Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Vajra Armor

Ich nehme Zuflucht zu meiner Khandro und werde zur Buddhistin. Deshalb bekomme ich einen neuen Namen – und ein mächtiges Mantra…

Die Khandro hat ebenmäßige klare Gesichtszüge. Ihr blondes glattes Haar trägt sie im Zopf.

Sie spricht breites Amerikanisch.

Warum ich Zuflucht nehmen möchte, fragt sie mich.

Ich bin so nervös, dass ich mich hinterher nicht mehr an meine Antwort erinnern kann.

Auch das Ritual – das sicher eine halbe Stunde dauert – erscheint mir im Rückblick wie ein verschwommener Traum: Die Khandro mit ihrem prächtigen goldenen Hut auf dem Kopf, die tibetischen Worte, die sie murmelt, die glänzende Vase mit der Pfauenfeder, die sie immer wieder über meinen Kopf schwenkt, bevor sie das Safran-Wasser auf meinen Scheitel tropfen lässt…

Nachdem das Ritual überstanden ist, bekomme ich meine „Taufurkunde“ in die Hand gedrückt. Darauf vermerkt: der Name meiner Lehrerin, das Datum des Tages meiner Zuflucht und mein neuer tibetischer Name: Pema.

Das bedeutet „Lotosblume“.

Ich muss der Khandro versprechen, 10.000 Mal das Zufluchtsgebet zu rezitieren.

Erst dann werde ich wirklich Buddhistin sein.

Praktischerweise ist das Zufluchtsgebet vorne auf dem Zettel abgedruckt. Denn es wird mehr als zwei Jahre dauern, bis ich dieses Versprechen eingelöst haben werde.

Und es wird ziemlich genauso lange dauern, bis ich innerlich für mich akzeptieren kann, dass ich wirklich Buddhistin bin.

Am 14. Oktober 2019 nahm ich Zuflucht. Die Covid-Pandemie, die ein paar Monate später das Leben lahmlegen würde, gewährte mir eine Atempause.

Denn ich hatte nicht Zuflucht genommen, weil ich Buddhistin werden wollte. Ich hatte Zuflucht genommen, weil ich das Mantra wollte.

Vajra Armor.

Am Abend nach meiner Zufluchtnahme beginnt das Vajra-Armor-Retreat.

„Das Mantra ist mächtig“, erklärt uns die Khandro. „Guru Rinpoche Padmasambhava extrahierte es im 8. Jahrhundert aus den hundert stärksten Mantras seiner Zeit. Es reinigt von karmischen Spuren, heilt und schützt.“

Damit es seine Kraft entfalten kann, ist ein intensiver Übungsweg auf vier Ebenen notwendig.

Und das Schweigen.

Auch im Traum.

Ich bin es gewohnt zu schweigen. In meinen Zen-Retreats darf ebenfalls nicht gesprochen werden. https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Bald lerne ich, dass das Schweigen des Mantra eine andere Qualität hat. Und dass ich viel weniger geübt bin, in Stille zu sein, als ich erwartet hatte.

Während der nächsten drei Tage muss ich zuverlässig Vormittags und Nachmittags zu den „Beichtterminen“ antreten und der Khandro auf kleinen Zetteln gestehen, dass ich wieder einmal gescheitert bin.

Ein unbedachter Laut, ein gemurmeltes Wort – schon ist das Schweigegebot gebrochen.

Am Morgen des zweiten Tages versuche ich, einen verzweifelt flatternden Schmetterling durch das schmale Toilettenfenster ins Freie zu scheuchen. Im konzentrierten Versuch, ihn unbeschadet hinauszubefördern, rutschen mir ein paar Worte heraus.

Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.

„Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“

Eine noch größere Herausforderung als der flatternde Bodhisattva sind die Nächte. Die seltsamen Rituale, das konzentrierte Schweigen, das Gefühl, mit einer Gruppe Fremder auf engem Raum eingesperrt zu sein, dazu das konzentrierte Rezitieren des Mantras von Morgens bis Abends – ich träume wie auf Speed und spreche in den Träumen wie ein Wasserfall.

Die Khandro scheint nicht erstaunt darüber zu sein.

Zur Wiedergutmachung muss ich Kerzen über Kerzen vor dem Altar anzünden, Niederwerfungen praktizieren und – die härteste aller Strafen – Mantras rezitieren, die ich nicht zählen darf.

10.000 am Tag müssen es sein. So lautet die Regel.

Eine unvorstellbare Zahl!

Ich brauche alleine bis zum Mittag des zweiten Tages des Retreats, bis ich das Vajra Armor Mantra auswendig kann.

Es ist lang und kompliziert.

Außerdem muss es korrekt betont werden, damit es seine Kraft entfalten kann. Die Khandro versammelt die Anfänger unter den Teilnehmern täglich zwei Mal um sich und singt mit uns das Mantra in verschiedenen Melodien. Das ist eine gute Übung.

Nach drei Durchgängen beherrsche ich das Mantra, aber ich bin elend langsam.

Die Fortgeschrittenen klingen wie Nähmaschinen, die Perlen der Malas gleiten durch ihre Finger, während sie das Mantra rezitieren.

Ich stolpere mit schwerer Zunge von Perle zu Perle. Für eine Mala brauche ich anfangs fast eine Stunde. Am zweiten Tag schaffe ich in der selben Zeit zwei Malas, am dritten Tag drei.

Die Mala hat 108 Perlen.

10.000 Mantras, das sind fast 91 Malas!

An einem Tag!

Ich schaffe nicht mal dreißig und häufe „Schulden“ über „Schulden“ an. Alle fehlenden Mantras muss ich nach dem Ende des Retreats Zuhause nachholen.

Mir wird ganz anders: Das hatte ich mir einfacher vorgestellt!

Um halb fünf Uhr am Morgen des vierten Tages versammeln wir uns in Dunkelheit und Kälte vor der Haustür. Der Geko trompetet auf der Muschel. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Die Khandro rezitiert, opfert und trommelt auf der Dachterrasse. Die Sangha wandert von Zaunpfosten zu Zaunpfosten und holt die Schnur ein, die das Haus während des Retreats symbolisch abgeschlossen hat.

Danach treten wir – einer nach dem anderen – vor der Khandro über die Schwelle. Damit ist das Schweigegelübde aufgehoben.

Noch vor der Morgendämmerung zelebrieren wir im Schreinraum das Opferritual – Tsock – denn es muss beendet werden, bevor die Sonne aufgeht.

Um kurz nach sechs Uhr sind wir durch. Es ist seltsam, so früh am Morgen Wein zu trinken und Chips zu essen.

Noch seltsamer ist es, wieder sprechen zu dürfen. Es kostet mich gehörige Überwindung, mich an den Gesprächen zu beteiligen. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.

Wir haben einen Tag Pause, danach wird es weitergehen. Ich bin auch für den zweiten Durchgang des Retreats angemeldet.

1 Kommentar

  1. Dagmar

    Nach dem Frühstück sitze ich wieder vor der Khandro. Sie liest laut von meinem Zettel ab: „I talked to a butterfly“.

    „Oh dear“, sie wiegt ihren Kopf, „you are the third person who talked to a butterfly this morning! It seems there is a Bodhisattva around who is testing us!“

    Sooooooooooo lustig!!!!!!!

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