie großzügig auch noch Rinpoches zweite Tasche als Handgepäck durch.

Rinpoches riesigen Koffer auf das Förderband zu hieven, ist der letzte Kraftakt, den ich für ihn erbringe.

Während Suriyel auf der Suche nach einem bezahlbaren Parkplatz auf dem Gelände herumirrt, verabschiede ich mich vor dem Gate von Rinpoche.

Als ich eine Viertelstunde später neben dem vor Wut schäumenden Suriyel auf den Beifahrersitz sinke – Kein Parkplatz, aber 4,50€, damit er das Parkhaus wieder verlassen dufte! – vibriere ich vor mich hin.

Throma Nagmo ist in mein Leben zurückgekehrt…

Naga Offering

Zum Abschied vollzieht Rinpoche mit uns im Garten der Spirituellen WG ein Opfer für die mächtigen Wassergeister…

Rinpoche sitzt am Küchentisch und formt Tormas. https://www.water-runs-east.eu/naga-tormas/

Währenddessen bereitet die Sangha die Terrasse der Spirituellen WG für das Naga-Offering vor. Teppiche werden ausgerollt, die Camping-Klapptische aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain im Halbkreis aufgestellt. https://www.water-runs-east.eu/teaching/

In der Mitte des Halbkreises richtet Suriyel den Platz für Rinpoche her. Der bekommt zwei Klapptische: einen für sein Ritual-Equipement, den zweiten für die Tormas.

Ein Dharma-Bruder aus der Sangha hat seine private Bhumpa mitgebracht. Er platziert die Zeremonienvase auf den kleineren von Rinpoches Klapptischen. Wie gut, dass er daran gedacht hat!

Gestern morgen, als Rinpoche das Riwo SangChö – das traditionelle Morgen-Rauchopfer – mit uns vollzog, kam die Zeremonie während der Weihe der Opfergabe zu einem abrupten Halt, weil die Bhumpa fehlte! Mit dem langen, von einer Pfauenfeder verzierten Stil, wird Safranwasser auf der Opfergabe verteilt. Gleichzeitig werden die Zauber-Silben „Ram Yam Kham“ gesprochen.

Das ist der Höhepunkt des Rauchopfers!

Weil ich mein tägliches Rauchopfer ohne Bhumpa praktiziere – ich beschränke mich auf eine Visualisierung des Weihevorgangs – hatte ich völlig vergessen, dass zu einer professionellen Opferung verpflichtend eine Opfervase gehört.

Glücklicherweise ist Rinpoche flexibel. Gestern behalf er sich mit einem chinesischen Esstäbchen in einem Wasserglas. Das war das einzige, das ich – als ich in fliegender Hast in die Küche schoß – finden konnte, das ansatzweise dem Prinzip einer Bhumpa entsprach. Ohne eine Miene zu verziehen schwenkte Prinpoche das Esstäbchen und murmelte, währen ein paar Wassertropfen auf meinen Instant-Powder tropften „Ram Yam Kham“ dazu. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Aber da vollzog er auch „nur“ ein Sang mit uns. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Heute – beim Opfer für die mächtigen wie empfindsamen Wasser-Geister – soll alles möglichst vorschriftsmäßig ablaufen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn wir versehentlich unsere Naga-Gäste kränken! https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Wie gut, dass ich eine tüchtige Sangha habe…

Aus der haben sich heute dreizehn in der Spirituellen WG eingefunden. Das bringt die Terrasse an ihre Kapazitätsgrenzen. Es dauert ein bisschen, bis wir uns so sortiert haben, dass jeder bequem auf seinem Meditationskissen sitzen kann, ohne den Nachbarn ständig die Ellenbogen in die Seiten zu rammen.

Über dem Garten hängt die feuchte Kühle des beginnenden Herbstes. Esther verteilt Decken und Schals.

Nachdem jeder noch eine Kopie des Praxistexte für das Naga-Offering bekommen hat, beobachten wir alle Rinpoche, der inzwischen die beiden Teller mit den Tormas und die Schüssel mit den „Naga-Pills“ auf die Terrasse gebracht hat.

Rinpoche zupft ein paar Stiele und Ästchen von Esthers Sträuchern und Bäumen ab. Damit dekoriert er mit Geschick die Tormas. Sie sehen jetzt aus wie Miniaturlandschaften.

Suriyel hockt vor Rinpoche im Gras. Vor ihm steht das Stativ, in das er sein Handy geklemmt hat. Ich bin froh, dass er heute die Aufgabe übernimmt, das Zeremoniell zu filmen. Das Video ist wichtig! Wir wollen ja, nachdem Rinpoche uns verlassen hat, regelmäßig in Eigenregie Naga-Offerings praktizieren.

Damit wir das dürfen, bekommen die, die gestern nicht beim Teaching über die Nagas dabei waren und deshalb die erste Übertragung verpasst haben, erst einmal das Lung. Denn nur mit der feierlichen Übertragung des Textes durch einen Lama darf eine sakrale tibetisch-buddhistische Praxis eigenständig durchgeführt werden.

Alle sitzen schweigend auf ihren Kissen und lauschen konzentriert Rinpoche, der in rasender Geschwindigkeit den tibetischen Ritualtext vorliest. Während er in monotonem Singsang die Worte rezitiert, legt sich tiefe Stille über den kleinen Garten.

Nachdem das Lung vollzogen ist, beginnt Rinpoche mit dem Offering.

Alle stimmen, den tibetischen Text in Lautschrift vom Blatt ablesenden, in seine Rezitation ein.

Im Gegensatz zu den Rauchopfern Riwo SangChö und Sur, durch die Großzügigkeit praktiziert und karmische Hindernisse beseitigt werden, ist das Naga Offering ein Heilungs-Ritual.

Da Menschen fast vollständig aus Wasser bestehen, sind wir energetisch an die Nagas in unserer Umgebung gebunden.

Ist die Beziehung zum lokalen Wassergeist gestört, oder befindet der sich – aufgrund von Umweltverschmutzung, Eingriffen in seinen natürlichen Lebensraum oder andere Störfaktoren – in innerer Not, kann das zu „Naga-Erkrankungen“ führen.

Durch Naga-Offerings werden die mächtigen Wassergeister besänftigt und ihre Energie balanciert. Karmische Verstrickungen, die uns an bestimmte Nagas binden, werden aufgelöst.

Allerdings muss das Opfer korrekt durchgeführt werden! Wenn man irgendetwas dabei falsch macht, kann das schnell dazu führen, dass man das Gegenteil des Erwünschten erreicht. Nagas sind extrem leicht kränkbar und sehr nachtragend!

Aber heute leitet Rinpoche das Naga-Offering an. Es ist offensichtlich, dass er sein Handwerk versteht!

Er führt uns durch die Einleitung – dort wird der Zweck des Offerings beschrieben – und danach durch die ersten beiden Mantras, die jeweils mit bestimmten Mudras – ritualisierten Handbewegungen – begleitet werden.

Danach werden die Nagas feierlich eingeladen: die acht mächtigsten Wassergeister samt ihrem Gefolge, die Nagas, die über alle fünf Elemente herrschen, danach jene Nagas, die sich zum Buddhismus bekehrt und zu Beschützern des Dharmas geworden sind und schließlich die lokalen Wassergeister.

Während wir – angeleitet von Rinpoche – das Willkommens-Mantra für die Naga-Gäste rezitieren, ist uns, als würde sich die Energie auf der Terrasse und im Garten verdichten.

Der Eindruck verstärkt sich mit jeder Zeile, die wir uns weiter durch den Sakraltext arbeiten.

Das nächste Mantra, wieder begleitet von Mudras. Alle starren konzentriert auf Rinpoches Hände und Arme, um nur nichts falsch zu machen.

Kurz darauf sind wir beim Haupt-Opfer-Mantra angekommen. Während wir es rezitieren, greift Rinpoche zur Karaffe mit der Ziegenmilch. Gerade als er damit beginnen will, sie in die Schüssel mit den Naga-Pills zu gießen, stoppt er.

„Something is wrong with your text! Let me see!“

Ich reiche ihm meine Text-Kopie hinüber.

„No! You have to recite it like this!“ Er spricht uns das Mantra langsam vor. Richtig: Rinpoches Version weicht in mehreren Silben von unserem Text ab.

