Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Autor: Katharina (Seite 14 von 16)

Zen-Meditation-Junkie goes Tantra

Drei: Camouflage – Teil eins

Jeder von meiner Sorte weiß, dass JK Rowling eine von uns ist. Für uns ist „Harry Potter“ nicht Fantasy, sondern Selbsterfahrung. Wir fliegen nicht auf Besen. Der Regionalzug zum Retreathaus am Ende der Welt wartet nicht am Bahnsteig 9 3/4. Aber trotzdem: vieles, was dort abgehandelt wird, kennen wir aus erster Hand. Allem voran die tägliche Übung: wie überlebe ich in einer Welt, die nicht den eigenen Regeln folgt?

Ich erinnere mich an den erleichterten Ausruf eines Dharma-Bruders während eines Tantra-Retreats: „At last: No Muggles!“ Wir stimmten ihm alle aus tiefstem Herzen zu.

Die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, inkognito unter Muggles zu leben, die J.K. Rowling in ihren Büchern beschreibt, hat sie sicher selbst durchexerziert, bevor sie sich – reich und berühmt – endlich geben durfte, wie sie ist. Uns sind diese Spiele ebenfalls vertraut. Wie in „Harry-Potter“ können es die Einen besser als die Anderen. Es hängt sowohl von der individuellen Camouflage-Begabung als auch vom persönlichen Ehrgeiz ab – und dem beruflichen Umfeld. Einem Künstler wird mehr verziehen als einem Anwalt. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen wird intuitives oder spiritistisches Denken und Handeln eher nachgesehen. Misogynie hat auch ihre positiven Seiten.

Wenn die Sangha zusammenkommt und ich meine Dharma-Brüder und Schwestern beobachte, belustigt mich regelmäßig der Gedanke, dass ihr weiteres Umfeld meist völlig ahnungslos darüber ist, mit wem sie es zu tun haben.

Wir teilen dieses „Doctor Jekyll and Mister Hyde-Spiel“ mit allerhand dunklen Gestalten. Dabei interessiert sich weder das BKA noch der Verfassungsschutz für uns. Wir sind vollkommen harmlos. Unser rezitieren, opfern, singen, meditieren, visualisieren und alles, was wir sonst noch so treiben, tut keinem weh.

Trotzdem: Geheimhaltung ist oberstes Gebot. Die meisten von uns haben schon als Kinder gelernt, dass es nur Ärger bringt, zu sagen was man sieht, fühlt und denkt.

Und so leben wir unter Euch: die biedere Hausfrau, der smarte Anwalt, der fleißige Handwerker. Wir sind überall. Am wohlsten fühlen wir uns in Nischen: da wo es bunt und ein bisschen chaotisch zugeht, findet man uns des Öfteren nicht nur als Solitär, sondern im Rudel.

Wer ein Ohr für Zwischentöne hat, erkennt uns auch in disguise. Wenn wir gut getarnt sind, umweht uns einfach nur ein Hauch von Exotik. Wenn wir es nicht sind – oder wir in ein Umfeld geraten, in dem „bunte Vögel“ nicht erwünscht sind – kann es schnell sehr ungemütlich für uns werden.

Zwei: Indras Netz – Teil zwei

Wie ein Biologe am Mikroskop beobachte ich die Charaktere meiner Geschichte in meinem Inneren, versuche ihr Mienenspiel zu lesen, jede ihrer Emotionen zu erspüren. Und wie ein verlässlicher Sekretär tippe ich auf meinem Laptop ihre Gedanken und Gespräche herunter. Es ist das selbe Prinzip wie mit meinem Wolf: die Charaktere meiner Geschichte gibt es nicht wirklich – aber ich denke sie mir auch nicht aus.

Damit ich dieses spezielle Niveau der Wahrnehmung halten kann, brauche ich meine tägliche Meditationspraxis – und eine Umgebung, die es mir erlaubt, mich zu entspannen. In der düsteren staubigen Wohnung hier in Leipzig, in der ich zur Untermiete lebe, scheint eine böse Fee die Zeiger der Uhren angehalten zu haben.

Ein halbes Jahr lang habe ich in dieser verwunschenen Stimmung versucht, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich quälte mich Stunde für Stunde. Nur um in regelmäßigen Abständen frustriert wieder alle Seiten zu löschen. Was ich zustande brachte, hatte ich mir ausgedacht, es las sich blutleer und konventionell. Ich kann keine Geschichten erfinden, ich kann sie nur „sehen“.

Ich lebe um zu schreiben – und schreibe, um zu leben. Ich protokolliere, was in meinem Inneren geschieht – und es ereignet sich im Außen. Und ich nähre meine Charaktere mit meinen äußeren Erlebnissen, auf dass sie sich, ihre Gedanken und Beziehungen transformieren. Was ich wiederum niederschreibe, auf das es in meiner äußeren Welt Folgen zeigen möge. Es ist ein ständiger osmotischer Austausch, es gibt keine wirkliche Grenze zwischen meiner inneren und meiner äußeren Welt.

Uriel meinte einmal, ich würde in einer Soap-Opera leben. Von der er ein Teil ist. Er brauchte nur zwanzig Seiten, um sich im „Hamberger“ zu erkennen. Ich habe zwei Jahre gebraucht und war nicht weniger verblüfft als er. Im Buch ist der Hamberger Mitglied im Rotary-Club. Wieder nichts, was ich mir ausgedacht hatte. Ich hielt schriftlich fest, wie er nach den Freitagsvorträgen am blank polierten Tresen der Bar des Landhotels sein Pils trank. Uriel war so inspiriert davon, dass er Mitglied bei den Rotariern wird.

Wieder einmal verschmelzen Geschichte und Leben…

Wie diese Osmose funktioniert, ist mir ein Rätsel. Deshalb kann ich sie auch nicht willentlich steuern. Es bleibt mir nur, auf meinem Kissen sitzend zu beobachten, wie der Atem kommt und geht. Zu hören, wie die Vögel singen. Regen gegen die Scheiben klopft. Das Leben dahinfließt. Und dadurch so wach und präsent zu sein, dass ich erkenne: „Jetzt!“

Es gibt diese kurzen Momente, in denen mir meine Intuition sagt, dass genau hier und in diesem Augenblick etwas zu tun ist. Nach Tagen, Wochen, manchmal Monaten des stillen Abwartens, der mühsam erkämpften Akzeptanz für Lebenssituationen, die eigentlich danach verlangen würden, in Aktion zu treten. Aber das wäre kontraproduktiv. So funktioniert es bei Anderen, aber nicht bei mir. Wenn ich den falschen Impulsen folge – aus Angst, Unzufriedenheit, Frustration, Ärger oder Gier aktiv werde – verändere ich lediglich meine Koordinaten. Energetisch finde ich mich im selben Schlamassel wieder.

Die Kunst ist es abzuwarten, bis sich mein Energielevel in meinem Inneren so verändert hat, dass auch im Außen die Dinge zu fließen beginnen. Dafür brauche ich Tantra. Damit ich den Moment erkenne, in dem sich im Außen eine Tür zur neuen Welt öffnet, ich den entscheidenden Schritt machen muss, brauche ich Zen.

Es sind Impulse – ein vages Gefühl, ein Flüstern im Herzen – in meinem Inneren. Oder eine hingeworfene Bemerkung im Gespräch, ein Flyer unter vielen im Hotelfoyer – im Außen. Wenn ich wach bin, reagiere ich darauf wie ein Jagdhund, der auf die Schweißspur des angeschossenen Wildes gestoßen ist. Ich bin elektrisiert und nicht mehr davon abzubringen, der Fährte zu folgen. Wehe, jemand versucht sich mir in den Weg zu stellen, wenn meine Intuition mich lenkt. Dass ich so aggressiv sein kann, trauen mir die wenigsten zu. Was von Außen abstrus erscheint, ist für mich eine Sache auf Leben und Tod.

Ich jage nach dem Anfang des Regenbogens. Bisher hat es immer funktioniert. Nicht in dem Sinne, dass ich am Ziel immer mit etwas Schönem oder Beglückenden belohnt worden wäre. Des Öfteren warten dort Schmerz und Verzweiflung auf mich. Aber es ist der Ort an dem ich zu diesem Zeitpunkt sein muss, damit die Dinge ins Gleichgewicht kommen können, die Energie wieder zu fließen beginnt. Auf das ich meine Geschichte weiterschreiben kann…

Indras Netz – Teil eins

Alles ist mit allem verbunden, nichts voneinander getrennt – so lehrt es die Sage des Gottes Indra…

Am Berg Meru, seiner himmlischen Wohnstätte – so geht die Geschichte – ließ Indra von einem listigen Handwerker ein unendliches Netz von überwältigender Schönheit und Perfektion spannen. Es reicht über alle Dimensionen und Universen und ist geschmückt mit unzähligen Juwelen, die so konzipiert sind, dass sich in jedem einzelnen Juwel alle anderen wiederspiegeln.

Ich denke an Indras Netz, während ich an meinem Manuskript schreibe. Meine Figuren sind wieder lebendig, das erste Mal seit sechs Monaten. Eine quälende Phase des verzweifelten Tastens in meinem Inneren liegt hinter mir. Im Herbst waren meine Charaktere auf einmal nicht mehr zu fassen gewesen. Ich versuchte sie mit allen Tricks und Mitteln zum Agieren zu bewegen, aber es war, als würde ich an den Schnüren von Marionetten ziehen. Sie handelten, aber die Geschichten, die ich ihnen andichtete, waren flach und leer. Ich hatte den Kontakt zu ihnen verloren, weil ich sie nicht mehr verstand. Ich war „blind“. Es kann mir nichts schrecklicheres passieren.

Ich werde immer wieder gefragt: „Denkst Du Dir das alles aus, oder passiert das wirklich?“

Was ist „wirklich“?

Mein Wolf zum Beispiel, der gerade neben meinem Schreibtisch auf dem dicken weißen Schafwollteppich vor sich hin döst, ist nicht „wirklich“ in dem Sinne, dass dort ein Tier aus Fleisch und Blut läge. Aber ich denke ihn mir auch nicht aus. Er ist auf eine andere Art lebendig. Er existiert in einem energetischen Zwischenreich zu dem ich Zugang habe, wenn meine Sinne wach sind und mein Geist offen ist. Dann „sehe“ ich ihn. Und damit ist nicht nur der optische Aspekt gemeint. Mit „sehen“ bezeichne ich eine umfassende sinnliche Erfahrung: ich spüre ihn. Ich glaube ihn zu riechen, zu hören. Er ist vollkommend DA.

Wir haben diese Fähigkeit in der Familie. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die sich ganz selbstverständlich mit den Geistern Verstorbener über Kochrezepte unterhielt. Spirituell Gesinnte nennen es „hellsichtig“. Unvoreingenommene nennen es „imaginativ“. Die große Mehrheit nennt es „verrückt“.

Ich nehme an, dass diese Art des Sehens nicht so selten ist, wie man es vermuten würde. Weil wir in einer Kultur leben, in der diese „Kunst“ weder geschätzt noch gefördert wird, hat sie sich in Nischen zurückgezogen und treibt oft die wildesten Blüten. Wie jede Begabung muss sie kultiviert, der angemessene Umgang mit ihr muss gelehrt werden. Sonst führt die Fähigkeit des differenzierten Sehens auf Abwege. Des Öfteren – bei mentaler Instabilität und psychischen Anfälligkeiten – auch ins Verderben.

Die Glücklichen, seelisch Stabilen malen inspirierende Bilder, denken sich die schönsten Geschichten aus. Was wären Filmkunst und Literatur ohne all die Hellsichtigen, die ihre Fähigkeiten nutzen, um das, was sie wahrnehmen, so zu übersetzen, dass es auch Anderen zugänglich wird, ihnen etwas über das eigene Leben zu sagen hat?

Ich habe lange gebraucht, um meinen Frieden mit dieser Fähigkeit zu machen. Über Jahre habe ich mich in meinen Kopf geflüchtet. Es war verführerisch, denken kann ich gut. Und intellektuelle Beschlagenheit geht mit Anerkennung und Status einher. Die Fähigkeit „Wölfe“ und noch vieles Andere zu sehen, definitiv nicht.

Erst der Osten schenkte mir eine Haltung, die es mir ermöglichte, mit meiner speziellen Begabung zu leben und sie für mich nutzbar zu machen.

Für Andere ist mein extremes tägliches Meditieren – mindestens eineinhalb Stunden sind es immer – und meine vielen Retreats ein Spleen. Für mich ist es existentell: nur wenn ich konstant in diesem speziellen Modus der Wachheit und Präsenz bin, den buddhistische Meditation schenkt, bin ich in der Lage, mich sicher in beiden Welten zu bewegen. Dann bewältige ich auch in extremen Stress-Situationen pragmatisch meinen Alltag und bin gleichzeitig in der Lage „Indras Netz“ zu „sehen“.

