
Neben mir rauscht der Bach. Der Wolf folgt, die Nase dicht über dem Boden haltend, einer Spur am Wegesrand. Der kleine weiße Spitz wieselt geschäftig an der Ausziehleine hin und her. Ich pfeife vergnügt vor mich hin, während ich in der Abenddämmerung mit meinen Gefährten durch den Wald laufe. Ein Spruch kommt mir in den Sinn: „Mädchen, die pfeifen, und Hähnen, die krähen, soll man beizeiten den Hals umdrehen.“ Ich pfeife noch ein bisschen lauter – was ist das für eine Melodie? Richtig! Irgendein Kirchenlied aus meiner bewegten katholischen Jugendzeit, der Titel ist mir entfallen.
Während der Visualisierungsrunde am Nachmittag bin ich wieder zu Krodhi Kali geworden. Mein wild tanzender schwarzer Körper sendet aus dem Herz-Chakra dunkelblaue Lichtstrahlen in alle zehn Dimensionen. Im Buch steht, sie durchschlagen und zerstören alle bösen Geister und löschen jede Negativität aus, bevor sie als strahlende Klarheit wieder vom Wurzelmantra, das in meinem Herz-Chakra kreist, absorbiert werden. Inzwischen kann ich die Visualisierung etwas besser halten. Es ist, als hätte ich am Radio einen Sender eingestellt, der mal mehr, mal weniger rauscht. Es ist nicht toll, aber es geht. Die Energie, die aus meinem Becken in mein Herz-Chakra aufsteigt und durch das Mantra als blaue Lichtblitze verteilt wird, fühlt sich immer noch kalt und bedrohlich an. Die stechenden Unterleibschmerzen machen das Visualisieren nicht leichter.
Zu meinem Erstaunen bemerke ich, während ich mit Krodhi Kali kämpfe, wie sich mein grauer Wolf, der wieder an meiner rechten Seite ruht, auf den Rücken legt und entspannt alle vier Pfoten von sich streckt. Die Energie, die mich verstört, scheint ihm gut zu tun! Ich lege meine freie rechte Hand auf seinen mächtigen Brustkorb und spüre seinen Herzschlag unter meiner Handfläche. Das beruhigt mich, das Bild wird klarer und stabiler.
Der Fokus kehrt zur Visualisierung zurück: ich kann tanzen, das Mantra im Herz-Chakra kreisen lassen und Lichtenergie aussenden, merke ich. Aber damit, dass diese Energie wieder zu mir zurückkommt, habe ich ein Problem. Immer, wenn ich mich auf diesen Aspekt konzentriere, „rutsche“ ich aus Krodhi Kali heraus und sehe das Bild nur noch von außen. Während ich es wieder und wieder versuche und dabei die Wärme des Wolfs an meiner Seite spüre, tauchen Bilder in mir auf: meine Füße in verdreckten Hausschuhen, ich habe den Schlafanzug an. Neben mir ein wütender Bauer, der mich aus dem Maisfeld hinter dem Gartenzaun gezogen und bei meinem Vater abgeliefert hat. Ich war zur Schlafenszeit heimlich über die Terrasse ausgebüxt und hatte mit den Nachbarsjungen im hohen Mais eine „Wohnung“ eingerichtet. Mehrere Reihen von Maispflanzen mussten den „Zimmern“ weichen. Und das kurz vor der Ernte! Mein Vater schob dem schimpfenden Bauern ein paar knisternde Geldscheine in die Hand. Die Jungen hatte er laufen lassen – sie gingen schon zur Schule – mich hatte er heimgebracht. Ich war fünf Jahre alt. Und ein „Teufelsbraten“, wie er meinem Vater erklärte.
Ich war schon im Kindergarten das wilde Mädchen, das mit den coolen Jungs spielte. Kein Baum zu hoch, kein Hang der riesigen Kiesgrube im nahen Wald zu steil. Wenn wir bei irgendeinem Unfug erwischt wurden, war immer ich es, die Fassungslosigkeit auslöste. „Und so was als Mädchen!“ Dass ich klein, zart und mit der Optik eines Püppchens gestraft war, machte es nicht besser.