Jemand holt einen Stift heraus. Rinpoche wiederholt mehrmals die korrekte Schreibweise des Mantras. Der Stift wandert von Hand zu Hand. Jeder, der ihn bekommt, fragt noch mal nach, wie das Mantra denn jetzt genau geht?

Was für ein Chaos! Und das mitten im Opferritual! Vor all den Nagas, die sich um uns versammelt haben!

„Please, Rinpoche!“, flehe ich ihn an. „Let´s carry on!“

Rinpoche, wie immer unerschütterlich, nickt zustimmend, greift wieder zum Krug mit der Ziegenmilch und kippt diese, während er betont deutlich das Mantra rezitiert, in die Schüssel mit den Naga-Pills.

Nach ein paar Runden hat die Sangha den Bogen raus. Wieder und wieder rezitieren wir das Mantra. Die Energie um uns vibriert. Mein Körper bebt.

Nachdem er die Naga-Pills mit der Ziegenmilch verrührt hat, erhält jeder von Rinpoche einen Teelöffel mit Milch aus der Schüssel in die flache Hand. Weiter das Mantra rezitierend, trinken und lecken wir die Flüssigkeit aus der Handfläche. Wer immer an Naga-Erkrankungen leidet: das ist die Medizin dagegen.

Während die Sangha weiter das Naga-Mantra rezitiert, gibt Rinpoche Suriyel und mir ein Zeichen: wir sollen das Naga-Opfer im Garten ausbringen. Suriyel nimmt den Teller mit den Tormas, mir drückt Rinpoche die Schüssel mit den Naga-Pills in der Ziegenmilch in die Hand.

Glücklicherweise hat Suriyel vor dem Beginn des Opfers mit Rinpoche besprochen, an welcher Stelle im Garten die Tormas plaziert werden sollen. Unter der Zypresse, deren Zweige wir immer für das sonntägliche Riwo SangChö im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain verwenden, wäre der richtige Ort dafür, entschied Rinpoche. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Während Suriyel, auf der Wiese kniend, vorsichtig die verzierten Teig-Kegel und die Ästchen-Deko ins Gras stellt, werfe ich schnell ein paar von den mit Milch getränkten Naga-Pills an die Stellen im Garten, an denen Esther in einen Dauerkrieg mit den Brombeer-Ranken verstrickt ist.

„Was machst du da?“, fährt mich Suriyel an. „Die gehören da hin!“ Verärgert nimmt er mir die Schüssel aus der Hand, greift in die Milch, holt die Kügelchen heraus und verteilt sie um die Tormas. Danach kippt er die Ziegenmilch mit einer weit ausholenden Bewegung kreisförmig um Opferkuchen und Naga-Pills.

Das Ergebnis, finde ich, sieht ziemlich professionell aus. Und gleichzeitig so schön wie fremdartig: Ein tibetisch-buddhistisches Torma-Opfer für die Nagas in einem Garten mitten in Prenzlauer Berg!

Von der Terrasse klingt das vielstimmig rezitierte Mantra zu uns herüber.

Suriyel und ich eilen zu den anderen zurück. Nachdem wir wieder Platz genommen haben, spricht die Sangha mit Rinpoche die Abschlussgebete.

Als das Naga-Offering zu Ende ist, gibt es endlich Frühstück. Wir sitzen eng gedrängt um die lange Tafel herum und erklären uns gegenseitig begeistert, was wir doch gerade für ein phantastisches Opfer hatten!

Das wollen wir definitiv öfter machen…

Naga Tormas

In der Küche der Spirituellen WG zeigt uns Rinpoche, wie Opfer-Kuchen für die mächtigen Wassergeister hergestellt werden…

An diesem Samstag ist die komplette Sangha bereits um acht Uhr morgens vollständig in der Küche der Spirituellen WG versammelt. Wir dürfen nur noch wenige Stunden mit Rinpoche verbringen. Am Nachmittag werden Suriyel und ich ihn zum Flughafen bringen. Am Abend wird er in Florenz erwartet. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Am letzten Tag, den er bei uns verbringen wird, macht uns Rinpoche ein besonderes Geschenk: Er wird mit uns im Garten der Spirituellen WG ein Naga Opfer darbringen. https://www.water-runs-east.eu/nagas/

Dass dies möglich ist, verdanken wir zwei glücklichen Umständen: Rinpoche ist einer von wenigen Lamas, die dieses Ritual beherrschen.

Und: Heute ist ein „Naga-Tag“!

Denn Naga-Opfer dürfen nur an „Naga-Tagen“ dargebracht werden. Die werden nach alter tibetischer Tradition berechnet und für jedes Jahr in speziellen „Naga-Kalendern“ festgeschrieben. Während seines gestrigen Teachings über Nagas hat uns Rinpoche eingeschärft, immer den Naga-Kalender zu konsultieren, bevor wir eigenständig ein Naga-Opfer praktizieren.

„Nagas“, erklärte er uns, „schlafen und wachen in einem anderen Rhythmus als wir Menschen. Nur an den Naga-Tagen sind sie wach und freuen sich über ein Opfer! Wenn man an anderen Tagen eine Naga-Zeremonie praktiziert, reißt man sie damit aus dem Schlaf! Das kann schlimme Konsequenzen haben!“

Während wir in der Küche herumstehen und auf Rinpoche warten, konsultiere ich den Naga-Kalender, den Maktiel gestern in die WhatsApp-Gruppe gestellt hat. Monatlich gibt es etwa vier bis zwölf Naga-Tage.

Einzige Ausnahme ist der Oktober. Das ist der Ruhe-Monat der Wassergeister. Rinpoche hat uns ausdrücklich davor gewarnt, im Oktober Naga-Offerings zu machen. Wer in diesem Monat einen Naga aufweckt – und sei es mit den besten Absichten – muss sich auf das Schlimmste gefasst machen!

Dass wir bereits alle um acht Uhr früh versammelt sind, liegt an einer weiteren Besonderheit der Nagas. „Opfer für die Wasser-Geister müssen immer am Morgen dargebracht werden“, hat uns Rinpoche gestern erklärt.

Und: „Wer den Nagas opfert, muss das in nüchternem Zustand tun! Wasser und Tee vor der Zeremonie sind erlaubt, aber kein Kaffee und keine Milchprodukte!“

Deshalb stehen wir alle unausgeschlafen, kaffee-los und hungrig in der Küche herum.

Um kurz vor neun Uhr betritt Rinpoche die Küche. Dass wir alle bereits seit einer Stunde auf ihn warten, ficht ihn nicht an. Freundlich lächelnd und tiefenentspannt nimmt er am Tisch Platz und beginnt mit der Herstellung der Tormas für die Nagas.

Diese traditionellen Opfer-Kuchen sind ein fester Bestandteil jedes Opfer-Rituals im tibetischen Buddhismus. Dabei unterscheiden sich Form, Farbe und Dekoration der Tormas je nachdem, welches Ritual vollzogen und welcher höheren Macht das Opfer dargebracht wird.

Die korrekte Zubereitung von Tormas ist eine Kunst für sich…

Gestern Abend habe ich Rinpoche bereits eine Tüte Haferflocken auf den Tisch gestellt. Die kippt er jetzt in eine große Schüssel. Dann gibt er einen Esslöffel „Naga-Medizin“ darüber.

Das Rezept für diese Naga-Medizin hat er uns gestern eine halbe Stunde lang diktiert. Deshalb wissen wir jetzt, dass es aus siebenundzwanzig Zutaten besteht, die es in gut sortierten Apotheken für traditionelle tibetische Medizin zu kaufen gibt. In Nepal und Buthan. Aber gewiss nicht in Deutschland.

Rinpoche verlangt nach kochendem Wasser und Butter. Umringt von der Sangha, die ihm fasziniert auf die Finger starrt, knetet er einen festen Teig und formt daraus in Blitzgeschwindigkeit zwei schmale Kegel. Um den größeren wickelt er eine Teig-Schlange – Symbol für den örtlichen Naga, dem das Opfer dargebracht wird – und dekoriert ihn mit einer Scheibe, sowie Kügelchen, die er aus Butter formt. Er braucht allerhöchstens 15 Minuten dafür!

