
Irgendetwas hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz vor Mitternacht ist. Unter dem Fenster rauscht monoton der Bach, ansonsten herrscht nächtliche Stille um das Retreathaus am Ende der Welt.
Während ich in den Schlaf gleite, dringen auf einmal seltsame Laute an mein Ohr. Ich schrecke hoch. Dass war das Geräusch, das mich geweckt hat! Aus dem Wald erklingt in regelmäßigen Abständen der Ruf eines Vogels. Es ist ein seltsamer Gesang, ich habe ihn noch nie gehört. Ein monotones, leicht singendes „Ah-ah-ah“. Die Laute erinnern an eine Krähe, aber das ist kein Krächzen, es ist ein melodischer langgezogener Klang. Was kann das nur für ein Nachtvogel sein? Dem melancholisch klagenden Rufen lauschend, schlafe ich wieder ein.
In dieser Nacht finde ich mich in meinen Träumen ein ums andere Mal in einem großen Haus wieder. Alle Türen stehen weit offen, seltsame Gestalten wandern ein und aus: Geister und Gnome geben sich ein Stelldichein, hungrige Wesen mit riesigen Mündern und langen dürren Hälsen hausen im Keller, eine schmale Gestalt kriecht auf hundert Beinen durch den Schornstein, das tropfende Wasserwesen mit dem Pferdekopf schaut zum Fenster herein. Irgendwann landet ein riesiger schwarzer Vogel auf dem Dachfirst, hebt den Kopf und singt melodisch „Ah-ah-ah“…
Als ich am Morgen in die Küche stolpere und die Kaffemaschine anschalte, bin ich unausgeschlafen und konfus. Es ist erst mein vierter – und letzter – Tag im Retreathaus am Ende der Welt, aber es kommt mir vor, als wäre ich schon seit vier Jahren hier.
Die dampfende Kaffeetasse neben dem Laptop, schreibe ich meinen Blogtext. Als ich am letzten Absatz feile, kommt Suriyel in die Küche. Ob er heute Nacht auch diesen seltsamen Vogel gehört hat, frage ich ihn. Nein, er schlafe bei geschlossenem Fenster und hätte nichts mitbekommen. Der Vogel beschäftigt mich. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, beschließe ich, werde ich herauszufinden versuchen, was für ein Tier es war, das ich heute Nacht im Wald habe rufen hören.
Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für unser letztes Riwo Sangchö vor. Ich folge ihm ins Freie und sehe den Weiher, auf dem ein paar Enten paddeln. Daneben gelben Löwenzahn, der im Frühlingsgrün der Wiese von der warmen Morgensonne beschienen wird – und sonst nichts. Keine Geister, Gnome, Drachen, hungrige Wesen – einfach nur friedliche Natur im Sonnenschein.
Erleichtert will ich auf der Bank Platz nehmen – und starre verblüfft auf die Sitzfläche. Was sind das für seltsame Pfotenabdrücke, die von einem Ende der Bank zum anderen führen? Auf den weißen Sitzkissen sind sie noch besser zu erkennen, als auf der Plastikoberfläche. Irgend ein Tier mit schmutzigen Pfoten ist heute Nacht über die Bank gelaufen. Für eine Katze sind die Abdrücke viel zu groß. Ein Fuchs oder ein Hund? Aber dann müssten die Krallen zu sehen sein, Füchse und Hunde können sie nicht – wie Katzen – einziehen. Das einzige Tier, zu dem Größe und Form passen würden, ist ein Luchs. Kann es wirklich sein, dass heute Nacht ein Luchs hier auf der Terrasse war? Was für ein verrückter Gedanke!
Ich drehe das schmutzige Sitzkissen mit den seltsamen Pfotenabdrücken um, lasse mich darauf nieder und begleite Suriyel durch ein perfekt schönes, absolut geisterfreies Riwo Sangchö. Wer weiß, wen wir heute füttern?
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