Suriyel führt Maria und mich in Chenrezig ein – der buddhistischen Meditations-Praxis des unbegrenzten Mitgefühls…

Ich kippe einen Schuss Weißwein ins Risotto und rühre andächtig um. Der Duft von Steinpilzen und dampfendem Wein zieht durch das Retreathaus. Ich bin glücklich: endlich darf ich wieder kochen!
Bevor wir hierher aufbrachen, kramte ich in meinem Untermietzimmer die Lebensmitteln hervor, die ich aus meiner zurückgelassenen Vergangenheit nach Leipzig gebracht und nie verwendet hatte. Die Campingküche meiner verwunschenen Behausung ist selbst für ein simples Risotto zu unwirtlich. Uriels Einladung ins Retreathaus ans Ende der Welt kam gerade noch rechtzeitig, stellte ich fest, als ich das Ablaufdatum auf den Packungen kontrollierte.
Den Nachmittag über waren wir im Pferdestall beschäftigt gewesen. Suriyel montierte Steckdosen, Maria und Uriel trugen die Grundierung für den Farbanstrich am nächsten Tag auf. Nach meiner wenig eleganten Landung im Bach war meine Malerkluft triefnass, mein Beitrag beschränkte sich deshalb auf das Abkleben der Fenster und Türen.
Zum Ausgleich koche ich. Das erfreut nicht nur mich, sondern auch die anderen. Maria bereitet den Salat, dann sitzen wir um den Tisch, essen, plaudern und haben es gemütlich. Auf einmal wird mir bewusst, dass wir gerade gemeinsam damit beschäftigt sind, die letzten Reste meines alten Lebens zu verspeisen! Heute ist einfach ein komplett schräger Tag…
Nach dem Abendessen verabschiedet sich Uriel samt seinem Hund, sie haben etwas zu erledigen. Für uns andere drei ist der Tag ebenfalls nicht abgeschlossen, es fehlt noch der letzte Programmpunkt: Chenrezig.
Es wäre ein wunderbares Anfänger-Ritual, erklärt uns Suriyel, und die allererste Praxis, die er selbst gelernt habe. Er bereitet auf der Terrasse ein weiteres Mal den kleinen Schreintisch vor. Maria und ich sehen ihm dabei zu, wie er vorsichtig Wasser in die kleinen Metallschälchen füllt und Kerze und Räucherstäbchen anzündet. Die Tonschale brauchen wir diesmal nicht, Chenrezig – die Praxis des grenzenlosen Mitgefühls – kommt ohne Speiseopfer aus.
„Chenrezig“ ist der tibetische Name von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls, der die Klagen aller leidenden Wesen vernimmt und ihnen zur Hilfe kommt. Es gibt eine wunderbare Sage über ihn: er wäre einst ein Prinz gewesen, der das Gelübde abgelegt habe, allen Wesen Beistand zu ihrer Befreiung zu leisten. Sollte er darin nachlassen, hatte er geschworen, wolle er in tausend Stücke zerspringen. Er begab sich ins Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – und befreite alle Wesen – Geister, Dämonen, Menschen, Tiere, Götter – die er finden konnte, von ihrem Leid. Als er sich nach einiger Zeit umblickte, sah er, dass unendlich viele neue leidende Wesen nachgekommen waren, die ebenfalls von ihm erlöst werden wollten. Er zweifelte für einen Augenblick daran, dass es ihm gelingen würde, sein Gelübde zu erfüllen – und zersprang in tausend Stücke. Glücklicherweise gelang es Amitabha – dem Buddha der unterscheidenden Weisheit – Avalokiteshvara wieder zusammenzusetzen. Weil er gerade dabei war, gab er ihm tausend Arme, in deren Handflächen jeweils ein Auge sitzt und dazu noch elf Köpfe. Damit konnte Avalokiteshvara sein Gelübde viel effektiver erfüllen als in seiner alten menschlichen Gestalt.