Wir sind alle in der Tiefe miteinander verbunden. Ob wir uns – wie es im tibetischen Buddhismus selbstverständlich angenommen wird – in unzähligen früheren Leben karmisch miteinander verstrickt haben, oder ob es – so sieht es Zen – einfach das Prinzip des Tao ist: Alles steht mit Allem in Beziehung, wenn sich das Eine wandelt, wandelt sich das Andere.

Im Kern – da sind sich Vajrayana und Zen einig – ist alles Leerheit. Jede Erscheinung ist bedingt. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ein großes Gewese um das zu machen, was um uns ist. Ob es unser Alltag ist – oder Wunder und seltsame Erscheinungen, die uns Indras Netz schenkt. Sie sind genauso DA wie meine Stromrechnung, mein leerer Kühlschrank und meine nervenden Nachbarn.

Und genauso gehen sie auch wieder: gerade hat man sich noch furchtbar darüber aufgeregt – oder war zutiefst erschüttert – morgen ist es schon Vergangenheit, wird von etwas Anderem abgelöst, was unseren Geist völlig in Beschlag nimmt.

Ich sitze täglich auf meinem Kissen um zu „sehen“ – und es gleichzeitig nicht allzu ernst zu nehmen.

Neunundzwanzig: Ver-Lassen

Ich lasse die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten, während ich – wie immer vor dem Einschlafen – mein Mantra rezitiere. Das Licht der Straßenlaternen fällt durch die hohen Sprossenfenster. Aus dem Flur klingt gedämpft der abendliche Unfriede meiner verwunschenen Mitbewohner.

Die gelben Augen des Wolfs leuchten im Dämmerlicht vom Fußende des Bettes. Er hat sich lang ausgestreckt und lauscht meinem monotonen Murmeln, es ist sein Nachtgebet. Als ich alle 108 Perlen durch habe, drapiere ich die Mala auf dem Nachtkästchen, stelle den Wecker für die Morgenmeditation mit der Online-Sangha auf sechs Uhr und mache es mir im breiten Himmelbett bequem. Das Gewicht des Wolfs auf meinen Füßen spürend, visualisiere ich die wild in ihrem Feuerkranz tanzende und blaue Lichtstrahlen aussendende Krodhi Kali in meinem Unterleib und versuche das Bild – und die Energie die es begleitet – während des Einschlafens zu halten.

Es ist ein probates Mittel, unbewusste Prozesse und energetische Transformationen zu stabilisieren, habe ich gelernt. „Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf.“ Allerdings um den Preis wilder Träume und unruhiger Nächte. Als am nächsten Morgen der Wecker läutet, fühle ich mich völlig konfus. Habe ich geträumt, dass der Wolf irgendwann Nachts auf einmal dicht an mich geschmiegt an meiner Seite lag und mir seine feuchte Nase ans Ohr drückte? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn im Halbschlaf umarmte mit dem Gefühl, er wäre traurig und einsam.

Als der Wolf während der Morgenmeditation vor sich hin dösend neben mir auf dem dicken Schafwollteppich liegt, habe ich Sorge, er könne mich verlassen. Ich kann ihn, obwohl ich offen und präsent bin, nur noch schemenhaft erahnen, er scheint zu fließen. Ich spüre seine nur noch vage Präsenz – und gleichzeitig meine Hilflosigkeit. Er nährt sich nicht von meiner Energie, es liegt nicht in meiner Hand, für ihn zu sorgen. So unerwartet er in meinem Leben getreten ist, kann er auch jederzeit wieder verschwinden.

Ich konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, lausche dem Gesang der Vögel, der gedämpft durch das geschlossene Fenster an mein Ohr dringt und nehme wahr, wie das Licht im Raum von Minute zu Minute heller wird. Die Sonne geht auf.

Und gleichzeitig spüre ich in dieser friedlichen Stille im Außen die schmerzhafte Energie des Wolfs – und in meinem Inneren die wahnsinnige Angst davor, verlassen zu werden. Sie steigt aus meinem Unterleib auf, krallt sich an mein Herz und drückt mir den Atem ab. Ich versuche, mir beides einfach nur anzusehen – ohne es zu werten, es weg haben zu wollen, mir eine Geschichte darüber zu erzählen – und es auszuhalten. So wie ich es gelernt habe. Es ist die Essenz meiner Praxis: genau jetzt bin ich ganz bei mir. Krodhi Kali hat mich in ihren Fängen, hält mir den Spiegel vor: ich beobachte meinen verzweifelten Geist, wie er Rettungs- und Untergangsphantasien mit der Geschwindigkeit eines Quantencomputers entwickelt, verwirft, innerlich zusammenbricht, nur um erneut Kontroll- und Machtstrategien zu produzieren.

Ich spüre, höre, sehe, beobachte – die Stille um mich, die Angst und Verzweiflung in mir, den Wolf neben mir, meinen hysterischen Geist – alles gleichzeitig. Der Gong ertönt, die fünfundvierzig Minuten morgendliche Sitzzeit sind vorüber. Ich falte die Hände vor der Brust und rezitiere mit den anderen aus der Online-Sangha das Herz-Sutra. Danach hält die Zen-Lehrerin ein kurzes Tesho: „Shosho fragte den Meister: ‚Was ist Buddha?‘ Der Meister antwortete: Die weißen Rettiche sind dieses Jahr besonders prächtig geraten.“

Mein „weißer Rettich“ ist ein großer grauer Wolf. Während ich in der Camping-Küche das Espresso-Kännchen auf den Herd stelle, sitzt er neben mir und beobachtet konzentriert jede meiner Bewegungen. Er hat sich wohl entschlossen, erst einmal zu bleiben.

Achtundzwanzig: Wild – Teil zwei

„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder.“ Novalis

Unbewegt läuft der große graue Wolf neben mir, den massigen Kopf wachsam erhoben, und streckt seine Nase in den Wind. Wir nehmen Schleichwege um die Fußgängerzone herum, die am Samstag zur Mittagszeit völlig überlaufen ist. An einer roten Ampel müssen wir warten, vor uns rauscht der Großstadtverkehr. Ich lege dem Wolf, der ruhig neben mir steht, die Hand auf den Rücken und spüre seine knochige Schulter unter dem zottigen Fell.

Die erste Nacht in Leipzig hat er im breiten Himmelbett zu meinen Füßen verbracht, wir haben jetzt mehr Platz als auf dem schmalen Lager in Uriels Retreathaus.

Der Wolf trägt den Umzug nach Leipzig mit Gleichmut, ich kann keine Veränderung in seinem Verhalten feststellen. Er ist ja auch nicht das einzige wilde Tier im Viertel: während des Einschlafens gestern Abend hörten wir die schrillen Schreie der Graureiher, die in den Kanälen im Licht der Straßenlaternen nach ihrer Beute fischen. Am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang wurde das heisere Bellen der Füchse vom vielstimmigen Krächzen der riesigen Krähenschwärme übertönt, die im nahen Zoo zu Hause sind. Waschbären wühlen in den Mülltonnen, Wildschweine durchpflügen den Park. Das Wilde lebt mitten unter uns. Mein Wolf kommt wohl nicht mal auf die Idee, er könne hier fehl am Platz sein.

Während ich am Nachmittag im Café auf meinem Laptop tippe, schläft er unter dem Tisch. Keiner der anderen Gäste ahnt, dass sich ein großer Wolf in ihrer Mitte befindet. Auch meine verwunschenen Mitbewohner wissen nichts von ihrem neuen Untermieter. Dabei ist er mehr DA, als mancher von denen, die um mich sind. Für mich verströmt er ungeheure Energie. Ich versuche immer wieder zu „sehen“ woher er sie wohl nimmt?

Die Retreats arbeiten weiter in mir, vor allem das letzte, Throma. Heute Nacht hörte ich im Schlaf wie aus weiter Ferne die dumpfen Schläge der Trommeln, das Läuten der Glocken, immer wieder übertönt vom schrillen Tröten der Knochentrompeten. Alles um mich war schwarz, ich schien wieder durch die Höhlen meines Inneren zu wandern, den Wolf wie immer schützend an meiner Seite. Allerdings war er auf einmal größer als ich. Während ich mich darüber wunderte, bemerkte ich, dass ich nicht auf zwei Beinen unterwegs war, sondern auf vier weißen Pfoten! Auch meine Wahrnehmung hatte sich verändert: ich schien mehr zu riechen, zu hören und zu spüren als zu sehen, die Dunkelheit um mich stellte kein Hindernis für meine Orientierung dar. Unter Mühen gelang es mir, den Fokus zu verändern und vom Traumsubjekt zum Objekt zu werden. Ich sah auf einmal aus der Beobachterposition, wie der Wolf durch eine dunkle Höhle schlich – und neben ihm ein grau-weißer Husky mit meinen blauen Augen! Im Traum war ich vom Menschen zum Hund geworden!

Als wir im diffusen Licht der Abenddämmerung durch den Clara-Park nach Hause laufen, sinniere ich über den Traum und beobachte währenddessen den Wolf, der, die Nase am Wegesrand, ein paar Schritte vor mir her trabt.

Auf einmal überkommt mich wieder das vage Gefühl, eine „Grenze“ erkennen zu können, an der er sich entlang bewegt. Er repräsentiert so etwas wie eine Schnittstelle, kommt mir vor. Es ist, als würden zwei energetische Felder aufeinander treffen. Er bewegt sich – und gehört – zu meiner Realität. Gleichzeitig scheint der stete Energiestrom, der ihn nährt, aus einer Quelle zu stammen, die jenseits meines Universums liegt. Es ist, als würde etwas auf der anderen Seite dieser Grenze in einem stetigen Strom gleichförmig mit mir fließen, dessen gewaltige Energie sich konstant rechts von mir „verknotet“. Eine energetische Verdichtung, deren intensive Wellenbewegungen in mir das imaginative Bild eines langbeinigen hageren zottigen Wolfs auslösen.

„Lass die Spekulation“, ermahne ich mich „mach keine Story draus!“ Ich bin froh, dass er bei mir ist. Warum auch immer…

Siebenundzwanzig: Mary Poppins

Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum hat unsere Energie ausgerechnet diese banale menschliche Form angenommen? Warum nur hat es uns auf diesen winzigen blauen Planeten verschlagen, der irgendwo in einem unwichtigen Winkel des Universums um eine unbedeutende Sonne kreist?

Etwa drei Milliarden Herzschläge, eine halbe Milliarde Atemzüge sind uns gegeben, wenn wir unsere Lebensspanne ausschöpfen dürfen, bevor wir diese Existenz wieder verlassen werden.

Wofür? Wozu?

Zen ist an dieser Fragestellung nicht interessiert. Wir sind da, das genügt. Jede Idee, warum wir existieren, ist einzig wieder Konzept, dass uns davon abhält, einfach nur DA zu sein. Über den Sinn des Lebens zu reflektieren ist nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv. So habe ich es gelernt.

Allerdings stand immer Willigis dagegen, der Zen-Meister, aber gleichzeitig Mystiker war. Und Priester. Das wohl zu allererst. „Warum bist Du da?“ hat er immer wieder gefragt.

„Aus tiefstem Herzen sage ich Euch allen: Immer geht es um Leben und Tod. Alles vergeht und kein Verweilen kennt der Augenblick. Darum seid immer wachsam, nie nachlässig, nie vergesslich.“ Das ist der Spruch, mit dem der Assistent jedes Sesshin am Hof eröffnet und mit dem wir am Ende auch wieder entlassen werden. So viel zur Idee, Meditation würde der Entspannung dienen.

Sowohl Zen als auch Tantra sind Teil des Mahajana-Buddhismus. In dieser Tradition ist das Ziel nicht nur die eigene Verwirklichung, sondern die Erlösung aller Lebewesen. Deshalb ist das Ideal des Mahajana-Buddhismus der Bodhisattva: ein Praktizierender, der auf dem Weg so weit fortgeschritten ist, dass er Erleuchtung – und damit das Eingehen ins Nirvana – erlangen könnte, aber freiwillig so lange immer wieder menschliche Existenz annimmt, bis auch das letzte Lebenwesen von Leid befreit sein wird. In der Zen-Praxis sind es die „vier großen Gelübde“ im Vajrayana „Bodhicitta“ – aber das Prinzip ist das gleiche. Rituell wird als Teil der Praxis der Wunsch ausgedrückt, Erleuchtung nicht nur zum eigenen Nutzen zu erlangen, sondern zum Wohle aller.

