Erzengel Gabriel siniert beim Abendessen mit der Jungfrau Maria darüber, wie den gefallenen Schutzengeln von Berlin-Mitte geholfen werden kann…

Geistesabwesend sperrte Erzengel Gabriel die Bürotür hinter sich ab. https://www.water-runs-east.eu/gabriel/

Sie steckte den Schlüssel ein und wandere zur Wohnung am anderen Ende des langen Flurs. Nur Sekunden, nachdem sie den Klingelknopf gedrückt hatte, wurde ihr auch schon geöffnet.

In der Tür stand – in strahlender Schönheit – die Gottesmutter Maria. „Das Essen ist schon seit einer Stunde fertig!“ https://www.water-runs-east.eu/maria/

Gabriel folgte ihr auf den Balkon und ließ sich am gedeckten Tisch nieder. „Es tut mir leid. Gerade als ich Schluss machen wollte, kam noch mal ein Notfall rein.“

Während Maria Gemüseauflauf auf zwei Teller verteilte und die Wassergläser füllte, ließ Gabriel den Blick in die Ferne schweifen. Um sie war nichts als strahlendes Licht. Irgendwo hoch über ihnen erklang der monotone Gesang der Cherubime und Seraphime. Tief unter ihnen erstreckte sich ein weißer Wolkenteppich bis zum Horizont.

Es war wunderschön – und komplett monoton. In den neun Chören der Engel gab es weder Dämmerung noch Nacht. Seit 4000 Jahren war Erzengel Gabriel bei jedem Blick aus dem Fenster exakt mit dem selben Ausblick konfrontiert.

„Uriel hat mich heute kontaktiert.“ https://www.water-runs-east.eu/uriel/

Maria, die Gabriel gegenüber im Gemüseauflauf stocherte, hob erstaunt den Blick. „Was wollte er denn?“

„Suriyel hat ein Problem mit Luzifer. So wie ich Uriel verstanden habe, lockt Luzifer Suriyels Schutzengel auf wilde Parties. Sobald sie die Schwelle zu seinem Reich übertreten haben, gehen sie unwissentlich einem Pakt mit dem Teufel ein. Und Suriyel hat keine Ahnung, wie er sie davon erlösen kann.“ Gabriel nahm einen Schluck Wasser. „Uriel hat mich gefragt, ob ich den Schutzengeln Gnade spenden kann, damit sie aus dem Pakt wieder rauskommen.“ https://www.water-runs-east.eu/der-pakt/

Maria runzelte die Stirn. „Was hat Uriel mit den Schutzengeln zu tun?“

„Nichts. Er ist mit Suriyel befreundet.“

„Und warum fragt der Dich nicht selbst?“

Gabriel schmunzelte: „Du kennst Suriyel nicht, oder?“ https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

„Nein. Ich kann mich nicht entsinnen, ihn schon mal getroffen zu haben.“

„Reden gehört nicht zu Suriyels Stärken.“

„Uriel kann das gut.“ Maria war zwar nie Erzengel Suriyel begegnet. Dafür kannte sie Erzengel Uriel um so besser.

Maria war gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen, als sie mit dem Gottessohn geschwängert wurde. Um den Schutz von Mutter und Kind zu gewährleisten, hatte der Allmächtige Erzengel Uriel nach Nazaret in Galiläa entsandt. Dort materialisierte er sich, auf den Befehl Gottes hin, als bescheidener Zimmermann namens „Josef“ und heiratete die schwangere Maria.

Bis Jesus aus dem Gröbsten raus war, fungierte Erzengel Uriel, getarnt als biederer Handwerker, als treuer Ehemann und guter Stiefvater.

Es hatte seinen tieferen Grund, warum Gott ausgerechnet den Erzengel, der für Mystik und Magie zuständig war, ausgewählt hatte, das Himmlische Kind und seine Mutter zu beschützen.

Während der Jahre, in denen Uriel die Veranwortung für Maria und Jesus trug, war er bis an die Grenzen seiner magischen Fähigkeiten gefordert gewesen, die Mächte der Hölle davon abzuhalten, den beiden Schaden zuzufügen.

