Maria ist in die Dienste der zornvollen Göttin der Nacht getreten und erfüllt gehorsam die Aufgabe, die ihr übertragen wurde…

Mit lautem Krachen fiel das schwere Holztor hinter Maria ins Schloss. Sie trat unter den Arkaden hervor in die warme Morgensonne und überquerte – in jeder Hand einen Eimer haltend – den großen Innenhof.

Ein Schwarm leuchtend roter Vögel flog bei ihrem Anblick erschrocken auf und schwirrte unter lautem „schip schip“ auf eine der großen Palmen, die ihre Schatten über die Dächer des Palastes der Yeshe Walmo warfen.

Vor dem monoton plätschernden Springbrunnen in der Mitte des Innenhofs stolzierte ein prächtiger Pfau. Seine langgezogenen klagenden Rufe begleiteten Maria, als sie – auf der gegenüberliegenden Seite der Freifläche angekommen – einen Durchgang betrat und auf den ausgetretenen Steinstufen den Weg in die Tiefe nahm.

Fackeln steckten in den gemauerten Wänden. Sie erleuchteten die breite Treppe und den unterirdischen Saal, der sich vor Maria auftat.

Auf den beiden Längsseiten des riesigen Raumes standen unter dem, von Säulen gestützten, Deckengewölbe in regelmäßigen Abständen je vier große schwarze Amphoren. An der Stirnseite befand sich eine weitere der großen dunklen Vasen.

Maria stellte die beiden schweren hölzernen Eimer ab. Die Metallgriffe hatten sich tief in ihre Handflächen eingegraben. In dem einen Behältnis, das nun zu ihrer Rechten stand, befanden sich gewöhnliche helle Kiesel. Der andere, den sie in ihrer Linken getragen hatte, war mit Steine gefüllt, die von weißer, rötlicher, blauer und grüner Farbe waren.

Wie jeden Morgen hatte Maria den Palast zu Beginn der Dämmerung verlassen. Als die ersten Sonnenstrahlen auf die Wiesen und Gärten des Mandala fielen, war Maria – in jeder Hand einen Eimer – den gewohnten Weg gegangen, so wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte. An jeder der heiligen Stätten, die sie passierte, sammelte sie farbige Steine ein, die in Pyramiden davor aufgehäuft waren. Am Ufer des Flusses, der – von klarem Wasser gespeist – das Mandala durchquerte, füllte sie den anderen Eimer mit Kieseln.

Maria zog eine Fackel aus der eiserner Halterung und schritt, die zuckende Flamme in der erhobenen Hand, an eine große Metallschale, die sich in der Mitte des unterirdischen Saales befand. Das geheime Mantra der zornvollen Göttin rezitierend, entzündete sie das Holz, das sorgfältig aufgeschichtet in der Mulde lag.

Weiter unaufhörlich das Mantra rezitierend stand sie – die flackernde Fackel in der Hand – und beobachtete, wie die kleine Flamme sich von den Spänen nährte, rauchend wuchs, bis die großen Holzscheite Feuer fingen. Lodernde Feuerzungen begannen zum Knistern und Knacken des Feuers zu tanzen.

Nachdem sie die Fackel wieder zurück in die Halterung gesteckt hatte, begann Maria mit ihrer Arbeit.

Wie jeden Tag war es an ihr, die neun Amphoren zu füllen.

Sie beugte sich über die Eimer und nahm einen Kiesel in ihre rechte Hand und einen der bunten Steine in ihre Linke. Maria richtete sich auf, strich sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und wanderte, in jeder ihrer Handflächen die glatte kalte Oberfläche und die Härte der Steine spürend, die Augen halb geschlossen, im Kreis durch den großen Raum. Alles was sie hörte, war ihr eigener tiefer Atem.

Schließlich blieb sie vor einer der Amphoren in der Mitte der linken Raumseite stehen. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um – den linken Arm nach oben ausgestreckt – einen bläulich leuchtenden Stein in das Gefäß zu werfen. Aus seiner Tiefe erklang ein dumpfes „Klong“ als dieser auf den Boden aufschlug.

Danach durchquerte Maria den Saal und warf den hellen Kiesel in die Amphore, die der anderen gegenüber lag. Wieder erklang das dumpfe Geräusch, als der Kiesel auf dem Grund des Gefäßes zu liegen kam.

Maria kehrte zu den beiden Eimern zurück, griff sich erneut mit ihrer rechten Hand einen Kiesel, mit ihrer Linken einen bunten Stein. Danach nahm sie ihre konzentrierte Wanderung durch den Saal wieder auf, kam nach ein paar Minuten vor einer anderen Amphore zum stehen, warf den bunten Stein in diese und den grauen Kiesel in ein anderes Gefäß.

So wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte.

Das tat sie, bis sich kein einziger Kiesel und kein einziger Stein mehr in den beiden Eimern befanden.

Das Feuer in der Metallschale war längst niedergebrannt. Müde schleppte sich Maria, die beiden leeren Eimer tragend, die breite Treppe hoch.

Über dem großen Innenhof hing die Abenddämmerung. Aus einem der prächtigen Gärten des Palastes der Yeshe Walmo klang der langgezogene klagende Ruf eines Pfaus zu ihr.

Maria wusste nicht, wie lange sie bereits in den Diensten der großen Mutter stand. Es war ihr, als hätte sie Zeit ihrer Existenz nie etwas anderes getan, als Steine und Kiesel zu sammeln und zu verteilen.

Auf dass, dem Willen der Yeshe Walmo folgend, das Gesetz der wechselseitigen Abhängigkeiten im Universum wirken konnte.