Die zornvolle Göttin der Nacht – von Erzengel Uriel in die Mühle gerufen – beendet Karma und Verstrickungen…

Uriel stand vor der Feuerschale. In seiner rechten Hand drehte er eine Trommel, in der Linken schwang er eine große Glocke. Der fiebrige Ryhthmus der Trommelschläge, begleitet vom dröhnenden Klang der Glocke, ließ die Terrasse erbeben.

Yeshe Walmo tanzte zum wilden Rhythmus der Musik in den magischen Flammen. Während sich ihr kraftvoller blauer Körper im Kreis drehte, stoben Funken in die Höhe und prasselten auf ihren – mit einer Krone aus Totenköpfen geschmückten – Kopf nieder. In ihrer Rechten schwang die zornvolle weibliche Emanation Buddhas ein langes Schwert.

Mit aufgerissenen Augen und Mündern standen die Schutzengel Friedrichhains eng aneinander gedrückt um die Feuerschale und starrten auf die blaue Göttin, die Uriel zu ihrem Schutz gerufen hatte.

Erschrocken beobachtete Maria, wie Uriel noch einen Schritt näher an die Feuerschale trat und sich tief vor der tanzenden blauen Göttin der Nacht verneigte, während er weiter Glocke und Trommel erklingen ließ.

Dann nickte er in Richtung Israfels. Der näherte sich ebenfalls und verneigte sich vor Yeshe Walmo, bevor er das Papier, auf dem er die Namen aller kontaminierten Schutzengel Friedrichhains notiert hatte, an die Flammen hielt.

Begleitet von Trommelschlägen und Glockengeläut fing der Zettel Feuer. Die blaue Göttin drehte sich wilder und wilder. Ihre nackten Sohlen stampften in der Glut. Auf einmal jagte ein gewaltiger Funkenschwall unter ihren Füßen hervor und ging wie ein Feuerregen auf die Schutzengel nieder. Gleichzeitig schoß eine Stichflamme aus der Hand Israfels. Eine Sekunde später segelten die Reste des Papieres zwischen seinen Fingern als Asche zu Boden.

Die Schutzengel duckten sich, panisch kreischend, unter dem Glutregen.

Maria hatte die ganze Zeit über stumm und bewegungslos in die Feuerschale gestarrt. Ihr Kopf war vollkommend leer. Sie spürte nichts.

Yeshe Walmo hielt mitten im wilden Tanz inne. Hoch aufgerichtet stand sie in den Flammen und sah Maria in die Augen.

Uriels Hände erstarrten. Trommelschläge und Glockengeläut verstummten. Mit einem Mal lag vollkommene Stille über der Terrasse.

Maria und die blaue Göttin der Nacht standen sich direkt gegenüber. Die Blicke der beiden verschmolzen ineinander.

Auf einmal bebte der Boden. Die plötzlichen Erdstöße ließen die alte Mühle erzittern und holten alle, die auf der Terrasse standen, von den Füßen. Der provisorische Altar stürzte mit lautem Krachen in sich zusammen. Die Statue der Yeshe Walmo, die Uriel oben drauf platziert hatte, fiel scheppernd zu Boden, rollte über die Fliesen und kam vor der Feuerschale zu liegen.

Uriel stemmte sich vom Boden hoch und kam taumelnd auf die Beine. Fassungslos starrte er auf die Mitte der Terrasse: Ein paar letzte schwache Flammen zuckten in der roten Glut. Yeshe Walmo war verschwunden. Und mit ihr Maria.