Beim Versuch, Fallschirm zu springen, brach ich mir das Sprungglenk. Der große Sonnenschirm war auch hinüber, dabei war er neu und teuer gewesen. Die Eltern logen den Arzt an, mit mir war kein Staat zu machen.
Meinen ersten Verweis bekam ich in der dritten Klasse. Ich hatte mich im Pausenhof auf eine Schulkameradin geworfen, die mich nach Mädchenart mobbte. Sie hatte einen Esel und nur wer nicht mit mir sprach, durfte darauf reiten. Eine Taktik, die aufging. Und mich so erboste, dass ich rasend vor Wut zum Angriff überging. Ich hatte keine Chance, die Andere war ein großes kräftiges Bauernmädchen. Nachdem mich die Pausenaufsicht unter ihren Fäusten hervorgezogen und dem Rektor übergeben hatte, wieder der Spruch: „Und so was als Mädchen!“ Als ich im zerrissenen Kleid mit meinem Verweis nach Hause kam, gab es noch mal Ärger. Ich war trotzdem der Meinung, es richtig gemacht zu haben. Nur sagen durfte ich es keinem.
Beliebt – besonders bei älteren Damen der Umgebung – war außerdem der auf mich gemünzte Spruch: „Mit dir wird es noch mal ein schlechtes Ende nehmen!“
Wohl deshalb finde ich die Idee, ich sende diese ungebärdige wilde Energie aus, auf das sie Negativität und Bösartigkeit zerstöre und dann kommt auch noch Klarheit zurück, absurd. Sie widerpricht komplett meiner Lebenserfahrung! Die eherne Regel meiner Kindheit lautete: ich sende diese Energie aus – unfreiwillig, ich habe mir oft gewünscht, ein „braves Mädchen“ zu sein – und was zurückkommt ist nicht Klarheit, sondern unvermeidlich Ärger und Anfeindungen!
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin schon lange kein wildes Mädchen mehr, das Erwachsenwerden hat mir diese Energie genauso ausgetrieben wie meine imaginäre Tierwelt. Jetzt kann ich nur den Kopf über die Bigotterie und Engstirnigkeit meiner Kindheit schütteln. Ich bin in einer Familie und einem Milieu aufgewachsen, in dem habitualisiert Berge zu Maulwurfshügel gemacht wurden – und Maulwurfshügel zu Bergen!
Ich habe schließlich keine Drogen auf dem Pausehof vertickt, oder die coolen Jungs verführt. Zumindest nicht sexuell. Dafür war ich viel zu katholisch. Aber oft war der Unfug, den wir trieben, auf meinem Mist gewachsen. Die Jungs waren des Öfteren die willigen Vollstrecker meiner ungebärdigen Phantasie.
Ich rutsche aus der Visualisierung und betrachte den grauen Wolf, der immer noch neben mir auf dem Rücken liegt und mir – den Kopf nach hinten gelegt – seine Kehle entgegenstreckt. Er scheint zu schlafen. Die Einzigen, denke ich jetzt, die diese Energie mochten, waren die „coolen Jungs“. Der Wolf scheint auch einer von ihnen zu sein.
Es ist schon fast dunkel. Der Wolf, der kleine weiße Spitz und ich sind bei unserem Abendspaziergang auf einer Anhöhe angelangt. Wir laufen an einem großen Gebäude vorbei. Die wilde Steinsammlung auf der Freifläche des Geländes zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich gehe näher heran. Zwischen Blöcken von Ziegeln und Holzstapeln entdecke ich aufgelassene Gräber! Auf der einen oder anderen schief auf den Umrandungen liegenden Grabplatte flackert noch ein müdes Grablicht. Ich inspiziere die makabre Sammlung: der Herr Pfarrer, lese ich, ist schon 1973 gestorben. Er scheint keine Verwandtschaft gehabt zu haben, die über die zwanzigjährige Liegezeit hinaus bereit war, für sein Grab zu bezahlen. So enden die – denke ich mir – die im Leben alles richtig gemacht und ein „gutes Ende“ gefunden haben. Naja.
Ich mache ein Photo des leeren Grabs mit der zerbrochenen Grabplatte und beschließe, dass ich es mir in Zukunft erlauben darf, meine wilde Energie auszusenden. Vielleicht kommt ja sogar ab und zu so etwas wie Erleuchtung zurück?
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