Vor mir ragt ein riesiges schwarzes Schwert auf. Auf dem Griff eingravierte Zeichen. Es sind vier Vajra, sternförmig angeordnet. Ich bin mir bewusst, dass ich träume. Ich versuche, so viel Bewusstsein zu aktivieren, dass ich die Traumsituation aktiv steuern kann. Irgendetwas wird hier und jetzt von mir erwartet. Nur was? Richtig! Im Traum verwandele ich mich in die löwenköpfige Dakini Simhamukha. Das Bild ist wakelig, ich habe es noch nie im Wachzustand praktiziert. Während der Zeremonien des Tages brauchte ich meine ganze Konzentration, um mich Zeile für Zeile, Stunde für Stunde, durch den tibetischen Text zu arbeiten.

Genauso ungewohnt wie es ist, plötzlich eine zornvolle Dakini zu sein, so seltsam fühlt sich das Heft des Schwertes in meinen Händen an. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Der Rinpoche hat es am Abend während des Zeremoniells vorgeführt. Er stach mit einem schwarzen Miniaturschwert – dass exakt so aussieht, wie das riesige, dessen Heft ich im Traum umklammere – auf eine leere Metallschale ein. Im Text hieß es dazu, Simhamukha tötet alle Feinde und zermalmt sie zu Staub.

Ich hebe das Schwert auf Kopfhöhe. Zwischen meinen Füßen liegt etwas, ich spüre wie es sich bewegt. Es ist lebendig. Auf einmal durchströmt mich eine wahnsinnige Energie, ich fühle mich, als würde ich glühen. Mit aller Kraft ramme ich das Schwert in das, was sich dort auf dem Boden befindet. Es ist eine graue nebelhafte Gestalt, sehe ich, während die Spitze der Klinke hindurchfährt und sich in die Erde bohrt.

Plötzlich wechselt das Bild. Ich starre auf eine braune Tonwand. Nur eine Sekunde, dann knallt es, eine riesige Welle sprengt die Wand, Gischt spritzt, es rauscht und schäumt, ein unendliches Gefühl der Befreiung überkommt mich.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich gut. Extrem gut. Der unangenehme Druck hinter den Augäpfeln ist verschwunden.