Erzengel Uriel möchte eine zornvolle dunkle Göttin anrufen, um die Schutzengel Friedrichhains von Lutzifers Fluch zu befreien…

Am Nachmittag materialisierte sich Israfel auf der Landstraße vor der Mühle.

Maria entdeckte ihn, als sie auf den Hof trat.

Suriyel hatte ihr seinen Ober-Schutzengel gestern vorgestellt. Israfel sollte den Kontakt zwischen dem Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain und der Mühle halten und ihr, wenn sie Unterstützung brauchte, zur Hand gehen.

Maria, die den wortkargen Suriyel etwas seltsam fand, war erleichtert darüber gewesen. Der kleine runde Schutzengel machte einen zugänglicheren Eindruck als sein Vorgesetzter.

Israfel war genau zum richtigen Zeitpunkt in der Mühle aufgetaucht. Am Abend würde das Feuer-Puja stattfinden. Uriel hatte eine Liste mit den Namen sämtlicher Engel Friedrichhains – lebend, tot und verschollen – verlangt.

Maria kannte die Schutzengel erst seit ein paar Stunden. Von den meisten wusste sie nicht einmal, wie sie hießen. Deshalb hatte sie sich während des Mittagessens an der Tür des Pferdestalls postiert. Jeder Engel, der seine Mahlzeit beendet hatte, musste unter ihrer Aufsicht seinen Namen in eine Liste eintragen. Es fehlte noch mindestens ein Drittel.

Seit zwei Stunden irrte sie deshalb in der Mühle umher und fragte jeden Engel, der ihr begegnete, ob sein Name schon auf der Liste stand. Dass Schutzengel alle ziemlich gleich aussehen, erleichterte ihre Aufgaben nicht.

Nur Israfel, in seiner weiten Batikhose und mit seinem Fusselbart, sah definitiv anders aus, als die anderen. Nachdem Maria ihm das Problem erklärt hatte, nahm er ihr Block und Stift aus der Hand und verschwand ins Haupthaus.

Am späten Nachmittag fuhr der Transporter des Großhändlers vor. Der Lieferant beklagte sich wortreich über das Seil, das ihm die Zufahrt versperrte. Maria setzte ein strahlendes Lächeln auf. Das wirkte immer. Der Lieferant lächelte verwirrt zurück und wuchtete stumm mehrere Transportboxen über das Gatter, bevor er sich mit glasigem Blick verabschiedete.

Maria delegierte den Vorratskammer-Engelstrupp und trug die Kiste mit den Milchprodukten in die Küche. Als sie den Speisesaal durchquerte, entdeckte sie Israfel. Der saß an einem der langen Tische und schrieb konzentriert an der Liste. Ihm gegenüber auf der Eckbank hatte ein halbes Dutzend Engel Platz genommen, die eifrig Namen diskutierten.

Unberührt von der Aufregung um ihn herum, lag Uriels kleiner weißer Hund in seinem Korb neben der Kaffeemaschine und schlief.

Während Maria Großpackungen mit Joghurt und Käse in den Kühlschrank schichtete, stellte sie erstaunt fest, wie wohl sie sich fühlte. Die Mühle war gemütlich, die Engel liebenswert und Uriel ein Schatz. Und sie hatte endlich eine Aufgabe, die sie erfüllte.

Sie schob den Gedanken zur Seite und warf einen Blick aus dem Küchenfenster. Auf der Terrasse war Uriel damit beschäftigt, eine Art Altar aufzubauen. Davor hatte er eine große Feuerschale mit Brennholz platziert.

Nach dem Abendessen strömten die Schutzengel auf die Terrasse. Es war bereits dunkel. Die Wipfel der Bäume des nahen Waldes rauschten im Wind. Vom Weiher zog feuchte Kälte herüber und lies die Engel frösteln. Maria verteilte Decken und Kopfbedeckungen aller Art, die der Dachboden-Trupp zutage gefördert hatte.

