Erzengel Uriel lässt die Schutzengel Friedrichhains in der alten Mühle zurück und macht sich auf die Suche nach Maria…

Uriel schoss, die Statue der Yeshe Walmo unter dem Arm und einen Rucksack über die Schulter geworfen, aus seinem Wohnzimmer. Er rannte über den Flur und steuerte die Treppe zum Dachstuhl an.
Fluchend kam er davor zum Stehen.
Ein Pulk Schutzengel schwebte ihm kichernd entgegen. Zwitschernde Kanarienvögel kreisten um ihre blonden Locken. Nelken und Margeriten regneten von der Decke herab.
Während Uriel zähneknirschend darauf wartete, dass er seinen Weg fortsetzen konnte, wünschte er stumm alle Schutzengel Friedrichhains zur Hölle.
Als endlich auch der letzte gackernde Engel an ihm vorbeigezogen war, jagte er die Treppe hoch.
Im Schreinraum angekommen, stellte er zuerst die Statue der Yeshe Walmo zurück auf den Altar. Glücklicherweise war sie bei ihrem Sturz nicht zu Schaden gekommen. Er trat ein paar Schritte zurück und vollzog die drei vorgeschriebenen Niederwerfungen.
Anschließend wandte er sich der großen alten Holztruhe zu, die in einer dunklen Ecke des Schreinraums stand. Er suchte in fliegender Hast mehrere dicke Bündel Papierstreifen heraus. Dann beugte er sich weit über den Rand und tastete in einer dunklen Ecke herum. Als seine Hände einen glatten runden Gegenstand erspürten, atmete er erleichtert auf: Hatte er es doch gewusst, dass die zweite Kapala hier steckte!
Uriel wickelte Kapala und Papierstreifen sorgfältig in ein dickes Tuch und verstaute alles im Rucksack. Die Flasche Schnaps, die neben dem Altar stand, stopfte er ebenfalls hinein, genau wie seine Kangling, die auf seinem Schreintisch lag.
Kurz danach stand er wieder auf der Terrasse. Er stieg über die Trümmer des Altars, schob Glocke und Dorje in den Rucksack, gefolgt von der Damaru, der tibetischen Handtrommel.
Seine Mala trug er um das Handgelenk gewickelt.
Er war bereit.
Es war bereits nach Mitternacht, als Uriel, einen prall gefüllten Rucksack über seine Schultern geworfen, unter der magischen Absperrung der alten Mühle hindurch auf die Straße kroch.

Israfel stand an der Haustür. Er hielt Uriels kleinen weißen Hund im Arm. Während hinter ihm die Schutzengel Friedrichhains ein rauschendes Fest feierten, sah er dem Erzengel nach, der – beschienen vom Licht einer Straßenlaterne – nach ein paar Schritten auf der Landstraße ins Nichts verschwand.

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