Dann greift Rinpoche zu einem etwa dreißig Zentimeter langen braunen Holzstab. Den hat er extra für uns aus Nepal mitgebracht. In das Kantholz sind auf allen sechs Seiten größere und kleinere Wassertiere und andere Figuren geschnitzt.

„Das ist die beste Methode, um Naga-Tormas zu machen!“, erklärt uns Rinpoche, während er mit schnellen Bewegungen zwei schmale Teigstreifen auf das Kantholz drückt und wieder abzieht.

Und richtig: Die beiden Teigstreifen sind jetzt mit winzigen Fischen, Krebsen, Schlangen und anderem Wassergetier verziert.

Aus dem Rest des Teigs formt Rinpoche Kügelchen.

Die Kügelchen gibt er in eine Schüssel. Dann verlang Rinpoche nach der Milch.

Die Milch für Naga-Opfer – schärfte uns Rinpoche gestern während des Teachings ein – darf nur von einer roten Kuh oder einer weißen Ziege stammen!

„Woher soll ich wissen, welche Farbe das Tier hat, von dem die Milch kommt?“, fragte ich Rinpoche verzweifelt, als er mir den Auftrag erteilte, die Milch zu besorgen. Er überlegte kurz: „Wenn das Tier, das auf der Verpackung abgebildet ist, die richtige Farbe hat, reicht das!“

Meine Erleichterung, als ich im Kühlregal des örtlichen Bio-Supermarktes eine Packung Ziegenmilch entdecke, auf der mich eine glückliche weiße Ziege anstrahlt, ist grenzenlos.

Auch Rinpoche nickt zufrieden, als er die weiße Ziege auf der Verpackung sieht. Er schraubt den Deckel ab und füllt den großen Wasserkrug der Spirituellen WG damit bis zum Rand.

Die Tormas für unser Naga-Opfer sind fertig!

Nagas

Im Meditationsraum der Spirituellen WG weiht uns Rinpoche in die Geheimnisse der mächtigen Wassergeister ein…

„Nagas“, erklärt uns Rinpoche, der an der Stirnseite des Raumes auf meinem grünen Samtsessel thront – „sind mächtige Geister, die im Wasser und in Feuchtgebieten leben.“

Die Sangha – um ihn auf dem Boden sitzend – hört gespannt zu.

“Weil wir Menschen fast nur aus Wasser bestehen, gibt es keine Spirits, mit denen wir so eng verbunden sind, wie mit Nagas.“

“Ja!“

Ich bin irritiert: irgendjemand aus der Gruppe begleitet jeden Satz Rinpoches mit zustimmenden Ausrufen.

“Deshalb haben Nagas einen großen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit!“

“Ja!“

Jetzt habe ich den Zuhörer entdeckt, der Rinpoches Ausführungen so geräuschvoll untermalt: Es ist Suriyel!

Ich bin erstaunt – Suriyel ist normalerweise wortkarg und stoisch. Aber jetzt hängt er gebannt an Rinpoches Lippen und scheint nicht zu registrieren, dass ihn alle indigniert anstarren.

Rinpoche fährt ungerührt fort: „Wenn Nagas gestört oder verärgert werden, kann das schlimme Konsequenzen für die Verursacher haben. Hauterkrankungen und alle Krankheiten, die mit einem Ungleichgewicht von Wasser im Körper zu tun haben, sind Naga-Krankheiten.“

Ich versuche, Suriyels zustimmendes „Ja!“ zu überhören.

Rinpoche hebt mahnend den Zeigefinger: „Nagas sind sehr nachtragend. Weil sie viele Jahrhunderte alt werden, verfolgt ihr Zorn nicht nur den Auslöser ihres Ärgers, sondern auch seine Nachkommen. Über Generationen!“

Er räuspert sich: „Zum Beispiel gab es einmal jemanden, der in einen Fluß gepinkelt hat. Der Naga-Fürst des Flusses war so wütend darüber, dass die Nachfahren des Pinklers noch in der fünften Generation von Krankheit und Unglück verfolgt waren.“

Das zustimmende „Ja!“ Suriyels finde ich an dieser Stelle besonders unpassend. Meinen Todes-Blick ignoriert er. Stattdessen hebt er die Hand und feuert seine Frage gleich hinterher: „Was muss man tun, um nicht als Naga wiedergeboren zu werden?“

Ich starre verblüfft zu ihm hinüber. Hat er das jetzt wirklich gerade gefragt? Aber, kein Zweifel – Suriyels Englisch ist ausgezeichnet – er ist wirklich und wahrhaftig besorgt, er könne als Naga reinkarnieren! Dass er nicht im Höllen-Areal oder im Areal der Hungrigen Geister wiedergeboren werden möchte: geschenkt! Aber was soll so schrecklich daran sein, ein mächtiger Wasser-Geist zu sein? Und wie kommt er überhaupt auf diese abstruse Idee?

Den anderen in der Runde ist anzusehen, dass sie Suriyels Frage ebenfalls befremdlich finden. Der Dharma-Bruder, der mir gegenüber auf der anderen Raumseite sitzt, verkneift sich mit Mühe ein Lachen. Auch die anderen versuchen, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen.

Der einzige, der sich von Suriyels Frage nicht irritieren lässt, ist Rinpoche. „Nagas,“ führt er aus, „werden dem Reich der Tierwesen zugeordnet.“

Das finde ich jetzt doch interessant. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass Nagas – die viele Jahrhunderte leben und über große Macht verfügen – im obersten Areal der Götter zu Hause sind.

“Als Bewohner des Tierreichs“, fährt Rinpoche fort, „sind sie dominiert von ihren Instinkten. Wenn jemand vermeiden möchte, als Naga wiedergeboren zu werden, muss er lernen, nicht immer seinen Impulsen zu folgen, sondern über seine Gedanken, Emotionen und Handeln zu reflektieren.“

Er nickt in die Runde: „Deshalb ist unsere Meditationspraxis so wichtig!“

Es war mir bisher nicht bewusst, dass meine tägliche Praxis mit dem positiven Nebeneffekt einhergeht, mich davor zu bewahren, als Naga wiedergeboren zu werden.

Ich blicke ein bisschen milder hinüber zu Suriyel. Der wirkt erleichtert.

Was hat er nur mit den Nagas?

Nachdem Rinpoche seine Ausführungen über die mächtigen Wassergeister beendet hat, ist Suriyel wieder so wortkarg und verschlossen wie üblich.

Ich gehe davon aus, dass ich nie erfahren werde, welche spezielle Beziehung er zu Nagas hat…

Teaching

Im Meditationsraum der Spirtuellen WG soll uns Rinpoche in die Geheimnisse von Sur und Naga Offering einweihen…

Während Rinpoche am Freitagmorgen in der Küche beim Frühstück sitzt, bereite ich den Raum für sein Teaching vor.

Suriyel hat gestern Abend aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zehn Camping-Klapptische mitgebracht. Die lagern dort im Speicher und kommen bei großen Veranstaltungen zum Einsatz.

Denn tibetisch-buddhistische Praxistexte sind sakral! Sie dürfen niemals auf dem Boden liegen! Man darf nicht einmal über sie hinweg steigen!

Deshalb sind die grauen Klapptische von existenzieller Wichtigkeit. Nachdem sie aufgestellt und die kopierten Praxistexte darauf verteilt sind, widme ich mich dem nächsten Punkt auf meiner To-do-Liste:

Dem Altar.

Maktiel und ich haben ihn gestern aufgebaut. Nach ein bisschen hin und her haben wir uns dafür entschieden, ihn an der Stirnseite des Raums auf einem Mauervorsprung zu platzieren.

Auf meinem schönsten Wollschal thront Esthers grauer Plastik-Buddha aus dem Deko-Laden. https://www.water-runs-east.eu/buddha/

Links von ihm habe ich meine Grüne Tara platziert, rechts von ihm Throma Nagmo. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Keine der Figuren wurde von einem Lama mit Sutra-Rollen und heiligen Gegenständen gefüllt. Deshalb haben sie eigentlich auf einem Altar – und noch dazu für das Teaching eines Rinpoche – nichts verloren!

Aber etwas anderes hat die Spirituelle WG nicht zu bieten.

