Erzengel Gabriel begibt sich in Berlin-Friedrichshain auf die Suche nach kontaminierten Schutzengel und macht eine bedrohliche Entdeckung…

Der müde Portier starrte hinter dem Tresen auf sein Handy und ignorierte ihren Gruß. https://www.water-runs-east.eu/gabriel-in-friedrichshain/
Gabriel trat vor das Hotel und sah sich um. Auf dem Gehweg lief gerade eine Gruppe aufgekratzter Twenty-Somethings vorbei. Der Erzengel musterte sie eingehend: Keiner von denen sah wie ein Engel aus. https://www.water-runs-east.eu/der-entschluss/
Aber irgendwo hier in Friedrichshain-Kreuzberg mussten sich Dutzende kontaminierter Schutzengeln herumtreiben!
Der Gnadenengel-Suchtrupp hatte gestern lediglich die Straßen rund um Suriyels Buddhistisches Zentrum durchkämmt und innerhalb von vier Stunden 123 von ihnen gefunden. https://www.water-runs-east.eu/streit-unter-erzengeln/
Gabriel beschloss, dass sie ebenfalls in dieser Ecke nach gefallenen Schutzengeln suchen würde. Wenn vier Gnadenengel innerhalb eines Vormittags mehr als hundert auftreiben konnten, würde es ihr in einer Nacht ja wohl möglich sein, einen einzigen zu finden.
Dem würde sie probehalber Gnade spenden und sofort kontrollieren, ob damit der Fluch gebrochen war. Sie musste den frisch behandelten Engel nur erfolgreich durch das Tor des Buddhistischen Zentrums schieben, dann war der Praxistest bestanden. https://www.water-runs-east.eu/gnade-2/
Während Gabriel in ihren Gedanken die Versuchsanordnung plante, fiel ihr mit einem Mal ein, dass sie nicht wusste, ob das Tor nachts offen stand!
Sie wandte sich nach links in Richtung Boxhagener Platz. Im Dahingehen verfluchte sie innerlich Suriyel. Wenn der – wie es sich unter Erzengeln eigentlich gehörte – mit ihr zusammenarbeiten würde, wäre das alles kein Problem.
Als Gabriel mit wenig freundlichen Gefühlen an ihren Kollegen dachte, fiel ihr ein, dass das Symbol, mit dem Erzengel Suriyel auf allen Heiligenbildern dargestellt wurde, ein Ochse war. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/
Stimmiger konnte man seinen Charakter nicht auf den Punkt bringen! Keiner der Sieben war so stur und unflexibel wie der Engel, der über die göttlichen Gebote wachte.
Und Gabriel musste es wissen: Sie hatte – in ihrer Funktion als Gnadenengel – regelmäßig mit Suriyel zu tun. Mit keinem Erzengel stritt sie sich so häufig und so heftig wie mit ihm. Er schaffte es regelmäßig, sie innerhalb von Minuten die Wände hoch gehen zu lassen. Und umgekehrt war es genauso: Eine unbedachte Bemerkung von ihr und schon rastete er aus.
Sie waren einfach zu verschieden.
Gabriel schob den Gedanken an Suriyel energisch zur Seite und konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung: Wo steckten die gefallenen Schutzengel?
Sie war auf Höhe eines über und über mit Graffiti besprühten Hauses angekommen. Davor saß eine Gruppe schwarz Gekleideter auf Bierbänken. Zu ihren Füßen war ein wildes Sammelsurium von Flaschen mit Alkoholika aller Art aufgereiht. Aus einem Ghettoblaster dröhnte infernalischer Lärm. Im Vorübergehen musterte Gabriel jeden einzelnen eingehend. Fasziniert betrachtete sie den kahlrasierten Kopf eines Mannes, der mit unzähligen Piercings und Tätowierungen dekoriert war. So etwas hatte sie noch nie gesehen!
Aber leider: Wieder kein Schutzengel.
Entlang des Gehwegs befand sich in jedem zweiten Haus eine Kneipe oder Bar. Aus ihren geöffneten Türen schallte laute Musik. Rauchende, gestikulierende und aufeinande einredenden Menschen hatten sich davor versammelt. Autofahrer hupten, Radfahrer klingelten wütend, wenn ihnen betrunkene Fußgänger den Weg versperrten.
An Gabriel zog ein nicht endender Strom von Gesichtern vorbei. Junge, Alte. Die meisten irgendwo dazwischen. Der Erzengel wurde angerempelt, wich Betrunkenen aus, bahnte sich seinen Weg durch Pulks verschiedenster Nationalitäten. Sämtliche Hautfarben und Ethnien schienen sich heute Abend in den Straßen Berlin-Mittes ein Stelldichein zu geben.
Alle paar Schritte wurde Gabriel angebettelt. Ob sie einen Euro, etwas zu Essen, eine Kippe, ein Bier oder einen Schlafplatz hätte?
Als eine junge Frau mit langem blonden Haar verzweifelnd schluchzend um Geld bat, dachte Gabriel für einen Moment, sie hätte einen gefallenen Schutzengel vor sich. Während sie einen Fünf-Euro-Schein aus ihrer Geldbörse kramte, stellte sie zu ihrer Frustration fest, dass die Frau zwar aussah wie ein Engel, aber zu hundert Prozent aus Materie bestand und nicht einen Hauch von Äther in sich trug.