Wie das Bodhisattva-Gelübde im Alltag am Besten gelebt werden kann, ist eine komplizierte Frage. Wann ist man auf dem Weg so weit fortgeschritten, dass man berufen, verpflichtet und kompetent genug ist, Anderen zu helfen? Wo enden Narzissmus und Selbstausbeutung, wann beginnt spirituelle Verpflichtung? Ein schwieriges Thema: so mancher, der weit fortgeschritten ist, traut sich nichts zu – und viele, die es nicht sind, fühlen sich berufen, obwohl sie nur Unheil anrichten.

Auch hier lauert Mara an jeder Kreuzung.

Seit etwa einem Jahr passiert es mir immer wieder, dass mir etwas gesagt wird in der Art von: „So jemanden wie dich hatte ich mir gewünscht.“ Oder: „Du bist das, was mir gefehlt hat.“ Die etwas melodramatische Version „Dich schickt der Himmel!“ habe ich auch schon zu hören bekommen.

Meine aktuelle Hypthese dazu ist, dass ich eine Art „Mary Poppins für schwierige Fälle“ zu sein scheine. Ich komme nicht mit dem Ostwind zu netten Kindern gesegelt, sondern treffe in allen möglichen – und des öfteren unmöglichen – Situationen auf Menschen, die irgendwie in ihrem Leben feststecken. Es kommt mir zumindest so vor, als wäre es das, was alle gemeinsam haben, so verschieden sie auch sonst sind.

Und man scheint sich mich wünschen zu müssen, sonst klappt es nicht. Ich weiß, es klingt völlig abgedreht und ziemlich narzisstisch, aber – wie gesagt – es ist das, was mir immer wieder mitgeteilt wird.

Das Experiment läuft noch, es liegen lediglich Zwischenergebnisse vor. Die bisher erhobenen Daten lassen sich so interpretieren, dass es das eine ist, sich jemanden wie mich zu wünschen. Und etwas völlig anderes, mit den Konsequenzen meiner Präsenz klar zu kommen.

Ich scheine immer so etwas wie eine Einladung zu sein, die man annehmen oder ausschlagen kann. Die Ausfallquote ist hoch, habe ich gelernt. Die „schwierigen Fälle“ treffen unter den wunderlichsten Umständen auf mich. Aber sich in der Tiefe auf mich einzulassen um den enstprechenden Nutzen für das eigene Leben daraus ziehen zu können, ist nicht vielen von ihnen gegeben. Die meisten tauchen auf, freuen sich, erschrecken kurz darauf zutiefst und verschwinden wieder.

„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. So versuche ich es zu handhaben: wer auf mich trifft und mit mir etwas anzufangen weiß, den versuche ich anzunehmen, auch wenn er nicht meinen Vorstellungen entspricht oder ich eigentlich gerade etwas anderes vorhatte. Und wer mich wieder verlässt, obwohl mir mein Gefühl sagt, dass er eigentlich bleiben sollte, den lasse ich ziehen. Eine interessante und des Öfteren herausfordernde Übung in Akzeptanz.

Ich bin gespannt, was noch aus dieser Mary-Poppins-Sache werden wird. Es scheint die aktuelle Resonanz im Außen auf das zu sein, was sich in meinem Inneren abspielt. Alles ist fluide, in jedem Augenblick kann es anders sein. Schon morgen können alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie auf mich treffen. Ich würde mich zähneknirschend – und sicher des Öfteren wenig erfolgreich – darin üben, es ok zu finden.

Warum wir in diese Existenz hineingeboren wurden, werden wir nie wissen, denke ich. Deshalb hat Zen recht, dass es müßig ist, ein Konzept daraus zu machen. Und Willigis hat recht, dass er trotzdem so beharrlich danach gefragt hat: es ist unserer Natur eingeschrieben, dass wir für etwas leben wollen, das über die eigene Existenz hinaus reicht. Lebewesen von Leid befreien zu wollen auf eine Art und Weise, die uns entspricht und Anderen angemessen ist, löst das Boddhisattva-Versprechen ein – und ist eine Antwort auf Willigis Frage, die ihn wohl gefreut hätte.

Sechsundzwanzig: Geschafft!

Der Rinpoche hat die Bumpa zur Blumenvase umfunktioniert, um den Frühling willkommen zu heißen…

Am frühen Abend breitet sich Entspannung im Schreinraum aus. Wir sind beim Tsok – dem Speiseopfer- angekommen. Alle Buddhas, Boddhisattvas und örtliche Naturgeister sind versorgt, die Beschützer besänftigt und gefüttert. Wir sitzen vor Rotwein, Nüsschen, Schokolade, Keksen und Käsestücken und lauschen dem Rinpoche, der – zwischendurch am alkoholfreien Bier nippend – gut gelaunt Schwänke aus seinem bewegten Leben als nepalesischer Lama zum Besten gibt.

Alle sind erleichtert: wir haben es fast geschafft. Nach dem Tsok steht noch ein Stündchen trommeln, bimmeln und singen an. Und Morgen vor dem Frühstück findet das Abschlussritual statt, aber das sind nur Petitessen im Vergleich zu dem, was wir hinter uns gebracht haben. Achtzehn Tage Retreat in drei Wochen! Auf diesem Niveau!

Wir fühlen uns, als hätten wir gerade den Mount Everest erklommen. Unser nepalesischer Scherpa scheint auch zufrieden mit seiner europäischen Mannschaft zu sein. Obwohl sicher des Öfteren gruselig klang, was wir von uns gegeben haben. Zumindest ich hatte während des tagelangen Rezitierens nur eine vage Vorstellung davon, wie die tibetischen Silben lautmalerisch korrekt ausgesprochen werden. Und mein Gesinge, Getrommel und Gebimmel war anfangs zum Gotterbarmen und am Ende des einwöchigen Retreats mit gutem Willen akzeptabel. Immerhin kann ich jetzt die Damaru einigermaßen im Takt drehen, die roten Knöpfe an den langen Schnüren treffen meist die beiden Trommelfelle und bleiben nicht mehr in meinen Haaren oder an den Fransen des Zierbandes hängen. Auch die Glocke schwenke ich ab und an im korrekten Rhythmus. Und heute habe ich sogar ein paar schwache Tröt-Töne auf der gruseligen Knochentrompete zustanden gebracht.

Der Rinpoche verspricht, in den nächsten Tagen ein Audio für uns aufzunehmen, damit wir Zuhause fleißig üben können und ihm keine Schande machen werden, wenn er im Sommer aus Nepal zum nächsten Throma-Retreat anreisen wird. Ich habe mir im dicken Copy-Shop-Buch mit vielen bunten Markern die Abschnitte markiert, die ich für das Basis-Ritual brauche. Der Gedanke, was meine verwunschenen Mitbewohner in Leipzig denken werden, wenn ich trommelnd, singend und bimmelnd in meinem Untermietzimmer sitze, erheitert mich. Zumindest das Tröten bleibt ihnen erspart, die Kangling kann ich nicht nach Leipzig nehmen, sie gehört Uriel.

Wir nehmen Stellung für das obligatorische Gruppenphoto. Der Rinpoche steckt noch schnell den traditionellen Pfauenfeder-Aufsatz auf die Bumpa – dem Behälter für das geweihte Safranwasser, das er immer wieder über Opfergaben und Tormas verteilt – damit man die gelbe Nelke nicht sieht. Es scheint nicht üblich zu sein, sie als Blumenvase zweckzuentfremden.

Am Abend gehen Uriel und ich mit dem kleinen weißen Spitz und dem großen grauen Wolf spazieren. Ich spüre mehr als ich sehe, wie er an meiner Seite durch den dunklen Wald läuft. Die Frage, ob er mich Morgen nach Leipzig begleiten wird, beschäftigt mich. Ich würde ihn vermissen, sollte er am Ende der Welt zurück bleiben. Aber was will ein großer grauer Wolf in der Großstadt?

Fünfundzwanzig: Im Nebel

Durch Krodhi Kali taste ich mich an die Quelle meiner Vitalität heran – und an die Kraft, aus der sich mein Teufel speist.

Ein Zen-Lehrer erklärte mir einmal, dass ihn die langen Jahre der Praxis nicht von seinen Neurosen befreit hätten. Er habe vielmehr gelernt, entspannt mit ihnen Tee zu trinken.

Das fand ich gut, an den Punkt wollte ich auch kommen. Ich kaufte mir meinen Teufel („Eins“), damit ich lernen möge, mit ihm Frieden zu schließen. Sonderlich erfolgreich – so meine aktuelle Erkenntnis – ist das Projekt bisher nicht verlaufen, sonst würde mich Krodhi Kali nicht in jeder Visualisierungsrunde aufs Neue so an meine Grenzen bringen.

Jetzt ist mir klar: letztendlich habe ich immer versucht, meinen „Teufel“ in all seinen Ausprägungen in Schach zu halten. Ich wollte ihn nicht abspalten und projizieren. Statt dessen habe ich versucht, ihn zu kontrollieren, damit er mich – und Andere – nicht in einem unaufmerksamen Moment von hinten anfällt. Das hat nichts mit „Frieden schließen“ zu tun. Anstatt ihn an meine Tafel zu bitten, habe ich versucht, meinen Teufel in ein Verlies zu sperren.

Jetzt denke ich mir: er hat sich sicher königlich über meine Naivität amüsiert. Und sich so groß und mächtig vor mir aufgebaut, dass ich ihn in meiner Großspurigkeit nicht erkannt habe. Ich bin um seinen kleinen Zehennagel in Gestalt meiner putzigen kleinen Figur herumgehüpft und habe mich nicht getraut, einfach den Kopf in den Nacken zu legen, nach oben zu schauen und mir einzugestehen, dass er DA ist.

Eine ebenso beschämende wie erheiternde Erkenntnis.

Wir wenden uns allen Objekten im Außen in der selben Weise zu, wie wir dies unseren „inneren Objekten“ gegenüber tun. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat diese Erkenntnis in ihrer „Objektbeziehungstheorie“ dargestellt. Tantra weiß es schon lange. Der eherne Grundsatz lautet: „Wie Innen – so Außen.“

Das bedeutet: ich gestalte unbewusst meine äußere Welt in derselben Weise, in der ich innerlich strukturiert bin. Deshalb ist der Weg zur Beendigung des Leidens nicht die möglichst kunstvolle Manipulation äußerer Faktoren – inklusive Partner, Kinder, Kollegen – sondern die heilsamenTransformation der inneren Realität durch die Beseitigung energetischer Blockaden.

Ich habe meine wilde Vitalität immer gefürchtet und entwertet. Ich konnte akzeptieren, dass sie DA ist. Und auch, dass sie nicht WEG gehen würde. Aber ohne dass es mir bewusst war, habe ich sie immer als Erbsünde erlebt. Etwas in mir, das schlecht und verdorben ist und nur Unheil bringen kann. Und deshalb mit allen Mitteln unter Kontrolle gebracht werden muss.

„Unter Schmerzen sollst du gebären…“ wurde mir als Kind gepredigt. Eva war Schuld daran, dass Gott die Menschen aus dem Paradies verbannt hat. Sie hatte sich vom Teufel verführen lassen, Gottes Gebot missachtet und Adam und sich ins Unglück gestürzt. Die Bibel lehrt, dass es ein schlechtes Ende mit ihr genommen hat: nach dem Rauswurf aus dem Paradies musste sie sich ihr Brot durch harte Arbeit verdienen und zu allem Unglück ermordete einer ihrer Söhne auch noch den anderen. Über die Qualität ihrer Ehe schweigt die Bibel, aber die Chance ist groß, dass ihr Adam bei jeder Gelegenheit vorhielt, dass SIE Schuld an der ganzen Katastrophe hätte…

Kein Wunder, dass ich um wilde Vitalität herumtanze, als wäre sie eine ungesicherte Handgranate. Nicht nur bei mir, sondern auch bei Anderen. Nichts provoziert mich mehr als rüdes und aggressives Verhalten, bringt mich zügig an die Grenzen meiner Akzeptanz und macht mich gleichzeitig völlig hilflos. Ich habe mit der Zeit Strategien erlernt, nicht mehr sofort darauf anzuspringen, aber letztendlich behandle ich die Nachtseiten anderer auch nicht besser als meine eigenen – mit Ohnmacht, Entwertung und Kontrollversuchen.

Was wäre, wenn ich Kodhri Kali zum Tee bitten würde? Könnte ich mir mein Dominanzverhalten – und auch das Anderer – als Ausdruck ihrer Kraft verzeihen?

Vielleicht könnte ich in Zukunft meine Grenzen besser verteidigen, wenn ich die aufbrausende Wut Anderer in banalen Alltagssituationen nicht mehr als Affront, sondern als Repräsentation der Wildheit Kodhri Kalis würdigen würde? Und notfalls meine eigene Kodhri Kali auspacke, anstatt mich zwanghaft in Akzeptanz zu üben?

