
Ich fokusiere mich auf die tibetische Lautschrift und stoße Silbe um Silbe aus. Es ist zehn Uhr morgens, wir haben mit dem täglichen Ritual für Vajrakilaya begonnen.
Gestern fehlte ich. Ich hatte es schon erwartet, als ich mich nach meinem virtuellen Rundflug als dreiköpfiger geflügelter Gott abends schlafen legte. Es ist immer das selbe: nach dem High das Down. Und je extremer das High, desto tiefer geht es abwärts. In dem Fall in den Zusammenbruch. Die Nacht war höchst unruhig gewesen, am Morgen wachte ich mit hämmernden Kopfschmerzen auf. Die Strafe dafür, dass ich aus drei Köpfen gleichzeitig im 180-Grad-Winkel gesehen hatte! Ich entschuldigte mich beim Rinpoche – „I have come down with a cold“ – warf eine Runde Aspirin ein und ging wieder ins Bett. Gott, war ich fertig!
Mittags noch einmal Aspirin, ich brauchte zumindest meinen Kopf und meine Finger, um zu tippen. Während der vergangenen Nacht hatte ich gefühlt nichts geträumt. Nur ein einziges Bild war immer wieder in mir aufgetaucht: das Photo einer im Gras liegenden Feder. Irgendwann in der Nacht war die Botschaft angekommen: mein Unbewusstes erwartete von mir, dass ich genau zu diesem Photo einen Text schreiben sollte. In meinem Zustand! Ich bin die Sklavin meiner Inneren Stimme: zähneknirschend stopfte ich mir das Kopfkissen in den Rücken, suchte das Bild in der Datei heraus, lud es im Blog hoch und starrte darauf: so what?
Ich hatte das Photo letzten September aufgenommen, als ich mit einer Freundin in der Pfalz auf dem Weg zur keltischen Opferschale gewesen war. („Wir reisen nach Polen“/16. „Feuer“) Es war ein ganz besonderer Tag gewesen. Nur: was sagte mir das Bild jetzt? Auf einmal kam die Erleuchtung! Ich tippte eisern durch, es wurden zwei lange Texte.
Am nächsten Tag bin ich wieder einsatzfähig, mit den anderen Beiden arbeite ich mich durch die Seiten des Vajrakilaya-Textes. Nach etwa einer Stunde sind wir beim Wurzelmantra angekommen: ich stimme in das rezitierende Murmeln im Raum ein, lasse die Mala durch meine Finger gleiten und verwandele mich wieder in den dreiköpfigen sechsarmigen blauen Gott Vajrakilaya. Feuerzungen umspielen mich, als ich mich tanzend im Kreis drehe. Die Flügel bleiben heute geschlossen, ich drücke sie eng an meinen mächtigen Körper, damit ich erst garnicht in Versuchung komme, wieder abzuheben.
Heute möchte ich mich meinen sechs Armen widmen, habe ich mir zu Beginn der Zeremonie vorgenommen. Nur: was soll ich mit ihnen anstellen? Ich sehe mich um: die Luft um mich flirrt vor Hitze, Funken fliegen. Jenseits der Feuerzungen, die mich umspielen, breitet sich eine grüne Wiese aus. Und in der Mitte ragt ein blaues Zelt auf, das seltsamerweise von einer soliden schwarzen Tür verschlossen ist. Ohne nachzudenken bewege ich mich tanzend darauf zu. Am Zelt angekommen, drücke ich mit einem der sechs Arme die Tür auf: dahinter befindet sich so etwas wie eine Waffenkammer! Ich trete ein und beobachte, wie jede meiner Hände von dem schmalen Tisch, der um die Wand des Zeltes herumführt, zielsicher eine Waffe nimmt. Den Vorschlaghammer, für den sich die rechte obere Hand entscheidet, finde ich am gruseligsten. Die anderen wählen je ein Messer, Schwert, Dolch und einen Speer aus.
Ich kann die Visualisierung problemlos halten, aber ich fühle mich höchst unwohl bei der ganzen Sache. Was soll ich mit diesen gruseligen Dingern anstellen? Ich halte sie im Sicherheitsabstand von meinem Körper weg und tanze unruhig von einem Bein auf das andere. Da meldet sich meine Gefährtin zu Wort. Ich trage sie inzwischen so selbstverständlich vor meiner Brust her, dass ich sie vollkommend vergessen habe. Sie weißt mich an, ich solle dem Weg folgen, der vom Zelt quer über die Wiese führt und klingt sehr bestimmt dabei.
Gehorsam befolge ich ihre Anweisung. Siehe da, der Weg führt zu einer Höhle! Jetzt sind die Flammen, die mich umspielen praktisch, ich brauche weder Fakel noch Taschenlampe während ich den schmalen Gang immer tiefer in der Erde folge.