Die überstürzte Flucht nach Ägypten kurz nach Jesus Geburt war der Höhepunkt seines Kampfes gegen die bösen Mächte gewesen. Quer durch die Wüste mit einer Frau im Wochenbett auf einem störischen Esel, dazu ein Neugeborenes und um ihn sämtliche Dämonen und Teufel der Hölle – etwas so krasses hatte Uriel weder vorher, noch nachher in seinen 4000 Jahren als Erzengel erlebt.

Als Jesus zwölf Jahre alt war, verfügte er über genug Magie, um sich selbst gegen die Mächte der Hölle schützen zu können. Deshalb hatte der Allmächtige Erzengel Uriel von seinem Posten abgezogen und ihm wieder seine gewohnte Aufgabe zugewiesen: Die Erforschung von Mystik und Magie zum Wohle aller lebenden Wesen.

Das war inzwischen 2000 Jahre her. Aber seit dieser gemeinsam verbrachten Zeit waren sich Maria und Uriel sehr zugetan.

Während Maria an Uriel dachte, kreisten Gabriels Gedanken um Suriyel.

„Niemand kann einen Pakt mit dem Teufel eingehen, ohne das wirklich zu wollen. Das verstößt gegen alle göttlichen Regeln! Suriyel muss irgend etwas falsch verstanden haben.“

„Vielleicht ist Luzifer einfach besonders geschickt?“ https://www.water-runs-east.eu/luzifer/

„Der ist ein Schlaumeier vor dem Herrn! Aber gegen die Gratia Habitualis kann er nichts ausrichten. Die Anlage zum Guten ist ein Geschenk Gottes. Und die Schutzengel wurden besonders großzügig ausgestattet, damit sie ihren Job ordentlich erledigen können.“

Gabriel schob ihren Teller zur Seite, griff nach dem Tabackpäckchen und begann, sich eine Zigarette zu drehen. „Die eherne Regel lautet, dass es nicht möglich ist, in der Hölle zu landen, wenn Du da nicht hin möchtest. Genauso wenig, wie Du es schaffst, in den Himmel zu kommen, wenn das nicht Dein Ziel ist.“

Sie ließ sich von Maria Feuer geben. „Ergo können die Schutzengel keinen dauerhaft bindenden Pakt mit dem Teufel eingehen, wenn sie nicht in die Hölle wollen. Und schon garnicht bei der Menge an Gratia Habitualis, mit der sie ausgestattet sind.“

Maria wiege den Kopf: „Schutzengel bestehen zu neunzig Prozent aus Materie und nur zu zehn Prozent aus Äther. Das macht sie verführbar.“

Gabriel seufzte. „Exakt. Ich fand schon immer, dass sie eine Fehlkonstruktion sind.“

Maria begann ebenfalls, sich eine Zigarette zu drehen. „Aber dass man unwiderruflich verdammt ist, nur weil man auf eine wilde Party geht, habe ich noch nie gehört.“

Gabriel nickte. „Genau. Das läuft auf alle Fälle unter ‚Sünde‘ und nicht unter ‚Pakt mit dem Teufel‘. Alles andere wäre einfach nur albern. Die Hölle wäre überfüllt und der Himmel komplett leer, wenn man solche Maßstäbe ansetzen würde.“

Maria kicherte: „Johannes wäre ganz alleine hier!“ Ihrer Ansicht nach gab es keinen Heiligen, der so moralinsauer war wie ihr Großneffen, Johannes der Täufer.

Gabriel nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette. „Suriyel müsste es eigentlich auch ohne meine Hilfe schaffen, den Fluch zu brechen. Für was ist er ein Erzengel? Aber egal. Ich schicke ihm morgen eine Truppe Gnadenengel. Die sollen vor diesem Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain eine Gnadendusche aufbauen und alle kontaminierten Schutzengel darunter stellen und ordentlich abschrubben. Damit müsste sich das Problem erledigt haben.“