Proserpina findet Luzifers magische Verträge mit den Schutzengeln von Berlin-Friedrichshain und macht eine weitere Entdeckung…

Proserpina durchsuchte Luzifers Loft. Systematisch. Zimmer für Zimmer, Schrank für Schrank, Schublade für Schublade.
Sie klopfte Möbel und Wände ab, kippte Zucker und Kaffeepulver aus, inspizierte seine üppige – und nur halb legale – Medikamentensammlung, wühlte sich durch Bettwäsche, kontrollierte Schuhe und Jackets, entfaltete Sockenpaare, stülpte Hosentaschen um.
Nichts.
Vor den raumhohen Fenstern kämpfte die müde Herbstsonne gegen eine dicke graue Wolkendecke.
Proserpina sank frustriert auf das Sofa. Sie hatte damit gerechnet, dass Luzifer den Schlüssel für die schwarze Stahltür mit sich in die Hölle genommen hatte.
Aber sie war davon ausgegangen, dass sie zumindest Hinweise finden würde. Ein paar Indizien, die ihr verraten würden, wie Luzifer es anstellte, den Schutzengeln die Unsterblichkeit zu nehmen. Und natürlich, woher die Energie kam, die sich hinter der Stahltür im Keller verbarg.

Seitdem Proserpina die seltsamen Vibrationen entdeckt hatte, war sie wieder und wieder in den Keller zurückgekehrt.
Proserpina war die Herrin des Todes. Wo immer sie – oder eine ihrerTeufelinnen und Dämoninnen – auftauchten, brachte sie Unglück und Verzweiflung über Mensch und Tier.
Ihr oberstes Ziel war die Vernichtung allen Lebens. Nichts sollte wachsen und gedeihen können.
Proserpinas natürliche Gegenspielerin war Erzengel Gabriel. Die hielt – zusammen mit der Heerschar Engel, die unter ihrem Kommando stand – ihre schützende Hand über alles, was sich auf Erden entfalten wollte.
Gabriel war das große „Ja“ zum Leben – Proserpina das große „Nein“.
Und hinter Luzifers Stahltür verbarg sich das, worum Gabriel und Proserpina so erbittert kämpften: Lebensenergie. In seiner reinsten Form.