Nachdem ich noch zwei Blumensträuße auf unseren improvisierten Altar gestellt habe, fülle ich die kleinen Schälchen, die vor dem Buddha und den beiden weiblichen Buddha-Emanationen aufgereiht sind, mit Wasser.

Dann zünde ich Kerze und Räucherstäbchen an.

Ich trete einen Schritt zurück, um mein Werk kritisch in Augenschein zu nehmen. Ein grauer Rauchfaden zieht an der Nase des Deko-Buddha vorbei. Vor seinem runden Bauch tanzt die Kerzenflamme.

Er lächelt!

Mir wird ganz warm ums Herz, als ich sehe, wie glücklich er aussieht!

Kurz darauf kommt Rinpoche. Der sieht auch zufrieden aus, stelle ich erleichtert fest. Er nimmt probeweise neben dem lächelnden Deko-Buddha auf meinem grünen Samt-Sofa-Stuhl Platz. Den haben Maktiel und ich gestern Nachmittag mit vereinten Kräften aus meinem Zimmer hinunter in den ersten Stock geschleppt.

Rinpoche schlägt die Beine übereinander, wippt ein paar Mal auf und ab – und nickt zustimmend. Dass er nicht – wie es eigentlich üblich ist – auf einem roten Holzthron platziert wurde, scheint ihn nicht zu stören.

Wir machen ein paar Probeaufnahmen mit meinem Handy. Dafür habe ich – auf Anraten Maktiels hin – gestern extra noch ein Stativ besorgt. Die Teachings sollen aufgezeichnet werden, damit wir in der Sangha nach Rinpoches Abreise mit den Videos üben können.

Während Rinpoche und ich den richtigen Winkel für die Aufnahmen und den besten Platz für sein Tischchen mit den Texten und dem Equipement für das Rauchopfer austesten, treffen die Teilnehmer des Teachings ein. Trotz Freitagvormittag sind wir immerhin zu acht. Am Nachmittag haben sich noch ein paar weitere Sangha-Mitglieder angekündigt.

Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, als ich mich neben Rinpoches grünem Samtsessel auf dem Meditationskissen niederlasse.

Hoffentlich geht alles gut!

Rinpoche

Dass die Spirituelle WG einen hohen nepalesischen Lama beherbergigen darf, ist eine Ehre – aber auch eine kulturelle Herausforderung…

Am Donnerstag, dem 12. September ist es so weit: Rinpoche wird am Abend zu uns kommen und mit einem Welcoming Dinner begrüßt werden. https://www.water-runs-east.eu/wendung/

Tagsüber bin ich mit den Vorbereitungen für seinen Besuch beschäftigt. Glücklicherweise hilft mir Maktiel dabei, unseren Meditationsraum für das Teaching am Freitag herzurichten.

Bereits am frühen Morgen habe ich eine große Portion indisches Curry für unseren hohen Gast gekocht. Damit mein Basmatireis Rinpoches Ansprüchen genügt, hat mir Maktiel ihren Reiskocher ausgeliehen. Denn das einzige, von dem ich bisher erlebt habe, dass es Rinpoche um seinen eigentlich unerschütterlichen Gleichmut bringt, war – verkochter Reis.

Zumindest den will ich ihm bei seinem Besuch ersparen. Er wird – so denke ich, während ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Friedrichshagen bin, um Rinpoche einzusammeln – genug unter uns zu leiden haben.

Niemand in der Spirituellen WG weiß, wie man sich einem hohen nepalischem Lama gegenüber benimmt!

Esther ist Christin.

Dass ich als Buddhistin so unbeleckt bin, verdankt sich zum einen der Tatsache, dass mein Wurzel-Lama – der Lehrer, bei dem ich Zuflucht genommen habe – eine amerikanische Khandro ist. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Mein Zen-Lehrer ist Pole. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Bei Retreats und Teachings, die nicht von meinen westlichen Lehrern, sondern von nepalesischen Lamas gehalten werden, gehöre ich zum Fußvolk. Deshalb war ich bisher nie in der Situation, mich Auge um Auge um einen nepalesischen Lama kümmern zu müssen. Was ich aus der Ferne mitbekommen habe: Die Sache ist kompliziert. Man hüpft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und kann im Grunde nur alles falsch machen.

Der einzige nepalesische Lama, mit dem ich persönlich bekannt bin, ist der kleine runde herzliche Mann, den ich gerade abhole. Letztes Jahr habe ich drei wunderbare Wochen während eines privaten Retreats in Uriels Retreathaus am Ende der Welt mit ihm verbracht. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/

Völlig entspannt.

Wir haben gemeinsame Mahlzeiten eingenommen, uns ausführlich unterhalten und abends zu zweit Uriels kleinen weißen Hund ausgeführt. Sollte er von meinen Umgangsformen irritiert gewesen sein, hat er es sich nie anmerken lassen.

Ich kann nur darauf hoffen, dass es auch diesmal so sein wird.

Nach etwas hin und her finde ich die Adresse. Auf mein Klingeln hin öffnen mir zwei kleine Jungs, die unverkennbar tibetisch aussehen. Ein winziger Spitz hüpft kläffend um ihre Beine. Ich werde in den ersten Stock geführt. Dort sitzt Rinpoche in einem quietschgelben Hemd zum traditionellen roten Rock an einem großen Tisch.

Ich freue mich sehr ihn wiederzusehen.

Gleichzeitig bin ich verwirrt: Wie soll ich ihn begrüßen? Das „Hi Norbu, how are you?“, das mir auf der Zunge liegt, ist komplett unangebracht. Ich stammle „Good evening Rinpoche“, verneige mich verkrampft und komme mir dämlich vor.

Er freut sich erkennbar, wirkt aber auch etwas hilflos.

Die tibetische Gastgeberin bietet mir einen Stuhl an. Während ich mit ihr Small Talk mache, wird mir bewusst, dass ich Rinpoche eigentlich mit einem Katak – einem weißen Schal – begrüßen hätte müssen!

Man verbeugt sich und streckt den Schal entgegen. Der Lama legt ihn um den Hals, drückt seine Stirn gegen die eigene und murmelt einen Segen. So gehört sich das.

Tja…

Kurz nach Rinpoches Abreise lerne ich, dass man einen Katak nie „leer“ übergeben darf. Es muss immer ein Umschlag mit Geld darin stecken, wenn man ihn dem Lama hinhält. Aber es muss mehr als ein Schein übergeben werden! Die Zahl eins bringt Unglück…

Wie auch immer. Wir müssen los! Zuhause in der Spirituellen WG wartet sicher schon die halbe Sangha mit knurrenden Mägen auf Rinpoche, damit das Welcoming Dinner starten kann.

Es dauert ein bisschen, bis bei der Gastgeberin und Rinpoche ankommt, dass wir nicht irgendwann, sondern sofort aufbrechen müssen. Hier herrscht erkennbar ein anderes Zeitgefühl.

Schließlich ist das Taxi organisiert. Nachdem Rinpoche, der einen großen zusammengerollten Tanka – einen bemalten Wandbehang – im Arm hält, sowie sein riesiger Koffer verstaut sind, können wir endlich aufbrechen.

„Wo seid ihr?“, schreibt mir Suriyel. „Wir warten hier alle auf euch!“

Ich bin so platt, dass ich nur noch „Taxi“tippen kann.

„Taxi ist gut“, kommt es zurück.

Der Fahrer kommt aus dem Libanon. Als er hört, dass er einen nepalesischen Lama transportiert, erkundigt er sich sofort, wie das bei ihm mit dem Visum läuft.

Der nepalesische Rinpoche und der libanesische Taxifahrer sind sich einig, dass die Sache mit dem Visum in Deutschland eine Katastrophe ist.

Draußen zieht Straßenzug um Straßenzug Berlin bei Nacht vorbei.

Das Leben ist schön, denke ich mir, währen ich in die Dunkelheit starre und zuhöre. Trotz kultureller Konfusion, ständigen Missverständnissen, Chaos und dauerndem Ärger.

Ich möchte kein anderes haben, als das in dem ich jetzt gerade bin. Mit einem nepalesischen Rinpoche auf dem Rücksitz und einem libanesischen Taxifahrer neben mir, der mir von seinem herzkranken Vater in Beirut erzählt.