Möglicherweise – denke ich gerade – wäre es mir und meiner Umgebung angemessen, wenn ich mir zugestehen könnte, dass ich in der Tiefe weit weniger kultiviert und umgänglich bin, als ich es gerne wäre.

Aber das ist nur eine Idee. Ich stochere gerade im Nebel….

Vierundzwanzig: Wild – Teil eins

Nachts weckt mich der Wolf. Er hat seinen Platz am Fußende des Bettes verlassen und streckt mir die feuchte Schnauze ins Gesicht. Schon steht er an der Zimmertür. Im Dunkeln steige ich in meine Hausschuhe, nehme automatisch das Handy vom Nachtkästchen und trete mit ihm in den stillen Flur.

Alle schlafen. Ich wohl auch. Es ist ein Traum, denke ich mir, und beobachte mich dabei, wie ich unter dem erwartungsvollen Blick des Wolfes die Haustür aufschließe und ihm über die Auffahrt in den Wald auf der anderen Seite des Bachlaufs folge. Über uns leuchten die Sterne am nachtschwarzen Himmel, in den hohen Kronen der Kiefern rauscht der Wind. Irgenwo im Gebüsch knackt es. Wo will der Wolf nur um diese Uhrzeit mit mir hin?

Auf einmal verändert sich die Szenerie: ich folge dem grauen Schatten über eine große Wiese, der von Sternen übersähte Nachthimmel spendet sanftes blaues Licht. Vor uns ragt der hohe kahle Berg auf, in dem ich als Vajrakilaya die weißen Vampire niedergemetzelt habe. Zielstrebig läuft der Wolf zum Eingang der Höhle. Dort bleibt er stehen und sieht sich nach mir um. Als ich zu ihm aufgeschlossen habe, verschwindet er in die Dunkelheit des schmalen Gangs. Diesmal bin ich kein sechsarmiger Gott im lichtspendenden Feuerkranz, ich tappe blind in Hausschuhen und im Schlafanzug in die Finsternis. Ein Glück, dass ich das Handy dabei habe, ich schalte die Taschenlampe an, so geht es besser. Vor mir trabt wachsam der Wolf dahin, die Nase in die Höhe haltend und nach allen Seiten witternd. Erstaunlicherweise habe ich keine Angst: ich habe einen großen starken Begleiter, das genügt, um meine Nerven zu beruhigen.

Wir durchqueren die Höhle der Vampire, sie ist vollkommend leer. Es geht weiter in den Berg hinein, ich spüre – während ich mich dabei beobachte, wie ich durch den schmalen Gang gehe – das vertraute schmerzhafte Ziehen im Unterleib.

Irgendwo vor uns flackert blaues Licht. Im Näherkommen erkenne ich den Durchgang zu einer weiteren Höhle. Als uns nur noch wenige Meter vom Eingang trennen, setzt sich der Wolf auf seine Hinterläufe und starrt unbewegt geradeaus. Ich folge seinem Blick – und sehe Kadhro Kali! Sie windet und dreht sich wie wahnsinnig, ihr hässliches Gesicht ist in Ekstase verzerrt. Um sie schlagen die Feuerzungen in die Höhe, aus ihrem Herzen jagen blaue Lichtblitze in alle Richtungen davon, gleichzeitig wird weißes Licht in ihrem Brustkorb absorbiert.

DAS war das Monster, vor dem ich mich so gefürchtet hatte, dass ich es als unsterblicher sechsarmiger, bis an die Zähne bewaffneter zornvoller Gott nicht gewagt hatte, ihm entgegen zu treten!

Ganz falsch war es nicht, denke ich, während ich das so faszinierende wie abstossende Schauspiel vor mir beobachte. Krodhi Kali ist viel mächtiger als Vajrakilaya. Er zieht seine Klarheit aus seiner mentalen und physischen Stärke, sie ist die Herrin über Leben und Tod.

In der Tiefe sind wir alle Krodhi Kali. Wir sind wilde Tiere, die nur den Gesetzen der Natur verpflichtet sind. Wir wollen überleben, fressen, uns fortpflanzen. Wir brauchen Gemeinschaft. Wir wollen eins sein mit der Natur. Am Ende werden wir sterben, unsere Körper werden verwesen. Es ist so natürlich wie alles andere, das uns ausmacht.

Krodhi Kali schenkt ihre Kraft und Weisheit in den Lebenssituationen, in denen wir mit dem Rücken zur Wand stehen und alles um uns zusammenbricht. Wenn nichts mehr geht, alle Hoffnung, an die wir uns geklammert hatten, verloren ist. Wenn auch die letzte Illusion stirbt, die verzweifelteste Rettungsphantasie vergebens ist – dann ist sie da.

Nie begegnen wir ihr direkter als zu Beginn und am Ende unseres Lebens.

Der Wolf ist an meiner Seite erschienen, weil er diese Kraft in sich trägt – und sie in mir spürt. Wir sind Seelen-Gefährten, in der Tiefe bin ich so wild und ungezähmt wie er.

Ich wache auf. Mondlicht fällt durch einen Spalt der Jalousien und lässt das weiße Schnauze des Wolfs aufleuchten, der zu meinen Füßen zusammengerollt auf der Bettdecke schläft.

Dreiundzwanzig: Gräberfriedhof

Neben mir rauscht der Bach. Der Wolf folgt, die Nase dicht über dem Boden haltend, einer Spur am Wegesrand. Der kleine weiße Spitz wieselt geschäftig an der Ausziehleine hin und her. Ich pfeife vergnügt vor mich hin, während ich in der Abenddämmerung mit meinen Gefährten durch den Wald laufe. Ein Spruch kommt mir in den Sinn: „Mädchen, die pfeifen, und Hähnen, die krähen, soll man beizeiten den Hals umdrehen.“ Ich pfeife noch ein bisschen lauter – was ist das für eine Melodie? Richtig! Irgendein Kirchenlied aus meiner bewegten katholischen Jugendzeit, der Titel ist mir entfallen.

Während der Visualisierungsrunde am Nachmittag bin ich wieder zu Krodhi Kali geworden. Mein wild tanzender schwarzer Körper sendet aus dem Herz-Chakra dunkelblaue Lichtstrahlen in alle zehn Dimensionen. Im Buch steht, sie durchschlagen und zerstören alle bösen Geister und löschen jede Negativität aus, bevor sie als strahlende Klarheit wieder vom Wurzelmantra, das in meinem Herz-Chakra kreist, absorbiert werden. Inzwischen kann ich die Visualisierung etwas besser halten. Es ist, als hätte ich am Radio einen Sender eingestellt, der mal mehr, mal weniger rauscht. Es ist nicht toll, aber es geht. Die Energie, die aus meinem Becken in mein Herz-Chakra aufsteigt und durch das Mantra als blaue Lichtblitze verteilt wird, fühlt sich immer noch kalt und bedrohlich an. Die stechenden Unterleibschmerzen machen das Visualisieren nicht leichter.

Zu meinem Erstaunen bemerke ich, während ich mit Krodhi Kali kämpfe, wie sich mein grauer Wolf, der wieder an meiner rechten Seite ruht, auf den Rücken legt und entspannt alle vier Pfoten von sich streckt. Die Energie, die mich verstört, scheint ihm gut zu tun! Ich lege meine freie rechte Hand auf seinen mächtigen Brustkorb und spüre seinen Herzschlag unter meiner Handfläche. Das beruhigt mich, das Bild wird klarer und stabiler.

Der Fokus kehrt zur Visualisierung zurück: ich kann tanzen, das Mantra im Herz-Chakra kreisen lassen und Lichtenergie aussenden, merke ich. Aber damit, dass diese Energie wieder zu mir zurückkommt, habe ich ein Problem. Immer, wenn ich mich auf diesen Aspekt konzentriere, „rutsche“ ich aus Krodhi Kali heraus und sehe das Bild nur noch von außen. Während ich es wieder und wieder versuche und dabei die Wärme des Wolfs an meiner Seite spüre, tauchen Bilder in mir auf: meine Füße in verdreckten Hausschuhen, ich habe den Schlafanzug an. Neben mir ein wütender Bauer, der mich aus dem Maisfeld hinter dem Gartenzaun gezogen und bei meinem Vater abgeliefert hat. Ich war zur Schlafenszeit heimlich über die Terrasse ausgebüxt und hatte mit den Nachbarsjungen im hohen Mais eine „Wohnung“ eingerichtet. Mehrere Reihen von Maispflanzen mussten den „Zimmern“ weichen. Und das kurz vor der Ernte! Mein Vater schob dem schimpfenden Bauern ein paar knisternde Geldscheine in die Hand. Die Jungen hatte er laufen lassen – sie gingen schon zur Schule – mich hatte er heimgebracht. Ich war fünf Jahre alt. Und ein „Teufelsbraten“, wie er meinem Vater erklärte.

Ich war schon im Kindergarten das wilde Mädchen, das mit den coolen Jungs spielte. Kein Baum zu hoch, kein Hang der riesigen Kiesgrube im nahen Wald zu steil. Wenn wir bei irgendeinem Unfug erwischt wurden, war immer ich es, die Fassungslosigkeit auslöste. „Und so was als Mädchen!“ Dass ich klein, zart und mit der Optik eines Püppchens gestraft war, machte es nicht besser.

Beim Versuch, Fallschirm zu springen, brach ich mir das Sprungglenk. Der große Sonnenschirm war auch hinüber, dabei war er neu und teuer gewesen. Die Eltern logen den Arzt an, mit mir war kein Staat zu machen.

Meinen ersten Verweis bekam ich in der dritten Klasse. Ich hatte mich im Pausenhof auf eine Schulkameradin geworfen, die mich nach Mädchenart mobbte. Sie hatte einen Esel und nur wer nicht mit mir sprach, durfte darauf reiten. Eine Taktik, die aufging. Und mich so erboste, dass ich rasend vor Wut zum Angriff überging. Ich hatte keine Chance, die Andere war ein großes kräftiges Bauernmädchen. Nachdem mich die Pausenaufsicht unter ihren Fäusten hervorgezogen und dem Rektor übergeben hatte, wieder der Spruch: „Und so was als Mädchen!“ Als ich im zerrissenen Kleid mit meinem Verweis nach Hause kam, gab es noch mal Ärger. Ich war trotzdem der Meinung, es richtig gemacht zu haben. Nur sagen durfte ich es keinem.

Beliebt – besonders bei älteren Damen der Umgebung – war außerdem der auf mich gemünzte Spruch: „Mit dir wird es noch mal ein schlechtes Ende nehmen!“

Wohl deshalb finde ich die Idee, ich sende diese ungebärdige wilde Energie aus, auf das sie Negativität und Bösartigkeit zerstöre und dann kommt auch noch Klarheit zurück, absurd. Sie widerpricht komplett meiner Lebenserfahrung! Die eherne Regel meiner Kindheit lautete: ich sende diese Energie aus – unfreiwillig, ich habe mir oft gewünscht, ein „braves Mädchen“ zu sein – und was zurückkommt ist nicht Klarheit, sondern unvermeidlich Ärger und Anfeindungen!

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin schon lange kein wildes Mädchen mehr, das Erwachsenwerden hat mir diese Energie genauso ausgetrieben wie meine imaginäre Tierwelt. Jetzt kann ich nur den Kopf über die Bigotterie und Engstirnigkeit meiner Kindheit schütteln. Ich bin in einer Familie und einem Milieu aufgewachsen, in dem habitualisiert Berge zu Maulwurfshügel gemacht wurden – und Maulwurfshügel zu Bergen!

Ich habe schließlich keine Drogen auf dem Pausehof vertickt, oder die coolen Jungs verführt. Zumindest nicht sexuell. Dafür war ich viel zu katholisch. Aber oft war der Unfug, den wir trieben, auf meinem Mist gewachsen. Die Jungs waren des Öfteren die willigen Vollstrecker meiner ungebärdigen Phantasie.

Ich rutsche aus der Visualisierung und betrachte den grauen Wolf, der immer noch neben mir auf dem Rücken liegt und mir – den Kopf nach hinten gelegt – seine Kehle entgegenstreckt. Er scheint zu schlafen. Die Einzigen, denke ich jetzt, die diese Energie mochten, waren die „coolen Jungs“. Der Wolf scheint auch einer von ihnen zu sein.