Avalokiteshvaras Mantra „Om ma ni padme hung“ – das „Mantra des Mitgefühls“ – ist eines der ältesten und bekanntesten im Buddhismus.
Auch ich habe eine persönliche Beziehung zu Avalokiteshvara. Er wird zu Beginn des „Herz-Sutra“, einem der zentralen Texte des Mahayana-Buddhismus – und damit auch im Zen – angerufen. Am Ende jeder Morgen-Meditation rezitiere ich deshalb – Tagein, Tagaus – mit meiner Online-Sangha: „Avalokiteshvara, im Zustand der tiefen transzendenten Weisheit, erkannte, dass alle fünf Skandas leer sind und überwand so alles Leiden…“
Aber jetzt sind wir nicht im Zen – Maria hat sich gegen „stumm auf dem Kissen sitzen und an nichts denken“ entschieden – wir praktizieren hier Vajrayana. Besser gesagt: Suriyel praktiziert und Maria und ich sehen ihm dabei zu. Vorher erklärt er uns noch, worum es dem Prinzip nach geht. Die Chenrezig-Praxis helfe, erfolgreich den Weg eines Bodhisattvas zu gehen, indem sie die Fähigkeit kultiviere, Mitgefühl mit allen leidenden Wesen zu empfinden. Die Basis dafür ist die Identifikation mit dem Bodhisattva. Nach der Eingangsrezitation sollen wir deshalb auf Kopfhöhe vor uns Chenrezig – Avalokiteshvara auf Tibetisch – als weißen, in einem Lotos sitzender Buddha visualisieren, hinter dem der volle Mond leuchtet. In dieser Praxis hat er nur vier Arme, keine tausend. Während der Visualisierung solle wir bewusst das tiefe liebende Mitgefühl für alle leidenden Wesen spüren, dass die leuchtende Gestalt vor uns verströmt.
Es ist inzwischen dunkel geworden. Sanft flackert das Licht der kleinen Kerze auf der überdachten Terrasse. Vom rauschenden Bach an der Hauswand kriecht kühle Feuchtigkeit zu uns.
Suriyel beginnt erst zu rezitieren und dann zu singen. Ich senke den Blick – die Augen halb geöffnet – und konzentriere mich auf mein „drittes Auge“ oberhalb meiner Nasenwurzel. In der Dunkelheit erscheint, über der Wiese schwebend, eine weiß flouriszierende Gestalt. Der Buddha sitzt, die Beine übereinander geschlagen, auf einer großen Lotosblüte. Hinter ihm strahlt in milchigem Licht der volle Mond. Ich konzentriere mich darauf, sein Mitgefühl zu spüren. Es fällt mir nicht schwer: Suriyel verströmt es während seiner Meditation in einer Intensität, dass ich keine großartige Imagination brauche, um damit in Berührung zu kommen.
In Suriyels Gesang hinein schallen aus der Dunkelheit die schrillen Rufe eines Pfaus. Er lebt auf dem Nachbargut, ich habe ihn schon öfter gehört. Aber jetzt, in dieser feierlichen nächtlichen Stille, kommt es mir vor, als wären wir in eine andere Wirklichkeit versetzt worden. Als hätten wir das Retreathaus am Ende der Welt und das 21. Jahrhundert hinter uns gelassen, und würden uns mit einem Mal im alte Indien befinden – der Heimat der Pfaue und des Buddhismus – zu der Zeit, als Prinz Avalokitshvara zu seiner Reise ins Bardo aufbrach, um alle Lebewesen von Leid zu befreien.
Suriyel greift zur Mala. Wir sind beim Mantra angekommen. „Om ma ni padme hung“ murmeln wir beide, und lassen dazu die Perlen zwischen unseren Fingern hindurch gleiten. Maria ist währendessen ganz still, aus der Ferne ruft unermüdlich der Pfau.
Als wir zu Ende sind, bin ich berührt. Es war mein erstes Chenrezig – und es war sehr schön.
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