Gabriel wanderte weiter durch die Straßen Friedrichhains. Sie musterte Betrunkene, Kiffer, kreischende Mädchen in Netzstrümpfen, Kahlrasierte mit unnatürlich aufgeblähten Muskeln in zu engen Lederjacken, schmale Jungs in Hoodies mit dicken Goldketten um den Hals, Männer in Frauenkleidern, Frauen in Lackleder – aber nirgends weit und breit konnte sie einen Schutzengel entdecken.
Nach zwei Stunden war Gabriel völlig erschöpft. Sie fühlte sich ausgelaugt, verzweifelt und einsam. Und kam sich ungeheuer blöd vor. Das konnte doch wohl nicht sein, dass sie nicht in der Lage war, einen Schutzengel aufzutreiben! Sie war sich sicher, dass überall um sie herum welche waren. Sie konnte sie nur nicht erkennen!
Halt! Da vorne liefen doch welche!
Etwa hundert Meter vor ihr fiel das Licht einer Straßenlaternen auf zwei schmale langhaarige Gestalten. Gerade bogen sie um die Ecke und verschwanden in einer Seitenstraße. Gabriel nahm die Verfolgung auf.
Nach ein paar Minuten atmete sie erleichtert auf. Ein gute Stück weiter vorne zeichneten sich die Konturen ihrer Zielobjekte auf dem Gehweg ab. Während sie hinterher hastete, nahm sie die beiden genauer in den Blick. Das waren eindeutig Schutzengel! Der matt leuchtende Äther-Schein um ihre Köpfe – für das menschliche Auge unsichtbar – war für Gabriel nicht zu übersehen.
Die Schutzengel fest im Blick, lief Gabriel eine ruhige Seitenstraße entlang. Sie war so fokussiert, dass sie das Tor mit den stabilen Metallstreben nur aus den Augenwinkeln wahrnahm. Daran schloss ein mit Graffiti übersprühter Bauzaun an. Dahinter leuchtete in einigen Meter Höhe etwas Goldenes im Schein der Straßenlaternen. Gabriel hob den Kopf und entdeckte die prächtige Spitze einer Stupa. Das konnte nur Suriyels Buddhistisches Zentrum sein! https://www.water-runs-east.eu/?p=5084&preview=true
Sie hatte keine Zeit, sich weiter darüber Gedanken zu machen: Die beiden Schutzengel waren am Ende der Straße angekommen, bogen um die Ecke und verschwanden aus ihrem Blickfeld. Gabriel hetzte ihnen hinterher.
Zwei Straßen weiter verschwanden die beiden Schutzengel auf einmal in einer dunklen Tordurchfahrt. Eine Minute später war Gabriel genau an der Stelle angekommen, an der sie die Engel hatte verschwinden sehen. Sie stand vor einer robusten Hauswand. Kein Durchgang weit und breit!
Sie musste sich getäuscht haben! Hastig lief sie bis an das Ende der Straße und kontrollierte die Querstraßen. Die lagen im matten Licht der Straßenlaternen menschenleer vor ihr. Wo waren die Schutzengel abgeblieben?
Gabriel kehrte wieder an die Stelle zurück, an der sie die beiden das letzte Mal gesehen hatte. Der Putz bröckelte von der mit Graffiti besprühten Front des Hauses. Die Fenster waren von Innen zugemauert, die Haustür mit einem Stahlgitter blockiert.
Das Haus stand offensichtlich leer. Es wirkte völlig aus der Zeit gefallen. So, als wäre es über Jahrzehnte von Investoren, Bauträgern und Stadtbeauftragten einfach vergessen worden.
Gabriel stellte sich in die Mitte der leeren Straße, hob den Kopf und ließ ihren Blick über die graue Fassade und die zugemauerten Fensteröffnungen wandern. Irgendwas an diesem Haus stimmte nicht!
Sie konzentrierte sich darauf, ihren fünfzigprozentigen Anteil an Materie und ihre aktuelle menschliche Erscheinungsform auszublenden. Die massive Front des Hauses löste sich langsam vor ihren Augen auf und begann sich in Energie zu verwandeln. Rot glühende Lichtwellen strukturierten die Umrisse des Gebäudes und strahlten weit über seine Grenzen hinaus.
Kein Zweifel! Gabriel stand vor einer Filiale des Reiches der Finsternis! Diese Lichtfrequenz kannte sie nur zu gut.
Sie war verblüfft darüber, dass sie die Energie nicht sofort registriert hatte. Normalerweise nahm sie so etwas auf eine Distanz von mehreren Kilometern wahr! Und jetzt hatte sie direkt davor gestanden, ohne verstanden zu haben, womit sie es zu tun hatte!
Und die beiden Schutzengel schienen von dem höllischen Gebäude regelrecht verschluckt worden zu sein! Dabei waren alle Engel eigentlich mit feinen Sensoren ausgestattet, die dafür sorgten, dass sie auf Energie dieser Frequenz mit Abscheu, Ekel und Widerwillen reagierten. Normalerweise konnte man Engel aller Couleur mit so etwas jagen. Aber die beiden hatten – zumindest aus der Ferne – den Eindruck erweckt, als ob sie es eilig hatten, dorthin zu kommen. Sie waren ohne jeden erkennbaren Widerstand irgendwie in die Mauern des Gebäudes gesogen worden.
Gabriel erwachte aus ihrer Trance im Bewusstsein, dass sie sich fürchtete. Was immer hier gerade in Berlin-Friedrichshain passierte: Es war definitiv gefährlich.
Hastig drehte sie sich um und machte, dass sie fort kam.

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