Es ist schon fast dunkel. Der Wolf, der kleine weiße Spitz und ich sind bei unserem Abendspaziergang auf einer Anhöhe angelangt. Wir laufen an einem großen Gebäude vorbei. Die wilde Steinsammlung auf der Freifläche des Geländes zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich gehe näher heran. Zwischen Blöcken von Ziegeln und Holzstapeln entdecke ich aufgelassene Gräber! Auf der einen oder anderen schief auf den Umrandungen liegenden Grabplatte flackert noch ein müdes Grablicht. Ich inspiziere die makabre Sammlung: der Herr Pfarrer, lese ich, ist schon 1973 gestorben. Er scheint keine Verwandtschaft gehabt zu haben, die über die zwanzigjährige Liegezeit hinaus bereit war, für sein Grab zu bezahlen. So enden die – denke ich mir – die im Leben alles richtig gemacht und ein „gutes Ende“ gefunden haben. Naja.

Ich mache ein Photo des leeren Grabs mit der zerbrochenen Grabplatte und beschließe, dass ich es mir in Zukunft erlauben darf, meine wilde Energie auszusenden. Vielleicht kommt ja sogar ab und zu so etwas wie Erleuchtung zurück?

Zweiundzwanzig: Geburt

Trötend, trommelnd, die Glocke schlagend und singend arbeiten wir uns durch das dicke Copy-Shop-Buch. Es ist später Vormittag, wir sind beim Wurzelmantra von Krodhi Kali angekommen. Alle greifen zu ihren Malas und fangen murmelnd an, das Mantra zu rezitieren. Die erste Visualisierungseinheit hat begonnen.

Gestern hat uns der Rinpoche im Detail erklärt, welche Bilderfolge und welche Ereignisse wir rund um unsere Vorstellung, wir wären Krodhi Kali, imaginieren sollen. Ich befolgte brav seine Vorgabe, verwandelte mich in Krodhi Kali und fand mich in einem knallbunten Bollywood-Film wieder. Ich konnte das Drehbuch problemlos durchziehen. Aber ich hatte weder das Gefühl, mich in eine weibliche dunkle Nachtseite verwandelt zu haben, noch sagte mir der Prozess, in dem ich mich als Göttin wiederfand, emotional etwas. Das einzige Gefühl, das die Szenerie mir auslöste, war Konfusion. Was hatte diese tanzende blaue Göttin in ihrer quietschbunten Welt mit der gruseligen Knochentrompete vor mir auf dem Schreintischchen zu tun? Ich fühlte mich während der Visualisierung, als wäre ich im Buckingham Palace zum Tee empfangen worden. Das Korsett drückte und bei jedem Schluck aus der zarten Porzellantasse musste ich darauf achten, dass ich vornehm den kleinen Finger abwinkelte. Ich kam mir albern vor – das war der einzige Erkenntnisgewinn, den ich aus der ersten Visualisierungsrunde zog.

Glücklicherweise hatte ich dem amerikanischen Lama Vajranatha, bevor er nach dem Vajrakilaya-Retreat die Heimreise antrat, eine von ihm verfasste Schrift abgekauft: „The Laughter of the Dark Goddess. The Pracitce of Troma Nagmo, the Queen of the Cremation Grounds.“

Krodhi Kali ist der Sanskrit-Name der Friedhofs-Göttin, auf Tibetisch heißt sie Troma Nagmo. Es ist das Buch der Stunde, stelle ich zufrieden fest. Der kleine weiße Band verrät mir, dass der bunte Bollywood-Film, den uns der Rinpoche vorgegeben hat, zur langen Version des Rituals gehört. Es gibt aber auch noch eine kurze Version mit einer vereinfachten Visualisierung. Und die ist genau nach meinem Geschmack: kurz, knackig und auf den Punkt.

Im Text des amerikanischen Lamas ist Krodhi Kali schwarz. In der Beschreibung des Rinpoche – und auf der bunten Tanka, die er neben seinem roten Thron aufgehängt hat – ist sie blau. Als ich mich am nächsten Vormittag zu Beginn der ersten Visualisierungseinheit wieder in Krodhi Kali verwandle, halte ich mich an die Anweisungen von Lama Vajranatha und wähle schwarz. Die Energie, die ich in dem Moment abbekomme, als ich mich als wild tanzende zornvolle schwarze Göttin in meinem Feuerkranz imaginiere, ist so extrem, dass ich das Bild sofort wieder verliere. „Bingo!“ – denke ich mir. „Das war ein Volltreffer.“

Der graue Wolf, der auf sich auf der rechten Seite meines Sitzkissens ausgestreckt hat, drückt sich gegen meinen Oberschenkel. Ich spüre die Wärme seines Körpers und ahne seinen strengen Geruch. Es tut mir gut, ihn so nah bei mir zu haben, das hier geht an meine Grenzen.

Ich fokussiere mich wieder, spüre, wie ich als schwarze Göttin zu wilden Trommelschlägen tanze, meine nackten Fußsohlen berühren immer nur kurz den steinigen Boden, vor meinen Augen sprühen Funken, Flammen lecken in die Höhe, die Luft flimmert vor Hitze. Während ich mich wild und ungebärdig drehe und wende, kreist in meinem Herz-Chakra das Mantra, das ich pausenlos rezitiere und sendet dunkelblaue Strahlen in zehn Dimensionen aus, die alle Negativität dunkler Mächte durchdringen und zerstören.

Die Energie, die dieses Bild in mir aktiviert, ist so stark, dass ich die Visualisierung immer nur wenige Augenblicke halten kann. Es ist eine gewaltige Kraft, die mich jedes Mal durchströmt, wenn ich zur schwarzen Göttin werde. Sie steigt explosionsartig aus meinem Unterleib hoch. Nicht zentral, wie ich es gewöhnt bin, sondern irgendwie links und rechts der Hüften. Während ich – das Mantra rezitierend – die Mala zwischen die Finger meiner linken Hand hindurch laufen lasse und immer wieder in die Visualisierung hineingehe, nur um sofort wieder herausgekickt zu werden, spüre ich, wie der Wolf seine Schnauze auf meinen rechten Oberschenkel legt. Ich streiche ihm mit meiner freien rechten Hand über den Kopf und bin erstaunt, wie weich sein Fell ist. Er scheint sich an der gewaltigen Energie, die sich mit jeder Verwandlung in mir freisetzt, nicht zu stören. Das beruhigt mich. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich wieder und wieder in eine Art Monster verwandeln: das, was mich durchströmt, ist so unbeherrschbar wie kalt und fremdartig. Als der Rinpoche anfängt, das Mantra laut und langsam zu singen und damit das Zeichen gibt, dass die Visualisierungszeit vorbei ist, bin ich erleichtert.

Während der Mittagspause wandern der Wolf und ich mit dem kleinen weißen Spitz den wild schäumenden Bach entlang. Ich laufe vor mich hin und spüre der Energie aus der Visualisierung nach – und dem Schmerz. Mit einem Mal tauchen Bilder in mir auf, erst vage und verschwommen, dann greifbar. Mich schüttelt es, als mir bewusst wird, woran mich der ziehende Schmerz erinnert: an die Geburten meiner Kinder! Es ist das wellenartig aus den Tiefen des Unterleibs aufsteigende Ziehen, dass das Öffnen des Muttermundes begleitet.

Es gibt diesen Augenblick während des Gebärens, der mit dem Gefühl einhergeht, zu sterben. Unbeherrschbare Kräfte übernehmen vollkommend die Kontrolle über den eigenen Körper, verursachen unerträgliche Schmerzen. Das ist der Moment, an dem der Muttermund so weit geöffnet ist, dass die Presswehen einsetzen und das Kind ins Leben geschoben wird. Es ist der Augenblick zwischen Leben und Tod!

Ich habe Kinder geboren, ohne zu begreifen, was dieser Akt der Geburt wirklich bedeutet, wird mir bewusst. Diese unbeherrschbaren Kräfte haben mich nicht von außen angefallen, es ist meine ureigenste Energie. Es ist nicht so, dass ich mich in Krodhi Kali verwandeln muss. Ich BIN Krodhi Kali!

Am Nachmittag nimmt mich der Rinpoche währen einer Pause zur Seite. Er wäre der Ansicht, teilt er mir mit, dass Krodhi Kali die Emanation wäre, die ich bräuchte. Ich solle sie in Zukunft täglich praktizieren, empfiehlt er mir.

Einundzwanzig: Sterben – Teil zwei

Aus den Augenwinkeln sehe ich an meiner rechten Seite den Wolf. Seit er vor ein paar Nächten neben meinem Bett aufgetaucht ist, hat er mich nicht mehr verlassen. So gleichmütig wie wachsam begleitet er mich durch meine Tage und Nächte. Er ist da, egal ob ich gerade gewillt bin, ihn wahrzunehmen oder nicht.

Ich ringe damit, ob ich mir erlauben darf, ihn zu „sehen“. Während meines vergangenen Aufenthalts in der nahen Kreisstadt – unter all den Menschen, die geschäftig ihrem Tagwerk nachgingen – war es besonders seltsam, mit meinem grauen Begleiter an der Seite durch die belebte Fußgängerzone zu wandern.

Seine Energie ist mir unentwegt präsent. Phasenweise ist sie mir bewusst zugänglich, den größten Teil meiner Tage und Nächte ist sie ein nur halb bewusster fixer Punkt, der sich etwa einen Meter von meiner rechten Körperhälfte als eine Art „energetische Verdichtung“ manifestiert. Dass diese Energie in mir das Bild eines „Wolfs“ wachruft, hat – so vermute ich – mit persönlichen Erfahrungen zu tun, weniger damit, das die Energie intrinsisch der eines echten Wolfs entsprechen würde. Es ist einfach die kreative Übersetzung einer unbewussten Wahrnehmung, durch die ein bestimmter Aspekt meines Seins für meinen Verstand greifbar wird.

Der große graue Wolf ist nicht das erste Schattentier, das mich begleitet. Als Kind war ich die Herrin eines kompletten Zoos. Später verschwanden die Kreaturen, der Eintritt in die Welt der Erwachsenen musste mit Anpassung erkauft werden.

Erst als ich mit dem Traum-Yoga begann, tauchten die Tiere wieder auf. Anfangs als innere Bilder, nach ein paar Tagen auch im Außen. Mit der Zeit lernte ich, sie wertzuschätzen: jedes der Tiere, die bisher in Erscheinung getreten sind, repräsentierte einen energetischen Aspekt, den ich in der jeweiligen Lebenssituation dringend brauchte, aber in meinem Inneren nicht abrufen konnte.

Während der harten Wochen der Trauma-Therapie war es eine riesige Löwin, die nicht von meiner Seite wich. Ich lernte, mich auf sie zu fokussieren und bewusst ihre Kraft und Zähigkeit zu spüren. Als sich der Prozess der Bewusstwerdung der traumatischen Ereignisse seinem Ende näherte, löste sie sich auf – in mir. Sie war Teil meines emotionalen Spektrums geworden.

Jetzt also ein großer grauer Wolf. Er läuft rechts, auf der „Vater-Seite“. Und ich „weiß“, dass es ein Rüde ist. Ein scheuer Einzelgänger, denke ich mir, während ich ihn aus dem Augenwinkel taxiere. Uriels Hund stört sich nicht an ihm. Als ich mir im Wald die Beine vertrete, laufen sie einträchtig neben einander her, der kleine weiße Spitz und der riesige graue Wolf.

Früher erklärte ich mir die Schattentiere einzig tiefenpsychologisch: als abgespaltene Anteile, die sich im Prozess der Integration einem Punkt genähert haben, an dem sie nicht mehr ins Außen projiziert, aber noch nicht selbstverständlicher Teil meines sich differenzierenden emotionalen Spektrums geworden waren.

Inzwischen bin ich offen dafür, dass es noch eine zweite Ebene gibt. Es ist eine vage tastende Überlegung, die sich aus einer verwirrenden Beobachtung speist. Der „Wolf“ scheint sich immer eine Grenze entlang zu bewegen. So nehme ich es zumindest wahr: genau dort, wo er sich befindet, endet etwas – und beginnt zugleich etwas anderes. Ich kann nur mutmaßen, was es sein könnte, was ich halb zu „sehen“, halb zu spüren glaube. Vielleicht ist es auch nur Einbildung, die Möglichkeit besteht immer.

Als ich zu Bett gehe, dröhnen die Trommeln weiter in meinen Ohren. Das schrille Tröten der Kanglings hat sich in meinen Gehörgängen festgefressen, es begleitet mich, als ich langsam in den Schlaf gleite. Der Wolf liegt lange ausgestreckt neben meinem Bett, ich registriere es während des Einschlafens. Seine Anwesenheit beruhigt mich. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

Nachts träume ich, ich würde mich in vollkommener Dunkelheit in einem unendlich kalten schwarzen Raum befinden. Vor mir im Boden befindet sich ein Brunnenschacht, der tief ins Innere der Erde führt. Ich starre hinunter und höre und spüre, dass dort unten jemand in rasender Todesangst gefangen ist. Die Erkenntnis kommt als Schock. Ich selbst bin es, die in der schwarzen Tiefe feststeckt.

