Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel gelangen an das Mandala der zornvollen Göttin der Nacht und treffen auf einen Torwächter…

Sie standen vor einer hohen Mauer. Darüber spannte sich ein – von unzähligen Sternen erleuchteter – Nachthimmel.

Eine gefühlte Ewigkeit waren sie zuvor in dichtem Nebel auf dem Pfad unterwegs gewesen. Er hatte sie durch eine verkarstete Hügellandschaft zu einem ausgetrockneten Flussbett geführt. An dessen steinernem Ufer ging es von nun an flussaufwärts. Die Steigung, zu Beginn kaum wahrnehmbar, war mit der Zeit stärker und stärker geworden. Schließlich hatte der Weg sie – immer den Spuren des Wassers folgend, das sich einst durch die Felsen gegraben hatte – über einen Berghang auf eine Hochebene gebracht.

Und vor die Mauer.

Gabriel warf eine Blick zurück. Nur wenige Meter unter ihnen lag der Nebel wie eine dicke weiße Decke über dem Tal. Es war eiskalt. Kein Laut war zu hören.

Suriyel hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in den Nachthimmel. Gabriel tat es ihm nach. Über ihnen erstreckte sich das, von unzähligen Sterne erleuchtete, Firmament.

„Kein Mond. Und kein Sternbild, das ich kennen würde. Wir scheinen in einer anderen Galaxie zu sein.“ Suriyel zog sich die Stirnlampe vom Kopf und schaltete sie aus.

Gabriel beschloss, diesem Gedanken keine weitere Energie zu schenken. Er war zu beängstigend!

„Irgendwo muss es einen Durchgang geben.“ Damit drehte sich Suriyel um und begann, am Fuße der Mauer entlang zu laufen. Die Zähne zusammengebissen, eilte Gabriel hinter ihm her.

Während sie Suriyel folgte, spürte Gabriel die seltsame Energie der Mauer. Sie war alt. Uralt. Viel älter, als sie selbst und Suryiel. Und beide waren sie vor 4000 Jahren vom Allmächtigen erschaffen worden. Im Vergleich zu der Zeit, die diese Mauer überdauert hatte, erschien ihr die eigene Existenz mit einem Mal nichtig.

Suriyel blieb so abrupt stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingelaufen wäre. „Da vorne ist ein Tor!“

Richtig! Aus den Tiefen des, von Nebel bedeckten, Tales führte ein breiter Weg auf die Hochebene und zu einem Durchgang in der Mauer.

Suriyel trat auf die Straße und schritt darauf zu. Ein hohes Tor versperrte den Weg. Suryiel machte davor halt. Nach kurzem Zögern hob er die Hand. Seine Fingerknöchel schlugen gegen das raue Holz. Unnatürlich laut schallte sein Klopfen durch die vollkommene Stille, die über der Hochebene lag.

Gabriel stand mit angehaltenem Atem neben ihm. Kein Laut drang durch das Tor zu ihnen. Gerade als sie dachte, niemand hätte Suriyels Bitte um Einlass gehört, bewegte sich mit einem Mal einer der beiden Torflügel. Begleitet von schrillem Quietschen schwang er einige Zentimeter auf. Auf der Höhe von Suriyels Stirn schob sich eine große schwarze Nase durch den Spalt, die zuckend und laut vernehmlich seinen Geruch einsog.

Ein tiefes Grollen drang durch den Türspalt zu ihnen. „Wer ist es, der Einlass in das Mandala der großen Göttin begehrt?“

Gabriel starrte fassungslos auf die seltsame Nase. Hinter dem Tor schien sich ein riesiger Hund zu befinden. Der noch dazu sprechen konnte! Und der eine große Göttin bewachte! Die in einem ‚Mandala‘ zu leben schien! Was immer das sein sollte? Alles um sie drehte sich.

Sollte Suryiel ebenso verwirrt sein, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. „Wir sind zwei Erzengel.“

Mit lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Gabriel schnappte erschrocken nach Luft. Das Wesen, dass mit einem Mal vor ihnen stand, hatte einen menschlichen Körper. Auf seinen Schultern saß ein Wolfskopf. Das riesige Geschöpf war von schwarzer Farbe. Seine Augen, mit denen es die beiden Erzengel musterte, waren von strahlendem Blau.