Endlich sind wir an der Spirituellen WG angekommen. Fast zwei Stunden zu spät. Aber was heißt das schon, wenn ein echter Rinpoche zu Besuch kommt!

In der Küche ist es warm und gemütlich. Erleichtert sehe ich, dass Esther den Tisch mit dem goldenen Rosenthal-Geschirr eingedeckt hat. Wie es sich für einen Rinpoche gehört.

Während Suriyel den schweren Koffer unseres Gastes in den dritten Stock schleppt – er übernachtet in meinem Zimmer – wird Rinpoche begeistert begrüßt.

Sicher nicht nach tibetisch-buddhistischen Regeln, dafür aber mit großer Herzlichkeit.

Rinpoche strahlt. Es scheint ihm genug zu sein.

Und das, obwohl er er ein „Tulku“ ist! Ein von den geistigen Führern seiner Traditionslinie anerkannter wiedergeborener hoher Lama.

Denn das bedeutet „Rinpoche“…

Praxistexte

Für die Belehrungen des nepalesischen Rinpoche in der Spirituellen WG benötigen wir tibetisch-buddhistische Praxistexte der Nyingma-Tradition…

Das erste Mal in meinem Leben trage ich Verantwortung für ein Vajrayana-Teaching!

Ungewollt.

Denn für die Rolle der Veranstalterin – finde ich – bin ich eigentlich nicht qualifiziert. Dafür fehlen mir Wissen und Erfahrung.

Die Teachings und Retreats, an denen ich bisher teilgenommen habe, wurden von Profis organisiert. Leuten wie Uriel und Suriyel, die seit Jahrzehnten Tantra praktizieren und über sämtliche Details tibetisch-buddhistischer Rituale informiert sind.

Denn die Sache ist kompliziert. Man kann unglaublich viel falsch machen.

Deshalb beschränkte sich mein Beitrag bei Veranstaltungen bisher auf basale Tätigkeiten: putzen, backen, kochen…

Aber nun ist ein leibhaftiger nepalesischer Rinpoche im Anmarsch. Ich habe ihn eingeladen, also bin ich auch dafür verantwortlich, dass die Sache läuft.

Glücklicherweise hat mir Karma den liebenswertesten und unkompliziertesten aller Lamas geschickt.

Ein tröstlicher Gedanke.

Als erstes will Rinpoche wissen, was er denn jetzt eigentlich lehren soll? Für Sur – schreibt er mir – braucht er höchstens einen halben Tag. Er wird aber zweieinhalb Tage bei uns zu Gast sein. Die müssen irgendwie gefüllt werden.

Ich überlege: Welche Praxis kann die Sangha noch gut gebrauchen?

Ein Naga-Offering! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Schon lange möchte ich an einem Opfer für die mächtigen Wassergeister teilnehmen. Bisher hat es nie geklappt. Es gibt nur wenige in Europa, die das Ritual beherrschen.

Die Idee, nicht nur dabei sein zu dürfen, sondern – zusammen mit meiner Sangha – die Opferung zu lernen und in Zukunft gemeinsam zu praktizieren, lässt mich vor Aufregung vibrieren.

Mit zitternden Fingern tippe ich in mein Handy: „Could you teach us Naga Offering?“

„For sure“, kommt es zurück. „If you have a text.“

Tja.

Das ist immer die entscheidende Frage. Bei allen Tantra-Teachings und Retreats.

Der Praxistext….

Denn Texte für hohe Tantra-Praktiken sind schwer zu bekommen.

Erstens, weil sie geheim sind.

Und zweitens, weil die Lamas, die sie Auserwählten unterrichten, zwar über eine ganze Bibliothek an Ritualtexten verfügen. Allerdings in Tibetisch.

Damit westliche Praktizierende damit arbeiten können, müssen sie in sinnvoller Weise übersetzt werden. Eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Denn die liturgischen Texte stammen zumeist aus dem tibetischen Mittelalter. Es genügt nicht, lediglich Tibetisch zu können. Die Übersetzer müssen darüber hinaus detailiertes kulturelles und religiöses Wissen über den Vajrayana besitzen.

Je besser die Übersetzung des Texts, desto effektiver die Praxis. Man kann in Bezug auf die Qualität Glück haben – oder Pech.

Ich habe Glück.

Auf der Homepage meiner amerikanischen Khandro gibt es sowohl für Sur als auch für Naga Offering Text-Übersetzungen zu kaufen. Dass ich mir für mein erstes Teaching zwei basale, kurze und nicht-geheime Praktiken ausgesucht habe, erleichtert die Sache.

Ich platziere die beiden Texte im virtuellen Warenkorb, bezahle mit PayPal und bekomme per Mail einen Link zugeschickt. Mit der Info, dass mir zwei Kopien zur Verfügung stünden.

Ich schicke einen Link an Rinpoche. Fünf Minuten später erhalte ich die Rückmeldung, die Texte wären in Ordnung.

Erleichtert speichere ich sie als pdf auf meinem Laptop. Weil ich gerade dabei bin, schreibe ich eine Mail an Suriyel. Er möchte die Texte sicher auch gerne sehen. Die beiden pdf´s wandern in den Anhang. Als ich den vor dem Abschicken kontrolliere, bin ich mit zwei leeren Dokumenten konfrontiert! Quer über jede Seite steht gedruckt: „You have reached your limit!“

Ich bin beeindruckt: Tibetisches Mittelalter trifft Silicon Valley…

Von nun an behandle ich die beiden Übersetzungen wie Rohdiamanten! Erst als mein Drucker zwei vollständige Exemplare in Papierform ausgespuckt hat, wage ich wieder zu atmen!

Ein Punkt auf der langen To-Do-Liste ist schon mal erledigt…

Wendung

Während der Vorbereitungen des Online-Teachings für Sur werde ich mit einer Überraschung konfrontiert…

Die Zusage des nepalesischen Rinpoche, meiner Sangha mit Hilfe eines Online-Teachings das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur zu lehren, löst hektische Betriebsamkeit aus. https://www.water-runs-east.eu/eingebung/

Der Meditationsraum in der Spirituellen WG ist zu klein für das Teaching. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/

Esther plant um. Aus ihrer Bibliothek macht sie einen neuen Teaching- und Meditationsraum. Der – beschließen wir – müsste groß genug für das Online-Teaching sein. Denn das soll hier in der Spirituellen WG stattfinden. Die Sangha braucht nicht nur Belehrungen und Einweihung – das Rauchopfer Sur muss auch geübt werden. Nachdem das im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nicht möglich ist, bleibt nur der Garten der WG. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Die Technik ist ein weiteres Problem, das uns umtreibt. Ich diskutiere im Freundeskreis und in der Sangha verschiedene Möglichkeiten einer kostenlosen Online-Übertragung. Immer in der Hoffnung, dass Rinpoche im fernen Kathmandu technisch kompatibel mit uns sein wird.

Gleichzeitig suchen Rinpoche und ich via WhatsApp nach passenden Terminen: zwei Mal eineinhalb Stunden veranschlagt der für das Teaching und die Einweihung. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Dazu kommt die Zeitverschiebung.

Er schlägt mir zwei Tage im August vor. Da sind in Deutschland alle im Urlaub, schreibe ich ihm zurück. Erst ab September würde das Teaching Sinn machen.

Da müsse er sehen…

Am Abend rufe ich Facebook auf und verstehe mit einem Mal, warum Rinpoche nicht sicher ist, ob er uns im September ein Online-Teaching geben kann.

Er ist von September bis November in Europa!

Jemand, den ich nicht persönlich kenne, aber auf Facebook befreundet bin – keine Ahnung seit wann und wieso – hat eine lange Liste gepostet: Darauf alle Termine für Retreats und Teachings meines Rinpoche! In der Slowakei – lese ich – geht es los. Danach stehen mehrere Orte in Deutschland auf dem Plan, gefolgt von Polen.

Mit tibetisch-buddhistischen Lehrern zu kommunizieren ist eine Kunst – in der ich nicht sehr bewandert bin. Das führt mir der Facebook-Post des unbekannten Jörg wieder einmal vor Augen.

Ich hätte Rinpoche danach fragen müssen, ob er nach Europa kommt!

