Mit einem magischen Feuer-Ritual für die zornvolle Göttin der Nacht will Erzengel Uriel die verfluchten Schutzengel Friedrichhains retten…

Rote Zungen leckten an den Rand der Metallschale. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel, die dicht aneinder gedrängt auf der Terrasse standen, ein. Nach ein paar Minuten erklang ein explosionsartiges Knacken, gefolgt von singendem Pfeifen: Die Holzscheite hatten Feuer gefangen.

Während vom Weiher feuchte Kälte durch die Dunkelheit herüber kroch, stiegen die Flammen höher und höher. Sich rhythmisch drehend, schienen die glühenden Stränge zu einer Musik zu tanzen, die nur für sie hörbar war.

Maria starrte in die Glut. Nie zuvor in den 2000 Jahren ihrer Existenz hatte sie ein solches Feuer gesehen! Es schien ihr, als wäre es lebendig!

Die Schutzengel, die sich hinter ihr versammelt hatten, waren ganz still. Maria spürte förmlich, wie sie angespannt den Atem anhielten.

Uriel verneigte sich tief vor der Statue der zornvollen Göttin der Nacht, die auf der höchsten Stufe des Altars platziert war. Dann trat er ans Feuer und begann – während er konzentriert in die Flammen blickte – in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln.

Nach wenigen Minuten veränderte sich die Energie auf der Terrasse.

So kam es Maria zumindest vor: Alles um sie schien sich auf seltsame Weise zu verdichten. Die Schutzengel spürten es ebenfalls. Ein paar schnappten hörbar nach Luft. Erschrocken drückten sie sich aneinander. Das Rascheln ihrer Kleider klang unnatürlich laut durch die vollkommenen Stille, die sich über Terrasse und Weiher gesenkt hatte.

Auch Uriel hatte sich verändert. Maria kniff erstaunt die Augen zusammen und öffnete sie wieder: Er schien zu leuchten! Was trieb er da nur? Das alles konnte einfach nur falsch sein!

Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, still zu sein. Jetzt war es zu spät. Was immer hier gerade geschah, es ließ sich nicht mehr aufhalten.

Uriel murmelte weiter vor sich hin, während er konzentriert ins Feuer starte. Schließlich griff er in seine Tasche und holte zu Marias Erstaunen eine lange Perlenkette heraus. Die sah aus wie ein Rosenkranz! Das konnte ja wohl nicht sein!

Während Uriel die Perlen der Kette durch die Finger seinen linken Hand gleiten ließ und dabei weiter etwas in einer fremden Sprache rezitierte, gab er Israfel mit der Rechten ein Zeichen. Der Ober-Schutzengel schritt zum Altar, nahm ein Tablett, das direkt unter der Statue der Göttin der Nacht platziert war, in beide Hände und stellte sich damit neben Uriel.

Auf dem Tablett befanden sich dreizehn Schälchen. Uriel griff nach einem und kippte den Inhalt in die tanzenden Flammen.

Dichter Rauch stieg auf. Gleichzeitig verbreitete sich der strenge Geruch von verbrannter Butter über der Terrasse.

Weiter vor sich hin rezitierend und dabei immer konzentriert in die Flammen starrend, übergab Uriel nach und nach den Inhalt der zwölf anderen Schälchen an das Feuer.

Maria versuchte zu erkennen, was er gerade verbrannte. Das zweite Schälchen enthielt definitiv Reis. Bei den anderen war sie sich nicht sicher. Es schien sich um irgendwelche Samen und Kräuter zu handeln.

Jedesmal, nachdem Uriel den Inhalt eines weiteren Schälchens in die Flammen geworfen hatte, veränderte sich die Qualität des Feuers. Nach jeder Opfergabe glühten die Flammen intensiver. Die Hitze des Feuers ließ die Luft auf der Terrasse flimmern.

Maria kam es vor, als würde vor ihr kein Holz brennen, sondern ein wildes und gefährliches Tier. Sie starrte wie hypnotisiert in die Glut – zuckte erschrocken zurück. Aus dem Boden der Schale blickten sie zwei Augen an!

Kein Zweifel: Zwischen den schwarz verkokelten Holzscheiten zeichneten sich die Konturen eines menschlichen Gesichts ab!

Maria trat erschrocken einen Schritt zurück.

Uriel hatte inzwischen die letzte leere Schale auf das Tablett zurückgestellt, wickelte sich die Perlenkette um sein linkes Handgelenk und gab Israfel ein weiteres Zeichen.

Der trat an den Altar, stellte das Tablett mit den Schälchen darauf ab und griff nach einer großen Platte, auf der mehrere seltsame rote Pyramiden mit weißen Scheiben standen. Die kannte Maria: Uriel hatte ihr bereits erklärt, dass es sich um Tormas – Opfergaben für die Gottheiten – handelte.

Israfel trug die Platte mit den Tormas zum Feuer und übergab sie Uriel. Außerdem hatte er noch eine große Glocke vom Altar genommen, die ihm Uriel ebenfalls abnahm.

Uriel drehte sich zum Feuer. In der linken Hand hielt er die Glocke, auf der Handfläche der rechten Hand balancierte er das Tablett mit den Tormas.

Dann begann er laut und rhythmisch in dieser fremden Sprache zu rezitieren. Dabei ließ er das Tablett über den Flammen kreisen und schwang gleichzeitig die Glocke. Ihr lautes Klingeln übertönte seine Stimme.

Maria schnappte nach Luft. Ein paar Engel kreischten erschrocken auf.

In den wild tanzenden Feuerzungen zeichnete sich der blaue Körper einer nackten Frau ab! Sie trug eine Krone aus Totenköpfen, schwang ein langes glänzendes Schwert in ihrer rechten Hand und bleckte – rhythmisch von einem Bein auf das andere springend – ihre spitzen weißen Zähne. Ihre riesigen schwarzen Pupillen rollten in ihren aufgerissenen Augen.

Die mächtige Yeshe Walmo – zornvolle weibliche Emanation des Buddha, Herrin über Leben und Tod, Zerstörerin aller Abhängigkeiten und Verstrickungen – war Uriels Ruf gefolgt und hatte sich mitten unter den Schutzengeln Friedrichhains und vor den Augen der Jungfrau Maria auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt manifestiert.