Cabor, Mitglied des Vorstands des Ordens der Fliege, informiert seine Kollegen über Luzifers geheimes Treiben in der Hölle…

Der Zigarrenrauch hing so dicht im Konferenzraum, dass Beelzebub die riesige Gestalt seines Stellvertreters Nergal, der am anderen Ende der langen Tafel saß, nur schemenhaft erkennen konnte.

Auf den Aufruf ihres Kanzlers hin, hatten sich elf Mitglieder des Vorstands des Ordens der Fliege um den Tisch versammelt. Lediglich ein Platz war noch nicht besetzt.

Die Flügeltür schwang auf. Alle Gespräche verstummten. Eine schmale, schwarz gekleidete Gestalt schritt über den roten Teppichboden, nickte kurz in Richtung Beelzebub und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.

Der räusperte sich: „Gut. Wir sind vollzählig. Fangen wir an.“ Er ließ den Blick über die Vorstandsmitglieder schweifen. Elf Dämonen. Ein gefallener Engel.

„Ich habe Euch zusammengerufen, weil der ehrwürdige Orden der Fliege das erste Mal in seiner 2000jährigen Geschichte in seiner Existenz bedroht ist.“

Er unterbrach das Murmeln mit einem energischen:“Ruhe!“

In das Schweigen hinein fuhr er fort: „Luzifer, dieser billige Emporkömmling, hat bindende Verträge mit Schutzengeln geschlossen. Ein Engel ist gestorben. Seine Seele hat sich in eine Fliege verwandelt. Aber diese Seelenfliege ist nie im Höllenareal unseres Ordens angekommen!“

Astaroth, der Schatzmeister des Ordens, unterbrach ihn: „Engel sind unsterblich! Genau wie wir! Du hast Dich verarschen lassen, Kanzler!“

„Halt´s Maul! Ich habe den toten Engel mit eigenen Augen gesehen! Er wurde von zwei Erzengeln und einem Schutzengel identifziert! Die Zeiten haben sich geändert, Astaroth!“

Molech mischte sich ein: „Soll das heißen, wir können auch sterben?“

Nergals schrilles Lachen ließ alle zusammenzucken: „Luzifer will uns in den Himmel schicken!“ Er sprang auf, bleckte die Fangzähne, breitete seine riesigen Flügel aus und drosch mit der Faust auf den Tisch. „Den Scheißer mache ich fertig!“

„Beruhig Dich!“, fuhr Beelzebub den Drachen-Dämon an. „Bevor wir Luzifer bezahlen lassen, müssen wir erst mal wissen, was er genau treibt! Und ja, verdammt noch mal, ich will weder sterben, noch will ich in den Himmel kommen! Es geht nicht nur um den Orden! Es geht um unser Leben!“

Er erntete zustimmendes Murmeln.

„Cabor hat sich heute bei Luzifer umgesehen.“ Beelzebub nickte in Richtung des Spätankömmlings. „Er wird uns sagen, was er herausgefunden hat.“

Der schmale Mann mit der Gesichtsmaske und dem hohen Zylinder erhob sich. Zwischen den elf riesigen Dämonen mit ihren Tierköpfen, Flügeln und Klauen wirkte er verloren.

Es hatte Beelzebub erhebliche Überwindung gekostet, Cabor erst die Mitgliedschaft und später den Vorstandsposten im Orden der Fliege anzutragen. Erstens, weil er grundsätzlich nichts von gefallenen Engeln hielt. Und zweitens, weil Proserpina einen Narren an Cabor gefressen hatte.

Sie war es gewesen, die seine Mitgliedschaft durchdrückte. Mit dem Ergebnis, dass sich Beelzebub einmal im Monat mit dem Liebhaber seiner Dämonenkönigin am selben Tisch wiederfand.

Jetzt war er froh, dass er ihr nachgegeben hatte. Cabor war der einzige aus dem Orden, der sich unauffällig zwischen Luzifers gefallenen Engeln bewegen konnte.

Cabor wartete unbewegt, bis sich die Tischgesellschaft beruhigt hatte. „Es ist in der Tat so, dass in den letzten Tagen Seelenfliegen im dritten Höllenareal angekommen sind, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat: Sie sind weder in den Listen des Ordens aufgeführt, noch wurden sie nach ihrer Ankunft an unsere Leute übergeben. Sie sind, laut Unterschrift, von Luzifers Teufeln in Empfang genommen und in sein Neubauareal gebracht worden.“

Molech drosch auf den Tisch, dass die Whiskeygläser klingelten: „Dommiel, der Drecksack, steckt mit Luzifer unter einer Decke! Anders ist es nicht möglich, dass die Torwächter mitspielen!“

„Er ist ein Teufel! Was erwartest Du von ihm?“, kreischte Astaroth.

