Ich war mit leeren Händen gekommen. Über Monate hatte ich mir Gedanken gemacht, was ich ihm mitbringen solle, wenn ich ihn das erste Mal besuchen würde. Aber als der Lockdown endlich beendet war und ich aufbrechen konnte, fühlte sich nichts richtig an. Also ließ ich es. So wie er es mich gelehrt hatte.

Anderen war es leichter gefallen, ihm ihre Verbundenheit zu zeigen, sah ich, als ich ihn endlich gefunden hatte. Kerzen brannten, Blumen blühten in Vasen und Töpfen, Malas waren zwischen kleinen Engelsfiguren drapiert.

Willigis war auf dem Klosterfriedhof zwischen seinen Mitbrüdern begraben worden. Ein schmales Grab am unteren Ende der vordersten Reihe. Der Grabstein fehlte noch, ein provisorisches Holzkreuz war mit seinem Namen und seinen Lebensdaten versehen: Willigis Jäger OSB, 7. März 1925 – 20. März 2020.

Vögel sangen in den Bäumen, die entlang der hohen Friedhofsmauer ihre Äste in die warme Morgensonne reckten. Der Duft von frisch gemähtem Gras hing in der Luft, aus der Ferne klang das gleichmäßige Rauschen der Autobahn herüber. Ich stand vor seinem Grab und spürte weinend der vollkommenen Leere nach, die sein Tod hinterlassen hatte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich verstünde in der Tiefe, was es bedeutet, wenn jemand wirklich tot ist. Willigis vor vollkommend WEG! Es erschütterte mich zutiefst. Wo er doch immer so sehr DA gewesen war! Mit Willigis zu sprechen – oder auch nur in seiner Nähe zu sein – war immer mit einer geradezu existentiellen Erfahrung der Präsenz einher gegangen.

Die meisten Menschen – wurde mir in diesem Augenblick bewusst – sind „WEG“ während sie da sind und „DA“, während sie weg sind. Willigis war „DA“ gewesen als er da war und jetzt, wo er „WEG“ war, war er vollkommen verschwunden. Er würde keinen seiner Schüler oder Angehörigen als Gespenst aus der Vergangenheit quälen, er hatte keine Verstrickungen hinterlassen, mit denen er Andere über seinen Tod hinaus an sich band.

„Es ist ihm egal, dass ich DA bin“, dachte ich, während ich mir die Nase putzte und mich wieder sammelte. „Er ist längst schon weitergezogen in ein anderes Universum oder eine andere Dimension. Nichts hat ihn zurückgehalten zu gehen, als es für ihn an der Zeit gewesen ist.“

Ich zog das eiserne Friedhofstor hinter mir zu und trat aus dem Schatten der hohen Bäume in die warme Sommersonne. Auf einmal segelte direkt vor mir eine Taubenfeder vom Himmel. Ich streckte die Hand aus und fing sie ihm Flug. Verblüfft schaute ich nach oben: der strahlend blaue Himmel über mir war leer, weit und breit war kein Vogel zu sehen. Ich lachte schallend: das war wieder einmal typisch Willigis!

Schon immer war ich mit leeren Händen zu ihm gekommen und nie ließ er mich gehen, bevor er mir nicht ein Geschenk überreicht hatte.