Vielleicht möchte er ja auch Berlin besuchen? Wer weiß…

Nachdem ich mit Esther gesprochen habe, schicke ich via WhatsApp eine offizielle Einladung nach Nepal: Wie sehr wir uns doch freuen würden, wenn Rinpoche zu uns käme und sein Teaching persönlich, live und vor Ort abhalten könnte!

Während ich das tippe, ist mir bewusst, dass die Chancen einer Zusage äußerst gering sind. Rinpoche ist sicher schon komplett verplant. Nur extrem gutes Karma, Glück – what´s ever – wird ihn zu uns bringen.

„We will see“, kommt es zurück.

Immerhin keine Absage.

Während des Augustes suchen Rinpoche und ich nach einem Termin für seinen Besuch. Er möchte wirklich gerne kommen, merke ich. Das freut mich sehr.

Rinpoche ist mein Herzens-Lama.

Nur: Es ist kompliziert. Er kann nur im Oktober. Da hat aber niemand aus der Sangha Zeit für ihn. In diesem Monat jagt eine Veranstaltung die nächste im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. Alle, die zum Teaching kommen wollen, werden dort gebraucht.

Es wird wohl nichts werden, denke ich Ende August frustriert. Vielleicht im nächsten Jahr…

Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von Rinpoche: Er könne vom 12.09.-14.09. kommen.

Bingo!

Das ist das einzige Wochenende in drei Monaten, in denen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum keine Veranstaltungen stattfinden!

Ich versichere Rinpoche, wie sehr wir uns alle auf seinen Besuch freuen! Und ich verspreche ihm, dass ich alles tun werde, damit er ein erfolgreiches Teaching in der Spirituellen WG abhalten kann.

Danach muss ich mich erst einmal setzen. Ich stehe unter Schock!

Wir werden einen leibhaftigen Rinpoche zu Gast haben!

Und ich muss das erste Mal in meinem Leben ein Teaching organisieren…

Eingebung

Ich mache mich auf die Suche nach einem Lama, der uns in das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur einweihen kann…

Nachdem unser missglücktes Online-Sur zu Ende gegangen ist, verabschiedet sich Maktiel. https://www.water-runs-east.eu/online-sur/

Ich schließe die Haustür hinter ihr ab und steige frustriert die Treppen in den dritten Stock der Spirituellen WG hoch.

Sur – das tibetisch-buddhistische Rauchopfer, das den Verstorbenen im Bardo Nahrung und Wärme gibt und ihnen hilft, in guter Weise wiedergeboren zu werden – möchte praktiziert werden! https://www.water-runs-east.eu/sur/

Alle Zeichen sind da: Die beiden Fremden, die im Tempel auftauchten, auf der Suche nach einem Segen für eine Verstorbene. Maktiels Frage nach dem Sur-Powder, dazu noch ihre Online-Sangha, die einmal wöchentlich Sur via Zoom durchführt….

Vor mich hin grübelnd öffne ich die Tür meines Dachzimmers. Mir ist, als wäre ich nicht in der Spirituellen WG, sondern in einem Haus, das mir völlig fremd ist. Es ist alt, groß und verwinkelt. Irgendwo aus der Tiefe erklingen rhythmische Schläge. Jemand klopft an die Haustür, energisch Einlass verlangend…

Es ist an mir, diese Tür zu öffnen.

Nur: Wo ist sie?

Ich stecke mich in meinem Bett aus. An die Zimmerdecke starrend, kreisen meine Gedanken um den Kern des Problems: Wir haben keinen Lama!

Denn nur ein tibetisch-buddhistischer Lehrer kann uns in der Praxis unterweisen und uns das Lung – die Ermächtigung zur Ausübung des Rituals – geben. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Irgendwie muss ich einen Lama auftreiben! Nur: Wie soll ich das anstellen?

Auf einmal flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr: „Du kennst einen Lama! Frag Norbu!“

Ich fahre hoch! Natürlich! Ich kenne wirklich einen Lama! Allerdings lebt der in Kathmandu.

Meine Innere Stimme lässt sich nicht davon beeindrucken: „Wenn ihr das Lung für Riwo Sangchö online bekommen habt, warum nicht auch ein Teaching und Lung für Sur?“, murmelt sie. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Dagegen gibt es nichts einzuwenden.

Ich rufe meine WhatsApp-Kontakte auf und scrolle bis fast ganz nach unten. Da ist er! „Norbu Rinpoche“ steht neben dem Photo, auf dem ein freundlich lächelnder nepalesischer Lama in quietschgelbem Shirt zu sehen ist.

Vor eineinhalb Jahren hatte mir Rinpoche seine Nummer gegeben, nachdem die drei Wochen mit ihm im Retreathaus am Ende der Welt zu Ende gegangen waren. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/

Dank Uriels Großzügigkeit hatte ich an drei zornvollen Retreats hintereinander teilnehmen dürfen. Zuerst Shimhamukha. https://www.water-runs-east.eu/vier-simhamukha/

Danach Vajrakilaya. https://www.water-runs-east.eu/fluegel/

Und zum Abschluss: Throma! https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Es war der liebenswerte Rinpoche aus Kathmandu gewesen, der mich im März 2023 in die Praxis der Göttin der Friedhöfe einwies. Und es war Rinpoche gewesen, der mir Throma als Hauptpraxis verschrieben hatte.

Die Retreats schenkten mir einen Weggefährten auf Zeit: Meinen Wolf. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Er stand mir treu zur Seite, als ich – nachdem die Retreats zu Ende gegangen waren – über Monate die Scherben meiner überkommenen Existenz sortierte.

Als die Transformation abgeschlossen war, verließ er mich. https://www.water-runs-east.eu/fuenf-transformation-teil-drei/

Drei Monate später fand ich mich in Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum von Friedrichshain wieder. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Wie der Wolf verschwanden auch der Lama und die Göttin der Friedhöfe aus meinem Leben. Und das, obwohl ich, als ich die Einweihung für ihre Praxis erhielt, das Gelübde abgelegt hatte, Throma Nagmo immer zu folgen.

Am 9. Juli dieses Jahres tauchte Throma Nagmo wieder in meinem Leben auf. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/

Zwanzig Tage später schicke ich via WhatsApp eine Anfrage nach Kathmandu: Ob sich Rinpoche vorstellen könnte, mir und meiner Sangha in Berlin ein Online-Teaching für Sur zu geben und das Lung noch dazu?

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht auf meinem Handy auf: „Oh, ok! Idea very good with Online Teaching!“

So wie es aussieht, habe ich die Tür gefunden…

Online-Sur

Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…

Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.

Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!

Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.

Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.

Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.

Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.

Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.

Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.

Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!

Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!

Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…

Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.

Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.

Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!

Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.

Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.

Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.

Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.

Nur wann?

Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.

„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.

„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.

Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?

Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.

Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.

Der Sur-Powder funktioniert!

Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.

Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.

Wir haben ganz offensichtlich ein Problem…

Sur-Powder

Sur – das Rauchopfer für alle Wesen, die sich im Reich zwischen Leben und Tod aufhalten – beschäftigt mich weiterhin…

Im Juni entschied Rinpoche, dass im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kein Sur – das Rauchopfer für die Verstorbenen im Bardo – abgehalten werden sollte. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Doch damit war Sur nicht aus der Welt.

Der Besuch der beiden Fremden, die im Frühsommer im Tempel aufgetaucht waren, um einen Segen für eine Verstorbene zu erbitten, war das Signal gewesen, dass etwas im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum fehlte.

Die Information, dass es dort eine Leerstelle gab, die gefüllt werden wollte.

Mit dem Rauchopfer Sur.

Das Rauchopfer Sur ist Teil des Dharma – der Lehre Buddhas, die zur Befreiung führt. Buddhistische Praktiken haben ihre eigene Macht und folgen ihren eigenen Gesetzen.

Wenn die karmischen Voraussetzungen gegeben sind, manifestieren sie sich…

Wie sich in den Wochen nach dem Besuch der beiden Fremden zeigen sollte, war Sur in unserer Sangha aufgetaucht, um zu bleiben.

Im Juli begann Maktiel – die Dharma-Schwester, die bei Ritualen die große Trommel schlägt und den Bodhi-Baum hütet – gemeinsam mit der europäischen Online-Sangha eines tibetischen Lama das Rauchopfer Sur zu praktizieren. Einmal wöchentlich via Zoom.