Zwanzig: Sterben – Teil eins

Am nächsten Morgen liegt auf meinem Schreintischen eine Kangling. Uriel hat sie mir hingelegt, damit ich lerne darauf zu spielen. Und mir erklärt, woraus sie gemacht ist: aus einem menschlichen Oberschenkelknochen. Ich nehme auf meinem Kissen Platz und fixiere die Knochentrompete, die zwischen Glocke und und Trommel direkt vor meiner Nase liegt.

Krodhi Kali – die Dakini, der Throma gewidmet ist – ist die „Königin der Friedhöfe.“ Sie ist der „Schatten“, die dunkle Seite des weiblichen Aspekts der Buddha-Natur und repräsentiert den Übergang zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Sie ist die Schutzheilige des Chöd – des Opfer-Rituals der „Abtrennung“ – das dazu dient, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und traditionell an Verbrennungsstätten der Toten und Friedhöfen abgehalten wird.

Mit dieser Form des Chöd bin ich schon während meiner Ngöndro-Praxis zu Beginn meiner Vajrayana-Laufbahn in Berührung gekommen. Über Wochen visualisierte ich – ein Mantra rezitierend – täglich das Häuten und Entbeinen meines eigenen Körpers. Meine Knochen dienten als Brennholz. Aus meiner Schädelschale wurde ein Suppenkessel, den ich auf meinen lodernden Knochen platzierte und in dem ich mein eigenes Fleisch kochte, das ich zum Abschluss des Rituals den Buddhas und Boddhisattvas als Opfer darbrachte.

Auch das hatte mich anfangs Überwindung gekostet, aber es war einfach etwas gewesen, was ich mir ausgedacht hatte. Die Knochentrompete dagegen ist Fakt: irgend ein Mensch von zierlichem Körperbau im fernen Nepal hat gelebt, ist gestorben und ich sitze hier und jetzt in einem deutschen Schreinraum und bin gezwungen, seinem Oberschenkelknochen Töne zu entlocken. Was schon alleine technisch nicht einfach ist. Nachdem ich im Januar während des Vajra-Armor-Retreats schon schmählich daran gescheitert bin, auf der großen weißen Muschel zu trompeten, habe ich nichts anderes erwartet. Aber eine Muschel ist eine Muschel – und ein Oberschenkelknochen ist ein Oberschenkelknochen!

Ich presse trotzdem am Anfang jeden neuen Kapitels des Rituals die Kangling an meine Lippen und blase hinein, auch wenn ich weiß, dass ich keinen Ton zustande bringen werde. Hier geht es nicht um das Geräusch – die Anderen trompeten laut genug – sondern um den psychologischen Effekt. Selten hat mich etwas so verstört wie dieses makabre Musikinstrument. Ich beobachte mich wieder und wieder dabei, wie ich mich automatisch emotional völlig „ausschalte“, sobald ich die Knochentrompete an die Lippen drücke. Das Anfassen ist auszuhalten, stelle ich fest, aber das Ding „zu küssen“ – ein höchst intimer Akt – überfordert mich völlig. Ich dissoziere ein ums andere Mal komplett und schaffe es nur in Spurenelementen, wieder in Kontakt mit meinen Emotionen zu kommen.

Und es ist nicht nur die Kangling, die mich ausknockt. Das ganze Throma-Ritual ist eine einzige Überwältigung. Schon alleine der Krach! Bei Zen-Retreats wird darauf geachtet, das die Umgebung so reizarm als möglich ist. Alle Farben sind gedämpft, das Essen mild, intensive Gerüche – wie Parfum – sind verboten. Nichts im Außen soll die Sinne anregen. Es geht darum, den Geist vollkommend zur Ruhe zu bringen. Nach ein oder zwei Tagen in einem Sesshin spürt man, wie die Sinne wacher und wacher werden. Auf einmal hört man das gleichmäßige Plätschern des Springbrunnens im Hof. Die Intensität des Geschmacks des Mittagessens, das man im Alltag fade finden würde, ist überwältigend. Der Duft der Blumen im Innenhof, an denen man Anfangs achtlos vorbeilief, wird von Tag zu Tag betörender.

Ich liebe Stille und Klarheit. Und jetzt das!

Über Stunden dröhnen ununterbrochen die Trommeln, dazu klingeln – mehr oder weniger im Takt – die Glocken, die jeder der Teilnehmer in der linken Hand hält. Die stete Melodie des Mantras, das alle vor sich hin singen, wird von dem Klangteppich fast vollständig verschluckt. Zwischendurch kommt noch das laute Trompeten der Kangling oben drauf. Und es ist nicht so, dass wärendessen die Trommeln schweigen würden! Der Rinpoche beherrscht es meisterhaft, in der linken Hand gleichzeitig Glocke und Trompete zu halten und zu tröten, während er dazu in der rechten Hand weiter im Takt die Trommel dreht.

Die Kombination aus kompletter Reizüberflutung und Multitasking-Ansprüchen, denen ich nicht im Ansatz gewachsen bin, lässt mein Gehirn regelrecht zusammenbrechen. Ich kann nicht mehr denken, stelle ich fest. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand Beton in den Schädel gegossen.

Irgendwann komme ich wieder so weit zu Bewusstsein, dass ich zumindest in der Lage bin, einen strategischen Plan zu entwickeln: zuerst muss ich lernen, die Trommel im Takt zu schlagen, danach kommt die Glocke dazu und irgendwann auch die Kangling. Und wenn ich weiterhin dem Rinpoche eisern an den Lippen klebe, werden sich die Melodien der Mantras, die er in einem schönen hüpfenden Singsang von sich gibt, im Prozess der Osmose von selbst in meinem Gehirn festsetzen. „Schritt für Schritt“, ermahne ich mich, „dann wird das schon werden.“

Neunzehn: Damaru und Kangling

Ich bekomme eine Damaru, eine tibetische Sanduhrtrommel. Der Rinpoche hat sie mir aus Nepal mitgebracht. Feierlich packt er sie vor meinen Augen aus, zeigt mir, wie sie gehalten werden muss und dreht sie aus dem Handgelenk hin und her. Die beiden an Schnüren befestigten Knöpfe knallen gegen die Trommelfelle. Rhythmisch dröhnen die Schläge durch das Treppenhaus.

Der Resonanzkörper meiner Damaru besteht aus hellem lackiertem Holz. Die Felle sind grün eingefärbt, das Band zwischen den beiden Klangkörpern ist knallrot und mit Muscheln verziert. Der Rinpoche erklärt mir, wie ich die kleine Trommel einpacken muss, damit sie nicht zu Schaden kommt. Jetzt verstehe ich, warum der Griff aus Stoff ist: so lässt er sich – zusammen mit dem lange bunte Zierband mit den Fransen – um die schmale Mitte des Instruments wickeln. Die Damaru hat ihre Reise aus Kathmandu ans Ende der Welt in einem schicken Instrumentenkasten aus gelb leuchtendem Satin zurückgelegt. Der Rinpoche packt sie wieder sorgfältig darin ein, bevor er mir meinen neuen Schatz in die Hand drückt.

Am Abend findet die Einweihung für Throma statt. Für das letzte Retreat von Uriels „Frühjahrsoffensive“ haben wir Verstärkung bekommen, wir sind jetzt immerhin zu sechst. Der Rinpoche erlöst mich dankenswerterweise aus meiner Verantwortung als „Chopin“. Einer der Neuen bekommt den Job als Messdiener aufs Auge gedrückt und beweist schon während der ersten Minuten, dass er der Aufgabe deutlich besser gewachsen ist als ich.

Stolz packe ich meine Damaru aus und platziere sie neben der Glocke und dem Dorje auf meinem Schreintischchen. Dazu noch die Mala und das dicke Copyshop-Buch mit den Rezitationstexten für das Throma-Ritual. Das Equipement für Throma bringt den kleinen Tisch an seine Grenzen.

Ich habe den Platz direkt neben dem Rinpoche erwischt. Zu meinem Glück, stelle ich fest, als das Ritual beginnt. Bei Throma werden die Texte nicht rezitiert, sondern gesungen und mit dem rhythmischen Schlagen der Damaru und dem Läuten der Glocke begleitet.

Uriels kleiner Hund ergreift erschrocken die Flucht, als das Dröhnen der Trommeln, begleitet vom Klang der Glocken, einsetzt. Weil ich nicht mal einen Meter vom Lama entfernt sitze, höre ich durch den tosenden Lärm seinen Gesang und bin in der Lage, dem Text zu folgen. Aber eine unbekannte Melodie zu singen und gleichzeitig im richtigen Takt die Trommel dazu zu drehen und rythmisch die Glocke zu bewegen? Pustekuchen!

Ich versuche mich in Multitasking: mit dem linken Ohr hänge ich an den Lippen des Rinpoche, lese die tibetische Lautschrift mit und bemühe mich, die Töne der gesungenen Melodie zumindest ungefähr zu treffen. Gleichzeitig versuche ich aus den Augenwinkeln auch noch seine Damaru im Blick zu behalten, damit ich den Rhythmus der Drehungen eingermaßen hinkriege. Es klappt irgendwie, aber es klingt schaurig!

Immer wenn ein neues Kapitel anfängt, blasen die Anderen laut dröhnend auf einer Art Trompete, irgendwas graues langes schmales mit rotem Kopf. Was ist das? Davon hat mir vorher keiner was erzählt.

Die Trompete des Rinpoche ist mit Kupferaufsätzen verziert, sehe ich, als er sie zwischendurch direkt vor meiner Nase auf seinem Schreintisch ablegt. Während einer kurzen Pause nehme ich das seltsame Ding genauer in Augenschein. Der Körper des Blasinstruments besteht aus einem Röhrenknochen, stelle ich irritiert fest. Am schmalen Ende des Knochens wird hineingeblasen, die Luft wandert durch die Röhre und am anderen Ende an einer Verdickung wieder heraus. Diese Verdickung ist knallrot lackiert. Und hat in etwa die Form eines Hüftgelenks. Was für ein Tierknochen dafür wohl verwendet wurde? Die ganze Sache ist mir ein Rätsel.

Achzehn: Lebenskraft

Ich wäre so lebendig, höre ich ab und zu. Das kommt von denen, die sich an meiner Vitalität erfreuen können. Ich wäre eine wandelnde Provokation, sagen andere. „Die ist verrückt, völlig gaga!“ Das wird dann meist hinter meinem Rücken kolportiert. Von jenen, die mit Lebenskraft ein grundsätzliches Problem haben.

Das ist meine persönliche Schlussfolgerung, die Betroffenen sehen es sicher anders. Sie wollen ja nur, das alles seine Ordnung hat! Dass sich alle an die Regeln halten! Wo käme man hin, wenn alle täten, was sie wollten?

Es handelt sich im Allgemeinen um einen Typus Mensch, der davon durchdrungen ist, dass genau der Punkt im Universum, an dem er Wurzeln geschlagen hat, der richtige ist. Und jeder, der auch nur fünf Zentimeter davon entfernt ist, kann nur falsch sein! Diese Kategorie Homo Sapiens geht durchs Leben im Zustand des Ärgers und der Fassungslosigkeit darüber, dass Andere Widerstand dagegen leisten, ganz genau so zu sein, zu denken und zu fühlen wie sie. Warum nur – fragen sie sich – sind sie von Idioten, Feinden, Untermenschen umgeben, die partout nicht bereit sind zu tun, was vernünftig, logisch und einzig glücklich machend ist?

Ohne diesen Typus Mensch wären Stand-up-Comedians und Cartoonisten genauso verloren wie sämtliche Autoren der Weltliteratur. Worüber hätten Jane Austen, Shakespeare, Dostojevski schreiben sollen? Monty Python wäre undenkbar ohne die Zahllosen, die davon überzeugt sind, der Mittelpunkt des Universums zu sein.

Zeitgenossen wie ich, die intrinsisch motiviert sind, wenig Interesse an Anerkennung von Außen haben, sind für diesen Typus Mensch eine Quelle tiefer Beunruhigung und dauernder Provokation. Wir sind flexibel, schwer zu fassen – und dabei auch noch renitent, kaum manipulierbar, wir folgen keinen konventionellen Regeln. Wir tun, was wir für richtig halten. Das läßt beim Egozentriker alle Alarmglocken schrillen!