Auf einmal sehe ich wieder „doppelt“! Ich bin Vajrakilaya, der mit seiner Gefährtin auf der Brust und den Waffen in den sechs Händen den schmalen Gang entlang wandert und gleichzeitig sehe ich – auf dem Kissen sitzend – einen winzigen, von Flammen umspielten Vajrakilaya in meinem Unterleib wandern. Der stechende Schmerz, den das Bild begleitet, versuche ich wegzuatmen. Die Übelkeit, die mich auf einmal würgt, lässt mich beinahe die Visualisierung verlieren. „Egal was passiert“, ermahne ich mich, „zieh es durch!“
Ich fokusiere mich wieder auf meine Visualisierung als Vajrakilaya. Die Flammen, die mich umspielen, werfen lange zuckende Schatten an die raue Felswand. Ich spüre die Kälte des Steinbodens unter meinen nackten Füßen. Als ich um eine Kurve biege, taucht vor mir ein heller Fleck auf. Im Näherkommen sehe ich, dass es der Eingang zu einer Höhle ist. Irgendwas ist da drin, ich fühle die Anwesenheit von Lebewesen, meine sechs roten Hände umklammern die Waffen, alle meine Sinne sind bis zum Äußersten angespannt. Meine Gefährtin flüstert mir ins Ohr: „Zieh es durch!“
Entschlossen trete ich aus dem dunklen Gang in die von mattem Licht beschienene Höhle. Dort kauern hunderte weiß phloreszierende Gestalten um ein Feuer. In dem Moment, in dem sie mich sehen, springen sie auf. Da ist noch jemand, bemerke ich: auf der gegenüberliegenden Höhlenwand kommt eine riesige scharze Gestalt blitzschnell auf die Füße – ich kann sie nur schemenhaft erkennen – schleudert ein paar der weißen schmalen Wesen zur Seite und jagt, ehe ich mich regen kann, durch den Ausgang auf der anderen Seite davon.
Eine der weißen Gestalten will ihr folgen. Jetzt bin ich bereit. Ich reiße den obersten linken Arm in die Höhe, der Speer schießt durch die Luft und bohrt sich in den Rücken des Fliehenden. Der bricht stöhend zusammen, Blut schießt aus der Wunde. Die anderen Wesen versuchen panisch rennend und schiebend zu fliehen. Der erste ist im Begriff, über den getötenen Kameraden zu springen und durch den Gang zu verschwinden. Da greift meine Gefährtin ein. Sie kann zaubern, stelle ich verblüfft fest. Mit einer einzigen energischen Bewegung lässt sie zwei riesige Felsbrocken vor Eingang und Ausgang der Hölle fallen. Die weißen Gestalten sind gefangen. Es sind Vampire, sehe ich, als sie mich aus tausend schwarzen blicklosen Augen anstarren und ihre spitzen Zähne fletschen!
Ohne dass ich es irgendwie steuern könnte, beginnt ein Schlachtfest. Von meinen tanzenden Flammen umspielt steche, schlage und trete ich auf die Vampire ein. Jeden, den ich zu Fall bringe, trample ich nieder, dass das Blut nur so spritzt. Ich fälle meine Feinde wie Grashalme. Schon wate ich durch Blut, es ist unglaublich, wie viel die schmalen weißen, leblos wirkenden Gestalten in sich tragen. Irgendwann habe ich alle niedergemäht, das Blut reicht mir inzwischen bis zu den Knien. Ab und zu regt sich noch ein Vampir, aber sofort bin ich über ihm und mache ihn nieder. Ich springe und trample in der Höhle herum, wie die Frauen, die nach der Weinlese die Trauben mit ihren Füßen austreten, um Saft zu gewinnen. Die ganze Zeit über ist mir speiübel, der Schmerz im Unterleib ist unerträglich.
Als sich nichts mehr regt, winkt die Gefährtin wieder mit ihrem Arm, die beiden Felsen vor Eingang und Ausgang verschwinden. Das Blut fließt ab, der sinkende Pegel legt die Leichen der von mir erschlagenen Feinde frei. Ich fühle mich wie betäubt, meine Gefährtin muss mich leiten. Sie schickt mich aus der Höhle und lässt mich vor dem Eingang ein großes Feuer entfachen. Ich drapiere meine blutbefleckten Waffen im Kreis um die Feuerstelle, dann trage ich auf ihren Befehl hin die Leiber meiner erschlagenen Feinde ins Freie und werfe sie ins Feuer. Sie wiegen fast nichts, stelle ich fest. Ob es daran liegt, dass ich als Vajrakilaya so stark bin, oder ob diese seltsamen Vampire ohne Substanz sind, kann ich nicht sagen. Nachdem ich die letzte der Nachtgestalten aus der Höhle gebracht und den Flammen übergeben habe, heißt mich die Gefährtin ins Feuer zu springen und wieder zu tanzen.
Der einsetzende Gesang des Rinpoche, der die Meditation beendet, kommt als Erlösung. Ich lasse die Visualisierung los und finde mich auf meinem Kissen wieder. Übelkeit würgt mich. Ich versuche, den Schmerz im Unterleib wegzuatmen und stelle fest, dass ich unter Schock stehe.
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