
Ich wäre so lebendig, höre ich ab und zu. Das kommt von denen, die sich an meiner Vitalität erfreuen können. Ich wäre eine wandelnde Provokation, sagen andere. „Die ist verrückt, völlig gaga!“ Das wird dann meist hinter meinem Rücken kolportiert. Von jenen, die mit Lebenskraft ein grundsätzliches Problem haben.
Das ist meine persönliche Schlussfolgerung, die Betroffenen sehen es sicher anders. Sie wollen ja nur, das alles seine Ordnung hat! Dass sich alle an die Regeln halten! Wo käme man hin, wenn alle täten, was sie wollten?
Es handelt sich im Allgemeinen um einen Typus Mensch, der davon durchdrungen ist, dass genau der Punkt im Universum, an dem er Wurzeln geschlagen hat, der richtige ist. Und jeder, der auch nur fünf Zentimeter davon entfernt ist, kann nur falsch sein! Diese Kategorie Homo Sapiens geht durchs Leben im Zustand des Ärgers und der Fassungslosigkeit darüber, dass Andere Widerstand dagegen leisten, ganz genau so zu sein, zu denken und zu fühlen wie sie. Warum nur – fragen sie sich – sind sie von Idioten, Feinden, Untermenschen umgeben, die partout nicht bereit sind zu tun, was vernünftig, logisch und einzig glücklich machend ist?
Ohne diesen Typus Mensch wären Stand-up-Comedians und Cartoonisten genauso verloren wie sämtliche Autoren der Weltliteratur. Worüber hätten Jane Austen, Shakespeare, Dostojevski schreiben sollen? Monty Python wäre undenkbar ohne die Zahllosen, die davon überzeugt sind, der Mittelpunkt des Universums zu sein.
Zeitgenossen wie ich, die intrinsisch motiviert sind, wenig Interesse an Anerkennung von Außen haben, sind für diesen Typus Mensch eine Quelle tiefer Beunruhigung und dauernder Provokation. Wir sind flexibel, schwer zu fassen – und dabei auch noch renitent, kaum manipulierbar, wir folgen keinen konventionellen Regeln. Wir tun, was wir für richtig halten. Das läßt beim Egozentriker alle Alarmglocken schrillen!
Ihm selbst ist das Verlassen des eigenen Standpunkts nicht möglich: schon alleine der Gedanke, eine Position der Vergangenheit revidieren zu müssen, ist zu bedrohlich. Er könnte zur Erkenntnis führen, dass das Leben anders gestaltet ist – fluide, floureszierend, sich ständig wandelnd – als er es braucht, um sich sicher und stabil zu fühlen.
Im Buddhismus ist „Unwissenheit“ – neben Gier und Abneigung – eines der drei Wurzelgifte. Es ist die Quelle allen menschlichen Leides. „Unwissenheit“ wird hier verstanden als „Ignoranz“ – der Unfähigkeit, das Lebens zu akzeptieren, wie es ist.
Lebenskraft ist das größte Geschenk, das uns gemacht wird. Sie ist unbegrenzt vorhanden, wenn wir bereit sind, ihre Regeln zu akzeptieren. Die wichtigste lautet: sie folgt ihren eigenen Gesetzen, die wir mit unseren primitiven Menschengehirnen, unserer kurzen Lebenszeit, unseren dumpfen Sinnen niemals durchdringen werden.
Glücklicherweise ist es nicht notwendig, Lebenskraft intellektuell zu verstehen. Es genügt, sich von ihr tragen zu lassen. Sie findet immer ihren Weg. Das einzige, was sie davon abhält, sich in Vollkommenheit zu entfalten, ist unsere Angst vor dem Unbekannten. Das Bedürfnis nach Kontrolle, das durch diese existentielle Furcht vor der vollkommenen Offenheit ausgelöst wird, muss aufgegeben werden. Dann fließt die Lebenskraft, wird zu einem breiten Strom aus Energie, trägt uns sicher und stabil durch diese Existenz und schenkt Wunder über Wunder.
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