Der seltsame Wolfsmensch runzelte bei ihrem Anblick verwirrt die Stirn. Er trat einen Schritt näher an sie heran und begann, erst Suriyel und danach Gabriel von oben bis unten zu beschnüffeln. Danach trat er wieder zurück und schüttelte, sie weiter eingehend betrachtend, den riesigen Wolfskopf: „Warum sprichst du von dir selbst als ‚Erzengel‘? Du bist doch wohl ganz offensichtlich ein Daka und das“, er wies mit seiner Schnauze zu Gabriel, „ist eindeutig eine Dakini!“

Gabriel war so verblüfft, dass sie ihre Angst vergaß. „Was, bitte, ist eine ‚Dakini‘?

Das heulende Lachen des Wolfs hallte schaurig von der Mauer wieder. „Du! Du bist eine Dakini! Kannst du fliegen?“

Gabriel nickte. „Ja klar! Ich bin ein Engel!“

Der Wolf nickte. „Überbringst du den Menschen Botschaften? Hilfst du ihnen in der Not? Zeigst du ihnen den Weg, wenn sie sich verirrt haben? Teilst du deine Visionen mit ihnen?“

Gabriel nickte wieder. „Genau das ist meine Job.“

Der Wolf grinste zufrieden. „Willkommen im Mandala der großen Mutter!“ Mit einer weit ausholenden Bewegung winkte er Gabriel herein. Die trat zögernd durch das Tor.

Suriyel wollte ihr folgen. Der Wolfsmensch streckte den Arm aus und hielt ihn zurück. „Halt! Was ist deine Funktion? Bringst du Visionen und führst?“

Der Erzengel schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass alle Engel die göttlichen Gebote achten.“

„Die Gebote der großen Mutter?“

„Die Gebote Gottes.“

Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle des Wolfs. „Dann geh! Du hast hier nichts verloren! Hier beginnt das Reich der Yeshe Walmo! Nur sie bestimmt über Leben und Tod!“

Gabriel versuchte, an dem Wolfsmenschen vorbei wieder vor das Tor und zu Suriyel zu kommen. Ohne ihn wollte sie auf keinen Fall in diesem seltsamen Mandala bleiben! Vergebens. Der Wolf versperrte ihr mit seinem massigen Körper den Durchgang.

„Suriyel, sag ihm, dass du auch fliegen kannst! Und natürlich kannst du auch Wunder wirken! Du bist ein Erzengel, verdammt noch mal!“

Sie wandte sich an den Wolf: „Das mit den Regeln meint er nicht ernst! Du hast ja selbst gesagt, er wäre ein Daka!“

Hinter dem Rücken des Wolfs rief sie in Richtung Suriyel: „Jetzt sag ihm doch, dass du die Gesetze von dieser Yeshe Walmo akzeptierst! Du kannst mich auf keinen Fall alleine lassen!“ Im Stillen verfluchte sie Suriyels Sturheit. Der brachte es fertig, und bestand selbst in einer anderen Galaxie und vor einem Wolfsmenschen darauf, dass nur seine Regeln die richtigen waren!

Durch den Spalt zwischen dem muskulösen Arm und dem mächten Körper des Wolfsmenschen gelang es ihr, einen Blick auf Suriyel zu werfen. Der schien konzentriert nachzudenken. Schließlich nickte er ergeben. „Ja, gut. Ich unterwerfe mich den Gesetzen von…“ er zögerte, holte tief Luft und spuckte den Namen geradzu aus, „Yeshe Walmo“.

Der Wolfsmensch wiegte den Kopf. „Das ist leichter gesagt, als getan. Was gibst du mir als Beweis für deine Treue zur großen Göttin?“

Suriyel sah an sich hinunter. Den Beutel mit seinen Utensilien hatte er beim Sturz in die Tiefe verloren. Das einzige, was er noch besaß, war die Stirnlampe, die er in der linken Hand hielt. Er streckte sie dem Torwächter entgegen. „Etwas anderes habe ich nicht.“

Der Torwächter betrachtete interessiert die Lampe. „Was ist das?“

Suriyel stülpte sie sich über den Kopf und schaltete sie an. „Man trägt sie so. Sie spendet Licht.“

„Gib sie mir!“ Die Stimme des Wolfs bebte vor Gier. „Ich will das Licht haben!“

Suriyel streifte die Bänder vom Kopf. „Lass mich durch. Dann gebe ich sie dir.“

Der Wolfsmensch trat einen Schritt zur Seite. Suriyel schob sich an ihm vorbei und drückte ihm dabei die Stirnlampe in die Hand.

Gabriel atmete erleichtert auf. Sie waren beide im Mandala der Yeshe Walmo!

Wer immer das auch sein mochte…