
Aus den Augenwinkeln sehe ich an meiner rechten Seite den Wolf. Seit er vor ein paar Nächten neben meinem Bett aufgetaucht ist, hat er mich nicht mehr verlassen. So gleichmütig wie wachsam begleitet er mich durch meine Tage und Nächte. Er ist da, egal ob ich gerade gewillt bin, ihn wahrzunehmen oder nicht.
Ich ringe damit, ob ich mir erlauben darf, ihn zu „sehen“. Während meines vergangenen Aufenthalts in der nahen Kreisstadt – unter all den Menschen, die geschäftig ihrem Tagwerk nachgingen – war es besonders seltsam, mit meinem grauen Begleiter an der Seite durch die belebte Fußgängerzone zu wandern.
Seine Energie ist mir unentwegt präsent. Phasenweise ist sie mir bewusst zugänglich, den größten Teil meiner Tage und Nächte ist sie ein nur halb bewusster fixer Punkt, der sich etwa einen Meter von meiner rechten Körperhälfte als eine Art „energetische Verdichtung“ manifestiert. Dass diese Energie in mir das Bild eines „Wolfs“ wachruft, hat – so vermute ich – mit persönlichen Erfahrungen zu tun, weniger damit, das die Energie intrinsisch der eines echten Wolfs entsprechen würde. Es ist einfach die kreative Übersetzung einer unbewussten Wahrnehmung, durch die ein bestimmter Aspekt meines Seins für meinen Verstand greifbar wird.
Der große graue Wolf ist nicht das erste Schattentier, das mich begleitet. Als Kind war ich die Herrin eines kompletten Zoos. Später verschwanden die Kreaturen, der Eintritt in die Welt der Erwachsenen musste mit Anpassung erkauft werden.
Erst als ich mit dem Traum-Yoga begann, tauchten die Tiere wieder auf. Anfangs als innere Bilder, nach ein paar Tagen auch im Außen. Mit der Zeit lernte ich, sie wertzuschätzen: jedes der Tiere, die bisher in Erscheinung getreten sind, repräsentierte einen energetischen Aspekt, den ich in der jeweiligen Lebenssituation dringend brauchte, aber in meinem Inneren nicht abrufen konnte.
Während der harten Wochen der Trauma-Therapie war es eine riesige Löwin, die nicht von meiner Seite wich. Ich lernte, mich auf sie zu fokussieren und bewusst ihre Kraft und Zähigkeit zu spüren. Als sich der Prozess der Bewusstwerdung der traumatischen Ereignisse seinem Ende näherte, löste sie sich auf – in mir. Sie war Teil meines emotionalen Spektrums geworden.
Jetzt also ein großer grauer Wolf. Er läuft rechts, auf der „Vater-Seite“. Und ich „weiß“, dass es ein Rüde ist. Ein scheuer Einzelgänger, denke ich mir, während ich ihn aus dem Augenwinkel taxiere. Uriels Hund stört sich nicht an ihm. Als ich mir im Wald die Beine vertrete, laufen sie einträchtig neben einander her, der kleine weiße Spitz und der riesige graue Wolf.
Früher erklärte ich mir die Schattentiere einzig tiefenpsychologisch: als abgespaltene Anteile, die sich im Prozess der Integration einem Punkt genähert haben, an dem sie nicht mehr ins Außen projiziert, aber noch nicht selbstverständlicher Teil meines sich differenzierenden emotionalen Spektrums geworden waren.
Inzwischen bin ich offen dafür, dass es noch eine zweite Ebene gibt. Es ist eine vage tastende Überlegung, die sich aus einer verwirrenden Beobachtung speist. Der „Wolf“ scheint sich immer eine Grenze entlang zu bewegen. So nehme ich es zumindest wahr: genau dort, wo er sich befindet, endet etwas – und beginnt zugleich etwas anderes. Ich kann nur mutmaßen, was es sein könnte, was ich halb zu „sehen“, halb zu spüren glaube. Vielleicht ist es auch nur Einbildung, die Möglichkeit besteht immer.
Als ich zu Bett gehe, dröhnen die Trommeln weiter in meinen Ohren. Das schrille Tröten der Kanglings hat sich in meinen Gehörgängen festgefressen, es begleitet mich, als ich langsam in den Schlaf gleite. Der Wolf liegt lange ausgestreckt neben meinem Bett, ich registriere es während des Einschlafens. Seine Anwesenheit beruhigt mich. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/
Nachts träume ich, ich würde mich in vollkommener Dunkelheit in einem unendlich kalten schwarzen Raum befinden. Vor mir im Boden befindet sich ein Brunnenschacht, der tief ins Innere der Erde führt. Ich starre hinunter und höre und spüre, dass dort unten jemand in rasender Todesangst gefangen ist. Die Erkenntnis kommt als Schock. Ich selbst bin es, die in der schwarzen Tiefe feststeckt.
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