
Ich bekomme eine Damaru, eine tibetische Sanduhrtrommel. Der Rinpoche hat sie mir aus Nepal mitgebracht. Feierlich packt er sie vor meinen Augen aus, zeigt mir, wie sie gehalten werden muss und dreht sie aus dem Handgelenk hin und her. Die beiden an Schnüren befestigten Knöpfe knallen gegen die Trommelfelle. Rhythmisch dröhnen die Schläge durch das Treppenhaus.
Der Resonanzkörper meiner Damaru besteht aus hellem lackiertem Holz. Die Felle sind grün eingefärbt, das Band zwischen den beiden Klangkörpern ist knallrot und mit Muscheln verziert. Der Rinpoche erklärt mir, wie ich die kleine Trommel einpacken muss, damit sie nicht zu Schaden kommt. Jetzt verstehe ich, warum der Griff aus Stoff ist: so lässt er sich – zusammen mit dem lange bunte Zierband mit den Fransen – um die schmale Mitte des Instruments wickeln. Die Damaru hat ihre Reise aus Kathmandu ans Ende der Welt in einem schicken Instrumentenkasten aus gelb leuchtendem Satin zurückgelegt. Der Rinpoche packt sie wieder sorgfältig darin ein, bevor er mir meinen neuen Schatz in die Hand drückt.
Am Abend findet die Einweihung für Throma statt. Für das letzte Retreat von Uriels „Frühjahrsoffensive“ haben wir Verstärkung bekommen, wir sind jetzt immerhin zu sechst. Der Rinpoche erlöst mich dankenswerterweise aus meiner Verantwortung als „Chopin“. Einer der Neuen bekommt den Job als Messdiener aufs Auge gedrückt und beweist schon während der ersten Minuten, dass er der Aufgabe deutlich besser gewachsen ist als ich.
Stolz packe ich meine Damaru aus und platziere sie neben der Glocke und dem Dorje auf meinem Schreintischchen. Dazu noch die Mala und das dicke Copyshop-Buch mit den Rezitationstexten für das Throma-Ritual. Das Equipement für Throma bringt den kleinen Tisch an seine Grenzen.
Ich habe den Platz direkt neben dem Rinpoche erwischt. Zu meinem Glück, stelle ich fest, als das Ritual beginnt. Bei Throma werden die Texte nicht rezitiert, sondern gesungen und mit dem rhythmischen Schlagen der Damaru und dem Läuten der Glocke begleitet.
Uriels kleiner Hund ergreift erschrocken die Flucht, als das Dröhnen der Trommeln, begleitet vom Klang der Glocken, einsetzt. Weil ich nicht mal einen Meter vom Lama entfernt sitze, höre ich durch den tosenden Lärm seinen Gesang und bin in der Lage, dem Text zu folgen. Aber eine unbekannte Melodie zu singen und gleichzeitig im richtigen Takt die Trommel dazu zu drehen und rythmisch die Glocke zu bewegen? Pustekuchen!
Ich versuche mich in Multitasking: mit dem linken Ohr hänge ich an den Lippen des Rinpoche, lese die tibetische Lautschrift mit und bemühe mich, die Töne der gesungenen Melodie zumindest ungefähr zu treffen. Gleichzeitig versuche ich aus den Augenwinkeln auch noch seine Damaru im Blick zu behalten, damit ich den Rhythmus der Drehungen eingermaßen hinkriege. Es klappt irgendwie, aber es klingt schaurig!
Immer wenn ein neues Kapitel anfängt, blasen die Anderen laut dröhnend auf einer Art Trompete, irgendwas graues langes schmales mit rotem Kopf. Was ist das? Davon hat mir vorher keiner was erzählt.
Die Trompete des Rinpoche ist mit Kupferaufsätzen verziert, sehe ich, als er sie zwischendurch direkt vor meiner Nase auf seinem Schreintisch ablegt. Während einer kurzen Pause nehme ich das seltsame Ding genauer in Augenschein. Der Körper des Blasinstruments besteht aus einem Röhrenknochen, stelle ich irritiert fest. Am schmalen Ende des Knochens wird hineingeblasen, die Luft wandert durch die Röhre und am anderen Ende an einer Verdickung wieder heraus. Diese Verdickung ist knallrot lackiert. Und hat in etwa die Form eines Hüftgelenks. Was für ein Tierknochen dafür wohl verwendet wurde? Die ganze Sache ist mir ein Rätsel.
Es wird jetzt wirklich einmal Zeit für eine Rückmeldung: ich freue mich jeden Tag deinen Blog zu lesen und wurde heute schon ganz unruhig, dass es etwas später wurde als sonst! Diese Mischung aus Ernsthaftigkeit, Selbstironie, Information und Selbstreflexion ist nicht nur spannend, sondern zutiefst berührend. Diese Zeilen sollen dich aber um Himmels willen nicht unter Druck setzen, sondern einfach bestärken, dabei zu bleiben…ich ertrage auch zur Not einmal einen Tag ohne Blogbeitrag 😉 herzlichen Dank, Sabine
P.S. und nicht zu vergessen die fantastischen Bilder- die stammen wohl auch von dir?
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