Leider hatte sie keinen Sur-Powder. Denn wie bei Sang wird auch bei Sur eine spezielle „Geister-Nahrung“ verbrannt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Der Sang-Powder, den Maktiel jeden morgen bei ihrem Riwo Sangchö opfert, stammt aus meiner Herstellung. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

„Weißt du auch, wie man Sur-Powder zubereitet?“, fragte mich Maktiel.

Ich wusste es nicht.

Nach einer Internet-Recherche war ich klüger: Sur-Powder besteht aus sechs traditionellen tibetischen Heilkräutern, die mit Tsampa – geröstetem Gerstenmehl – vermengt werden. Deutlich unkomplizierter als der Sang-Powder!

„Wenn du mit europäischen Heilkräutern zufrieden bist, kann ich dir einen machen“, schrieb ich Maktiel zurück.

Weil die damit einverstanden war, produzierte ich am nächsten Tag meinen ersten eigenen Sur-Powder.

Er riecht super!

Sur

Das tibetisch-buddhistische Rauchopfer „Sur“ nährt alle Wesen, die sich im Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – befinden…

Es muss irgendwann im Mai oder Juni passiert sein. Im Rückblick kann sich niemand mehr an den genauen Zeitpunkt erinnern.

Genauso wenig, wie an die Namen der Frau und des Mannes, die auf einmal im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums standen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Sie tauchten während der wöchentlichen Sonntagspraxis auf.

Still standen sie in einer Ecke und warteten geduldig, bis wir unsere „Grünen Tara“ Puja abgeschlossen hatten.

Ich sah sie aus den Augenwinkeln, während ich – gemeinsam mit den anderen aus der Sangha – den tibetischen Praxistext rezitierte. Die Frau war blaß, ihr Haar unfrisiert. Mit verkrampften Händen drückte sie ein verwaschenes kleines Kissen an ihre Brust. Der Mann hatte schützend den Arm um ihre Schulter gelegt. Auch er sah müde und verstört aus.

Nach dem Ende der Grünen Tara sprach das Paar Suriyel an. Eine nahe Angehörige der Frau war gestorben. Sie baten Suriyel um einen Segen für die Verstorbene. Die Frau drückte Suriyel das kleine Kissen in die Hand.

Er dürfe keinen Segen sprechen, erklärte er den beiden, er wäre kein Lama.

Glücklicherweise waren wir mit unserem Sonntagsprogramm noch nicht zu Ende: Das Riwo SangChö stand noch aus! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Geistesgegenwärtig lud Suriyel das Paar zum Rauchopfer ein. Nachdem wir alle im Halbkreis um die Feuerschale Platz genommen hatte, erklärte er in die Runde, dass wir das heutige Riwo SangChö der verstorbenen Anna widmen würden.

Was wir dann auch taten.

Nach der Zeremonie verschwanden die beiden Gäste. Sie verflüchtigten sich wie Rauch. Keiner hat sie seitdem wieder im Zentrum gesehen.

„Das hast du schön gemacht!“, lobte ich Suriyel hinterher. „Aber es war das falsche Ritual! Sie hätten Sur gebraucht!“

Denn Sur ist die Nachtschwester von Sang.

Beide Rauchopfer sind Ausdruck selbstloser Großzügigkeit.

Traditionell wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern jeden Morgen das Rauchopfer „Sang“ zelebriert. Unser RiwoSangChö ist nur eine von vielen Varianten. Alle Sang Rituale dienen der Anhäufung positiver Verdienste und gelten als Königsweg zur Beseitigung von Hindernissen und Widerständen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Am Abend wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern traditionell das Rauchopfer Sur für alle Verstorbenen praktiziert, die sich gerade im Bardo befinden.

Der tibetisch-buddhistischen Tradition nach dauert der Aufenthalt im Reich zwischen Leben und Tod neunundvierzig Tage. Für die große Mehrheit der Wesen ist das Bardo kein angenehmer Ort: Gequält von schwer erträglichen Traumzuständen, in denen sie mit den karmischen Verstrickungen vergangener Leben konfrontiert werden, an Hunger, Durst und Kälte leidend, befinden sie sich in einer beklagenswerten Situation. Nicht jedem Wesen gelingt es zudem, nach neunundvierzig Tagen den Bardo zu verlassen und in den Kreislauf der Wiedergeburten zurückzukehren. Manche von ihnen sind so schwach und verwirrt, dass sie im Bardo gefangen bleiben.

Um diesen armen hilflosen Wesen zu helfen, wird Sur praktziert. Die heilige Kraft des Feuers verwandelt das Speiseopfer – bestehend aus Mehl und Heilkräutern – in nährenden Rauch. Dieser wird durch die kraftvolle Energie von Meditation, der Rezitation von Mantras und dem Einsatz von Mudras transformiert.

Der magische Rauch, der durch das Sur-Ritual entsteht, dient der Stärkung und Stabilisierung der körperlosen schwachen Wesen im Bardo. Beschenkt mit Kraft und Klarheit ist es ihnen früher oder später möglich, das Reich zwischen Leben und Tod zu verlassen und erneut wiedergeboren zu werden.

Suriyel weißt meinen Einwand, unser RiwoSangChö wäre das falsche Ritual für die trauernden Angehörigen, wie für die verstorbene Frau, gewesen, trotzdem zurück.

„Das Sang war nicht falsch. Das dient auch den Verstorbenen. Sur wäre nur besser gewesen.“

So sieht es auch Rinpoche – der Gründer und Leiter des Zentrums von Friedrichshain – als Suriyel ihn ein paar Wochen später um die Erlaubnis bittet, zusätzlich zum Sang auch noch ein regelmäßiges Sur im Tempel abhalten zu dürfen.

Suriyel solle sich auf das Sang konzentrieren. Ein weiteres Rauchopfer wäre nicht notwendig.

Wir hatten beide mit einer Absage gerechnet. Rinpoche – ein hoher tibetischer Lama – reist unermüdlich von Kontinent zu Kontinent, um in all seinen Tibetisch-Buddhistischen Zentren nach dem Rechten zu sehen. Unser Zentrum in Berlin ist nur eines von vielen. Dass Rinpoche weder Zeit noch Nerven dafür hat, aus der Ferne neben dem Dauerkonflikt um unser Sang auch noch den Ärger um unser Sur in seinem Zentrum in Berlin zu befrieden, ist uns beiden nachvollziehbar. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Als Suriyel mit die Entscheidung des Rinpoche übermittelt, bin ich trotzdem enttäuscht. Suriyel wohl auch. Obwohl er es nicht zugibt.

Aber so ist es nun mal. Kein Sur im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain…

Opfergabe

Ich praktiziere ein tibetisch-buddhistisches Rauchopfer auf einem keltischen Opferstein und hoffe, dass es bei den Gästen Anklang findet…

Zum zweiten Mal bin ich auf dem Hochplateau des Maimont in den Vogesen. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Ich will dort ein Opfer darbringen. Genau wie im September 2022. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.

War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.

Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.

Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.

Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.

Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.

Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.

Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.

Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.

Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!

Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!

Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.

Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.

Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?

Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?

Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.

Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.

Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.

Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.

Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.

Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.

Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.

Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.

Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.

Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.

Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.

Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.

In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.

Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.

Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.

Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.

Genau wie beim letzten Mal.

Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.

Die Einladung der Gäste.

Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.

Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.

So steht es im Text.

Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.

Aber diesmal „sehe“ ich sie nicht. Im Gegensatz um letzten Mal. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.

Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.

Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.

Mein Puls rast.

Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.

Denn ich habe nichts „gesehen“.

Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.

Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.

Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.

Die Landlords.

Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.

Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.

„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.

Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.

Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.

Sie war von nüchterner Klarheit.

Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.

Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Rauchopfer

Zwei Jahre nach meinem ersten Besuch mache ich mich bereit für eine weitere Opfergabe auf dem keltischen Opferstein auf dem Maimont…

Am Abend vor dem Aufbruch in den Pfälzer Wald packe ich meine Sachen. Dabei kreisen meine Gedanken um den keltischen Opferstein auf dem Maimont. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Am 24. September 1922 praktizierte ich an diesem seltsamen Ort ein „Hexen-Opfer“. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Aus einer Laune heraus. Gedankenlos gegenüber den Konsequenzen. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich Schlafanzug und Kosmetikbeutel in den Rucksack stopfe, wird mir bewusst, wie vollkommend naiv ich damals gewesen bin!