Ihm selbst ist das Verlassen des eigenen Standpunkts nicht möglich: schon alleine der Gedanke, eine Position der Vergangenheit revidieren zu müssen, ist zu bedrohlich. Er könnte zur Erkenntnis führen, dass das Leben anders gestaltet ist – fluide, floureszierend, sich ständig wandelnd – als er es braucht, um sich sicher und stabil zu fühlen.

Im Buddhismus ist „Unwissenheit“ – neben Gier und Abneigung – eines der drei Wurzelgifte. Es ist die Quelle allen menschlichen Leides. „Unwissenheit“ wird hier verstanden als „Ignoranz“ – der Unfähigkeit, das Lebens zu akzeptieren, wie es ist.

Lebenskraft ist das größte Geschenk, das uns gemacht wird. Sie ist unbegrenzt vorhanden, wenn wir bereit sind, ihre Regeln zu akzeptieren. Die wichtigste lautet: sie folgt ihren eigenen Gesetzen, die wir mit unseren primitiven Menschengehirnen, unserer kurzen Lebenszeit, unseren dumpfen Sinnen niemals durchdringen werden.

Glücklicherweise ist es nicht notwendig, Lebenskraft intellektuell zu verstehen. Es genügt, sich von ihr tragen zu lassen. Sie findet immer ihren Weg. Das einzige, was sie davon abhält, sich in Vollkommenheit zu entfalten, ist unsere Angst vor dem Unbekannten. Das Bedürfnis nach Kontrolle, das durch diese existentielle Furcht vor der vollkommenen Offenheit ausgelöst wird, muss aufgegeben werden. Dann fließt die Lebenskraft, wird zu einem breiten Strom aus Energie, trägt uns sicher und stabil durch diese Existenz und schenkt Wunder über Wunder.

Siebzehn: Normalität

Am Nebentisch diskutieren sie über Baugrundstücke und Finanzierungsmodelle. Gegenüber unterhalten sich zwei ältere Frauen über ihre Schwiegertöchter. Der Kellner bringt den Milchkaffee.

Uriel hat mich im Zentrum der Kleinstadt abgesetzt. Wir haben frei, das Throma-Retreat beginnt erst morgen Nachmittag. Während ich auf den Bildschirm meines Laptops starre, versuche ich mich in Präsenz. Was höre, rieche, sehe ich? Es klappt nicht. Sobald ich meine Sinne bewusst öffne, werde ich überschwemmt von Eindrücken. Die Stimmen der Gäste dröhnen in meinen Ohren, die bunte Dekoration flirrt vor meinen Augen, Essensgerüche und Ausdünstungen der Menschen um mich überwältigen mich. Nach zwölf Tagen fast durchgängiger Meditation bin ich wach. Zu wach für das normale Leben.

Dabei bin ich gerade im Wellness-Abklingbecken. Sanfter kann man nicht in dieser anderen Dimension, die für Durchschnittsmenschen „Normalität“ ist, ankommen. Nach den drei Durchgängen Vajra-Armor-Retreat im Januar prallte ich am Münchner Hauptbahnhof auf das „ganz normale Leben“. Schon alleine der Weg vom Bahnsteig quer durch den Bahnhof und hinunter zu den S-Bahngleisen war ein Horrortrip. Massen hastender, schiebender, drängender Menschen. Ich fand mich im Zustand orientierungsloser Konfusion wieder. Es war mir nicht möglich, die Anzeigentafeln zu dechiffrieren, hilflos irrte ich durch unendlich lange Gänge. Der Lärm um mich, das künstliche Licht, diese Unmengen gesichtsloser fremder Menschen, lösten das Gefühl aus, jetzt, hier, in diesem Moment verrückt zu werden.

Das Leben wird in den Augenblicken als „SINN-VOLL“ erlebt, in denen wir mit allen Sinnen präsent sind. Dann sind wir ganz DA. Die Erfahrung, mit allen Sinnen wach zu sein, wird vom überwältigenden Gefühl begleitet, lebendig zu sein.

Wir leben in einer Kultur, in der das Überleben in Dissozation als „Normalität“ definiert ist. In dem Moment, in dem ich meine Sinnesorgane herunterdimme, aufhöre in jedem Augenblick wahrzunehmen was um mich ist, was in mir geschieht, bin ich dissoziert. Es ist der Überlebensmodus, den die Natur eigentlich für lebensbedrohliche Zustände vorgesehen hat. Bei uns heißt er „Alltag“.

Der dissoziierte Zustand darf nur in klar definierten Lebensvollzügen verlassen werden und auch dann gelingt es nicht jedem. Manche schaffen es beim Sport, andere in der Natur, am ehesten gelingt es den meisten noch beim Sex.

Aber sonst?

Es gibt oft nicht einmal eine Vorstellung davon, was fehlt, so selbstverständlich ist dieser Zustand des „Ausgeschaltet-seins“. Kompensiert wird die fehlende sinnliche Erfahrung mit Suchtverhalten: Arbeiten, Karriere, Shoppen, Essen, Alkohol, Drogen, die suchtartige Konsumption von Intimität und Sex, das getriebene Aneinanderreihen besonderer Ereignisse – und das alles, weil die Würdigung des DA-SEINS verloren gegangen ist. Und die Fähigkeit dazu. Einfach nur atmen, spüren, sehen, hören, schmecken, riechen. Lebendig sein.

Sechzehn: Hypnotized – Teil zwei

Meine Traumatherapeutin war beeindruckt von meiner Imaginationsfähigkeit. Und von meiner seelischen Robustheit. Das eine wäre nicht möglich ohne das andere, erklärte sie mir. Kreativität sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Seele traumatische Erfahrungen unbeschadet überstehen könne.

Meine Kindheit gleicht im Rückblick einer langen Reihe von Traumsequenzen, nur kurz unterbrochen von Einbrüchen der Realität. Ich öffne Türen zu imaginären Welten mit der gleichen Leichtigkeit, mit der Andere das Garagentor aufziehen. Es ist eine innere habitualisierte Bewegung, wieder und wieder eingeübt in einer Entwicklungsphase, in der die Synapsen des Gehirns ihre Grundstrukturen bilden. Bei anderen stirbt die Seele. Ich lernte fliegen.

Es bedarf der genetischen Voraussetzung für Kreativität. Wie sie ihren individuellen Ausdruck findet, hängt von Umwelteinflüssen ab. Ich hätte mich auch auf dem Podium eines Konzertsaals wiederfinden können, vermute ich, oder in den Ausstellungsräumen eines Galeristen. Statt dessen hat meine Imaginationsfähigkeit durch äußere Umstände einen Ausdruck gefunden, die mich für buddhistische Meditation prädestiniert.

Es gehört zu den seltsamen Regeln der Existenz, dass aus Gutem Schlechtes erwachsen kann und aus Schlechtem Gutes. Es ist das Prinzip des Tao: das Eine trägt das Andere als Essenz in sich. Im fortlaufenden Prozess von Werden und Vergehen wandelt sich unaufhaltsam das Eine zum Anderen.

Kreativität ist nichts anderes als Lebensenergie. Sie folgt ihren eigenen Gesetzen, lässt sich dauerhaft weder vernichten, noch formen, kontrollieren oder unterdrücken. Wie Wasser, dass sich seinen Weg selbst durch den härtesten Stein gräbt, lässt sie sich nicht aufhalten. Und genau wie Wasser verändert Lebensenergie den Aggreggatszustand, gefriert oder verdampft, wenn die Umstände es verlangen.

Der Buddhismus lehrt, Leiden zu beenden. Zen und Tantra zeigen verschiedene Weg dazu auf. Im Zen lernt der Schüler, den Prozess von Wandel und Vergehen als etwas Natürliches zu erkennen und zu akzeptieren. Tantra wählt einen anderen Weg: es hält die Mittel bereit, Lebensenergie wieder fließen zu lassen.

Fünfzehn: Flags

Das Bild Simhamukhas auf den blauen Fahnen

Uriels kleiner Hund jagt durch den frisch gefallenen Schnee. Es ist sieben Uhr morgens. Oben im zweiten Stock sitzt der Rinpoche betend in seinem Zimmer und begleitet uns mit einer Zeremonie dabei, wie wir im Garten die Schnüre der tibetischen Gebetsfahnen spannen. Auf den blauen Fahnen prangt das Bild von Simhamukha, auf den roten das von Kurukulle.

Als wir fertig sind, flattern entlang des wild rauschenden Baches zwei lange Reihen blauer und roter Fahnen. Der kalte Wind trägt ihre Gebete und Wünsche hinaus in die Welt. Gestern nach dem Abendessen haben wir die einzelnen Fähnchen noch „personalisiert“, indem wir die Namen von Freunden und Familienmitgliedern darauf schrieben. Die flatternden roten Fähnchen beten jetzt für jeden von ihnen um Liebe und Wohlstand , die blauen Fähnchen um Schutz und Klarheit.

Es ist inzwischen acht Uhr, aber das Frühstück muss warten. Während wir Schuhe und Jacken ausziehen, hat der Rinpoche bereits im Schreinraum auf seinem roten Thron Platz genommen und betet und singt halblaut vor sich hin. Das Vajrakilaya-Retreat wird mit einem feierlichen Zeremoniell beendet, das langes Leben schenkt. Gestern in der Mittagspause hat der Rinpoche kleine Haferflocken-Bällchen vorbereitet und heute morgen in einem Schälchen auf dem Schrein platziert. Nachdem sie durch das Ritual gesegnet worden sind, treten wir einzeln vor, nehmen ein paar davon – zusammen mit einem Schluck geweihtem Schnaps – in Empfang und stopfen sie uns in den Mund.

Danach folgt noch das morgendliche Riwo Sang Chöd – das tägliche Opferritual. Eigentlich soll die Kohle glühen, aber heute hat der Rinpoche so viel Energie, dass er versehentlich ein Feuer in der kleinen Metallschale entfacht, die neben seinem Thron auf dem Boden steht. Besorgt beobachten wir, während wir die tibetischen Silben rezitieren, wie die Flammen gefährlich nah an seinem Sitzkissen züngeln. Als er noch ordentlich von der Mischung aus Mehl, Butter und Zucker darüber gibt, füllt sich der Raum mit Rauch. Uriel balanciert das heiße qualmende Gefäß unter Mühen aus dem Schreinraum und auf die Terrasse, damit sich die Buddhas, Boddhisattvas und die Wesen des formlosen Bereichs daran gütlich tun können.

Für die Metallschale wurde – trotz des Einwands des Rinpoche, dass sich die armen hungrigen Geister aus dem formlosen Bereich vor dem Metall fürchten und das Opfer nicht annehmen können – kein brauchbarer Ersatz im Haus gefunden. Uriel wird in den nächsten Tagen mit dem nepalesischen Lama in den örtlichen Baumarkt fahren, damit der dort ein tönernes Gefäß aussucht, das auch für die ärmsten und schwächsten aller Wesen kein Hindernis darstellt.

Als wir – der amerikanische Lama, der tibetische Rinpoche und die verbliebenen drei Praktizierenden – gemeinsam beim späten Frühstück sitzen, wirft die Frühlingssonne ihre Strahlen durch die Fenster. „I feel like I worked in a coal mine!“ stelle ich fest, während ich mir den zweiten Pott Kaffee des Morgens gönne. Es war ein gutes, aber extrem forderndes Retreat.

Und bald geht es weiter: wir haben zwei Tage Pause, dann beginnt Throma.

Vierzehn: Wolf

Während der Nacht frisst mich das Retreat. Im Kopf dröhnt monoton der Rezitationstext, tibetische Silben wandern gleichförmig an meinen Augen vorbei. Schlafe ich, bin ich wach? Meditiere ich? Werde ich verückt? Alles ist möglich.

Mein Körper ist so fluide wie meine Seele. Ich bin Vajrakilaya. Im Schlaf schlinge ich meine sechs Arme um meine Gefährtin, drücke sie an meine Brust. Sie streckt im Halbschlaf ihre Hand aus und streicht mir über die Wange.

Die Perspektive verändert sich: auf einmal sehe ich von der Zimmerdecke auf das Bett hinunter. Dort schläft – seine Gefährtin in den Armen haltend – der riesige blaue Vajrakilaya und neben ihm auf dem Boden wacht ein großer grauer Wolf!

Es ist einer der der Hüter Vajrakilayas, wird mir bewusst. Der nepalesische Rinpoche hat mir am Abend beim Spaziergang mit Uriels kleinem weißem Hund von ihnen erzählt. Sie bewachen das Mandala – Vajrakilayas heiligen Hain – vor bösen Kräften. Manche sind friedvoll, manche zornvoll. Der mit dem Wolfskopf gehört zu den zornvollen Beschützern. Jetzt hat er sich vor meinem Bett eingefunden.