Proserpina zog die Tür des Loft hinter sich zu und nahm die Treppe in den zweiten Stock. Dort, wo normalerweise Luzifers Schutzengel-Parties stattfanden, empfing sie Stille. Sowohl Dommiel – der Torwächter der Hölle, der in Friedrichshain als Türsteher fungierte – als auch Luzifers zahlreichen Unterteufel schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.
Die Tür zu den Partyräumen war ebenfalls versperrt. Allerdings nicht mit Magie, sondern mit einem Standard-Türschloss. Proserpina benötigte exakt dreißig Sekunden und einen simplen Zauberspruch, dann stand sie im dunklen Flur.
Dort schlug ihr der Geruch von Bier, Schweiß und Pott entgegen. Alle Wände waren schwarz gestrichen, stellte sie fest, während sie die Räume durchwanderte. Die Fenster waren mit Folie verklebt. Sie warf einen Blick in die Toiletten und inspizierte den Vorratsraum, in dem Bierfässer und Flaschen mit hochprozentigen Alkoholika dicht an dicht standen.
Am Ende der Etage entdeckte sie ein kleines fensterloses Büro. Sie trat ein. An der gegenüberliegenden Wand stapelten sich Ordner bis zur Decke. Davor stand ein einfacher Schreibtisch. Proserpina ließ sich auf dem Drehstuhl nieder und begann damit, die Unterlagen durchzusehen.
Luzifer wurde direkt aus der Hölle beliefert, stellte sie fest, während sie die gewaltigen Getränkerechnungen durchging. Selbst die Reinigungsfirma hatte ihren Sitz im Reich der Finsternis.
Ordner für Ordner arbeitete sich Proserpina durch das Regal. Sie überflog Arbeitsverträge, Listen mit Dienstzeiten und lachte mehrmals schallend über die zahlreichen bösartigen Mitarbeiter-Mails, die Luzifer ordentlich ausgedruckt und abgelegt hatte.
Nach zwei Stunden konzentrierter Arbeit zog sie einen Ordner aus dem Regal, der mit „E-I“ beschriftet war. Sie schlug ihn auf und pfiff erfreut durch die Zähne. Proserpina war auf die Verträge gestossen, mit denen die Schutzengel von Friedrichshain ihre Seele an den Teufel verkauften!
Sie kontrollierte die Rücken der nächsten Ordner: Dort fanden sich „E-II“, „E-III“ und „E-IV“! Luzifer hatte mindestens zweihundert Schutzengeln die Seele abgenommen!
Proserpina zog den obersten Vertrag aus dem aufgeschlagenen Ordner. Ein Schutzengel namens Achaiah hatte ihn Anfang Juni dieses Jahres abgeschlossen, stellte Proserpina mit einem Blick auf die Datumsangabe neben der Unterschrift fest. Auch alle anderen Verträge im Ordner trugen eine Unterschrift.
Das war seltsam. Während ihrer langen Stunden im Buddhistischen Zentrum hatte sie ein Gespräch zwischen Suriyel und dem Schutzengel Israfel belauscht. Die beiden waren sich einig gewesen, dass die Schutzengel nicht wussten, dass sie einen Vertrag mit Luzifer abschlossen, wenn sie auf seine Party gingen.
Das machte auch Sinn: Welcher Engel, der bis drei zählen konnte, würde seine unsterbliche Seele an den Teufel verkaufen? Menschen, ja. Aber Engel?
Proserpina hielt das Blatt mit der Unterschrift prüfend unter die Schreibtischlampe. Irgendwas stimmte mit ihr nicht.
Sie verwandelte sich in eine magere schwarze Katze, sprang auf die Arbeitsplatte und untersuchte die Unterschrift mit ihren fibrierenden Schnurrhaaren. Danach legte sie sich auf den Bauch und starrte auf die Schriftzüge. Fasziniert beobachtete sie, wie die Buchstaben vor ihren gelben Katzenaugen mehrere Zentimter hoch auf dem Papier flirrten. Das hier war eindeutig Magie! Von einer Sorte, wie ihr noch keine begegnet war.
Die Unterschrift verströmte die gleiche Energie, die hinter der Stahltür im Keller versperrt war.
Proserpina überflog Vertrag für Vertrag. Alle Unterschriften sahen gleich aus! Das war Luzifer gewesen, der dort unterschrieben hatte. Mit dem Namen des jeweiligen Engels. Die Verträge waren trotzdem bindend, sonst wäre im Herzen des toten Schutzengels von der Warschauer Straße nicht eine Seelenfliege geschlüpft.
Proserpina stand auf und trat in den Flur.
Dort verwandelte sie sich abermals in eine Katze und tastete mit ihren Schnurrhaaren die Wände ab. Auf Höhe der verwaisten Garderobe erstarrte sie. Genau an dieser Stelle spürte sie eine energetische Veränderung. Es fühlte sich an, als hätte sie eine Schranke passiert.
Sie trat ein paar Schritte zurück und dann wieder nach vorne: Richtig! Genau hier, zwischen dem Bartisch, an dem der Türsteher stand, und dem Tresen der Garderobe, veränderte sich schlagartig die Energie. Der Unterschied war minimal. In ihrer dämonischen Form hatte sie ihn nicht wahrgenommen.
Vermutlich handelte es sich um eine magische Apparatur, die aktuell im Stand-by-Modus war.
Die magere schwarze Katze wanderte mehrmals im Kreis, bevor sie genau auf der unsichtbaren energetischen Schwelle Platz nahm. Ihre Schwanzspitze zuckte nervös, während sie konzentriert nachdachte.

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