In der Stille des Palastes geht Maria ihren Verpflichtungen nach…

Maria durchquerte in der Morgensonne den Innenhof. Unter ihren Füßen knirschte Kies. In den Baumwipfeln zwitscherten Vögel. Der langezogene klagende Ruf des Pfaus, der vor dem Springbrunnen auf und ab schritt, übertönte das gleichmäßige Plätschern des fallenden Wassers.

Während sie, in jeder Hand einen Eimer tragend, dahinschritt, lauschte Maria den vertrauten Geräuschen – und der Stille.

In den ersten Tagen ihrer Anwesenheit war sie so überwältigt von Angst und Verwirrung gewesen, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Die Gerüche, Farben und Klänge, die sie in jedem Augenblick umgaben, erschienen ihr wie ein Fiebertraum. Nichts schien beständig. Es war, als gäbe es in dieser seltsamen Welt keinen Fixpunkt für ihre überreizten Sinne.

Die Nächte brachten keine Linderung. Auf ihrem harten Lager wurde sie von seltsamen Bildern und Phantasien gequält. Es war ihr nicht möglich, zwischen Wachzuständen und Träumen zu unterscheiden. War die zornvolle blaue Göttin wirklich mehrmals um Mitternacht in ihrer schmalen Kammer erschienen? Maria wusste an den darauffolgenden Morgen nicht zu sagen, ob Yeshe Walmo sie wirklich durch den Palast und die umliegenden Gärten geführt und ihr Anweisungen gegeben hatte, oder ob das alles nur wirre Phantasien ihres überspannten Geistes gewesen waren.

Trotz ihrer Konfusion und Zweifel erledigte sie tagsüber, was ihr des Nachts aufgetragen worden war. Etwas anderes blieb ihr nicht zu tun: Es gab niemanden, den sie fragen, oder der ihr etwas raten hätte können.

Abgesehen von den Vögeln in den Bäumen, dem Pfau im Innenhof und den Rehen und Kaninchen, die sie am frühen Morgen in Gärten sah, war Maria allein.

In dem riesigen Palast schien niemand zu leben, außer ihr.

Inzwischen war ihr die tiefe Ruhe, die sie in einem fort umgab, vertraut. Anfangs nur für Sekunden zwischen wirren Gedanken und Angstphantasien greifbar, schien es Maria nun, als würde sie durch die Stille schwimmen wie ein Fisch. Ihr kam es vor, als triebe sie fortwährend im klaren Wasser eines Sees.

Hatte sie anfangs noch mit sich selbst gesprochen – verzweifelt versucht, sich selbst zu erklären, was mit ihr geschehen war, sich ihrer Wut auf Uriel, den Allmächtigen und sämtlichen Kräften und Gewalten des Himmels, der Erde und der Hölle hingegeben – waren ihre Gedanken fast vollkommend verstummt.

Jeder Satz, den sie im Geiste an sich selbst richtete, ließ sie zusammenzucken. Jedes Wort, stellte sie zu ihrem Erstaunen fest, störte.

Denn diese Stille, die Anfangs nur im Außen war, war ein Teil von ihr. Tief in ihr – hatte sie zu ihrem vollkommenen Staunen festgestellt – gab es nichts außer Weite und Ruhe.

Maria stellte die beiden schweren Eimer auf dem Pflaster ab, stemmte die schwere Holztür auf, griff wieder nach ihrer schweren Last und schritt, sorgsam einen Fuß vor den anderen setzend, die steinerne Treppe in den Keller hinab.

Während ihre Schritte von den steinernen Wänden widerhallten, verschmolz sie vollends mit der Stille des Mandala.