Auf der Suche nach Maria findet sich Erzengel Uriel, anstatt in Nepal, in einer seltsamen Welt wieder…

Es war kalt. Um ihn war dichter Nebel. Aus der Ferne drangen seltsam klagende Laute zu ihm.

Uriel sah sich verwirrt um. Vor ein paar Minuten hatte er sich auf der Landstraße vor der alten Mühle dematerialisiert. Mit dem Ziel, am Fuße des Bön-Klosters in Nepal wieder Form anzunehmen.
Dort hatte Uriel den Kenpho – den Abt des Klosters – um Rat fragen wollen. Der war einer der Linienhalter des Bön. Deshalb wusste er um die Geheimnisse Yeshe Walmos. Jener zornvollen weiblichen Emanation des Buddha, die Uriel in die Mühle gerufen hatte, auf das sie die Schutzengel Friedrichhains von ihrem Fluch befreien möge.
Uriel hatte von Anfang an gewusst, dass es mit erhebliche Risiken einher ging, ausgerechnet Yeshe Walmo zu rufen. Sie war die mächtigste aller zornvollen Gottheiten. Kein Mensch – mochte er noch so mächtig und bewandert in der Kunst des Tantra sein – konnte ihr befehlen. Sie gab und nahm nach den Gesetzen des Lebens und des Todes. Menschliches Begehren war für sie bedeutungslos.
Aber alle anderen Mächte wären nicht stark genug gewesen, den Fluch Luzifers zu brechen.
Yeshe Walmo war Uriels Ruf gefolgt, hatte die Fesseln des Bösen gesprengt, das die Schutzengel gebunden hatte – und war mit Maria wieder verschwunden.
Wenn Uriel gewusst hätte, dass er DIESEN Preis würde zahlen müssen, hätte er sich niemals auf den Handel eingelassen! Nichts war so kostbar für ihn, wie Maria!
Aber was geschehen war, war geschehen. Deshalb hatte Uriel in fliegender Hast die Mühle hinter sich gelassen, um den Rat des Kenpho zu suchen. Der, so seine Hoffnung, würde Mittel und Wege kennen, um Maria wieder zurück zu bringen.
Stattdessen war der Erzengel, Sekunden nach dem er sich dematerialisiert hatte – den Fokus fest auf Nepal und das alte Kloster am Fuße des Himalajas gerichtet – von einer gewaltigen Detonation getroffen worden! Strahlendes Licht hatte seine fragile – nur aus Energie bestehende – Struktur durchdrungen, ihn aus seiner Bahn geschleudert und an diesem seltsamen Ort, der nur aus dichtem Nebel zu bestehen schien, wieder Form werden lassen.

Uriel senkte den Blick. Er stand auf einem schmalen Pfad. Zwischen, von Moosen und Flechten überzogenen, grauen Felsen führte er in den dichten Nebel hinein. Der Erzengel zog die Riemen des schweren Rucksacks, den er immer noch über den Schultern trug, enger und machte sich auf den Weg.

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