
Unbewegt läuft der große graue Wolf neben mir, den massigen Kopf wachsam erhoben, und streckt seine Nase in den Wind. Wir nehmen Schleichwege um die Fußgängerzone herum, die am Samstag zur Mittagszeit völlig überlaufen ist. An einer roten Ampel müssen wir warten, vor uns rauscht der Großstadtverkehr. Ich lege dem Wolf, der ruhig neben mir steht, die Hand auf den Rücken und spüre seine knochige Schulter unter dem zottigen Fell.
Die erste Nacht in Leipzig hat er im breiten Himmelbett zu meinen Füßen verbracht, wir haben jetzt mehr Platz als auf dem schmalen Lager in Uriels Retreathaus.
Der Wolf trägt den Umzug nach Leipzig mit Gleichmut, ich kann keine Veränderung in seinem Verhalten feststellen. Er ist ja auch nicht das einzige wilde Tier im Viertel: während des Einschlafens gestern Abend hörten wir die schrillen Schreie der Graureiher, die in den Kanälen im Licht der Straßenlaternen nach ihrer Beute fischen. Am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang wurde das heisere Bellen der Füchse vom vielstimmigen Krächzen der riesigen Krähenschwärme übertönt, die im nahen Zoo zu Hause sind. Waschbären wühlen in den Mülltonnen, Wildschweine durchpflügen den Park. Das Wilde lebt mitten unter uns. Mein Wolf kommt wohl nicht mal auf die Idee, er könne hier fehl am Platz sein.
Während ich am Nachmittag im Café auf meinem Laptop tippe, schläft er unter dem Tisch. Keiner der anderen Gäste ahnt, dass sich ein großer Wolf in ihrer Mitte befindet. Auch meine verwunschenen Mitbewohner wissen nichts von ihrem neuen Untermieter. Dabei ist er mehr DA, als mancher von denen, die um mich sind. Für mich verströmt er ungeheure Energie. Ich versuche immer wieder zu „sehen“ woher er sie wohl nimmt?
Die Retreats arbeiten weiter in mir, vor allem das letzte, Throma. Heute Nacht hörte ich im Schlaf wie aus weiter Ferne die dumpfen Schläge der Trommeln, das Läuten der Glocken, immer wieder übertönt vom schrillen Tröten der Knochentrompeten. Alles um mich war schwarz, ich schien wieder durch die Höhlen meines Inneren zu wandern, den Wolf wie immer schützend an meiner Seite. Allerdings war er auf einmal größer als ich. Während ich mich darüber wunderte, bemerkte ich, dass ich nicht auf zwei Beinen unterwegs war, sondern auf vier weißen Pfoten! Auch meine Wahrnehmung hatte sich verändert: ich schien mehr zu riechen, zu hören und zu spüren als zu sehen, die Dunkelheit um mich stellte kein Hindernis für meine Orientierung dar. Unter Mühen gelang es mir, den Fokus zu verändern und vom Traumsubjekt zum Objekt zu werden. Ich sah auf einmal aus der Beobachterposition, wie der Wolf durch eine dunkle Höhle schlich – und neben ihm ein grau-weißer Husky mit meinen blauen Augen! Im Traum war ich vom Menschen zum Hund geworden!
Als wir im diffusen Licht der Abenddämmerung durch den Clara-Park nach Hause laufen, sinniere ich über den Traum und beobachte währenddessen den Wolf, der, die Nase am Wegesrand, ein paar Schritte vor mir her trabt.
Auf einmal überkommt mich wieder das vage Gefühl, eine „Grenze“ erkennen zu können, an der er sich entlang bewegt. Er repräsentiert so etwas wie eine Schnittstelle, kommt mir vor. Es ist, als würden zwei energetische Felder aufeinander treffen. Er bewegt sich – und gehört – zu meiner Realität. Gleichzeitig scheint der stete Energiestrom, der ihn nährt, aus einer Quelle zu stammen, die jenseits meines Universums liegt. Es ist, als würde etwas auf der anderen Seite dieser Grenze in einem stetigen Strom gleichförmig mit mir fließen, dessen gewaltige Energie sich konstant rechts von mir „verknotet“. Eine energetische Verdichtung, deren intensive Wellenbewegungen in mir das imaginative Bild eines langbeinigen hageren zottigen Wolfs auslösen.
„Lass die Spekulation“, ermahne ich mich „mach keine Story draus!“ Ich bin froh, dass er bei mir ist. Warum auch immer…
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