Als ich Obst und Blumen in der Schale des Opfersteins drapierte und das Räucherstäbchen entzündete, tat ich dies ohne jede Vorstellung davon, dass dieser simple Akt derart dramatische Folgen haben würde!

Am 28. September – vier Tage nach meiner Opfergabe – lernte ich unter seltsamen Umständen Maria kennen.

Im Februar 2023 brachen ich mit ihr zu einer Reise auf. https://www.water-runs-east.eu/danzig/

Der Weg führte uns nach Danzig und von dort in das Retreathaus ans Ende der Welt. https://www.water-runs-east.eu/amulett/

Die Kräfte des keltischen Opfersteins hatten Maria und mich aufeinander treffen lassen, damit wir den Weg des Dharma gemeinsam gehen konnten.

Im Rückblick macht alles, was sich ereignete, Sinn. Eine Kette von Wundern.

Währenddessen fühlten wir uns den Ereignissen hilflos ausgeliefert.

Deshalb wurde der Beginn dieser Reise zur Geburtsstunde des Blogs.

Ein Mittel, darüber zu reflektieren, was uns geschah. Gedankliche Ordnung in das Chaos unseres Lebens zu bringen. Deshalb begann ich zu bloggen. Zwischendurch schrieb auch Maria. https://www.water-runs-east.eu/about-the-idea-of-going-to-poland/

Diese Aufgabe erfüllt der Blog bis heute.

Denn die Reise ist noch lange nicht zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/wunder/

Auch wenn Maria in Leipzig zurückblieb, als es mich nach Berlin verschlug. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Übermorgen werde ich an den keltischen Opferstein zurückkehren. Dort werde ich ein zweites Mal ein Ritual vollziehen.

Diesmal nicht nach Hexen-Art. Denn in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt. Unter andem, wie man ein traditionelles tibetisches Rauchopfer durchführt.

Das Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Deshalb werde ich diesmal nicht Obst und Blumen darbringen, sondern Sang-Powder verbrennen. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Die Frage ist nur: Welchen?

Denn ich habe mehrere. Zum einen die Fertigmischung aus dem nepalesischen Nyingma-Kloster. Zum anderen mehrere „Do-it-yourself-Sang-Powder“, die ich gemeinsam mit Suriyel produziert habe. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Ich gehe meine Vorräte durch und bin hin- und hergerissen: Den nepalesischen Sang-Powder oder doch lieber einen aus eigener Herstellung? Und wenn ja, welchen?

Schließlich entscheide ich mich für die selbstgemachte „Lung-Mischung“. Die habe ich aus Kräutern des Gartens des Buddhistischen Zentrums hergestellt, die während unseres Online-Lungs – der Ermächtigung zur Ausübung des Rauchopfers – neben dem Altar standen. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Als das Ritual zu Ende war, nahm ich den Strauß zu mir nach Hause mit. Dort ließ ich die Kräuter trocknen und vermengte sie mit Eichenholzspäne und Harzen. Ein Glas der Mischung schenkte ich Suriyel. Der mahlte sie in der Kaffeemaschine, damit sie staubfein war und gab noch etwas Aroma-Öl dazu, bevor er mir die Hälfte davon wieder zurückgab.

Diese Sang-Powder-Mischung – beschließe ich – ist perfekt für den keltischen Opferstein! Sie ist die Summe der Ereignisse, die seit meinem ersten Ritual dort über mich gekommen sind:

Suriyel, sein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Friedrichshain, in das es mich verschlagen hat und das Riwo SangChö, das ich an diesem Ort von Suriyel gelernt hatte.

Einen anderen als diesen Sang-Powder zu nehmen, wäre komplett unangemessen, beschließe ich.

Allerdings riecht er eigenwillig. Der Garten des Buddhistischen Zentrums wird dominiert von Lavendel und Rosmarin. Die Mischung ist etwas einseitig geraten. Dazu kommt Suryiels Aroma-Öl-Behandlung. Was immer er genommen hat, es verströmten einen strengen herben Duft.

Ich mag den Geruch. Aber was, wenn die Naturgeister des Maimont nicht davon begeistert sind? Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn sie sich von meinem Opfer gekränkt fühlen!

Als mich meine Freundin am Bahnhof abholt, habe ich mein Equipement für ein traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer im Gepäck. Und ein Schraubglas mit einem sehr speziellen Sang-Powder. Der besteht zur einen Hälfte aus unserem eigenwillig riechenden „Home-Made-Lung-Powder“, zur anderen Hälfte aus dem in Nepal hergestellten Pulver.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass dieses Opfer Anklang finden wird…

Auftrag

Zwei Jahre nach dem Hexen-Opfer am keltischen Opferstein befiehlt mir meine Innere Stimme, dorthin zurückzukehren…

Atemzug auf Atemzug.

Die Sonne zeichnet weiße Kringel auf das Eichenparkett. Durch das geöffnete Fenster zieht Sommerduft herein. Im Innenhof singt eine Amsel. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Durch das tagelange Schweigen sind alle Sinneseindrücke von erstaunlicher Nuanciertheit und Intensität . https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Schritt für Schritt.

Ich spüre den glatten Parkettboden unter den nackten Fußsohlen, das Pendeln meiner Arme, ein leichtes Kribbeln in den Fingern.

Hart schlagen die Klanghölzer aneinander.

Der Assistent des Zen-Lehrers hat die Geh-Meditation beendet. https://www.water-runs-east.eu/kinhin/

Zusammen mit den anderen in der Gruppe bleibe ich abrupt stehen, als der trockene Knall durch den Raum hallt. Gemeinsam verbeugen wir uns und eilen zu unseren Plätzen. Ich lasse mich auf meinem Kissen nieder und kontrolliere, ob ich auch bequem sitze. Die anderen, die mit mir an den Längsseiten des Raumes aufgereiht mit den Gesichtern zur Wand sitzen, tun dasselbe.

Dann schlägt der Assistent auch schon die große Klangschale. Drei Mal ertönt das wuchtige Dröhnen und lässt die Luft im Zendo vibrieren.

Ab jetzt darf sich niemand mehr bewegen, bis das zweimalige Anschlagen der Klangschale das Ende der Meditationseinheit signalisieren wird. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Vollkommene Stille liegt über dem Zendo.

Es ist der vierte Tag des Sesshins.

Mein neurotisches Ego – das mich im Alltag von Morgens bis Abends mit seinen Ideen, Sorgen und Ängsten auf Trab hält – ist zur Ruhe gekommen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Endlich Frieden!

Mit einem Mal erklingt in mir die Innere Stimme: „Du musst zum Opferstein!“, flüstert sie.

Der Opferstein! https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

An die keltische Opferschale auf dem Maimont in den Vogesen habe ich seit Monaten nicht mehr gedacht! https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Es ist so viel passiert in den letzten zwei Jahren, seit ich dort ein Hexen-Opfer darbrachte, dass ich den seltsamen Stein – und alles was dort geschah – vollkommend vergessen hatte. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich starr auf meinem Meditationskissen sitze und auf die weiße Wand vor mir starre, sinne ich dem Befehl meiner Inneren Stimme nach. Er ist vollkommend verückt. Aber Irgendwie auch folgerichtig – obwohl ich nicht zu sagen wüsste, warum.

Als das Sesshin drei Tage später zu Ende gegangen ist, kehre ich zurück in den Alltag: An der Bushaltestelle des Spirituellen Zentrums starte ich mein Handy.

Bevor ich im schaukelnden Bus die Mails und Nachrichten der vergangenen Woche lese, schreibe ich der Freundin in der Pfalz.

„Ich würde gerne zu dir zu Besuch kommen! Wir müssen zur Opferschale!“

Meine Freundin – die von ungewöhnlichem Langmut ist – nimmt sich sofort einen Tag Urlaub, um meinem schrägen Ansinnen Folge leisten zu können.

Eine Woche später holt sie mich am Bahnhof ab. Ich bin neun Stunden lang quer durch die Republik bis in die hinterste Ecke der Pfalz gefahren, um ein Opferritual an einer keltischen Opferschale zu verrichten.

Und habe keine Ahnung, warum…

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