Beryth unterbrach ihn: „Jetzt mal langsam und der Reihe nach! Wie ihr wisst, bin ich im Orden für alle Pakte und Verträge zuständig. Von einer Klausel, die Engel sterben und ihre Seelen in die Hölle kommen lässt, habe ich noch nie gehört! Möglicherweise kocht Luzifer sein eigenes Süppchen! Aber dass diese ominösen Seelenfliegen aus Engeln geschlüpft sind, kann mir keiner erzählen!“

Beelzebub mischte sich ein: „Genau das werden wir allen anderen erklären! Luzifer versucht, dem ehrwürdigen Orden der Fliege das Wasser abzugraben, indem er uns die verfluchten Seelen von Menschen klaut!“ Er nahm einen Schluck Whiskey: „Aber wir hier im Vorstand wissen, dass es die Seelen von Engeln sind!“

Beryth wiegte den Kopf. „Mir fehlt der Beweis, Kanzler. Auch zwei Erzengel können sich täuschen.“

Cabor schaltete sich ein. „Wie es der Zufall wollte, kam eine Seelenfliege am Höllentor an, während ich mich dort herumtrieb. Der Sachbearbeiter stellte fest, dass sie nicht für unseren Orden, sondern für Luzifer registriert war. Weil ich mich als einer von Luzifers Teufeln ausgegeben hatte, bekam ich die Fliege in die Hand gedrückt.“

Astaroth brach in hysterisches Kichern aus.

Als er wieder ruhig war, fuhr Cabor fort: „Ich bin mit der Fliege in Luzifers Areal und erst mal von einer Abteilung in die nächste geschickt worden, bis sich ein Teufel gefunden hat, der sich auskannte. Der hat mich, samt der Fliege, in das unterste Stockwerk im Neubau geschickt. Dort gibt es bestimmt zwanzig Büros, in denen aber niemand arbeitet. Die Stühle sind noch in Plastik eingeschweißt, die Drucker stehen in Kartons in der Ecke und so weiter.“

Molech pfiff durch die Zähne: „Luzifer scheint uns wirklich Konkurrenz machen zu wollen! Wie viele Dämonen beschäftigen wir?“

„Dreißig“, antwortete Astaroth. „Aber Teufel sind effektiver.“

„Lasst Cabor fertig reden!“, fuhr Beelzebub die beiden an.

Der gefallene Engel referierte weiter, als wäre er nie unterbrochen worden. „Irgendwann ist ein junger Teufel aufgetaucht, der mir die Fliege abnehmen wollte. Wir sind ins Gespräch gekommen und das Ende vom Lied war, dass ich sie zu ihrem Bestimmungsort tragen durfte. Auf dem Weg zum Fliegenraum hat der Teufel ununterbrochen geredet. Er schien ziemlich glücklich über seine Beförderung zum Abeilungsleiter gewesen zu sein. Er hat mir das gleiche erzählt, wie unser Kanzler.“

Cabor wies mit dem Kinn zu Beelzebub. „Die neue Abteilung ist exklusiv für die Seelenfliegen von Engeln geschaffen worden. Luzifer hat ein Patent für eine Apparatur angemeldet, die das zu Stande bringt. Sie befindet sich irgendwo in Luzifers Neubauareal. Ort unbekannt und streng geheim.“

Er machte eine Pause. Die Blicke sämtlicher Mitglieder klebten an dem schmalen Mann mit der schwarzen Maske. Atemlose Stille lag über dem Raum.

„Damit waren wir auch schon am Ende des langen Ganges vor einer Sicherheitstür angekommen. Daneben befindet sich eine gesicherte Luftschleuse. In die musste ich die Fliege setzen. Der Teufel schloss die Schleuse auf unserer Seite und öffnete danach die Schleuse auf der anderen Seite. Durch die Glastür konnte ich beobachten, wie die Fliege, die ich hergetragen hatte, aus der Schleuse heraus- und zu einem Tisch in der Raummitte flog. Dort befand sich Wasser und rohes Fleisch. Und jede Menge Fliegen.“

„Und das alles sollen die Seelen von Engeln sein?“, fragte Beryth ungläubig.

„So wurde mir das gesagt. Aktuell sind es vierundzwanzig. Im Laufe der nächsten Tage erwarten sie noch viel mehr. Um die zweihundert, hat mir der Teufel erklärt.“

Beelzebub überbrüllte das aufgeregte Rufen und Schreien der Vorstandsmitglieder. „Wir brauchen diesen Apparat von Luzifer! Koste es, was es wolle!“

Cabor nahm schweigend Platz.