Gabriel und Suriyel finden Obdach in der Herberge des Mandala der Großen Göttin.

Hinter ihnen schloss der Wolfs-Wächter mit lautem Knall das hölzerne Tor.

Ohne den beiden Erzengeln, die er gerade eingelassen hatte, noch weiter Beachtung zu schenken, verschwand er in einem windschiefen Haus, das sich in den Schatten der großen Mauer duckte.

Gerade begann es zu dämmern. Das erste Morgenlicht fiel auf eine Ansiedlung von Holzhäusern, die rund um den großen Innenhof errichtet waren. Das Torwächter-Haus war das erste in der Reihe. Auf seinem Türposten prankte eine große Wolfsmaske.

Das Haus daneben war deutlich größer. Gabriel betrachtete fasziniert die riesige Maske eines Bullen, die über dem mächtigen Türstock hing und in der Morgensonne leuchtete. Sie schien aus Kupfer geschmiedet worden zu sein. Die beiden langen geschwungenen Hörner, die daran befestigt waren, reichten über die halbe Hausfront.

Suriyel riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte sich in Bewegung gesetzt, überquerte mit energischen Schritten den Innenhof und steuerte auf das Haus zu, das sich genau gegenüber dem Eingangstor befand. Stirnrunzelnd las Gabriel, was auf dem großen Schild geschrieben stand, das in seinem Vorgarten platziert war: „Gästehaus“.

Beschwingt rannte sie hinter Suriyel her: Hier schien es Frühstück und ein warmes Bett zu geben! Kein Wunder, dass er es auf einmal so eilig hatte!

Als sie neben ihm vor der Haustür zum Stehen kam, hatte er bereits geklopft. Kurz darauf erklangen schwere Schritte. Mit lautem Klacken drehte sich ein Schlüssel im Schloss, dann schwang die Türe auf.

Gabriel schnappte nach Luft: Vor ihnen stand eine alte Frau. Sie war – abgesehen von einem Lendenschurz – nackt. Ihre faltiger ausgemergelter Körper war rot. Schwere Brüste hingen bis zum Bauchnabel herab. Ihr schwarzes Haar stand in wirren Büscheln vom Kopf ab. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus Knochen und Schädeln. Um ihre Hüften hing ein dicker Lederbeutel.

Die Alte musterte sie aus kleinen bösen schwarzen Augen. „Was wollt ihr so früh am Morgen?“

Suriyel schien es die Sprache verschlagen zu haben.

Gabriel räusperte sich: „Frühstück und ein Bett. Oder ist das hier kein Gästehaus?“

Die Alte zog energisch den Rotz durch die Nase und spuckte den beiden Erzengeln vor die Füße. „Doch!“

Dann trat sie zur Seite und winkte sie herein. „Aber erwartet nicht zu viel! Hier gibt es nur das nötigste, damit das klar ist!“

Gabriel stolperte hinter Suriyel in den langen dunklen Flur. Die Alte schlufte zu einem Tresen, klaubte – dabei ununterbrochen vor sich hin schimpfend – einen Schlüssel vom Bord und knallte ihn auf die Ablage. „13“. Erster Stock rechts. Badezimmer im Flur. Ich will keine Klagen hören, verstanden?“

Damit schob sie sich hinter dem Tresen hervor und watschelte zu einer Tür am Ende des Flurs. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal zu ihnen um: „Frühstück in einer halben Stunde!“ knurrte sie in ihre Richtung, bevor sie verschwand.

„Wow!“ Suriyel griff nach dem Schlüssel. „Auf das Frühstück bin ich gespannt!“