Maria lebt unter den Heerscharen des Dritten Chores. Sie ist deshalb eine Nachbarin von Erzengel Gabriel. Und ihre beste Freundin…

Maria ist die „Mutter Gottes“ und die oberste Heilige der christlichen Kirche.
Gott bestand deshalb darauf, die Mutter seines einzigen Sohnes im ersten Chor, der nur aus Licht und Musik besteht, einzuquartieren.
Nach Marias Ankunft im Himmel präsentierte ihr der Allmächtige eine phantastische Zimmerflucht im Herzen des Universums.
Maria wusste schon nach fünf Minuten Wohnungsbesichtigung, dass sie sich bei den Seraphimen und Cherubimen zu Tode langweiligen würde.
Aus diplomatischen Gründen war sie gezwungen gewesen, Christus zu seinem Vater zu schicken, auf das der ihm diese Botschaft so schonend als möglich nahe brachte.
Es hatte ein ziemliches Drama gegeben, aber am Ende war es Maria erlaubt worden, sich in einem Loft in der obersten Etage des dritten Chors häuslich einzurichten.
Wie es der Zufall wollte, war sie nach ihrem Umzug aus dem ersten Chor die direkte Nachbarin von Erzengel Gabriel. Die bewohnte, gleich neben ihrem Büro, eine kleine Dachwohnung. https://www.water-runs-east.eu/?p=4183&preview=true
Maria und Gabriel kannten sich zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile.
Die Gottesmutter kann sich noch gut daran erinnern, wie sie beinahe der Schlag getroffen hatte, als sich auf einmal diese große leuchtende Frau mit den dicken dunklen Locken und den strahlend blauen Augen in ihrer winzigen Kammer materialisiert hatte.
Wenn ihr Gabriel nicht sofort so sympathisch gewesen wäre, hätte sie die Botschaft des Herrn, sie würde zeitnah als Jungfrau mit dem Gottessohn geschwängert werden, weniger gefasst aufgenommen.
Im Rückblick kam dann alles so, wie es kommen musste. Es waren harte Zeiten gewesen, keine Frage.
An Maria Himmelfahrt hatte sie dieses unerquickliche irdische Leben fluchtartig hinter sich gelassen.
Seitdem zog sie es vor, nicht viel über ihre Vergangenheit nachzudenken.
Nur, dummerweise fühlte sie sich auch nach fast zweitausend Jahren im Himmel nicht wirklich Zuhause.
Gut, sie hatte ihren Sohn. Er war ihr Augenstern. Nur war der ständig beschäftigt und hielt sich für gewöhnlich zur Rechten seines Vaters auf. Er fand nur selten Zeit, sich in den dritten Chor herabzubegeben, um seine Mutter zu besuchen.
Selbst mit den, von ihr eigenhändig zubereiteten, Lieblingsspeisen seiner irdischen Kindheit konnte Maria ihn nur alle paar Wochen in ihr Loft locken.
Sie hatte natürlich Verwandtschaft in der Heiligensektion des dritten Chores. Sie besuchte dort regelmäßig ihre Mutter Anna, ihre Cousine Elisabeth und ihren Großneffen Johannes.
Wenn sie ehrlich mit sich war, fühlte sie sich bei jedem ihrer Besuche unwohl. Und dabei war es nicht so, dass sie ihrer Familie nicht von Herzen zugetan wäre. Im Gegenteil!
Nur verhielt die sich leider immer etwas seltsam.
Was Johannes bei Kaffeekränzchen von sich gab, war selbst für hartgesottene Heilige verstörend! Seine Mutter Elisabeth war – man konnte es nicht anders sagen – genauso gaga wie ihr Sohn!
Und ihre eigene Mutter jammerte für gewöhnlich zwei Stunden am Stück durch, und war extrem gut darin, ihrer einzigen Tochter ein schlechtes Gewissen einzureden.
Das machte jedes Familientreffen zur Tortur. Hinterher musste sich Maria immer zwei Wochen erholen, weil sie sich so ausgelaugt fühlte.
Mit den anderen Heiligen des dritten Chores lief es nicht viel besser. Sie kannte ein paar näher, aber befreundet war sie mit niemanden.
Das verhinderte ihre Status. Und ihre Schönheit.
Zuverlässig verliebten sich früher oder später alle männlichen Heiligen in sie. Was alle weiblichen Heiligen extrem eifersüchtig machte.
Mit dem Ergebnis, dass es auf jeder Party Ärger gab.
Die einzige, mit der sich Maria seit zweitausend Jahren uneingeschränkt gut verstand, war Erzengel Gabriel.

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