Die Herrin der Mamos erscheint im Gästehaus des Mandala. Dort nimmt sie ihre neuen Zöglinge in Augenschein…

Beelzebub schluckte schwer. Mit angewidertem Gesicht stellte er seine Kaffeetasse ab und beugte sich zu Proserpina und Cabor, die ihm gegenüber saßen. „Das war eine Schnapsidee!“, stieß er mit unterdrückter Stimme hervor. „Das Frühstück ist ein Witz, die Pensionswirtin schlimmer als jede Dämonin und dann auch noch diese“ – er wies mit dem Kinn zum Tisch in der gegenüberliegenden Ecke des Speisesaales, an dem Suriyel, Uriel, Gabriel und Luzifer saßen – „Vollidioten! Wir hätten niemals hierher kommen sollen!“

„Du warst es, der total scharf darauf war, durch das Tor zu kommen!“ zischte Proserpina ihn an. „Dir konnte es nicht schnell genug gehen!“ Sie verstellte ihre Stimme: „Ich war mal ein Fruchtbarkeitsgott, lasst mich hier rein!“

„Halt´s Maul!“ Beelzebub drosch mit der Faust auf dem Tisch, dass der Teller mit dem angeschimmelten Käse ein paar Zentimeter in die Luft hüpfte. „Du warst es, die sich auf den Pakt eingelassen hat! ‚Transformation!‘ Ich habe keinen Bock auf ‚Transformation!‘ Was soll das überhaupt sein? Ich fand es gut in der Hölle! Ich will wieder heim!“

Die Tür zum Speisesaal schwang auf.

Herein watschelte die rothäutige, bis auf den Lendenschurz nackte, Wirtin mit den hängenden Brüsten und dem, wirr vom Kopf abstehenden, schwarzen Haar. In ihrer rechten Hand drehte sie rhythmisch eine kleine Stabtrommel. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Sie blieb – weiter die Trommel drehend – in der Mitte des Raumes stehen. Mit einer herrischen Geste ihrer linken Hand, forderte sie ihre Gäste auf, aufzustehen.

Beelzebub, Cabor, die Erzengel und Luzifer erhoben sich.

Proserpina verschränkte die Arme vor der Brust und blieb demonstrativ sitzen.

Schwere Schritte näherten sich.

Die Trommel verstummte.

„Hier kommt die ein-zopfige Mutter, die große Beschützerin, die mächtige Ekajati!“, quäkte die Wirtin des Gästehauses, bevor sie sich auf den Boden warf.

Durch die Tür schob sich eine mächtige Gestalt. Sie war von schwarzer Hautfarbe. Um die Hüften trug sie einen Lendenschurz aus dem Fell eines Tigers. Hals und Stirn waren mit Ketten aus Menschenschädeln geschmückt. Ein dicker blonder Zopf fiel ihren nackten Rücken hinab. Sie hatte lediglich eine Brust, die ihr bis zum Bauchnabel hing. Unter ihrer Nase ragte zwischen ihren Lippen ein spitzer langer Zahn hervor.

Ihr einziges – blutunterlaufenes – Auge, das in der Mitte ihrer Stirn saß, wanderte langsam durch den Raum und musterte jeden einzelnen der atemlos dort Stehenden eindringlich. Schließlich blieb ihr Blick an Proserpina hängen, die immer noch auf ihrem Stuhl saß. Blitzschnell hob sie den Arm und schleuderte das Katrika – ein kleines geschwungenes Messer – nach ihr. Mit einem satten „Plopp“ bohrte sich die scharfe Klinge genau über Proserpinas Scheitel in die dicken Holzbohlen der Wand.

Proserpina schnappte erschrocken nach Luft, rutschte vom Stuhl und sank am Boden auf die Knie.

Die anderen im Raum taten es ihr nach.

Ekajati, auch Mahacinatara genannt – die schwarze zornvolle Emanation der Tara – Herrin aller Mamos, mächtigste aller Beschützer des Mandala der Yeshe Walmo und weise Führerin zur höchsten Leerheitserfahrung, hatte sich im Gästehaus eingefunden, um ihre neuen Schützlinge in Empfang zu nehmen.