Ein großer schwarzer Kater geht im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte ein und aus. Nur Suriyel weiß, dass es sich dabei um seinen ehemaligen Erzengel-Kollegen Luzifer handelt…

Es ist inzwischen einige Jahre her, dass Erzengel Suriyel, von Gott gesandt, seinen Posten im Keller des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums in Berlin-Mitte bezog.

Ein paar Tage, nachdem er sich dort häuslich niedergelassen hatte, bekam er Besuch.

Niemand im Zentrum bemerkte den großen schwarze Kater, der durch das verwitterte Tor des Zentrums in den Innenhof geschlichen war. Auf Samptpfoten betrat der den Flur, wanderte geräuschlos am Eingang des Tempels vorbei und nahm die Treppe in den verwinkelten Keller. Dort sprang er mit einer geschmeidigen Bewegung auf die große Werkbank und streckte sich behaglich darauf aus.

Suriyel, war – ein paar Meter von der Werkbank entfernt – gerade dabei, Kabeltrommeln zu sortieren.

Weil er ein so fähiger wie pragmatischer Engel ist, geht er in der Zeit, in der er sich nicht mit seinen unwilligen Schutzengeln abmüht, einer sehr irdischen Tätigkeit nach: er hat sich selbst zum Hausmeister des Buddhistischen Zentrums ernannt.

Die Zentrumsleute hatten ihr Glück nicht fassen können, als auf einmal dieser schweigsame Mann mit den langen blonden Locken bei ihnen aufgetaucht war und kommentarlos begonnen hatte, in den unzähligen Winkeln und Ecken der halb verfallenen Gebäude Stromleitungen zu verlegen, Steckdosen zu setzen und alles zu reparieren, was ihm vor die Nase kam.

Als Suriyel den riesigen schwarzen Kater sah, der sich behaglich auf seiner Werkbank ausgestreckt hatte, richtete er sich seufzend auf: „Hi Luzifer.“

Der Kater warf einen prüfenden Blick zur Kellertür, bevor er antwortete: „Hi Suriyel. Und? Was hältst Du von Berlin-Mitte?“

Der hatte sich wieder seinen Kabeln zugewandt. „Keiner befolgt die Gesetze.“

Der Kater drehte sich auf den Rücken und schlug mit den Vorderpfoten verspielt gegen einen von Suriyels Schraubenziehern. „Genau. Überall nur Chaos! Es ist phantastisch!“

Suriyel ignorierte den Kater. Er hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen.

Luzifer sprang von der Werkbank und strich noch einmal um Suriyels Beine, bevor er die Treppe hoch und durch das Tor wieder in einer ruhigen Seitenstraße von Friedrichshain verschwand.

Er liebte solche Auftritte. Da konnte Suriyel noch so cool tun: Der schwarze Kater wusste, dass er einen Treffer gelandet hatte.

Einen von vielen.

Denn hier, in Berlin-Mitte, hatte Luzifer ein Heimspiel. Gut, das Tibetisch-Buddhistische Zentrum war die Ausnahme. Für Wesen, die – wie Suriyel und Luzifer – zur Hälfte aus Äther bestehen, war offensichtlich, dass der Ort ohne Mühe in der Lage war, die wilden Vibes von Berlin energetisch zu transformieren.

Das war der Grund gewesen, weshalb Suriyel sich im dortigen Keller einquartiert hatte.

Und gleichzeitig der Grund, weshalb Luzifer das Buddhistische Zentrum engmaschig überwachen ließ.

Von Anfang an war klar gewesen, dass früher oder später einer der Sieben dort auftauchen würde, um in Berlin-Mitte für Ordnung zu sorgen.

Als Luzifer durch einen Späher über die Sichtung eines hohen Engels im Buddhistischen Zentrum informiert wurde, war seine größte Befürchtung gewesen, es könne Michael sein.

Wenn Luzifer vor jemandem Respekt hatte, dann war das der Erzengel mit dem Flammenschwert.

Getarnt als schwarzer Kater begab er sich sofort an den Ort des Geschehens und hatte zu seiner Erleichterung nicht den mächtigen Michael, sondern dessen Kollegen Suriyel im Keller des Buddhistischen Zentrums angetroffen.

Suriyels Aufgabe als Erzengel war es seit 4000 Jahren, darüber zu wachen, dass sich alle Engel an die göttlichen Gebote halten.

Von all seinen Kollegen hatte Luzifer, als er noch „Der Lichtbringer“ und der achte der Erzengel war, Suriyel am wenigsten ausstehen können.

Während die anderen sechs Erzengel die materielle Hälfte ihrer Wesensnatur durchaus ausleben konnten – und das, auf den wilden Parties, die Luzifer im himmlischen Areal des dritten Chores zu veranstalten pflegte – auch ungehemmt taten, war Suriyel zuverlässig der gewesen, der allen den Spaß verdarb.

Seine langen komplizierten Vorträge über die Speiseregeln, die er – neben dem üppigen Buffett stehend – zu halten pflegte, waren legendär.

Mit Humor begabte Erzengel konnten sich köstlich darüber amüsieren. Luzifer hatte es immer nur angekotzt.

Und jetzt hatte Gott ausgerechnet Suriyel nach Berlin-Mitte entsandt, um seinen gefallenen ehemaligen Kollegen in die Schranken zu weisen und für Ordnung unter den Schutzengeln zu sorgen!

Ein von oben bis unten tätowierter Australier in Lederkluft blieb irritiert auf dem Gehweg stehen und starrte dem großen schwarzen Kater nach, der sich gerade durch eine Lücke des Bauzauns auf eine Brachfläche schob. Es konnte ja wohl nicht sein, dass dieses Katzen-Vieh soeben hämisch gelacht hatte?

Im Weiterlaufen griff er sich verwirrt an den kahl geschorenen Schädel und beschloss, sich noch heute einen neuen Dealer zu suchen. Das Koks taugte nichts!

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, seit Luzifer zum ersten Mal im Keller des Buddhistischen Zentrums aufgetaucht ist.

Wenn Suriyel an ruhigen Abend aus dem neunten Stock des Plattenbaus, in dem er lebt, über das nächtliche Berlin blickt, ertappt er sich regelmäßig bei dem Gedanke, dass seine Mission zum Scheitern verurteilt ist.

Das ist ihm in 4000 Jahren noch nie passiert!

Früher oder später hat er bisher noch jeden bockigen Schutzengel auf Linie gebracht.

Aber gegen den Sog von Berlin-Mitte kämpft er vergebens an. Luzifer hat endlich den Ort gefunden, der genau die Energie verströmt, die er braucht, um seine Macht ungehemmt ausleben zu können.