Ich schlage mich mit den Nebenwirkungen intensiver Meditation herum und verbringe, dank buddhistischem Tantra, einen magischen Nachmittag.

Als ich in der immer noch feuchten Jogginghose und Uriels ausgewaschenem T-Shirt vor die Haustür in die warme Sonne trete, geht es schon auf Mittag zu. Zwei Fahrradfahrer radeln gerade, miteinander plaudernd, an der Gartenhecke vorbei. Ich sehe ihnen nach, wie sie hinter der Kurve verschwinden. Jetzt ist nur noch das Rauschen des Flusses und das Singen der Vögel in den Bäumen zu hören.

Ich laufe die Treppe zum Hof hinunter. Kaum stehe ich auf dem Pflaster, kommen mir die kleinen Gnome entgegen gehüpft, die ich eben noch vor der Terrasse „gesehen“ hatte. Ihre halbtransparenten Körper umkreisen mich, sie kommen mir vor wie aufgeregte Kinder. Ich verdrehe innerlich die Augen und sende eine Kurznachricht an mein Gehirn: „Hallo! Es reicht jetzt!“

Seit ich angefangen habe zu meditieren, schlage ich mich in regelmäßigen Abständen mit visuellen Erscheinungen herum. Dafür muss ich keine weißen Buddhas auf Lotosblüten imaginieren, das bringt mein Gehirn auch in der Achtsamkeitsmeditation des stocknüchternen Zen zustande.

Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Zen-Retreat vor vielen Jahren: kaum war ich wieder Zuhause, wurde ich unerwartet mit Halluzinationen konfrontiert, die es mit jedem LSD-Trip aufnehmen konnten. Die Wiese, an der ich entlanglief, leuchtete mit einem Mal violett, die Birken am Wegesrand strahlten neonweiß, der Himmel färbte sich dunkelgrün. Dazu hörte ich Hallgeräusche, es klang, als stünde ich in einem Tunnel. Es dauerte satte zwei Stunden, bis mein Gehirn alle Sinnesreize wieder nach Vorschrift verarbeitete. Glücklicherweise hatte ich zuvor gelesen, dass so etwas durch das Meditieren passieren konnte. Gruselig fand ich es trotzdem.

Als ich während des nächsten Retreats dem Meditationslehrer von diesen Halluzinationen erzählte, erklärte er mir, ich solle es als Information nehmen, dass meine Praxis Wirkung zeige: die neuronalen Verbindungen meines Gehirns würden sich neu verschalten und die visuellen und akustischen Störungen wären einfach eine Begleiterscheinung dieses Prozesses. Das wichtigste, schärfte er mir ein, wäre, nicht auf die Bilder anzuspringen. „Mach keine Story draus,“ erklärte er mir, „weder im positiven noch im negativen Sinne, schau dir an, was immer es ist und lass es wieder gehen.“

Ich rufe mir seinen Rat ins Gedächtnis zurück und versuche keine Geschichten über die vergnügt um mich herumhüpfenden, winkenden und lachenden Wesen herbeizuphantasieren. Wenn ich mich auf meinen Atem fokussiere, schaffe ich es sogar, keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Ich kann es mir trotzdem nicht verkneifen, festzustellen, dass sie enttäuscht aussehen, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. „Himmel!“, fahre ich mich innerlich an, „Reiße Dich jetzt zusammen!“

Uriel hat mir, bevor er aufbrach, erklärt, im Pferdestall stünde alles für meine Streichaktion bereit. Weil ich so konfus bin, dass ich nicht mal die Farbe finde, muss ich Suriyel holen, der seine Elektrikerarbeiten abgeschlossen hat und heute im Retreathaus beschäftigt ist. Er stellt fest, dass die Eimer mit der Wandfarbe in den großen Kartons stecken, die in einer Ecke gestappelt sind, hilft mir, die Farbe anzurühren und verlässt mich wieder.

Ich kopple mein Handy an die kleine Soundbar, die Uriel gestern für Maria in den Stall gebracht hat – zum Dank dafür wurde er den ganzen Nachmittag mit Latino-Hip-Hop beschallt – und probiere ein bisschen rum, bis ich was finde, das meinen nervösen Geist besänftigt. Beethoven stört, stelle ich fest, aber „Experience“ von Ludovico Enaudi passt super.