Wir verbringen die Nacht zusammen: Vajrakilaya, seine Gefährtin, der wachsame Wolf – und irgendwo dazwischen ich.

Am nächsten Morgen fühle ich mich erschöpft. Der letzte volle Tag des Retreats steht an, wir beginnen bereits um halb acht Uhr morgens. Die Zeremonie muss vor Sonnenuntergang beendet sein.

Als wir uns bis zum Wurzel-Mantra und der ersten Meditationseinheit durch den Text gearbeitet haben, finde ich mich als Vajrakilaya tanzend auf einem riesigen Berg feiner Asche wieder. Ich fühle sie unter meinen Fußsohlen, ihr Staub vermischt sich mit den Feuerzungen, die mich umspielen. Ich sehe mich um: während der Nacht sind meine inneren Feinde – die weißen Vampire – vollständig verbrannt. Nichts ist von ihnen übrig geblieben als grauer Staub, der vom Wind davon getragen wird.

Eigentlich sollte sich ein unsterblicher zornvoller Gott nicht erschöpft fühlen. Ich bin es trotzdem. Im Lotossitz nehme ich vor dem heruntergebrannten Scheiterhaufen Platz. Mit den Augen des roten Kopfs sehe ich links von mir einen jungen Baum. Mit den Augen des weißen Kopfs sehe ich rechts von mir – den grauen Wolf! Er liegt im Gras, das Haupt wachsam erhoben und scheint sich an der Hitze, die mein Feuerkranz verbreitet, nicht zu stören.

Mit dem dritten Augen auf der Stirn des mittleren blauen Kopfs sehe ich über den Scheiterhaufen hinweg in das Innere des Berges hinein. Dorthin, wo ich gestern die weißen Vampire entdeckt und vernichtet habe. Tief in seinen Gedärmen versteckt sich ein weiterer Feind. Es ist der riesige schwarze Schatten, der blitzschnell aufsprang und durch den Ausgang floh, als ich die Höhle der Vampire betrat.

Mein Wolf hat den Schatten ebenfalls wahrgenommen. Er reckt witternd seine Schnauze in Richtung des Berges, zieht knurrend die Lefzen hoch und zeigt seine spitzen weißen Zähne.

Ich habe keine Ahnung, was sich hinter diesem hastenden Schatten verbirgt. Ich weiß nur, dass er gefährlich ist. Viel gefährlicher als die weißen Vampire. Und mächtig. Selbst der machtvolle Vajrakilaya mit seinen waffenstarrenden sechs Armen wäre ihm nicht gewachsen. Es bedarf weiterer Fähigkeiten, Mittel und Hilfe, um es mit ihm aufzunehmen. Die Zeit ist noch nicht gekommen, den Eingang in das Innere des Berges zu betreten und den Feind zu stellen.

Der Hüter-Wolf legt, den Blick weiterhin wachsam auf den Berg gerichtet, den Kopf auf die Vorderläufe. Wir warten ab. Alles wird sich finden.

Dreizehn: Blutbad

Ich fokusiere mich auf die tibetische Lautschrift und stoße Silbe um Silbe aus. Es ist zehn Uhr morgens, wir haben mit dem täglichen Ritual für Vajrakilaya begonnen.

Gestern fehlte ich. Ich hatte es schon erwartet, als ich mich nach meinem virtuellen Rundflug als dreiköpfiger geflügelter Gott abends schlafen legte. Es ist immer das selbe: nach dem High das Down. Und je extremer das High, desto tiefer geht es abwärts. In dem Fall in den Zusammenbruch. Die Nacht war höchst unruhig gewesen, am Morgen wachte ich mit hämmernden Kopfschmerzen auf. Die Strafe dafür, dass ich aus drei Köpfen gleichzeitig im 180-Grad-Winkel gesehen hatte! Ich entschuldigte mich beim Rinpoche – „I have come down with a cold“ – warf eine Runde Aspirin ein und ging wieder ins Bett. Gott, war ich fertig!

Mittags noch einmal Aspirin, ich brauchte zumindest meinen Kopf und meine Finger, um zu tippen. Während der vergangenen Nacht hatte ich gefühlt nichts geträumt. Nur ein einziges Bild war immer wieder in mir aufgetaucht: das Photo einer im Gras liegenden Feder. Irgendwann in der Nacht war die Botschaft angekommen: mein Unbewusstes erwartete von mir, dass ich genau zu diesem Photo einen Text schreiben sollte. In meinem Zustand! Ich bin die Sklavin meiner Inneren Stimme: zähneknirschend stopfte ich mir das Kopfkissen in den Rücken, suchte das Bild in der Datei heraus, lud es im Blog hoch und starrte darauf: so what?

Ich hatte das Photo letzten September aufgenommen, als ich mit einer Freundin in der Pfalz auf dem Weg zur keltischen Opferschale gewesen war. („Wir reisen nach Polen“/16. „Feuer“) Es war ein ganz besonderer Tag gewesen. Nur: was sagte mir das Bild jetzt? Auf einmal kam die Erleuchtung! Ich tippte eisern durch, es wurden zwei lange Texte.

Am nächsten Tag bin ich wieder einsatzfähig, mit den anderen Beiden arbeite ich mich durch die Seiten des Vajrakilaya-Textes. Nach etwa einer Stunde sind wir beim Wurzelmantra angekommen: ich stimme in das rezitierende Murmeln im Raum ein, lasse die Mala durch meine Finger gleiten und verwandele mich wieder in den dreiköpfigen sechsarmigen blauen Gott Vajrakilaya. Feuerzungen umspielen mich, als ich mich tanzend im Kreis drehe. Die Flügel bleiben heute geschlossen, ich drücke sie eng an meinen mächtigen Körper, damit ich erst garnicht in Versuchung komme, wieder abzuheben.

Heute möchte ich mich meinen sechs Armen widmen, habe ich mir zu Beginn der Zeremonie vorgenommen. Nur: was soll ich mit ihnen anstellen? Ich sehe mich um: die Luft um mich flirrt vor Hitze, Funken fliegen. Jenseits der Feuerzungen, die mich umspielen, breitet sich eine grüne Wiese aus. Und in der Mitte ragt ein blaues Zelt auf, das seltsamerweise von einer soliden schwarzen Tür verschlossen ist. Ohne nachzudenken bewege ich mich tanzend darauf zu. Am Zelt angekommen, drücke ich mit einem der sechs Arme die Tür auf: dahinter befindet sich so etwas wie eine Waffenkammer! Ich trete ein und beobachte, wie jede meiner Hände von dem schmalen Tisch, der um die Wand des Zeltes herumführt, zielsicher eine Waffe nimmt. Den Vorschlaghammer, für den sich die rechte obere Hand entscheidet, finde ich am gruseligsten. Die anderen wählen je ein Messer, Schwert, Dolch und einen Speer aus.

Ich kann die Visualisierung problemlos halten, aber ich fühle mich höchst unwohl bei der ganzen Sache. Was soll ich mit diesen gruseligen Dingern anstellen? Ich halte sie im Sicherheitsabstand von meinem Körper weg und tanze unruhig von einem Bein auf das andere. Da meldet sich meine Gefährtin zu Wort. Ich trage sie inzwischen so selbstverständlich vor meiner Brust her, dass ich sie vollkommend vergessen habe. Sie weißt mich an, ich solle dem Weg folgen, der vom Zelt quer über die Wiese führt und klingt sehr bestimmt dabei.

Gehorsam befolge ich ihre Anweisung. Siehe da, der Weg führt zu einer Höhle! Jetzt sind die Flammen, die mich umspielen praktisch, ich brauche weder Fakel noch Taschenlampe während ich den schmalen Gang immer tiefer in der Erde folge.

Auf einmal sehe ich wieder „doppelt“! Ich bin Vajrakilaya, der mit seiner Gefährtin auf der Brust und den Waffen in den sechs Händen den schmalen Gang entlang wandert und gleichzeitig sehe ich – auf dem Kissen sitzend – einen winzigen, von Flammen umspielten Vajrakilaya in meinem Unterleib wandern. Der stechende Schmerz, den das Bild begleitet, versuche ich wegzuatmen. Die Übelkeit, die mich auf einmal würgt, lässt mich beinahe die Visualisierung verlieren. „Egal was passiert“, ermahne ich mich, „zieh es durch!“

Ich fokusiere mich wieder auf meine Visualisierung als Vajrakilaya. Die Flammen, die mich umspielen, werfen lange zuckende Schatten an die raue Felswand. Ich spüre die Kälte des Steinbodens unter meinen nackten Füßen. Als ich um eine Kurve biege, taucht vor mir ein heller Fleck auf. Im Näherkommen sehe ich, dass es der Eingang zu einer Höhle ist. Irgendwas ist da drin, ich fühle die Anwesenheit von Lebewesen, meine sechs roten Hände umklammern die Waffen, alle meine Sinne sind bis zum Äußersten angespannt. Meine Gefährtin flüstert mir ins Ohr: „Zieh es durch!“

Entschlossen trete ich aus dem dunklen Gang in die von mattem Licht beschienene Höhle. Dort kauern hunderte weiß phloreszierende Gestalten um ein Feuer. In dem Moment, in dem sie mich sehen, springen sie auf. Da ist noch jemand, bemerke ich: auf der gegenüberliegenden Höhlenwand kommt eine riesige scharze Gestalt blitzschnell auf die Füße – ich kann sie nur schemenhaft erkennen – schleudert ein paar der weißen schmalen Wesen zur Seite und jagt, ehe ich mich regen kann, durch den Ausgang auf der anderen Seite davon.

Eine der weißen Gestalten will ihr folgen. Jetzt bin ich bereit. Ich reiße den obersten linken Arm in die Höhe, der Speer schießt durch die Luft und bohrt sich in den Rücken des Fliehenden. Der bricht stöhend zusammen, Blut schießt aus der Wunde. Die anderen Wesen versuchen panisch rennend und schiebend zu fliehen. Der erste ist im Begriff, über den getötenen Kameraden zu springen und durch den Gang zu verschwinden. Da greift meine Gefährtin ein. Sie kann zaubern, stelle ich verblüfft fest. Mit einer einzigen energischen Bewegung lässt sie zwei riesige Felsbrocken vor Eingang und Ausgang der Hölle fallen. Die weißen Gestalten sind gefangen. Es sind Vampire, sehe ich, als sie mich aus tausend schwarzen blicklosen Augen anstarren und ihre spitzen Zähne fletschen!

Ohne dass ich es irgendwie steuern könnte, beginnt ein Schlachtfest. Von meinen tanzenden Flammen umspielt steche, schlage und trete ich auf die Vampire ein. Jeden, den ich zu Fall bringe, trample ich nieder, dass das Blut nur so spritzt. Ich fälle meine Feinde wie Grashalme. Schon wate ich durch Blut, es ist unglaublich, wie viel die schmalen weißen, leblos wirkenden Gestalten in sich tragen. Irgendwann habe ich alle niedergemäht, das Blut reicht mir inzwischen bis zu den Knien. Ab und zu regt sich noch ein Vampir, aber sofort bin ich über ihm und mache ihn nieder. Ich springe und trample in der Höhle herum, wie die Frauen, die nach der Weinlese die Trauben mit ihren Füßen austreten, um Saft zu gewinnen. Die ganze Zeit über ist mir speiübel, der Schmerz im Unterleib ist unerträglich.

Als sich nichts mehr regt, winkt die Gefährtin wieder mit ihrem Arm, die beiden Felsen vor Eingang und Ausgang verschwinden. Das Blut fließt ab, der sinkende Pegel legt die Leichen der von mir erschlagenen Feinde frei. Ich fühle mich wie betäubt, meine Gefährtin muss mich leiten. Sie schickt mich aus der Höhle und lässt mich vor dem Eingang ein großes Feuer entfachen. Ich drapiere meine blutbefleckten Waffen im Kreis um die Feuerstelle, dann trage ich auf ihren Befehl hin die Leiber meiner erschlagenen Feinde ins Freie und werfe sie ins Feuer. Sie wiegen fast nichts, stelle ich fest. Ob es daran liegt, dass ich als Vajrakilaya so stark bin, oder ob diese seltsamen Vampire ohne Substanz sind, kann ich nicht sagen. Nachdem ich die letzte der Nachtgestalten aus der Höhle gebracht und den Flammen übergeben habe, heißt mich die Gefährtin ins Feuer zu springen und wieder zu tanzen.

Der einsetzende Gesang des Rinpoche, der die Meditation beendet, kommt als Erlösung. Ich lasse die Visualisierung los und finde mich auf meinem Kissen wieder. Übelkeit würgt mich. Ich versuche, den Schmerz im Unterleib wegzuatmen und stelle fest, dass ich unter Schock stehe.

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