Israfel war mit dem Altar beschäftigt. Er platzierte Räucherstäbchen, füllte Wasser in kleine Schälchen und entzündete Kerzen. Auf der obersten Stufe des – mit einem prächtigen bunten Tuch bedecken – Altars stand eine kleine Statue.

Maria trat näher heran, um sie in Augenschein zu nehmen. Es war eine Frauenfigur, stellte sie fest. Das war Maria gewöhnt: Es gab wohl keine Frau der Menschheitsgeschichte, die so intensiv verehrt wurde, wie sie. Ihr in sich ruhendes, schönes, mild lächelndes Antlitz blickte seit bald 2000 Jahren auf Betende auf allen Kontinenten.

Die Figur war blau. Genau wie ihre Marienbilder und Statuen. Die Muttergottes kniff die Augen zusammen, registrierte zum ersten Mal die Details der kleinen Altarfigur – und schüttelte sich. Diese Frau, die dort dargestellt war, sah ganz sicher nicht in sich ruhend, schön und liebend aus!

Die Figur schien wild zu tanzen. Um sie schlugen rote Flammen in den Himmel. Ihr aufgerissener Mund gab den Blick auf spitze Fangzähne frei. Ihr Kopf war nicht von einem Heiligenschein, sondern von einem Ring aus Totenköpfen gekrönt. In ihrer erhobenen rechten Hand schwang sie ein Schwert.

Maria war fassungslos: Wie konnte Uriel glauben, eine solche schreckliche Heilige würde die Schutzengel vor Luzifers Fluch schützen! Es war doch offensichtlich, dass diese Figur nur Tod und Verderben brachte! Suriyel hatte seine Schutzengel ganz sicher nicht in die Mühle gebracht, damit Uriel alles noch schlimmer machte, als es eh schon war!

Uriel stand vor der Feuerschale. Er kontrollierte gerade die lange Namensliste. Zu seinen Füßen leckten die ersten Flammen an den Holzscheiten. Rauch stieg auf und hüllte die Schutzengel ein, die dicht an dicht auf der Terrasse versammelt waren.

Maria trat zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Das erlaube ich Dir nicht!“

Uriel schreckte hoch und starrte ihr verwirrt ins Gesicht: „Wie meinst Du das?“

Es gelang Maria nur schwer, ihre Stimme zu dämpfen: „Es kommt nicht in Frage, dass du diesen Hokuspokus mit den Engeln machst! Suriyel würde dir das ganz sicher verbieten! Das kann doch nur in die Katastrophe führen, mit DER da!“ Maria wies mit zitterndem Finger auf die blaue Statue auf dem Altar.

„Das ist Yeshe Walmo. Die zornvolle Seite der weiblichen Kraft. Das ist einfach Deine Nachtseite, Maria. Du repräsentierst den sanften, liebenden Aspekt des Weiblichen. Aber die andere Seite ist genauso wichtig. Manchmal muss etwas Destruktives zerstört werden, bevor gesunde Strukturen entstehen können. Das ist die Aufgabe von Yeshe Walmo. Sie vernichtet, was lebensfeindlich ist!“

„DIE DA soll positiv sein?“

„Ja. Ganz sicher. Haben wir in unserer Religion leider vergessen. Zu unserem Schaden. Vertrau mir.“

Die Schutzengel wurden unruhig, stellte Maria fest. Das Murmeln und Flüstern auf der Terrasse wurde lauter, die ersten begannen von hinten zu schieben. Das letzte, was sie hier gebrauchen konnten, waren panische Engel.

Maria presste die Lippen aufeinander. Schließlich nickte sie widersrebend: „Ja, gut. Aber auf deine Verantwortung!“ Sie senkte den Blick und starrte Uriel in die Augen: „Und wehe dir, auch nur einem Engel wird ein Haar gekrümmt!“

Uriel trat vor Schreck einen Schritt zurück. So hatte er sie noch nie erlebt! Schließlich schmunzelte er: „Es sieht fast so aus, als würde Yeshe Walmo bereits wirken!“