Begleitet von sphärischen Klängen beginne ich zu streichen und kippe mir, beim Versuch den Maleimer oben auf der Leiter festzuklemmen, fast sofort einen ordentlichen Schwall Farbe über Oberkörper und Beine. Ich starre auf den weißen See zu meinen Füßen und überlege kurz, ob jetzt der richtige Moment gekommen ist, in Tränen auszubrechen. Ich entscheide mich dagegen – ich bin groß – stelle den Eimer zurück auf den Boden, wische den Farbkleks notdürftig auf und versuche mich zu fokussieren: dieser Atemzug, diese Bewegung, dieser Schritt… Monoton bewegt sich die Farbrolle auf und ab, ich spüre, wie ich mich entspanne.

Während ich, vor dem Eimer stehend, die Rolle in den weißen Brei tauche, wandert mein Blick gedankenverloren zur hinteren Glastür. Ich zucke zurück: da starrt mich etwas an! Völlig konfus starre ich zurück. Das seltsame Wesen ist groß und hat einen langen dünnen Hals, Hängeohren, riesige Augen in einer Art Pferdekopf und scheint zu fließen. Die Konturen seines Körpers wabern, es wirkt, als würde es aus Wasser bestehen. Und es tropft vor sich hin, exakt im selben Rhythmus wie die Wandfarbe von meiner Malerrolle, die ich – in der Bewegung erstarrt – über den Eimer halte. Ich kneife die Augen zusammen, öffne sie wieder: kein Zweifel! Da steht eine vor sich hin tropfende Kreatur mit Pferdekopf und Giraffenhals, die mich neugierig betrachtet.

Ich drehe mich um und werfe einen Blick zur vorderen Glastür, die zum Hof führt. An ihrer Scheibe drücken sich gerade drei von den Gnomen die Nasen platt. Als sie sehen, dass ich sie in den Blick nehme, winken sie mir begeistert lachend zu.

„Sieh es ein“, spricht auf einmal meine innere Stimme zu mir. „Du wirst sie nicht so schnell los werden! Du hast nur die Wahl, Dir von ihnen den Tag verderben zu lassen, oder Dich an ihnen zu erfreuen.“

Ich betrachte erst das Wasserwesen, das gerade den Kopf dreht, um mich aus seinem linken Auge besser in den Blick nehmen zu können, dann die vergnügt Grimassen ziehenden Gnome. Meine innere Stimme hat recht: wenn ich den Fakt beiseite lasse, dass es das, was ich da gerade sehe, nicht geben kann, ist es einfach nur bezaubernd!

Ich winke erst den Gnomen, dann der vor sich hin tropfenden Gestalt zu, schalte am Handy von Neoklassik auf Punkrock um, drehe den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und verbringe einen ziemlich schrägen – und sehr entspannten – Nachmittag in den ehrwürdigen Gewölben des historischen Pferdestalls.

Während ich um die schmalen Fenster herummale, winken mir von draußen all die Gestalten zu, die wir gestern und heute während Riwo Sangchö gefüttert haben. Manche haben dürre Hälse und kleine Köpfe, andere Flügel und Segelohren, die einen sind winzig klein, die anderen riesig groß – aber alle sind sie freundlich und vergnügt. Und dankbar dafür, dass wir sie so gut gefüttert haben.

Irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich mich mit ihnen unterhalte. Das erstaunt mich, ich bin visuell – ich „sehe“ zwar detailiert, aber das einzige, was ich normalerweise „höre“ sind Halleffekte. Jetzt geht es auf einmal wie von selbst.

Vielstimmig und in allen Tonlagen wird mir erklärt, wie glücklich alle darüber sind, uns zu Besuch zu haben und vor allem, wie begeistert sie von unserer Praxis sind! Ich möchte mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. „Es ist nicht mein Verdienst“, erkläre ich, während ich versuche, die Decke zu streichen, ohne den halben Putz dabei mitzunehmen, „ich sitze nur dabei, es ist Suriyel, der die Arbeit macht.“

Sie scheinen nicht nach Leistung zu differenzieren, ich werde weiter ausführlich gelobt und bekomme in allen Variationen erzählt, wie glücklich sie über uns wären. Am späten Nachmittag, als meine Arme müde sind und Blasen meine Finger zieren, ertappe ich mich dabei, dass ich ihnen doch tatsächlich verspreche, wir würden das jetzt regelmäßig machen.

In dem Moment bekomme ich eine Textnachricht von Uriel: Wie es denn laufen würde, bei mir?

„Ich wollte immer schon mal auf LSD einen historischen Pferdestall streichen“, schreibe ich zurück. „Stand noch auf meiner Lebens-To-Do-Liste! Dank Dir kann ich jetzt ein Häckchen dahinter machen…“

Während ich die Farbrollen einweiche und den Deckel auf den Eimer drücke, malt die späte Nachmittagssonne helle Kringel an die frisch gestrichenen Wände. Er wird schön werden, der neue Seminarraum – geradezu magisch…