Am Nebentisch diskutieren sie über Baugrundstücke und Finanzierungsmodelle. Gegenüber unterhalten sich zwei ältere Frauen über ihre Schwiegertöchter. Der Kellner bringt den Milchkaffee.

Uriel hat mich im Zentrum der Kleinstadt abgesetzt. Wir haben frei, das Throma-Retreat beginnt erst morgen Nachmittag. Während ich auf den Bildschirm meines Laptops starre, versuche ich mich in Präsenz. Was höre, rieche, sehe ich? Es klappt nicht. Sobald ich meine Sinne bewusst öffne, werde ich überschwemmt von Eindrücken. Die Stimmen der Gäste dröhnen in meinen Ohren, die bunte Dekoration flirrt vor meinen Augen, Essensgerüche und Ausdünstungen der Menschen um mich überwältigen mich. Nach zwölf Tagen fast durchgängiger Meditation bin ich wach. Zu wach für das normale Leben.

Dabei bin ich gerade im Wellness-Abklingbecken. Sanfter kann man nicht in dieser anderen Dimension, die für Durchschnittsmenschen „Normalität“ ist, ankommen. Nach den drei Durchgängen Vajra-Armor-Retreat im Januar prallte ich am Münchner Hauptbahnhof auf das „ganz normale Leben“. Schon alleine der Weg vom Bahnsteig quer durch den Bahnhof und hinunter zu den S-Bahngleisen war ein Horrortrip. Massen hastender, schiebender, drängender Menschen. Ich fand mich im Zustand orientierungsloser Konfusion wieder. Es war mir nicht möglich, die Anzeigentafeln zu dechiffrieren, hilflos irrte ich durch unendlich lange Gänge. Der Lärm um mich, das künstliche Licht, diese Unmengen gesichtsloser fremder Menschen, lösten das Gefühl aus, jetzt, hier, in diesem Moment verrückt zu werden.

Das Leben wird in den Augenblicken als „SINN-VOLL“ erlebt, in denen wir mit allen Sinnen präsent sind. Dann sind wir ganz DA. Die Erfahrung, mit allen Sinnen wach zu sein, wird vom überwältigenden Gefühl begleitet, lebendig zu sein.

Wir leben in einer Kultur, in der das Überleben in Dissozation als „Normalität“ definiert ist. In dem Moment, in dem ich meine Sinnesorgane herunterdimme, aufhöre in jedem Augenblick wahrzunehmen was um mich ist, was in mir geschieht, bin ich dissoziert. Es ist der Überlebensmodus, den die Natur eigentlich für lebensbedrohliche Zustände vorgesehen hat. Bei uns heißt er „Alltag“.

Der dissoziierte Zustand darf nur in klar definierten Lebensvollzügen verlassen werden und auch dann gelingt es nicht jedem. Manche schaffen es beim Sport, andere in der Natur, am ehesten gelingt es den meisten noch beim Sex.

Aber sonst?

Es gibt oft nicht einmal eine Vorstellung davon, was fehlt, so selbstverständlich ist dieser Zustand des „Ausgeschaltet-seins“. Kompensiert wird die fehlende sinnliche Erfahrung mit Suchtverhalten: Arbeiten, Karriere, Shoppen, Essen, Alkohol, Drogen, die suchtartige Konsumption von Intimität und Sex, das getriebene Aneinanderreihen besonderer Ereignisse – und das alles, weil die Würdigung des DA-SEINS verloren gegangen ist. Und die Fähigkeit dazu. Einfach nur atmen, spüren, sehen, hören, schmecken, riechen. Lebendig sein.