
Als ich voller Tatendrang vor die Haustür trete, empfangen mich warme Sonnenstrahlen und ein enthusiastischer Hund.
Ich überquere den Hof und öffne die schwere Glastür zum historischen Pferdestall, der gerade in einen großen Seminarraum umfunktioniert wird. In einer Ecke entdecke ich Suriyel, er montiert Steckdosen. Die anderen beiden wären zum Baumarkt gefahren, erfahre ich, es fehle noch was für die Grundierung.
Ich trete wieder auf den Hof und wandere, das Handy schwenkend, umher: Auf dem Gelände des Retreathauses am Ende der Welt Empfang zu bekommen, ist eine Kunst für sich. Endlich erscheint ein einzelner schüchterner Balken auf dem Display. Ich rufe Maria an: wann sie zurück wären? Ich stünde jetzt bereit, um den Pferdestall zu streichen! Es würde noch dauern, antwortet sie.
Und jetzt?
So aufgeregt, wie der kleine weiße Spitz um meine Aufmerksamkeit kämpft, liegt die Antwort auf der Hand. Mit dem Hund an der Leine lasse ich das Retreathaus hinter mir und laufe den Fluss entlang in den Wald.
Ich bin immer noch völlig neben der Spur, stelle ich dabei fest. Irgendwie funktionieren meine Sinne nicht richtig. Um mich flourisziert das Gras neongrün, das Gelb des Löwenzahns leuchtet, als hätte jemand unzähliche 1000 Watt-Strahler auf der Wiese montiert. Das Rauschen des Baches, begleitet vom Gesang der Vögel, dröhnt in Discolautstärke in meinen Ohren. Als ich den Waldrand erreiche, löst die Geruchspalette von Moder, Blumenduft, Harz und jungem Fichtengrün Schwindelgefühle in mir aus.
Der Hund hat eine Fährte aufgenommen und folgt ihr, laut japsend, ins Gebüsch. Ich rutsche hinter ihm die Böschung hinunter. Haken schlagend zieht er mich zum Fluss, der einige Meter parallel zum Forstweg durch den Wald fließt und sich genau an dieser Stelle gabelt: der vordere Arm, an dessen Ufer ich stehe, begrenzt Uriels Grundstück, der hintere nährt mit seinem Wasser den Weiher, bevor er unter dem Fundament des Retreathauses verschwindet, um auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche zu kommen und sich mit dem Seitenarm zu vereinen. Zwischen den beiden Wasserläufen liegt eine Insel, ein winziger Fleck Erde mit zwei Bäumen drauf. Kinder haben aus dicken Ästen eine Brücke hinüber gebaut.
Ich starre auf die grauen Felsblöcke, die direkt unter mir aus dem wild schäumenden Wasser ragen. Auf einmal überkommt mich eine wahnsinnige Lust, das kalte Wasser an den Füßen zu spüren. Ich setze mich ans Ufer, ziehe Schuhe und Socken aus und steige vorsichtig hinein. Das klare Wasser ist eiskalt, die spitzen Steine des Flussbettes stechen in meine Fusssohlen.
Ich möchte hinüber auf die Insel, beschließe ich. Der kleine weiße Hund steht am Ufer und schaut besorgt zu mir herunter. „Jetzt komm doch!“, rufe ich ihm zu. „Es ist nicht tief!“ Zwanzig Zentimeter Wassertiefe, finde ich, sind für einen Spitz zu bewältigen. Der sieht das anders. Er stemmt alle vier Pfoten in den Boden, schaut sichtlich angeekelt in die Tiefe und lässt sich weder durch Bitten noch durch Befehle dazu bewegen, zu mir zu kommen. Ich klettere fluchend wieder hoch, binde die Leine des Hundes um den nächsten Baum und steige wieder in das kalte Wasser.
Vorsichtig auf den glitschigen Steinen Fuß vor Fuß setzend, bewege ich mich gegen die Strömung flussaufwärts, das eiskalte Wasser schäumt um meine Schienbeine. Die extremen Sinnesreize tun mir gut, merke ich, sie wirken wie ein Anker für meinen Geist, der gerade nicht richtig mit meinem Körper verbunden zu sein scheint. Mein Kopf ist vollkommend leer. Es kommt mir vor, als würde ich mich in einer Sphäre bewegen, in der weder Raum noch Zeit von Bedeutung sind. Und gleichzeitig ist es so, als würde ich von oben auf mich herabsehen, mit dem selben Blick, mit dem man einen Fremden betrachtet. Irgendwer läuft gerade in meinem Körper durchs Wasser, stelle ich fest, aber wer dieser „jemand“ sein soll, weiß ich nicht zu sagen.
Während ich das Flussbett hoch wandere, halte ich nach einem günstigen Einstieg auf die kleine Insel Ausschau. Vergebens. Die Brennesseln auf der Böschung sind erst wenige Zentimeter hoch, stehen aber schon so dicht, dass es eine höchst schmerzhafte Angelegenheit wäre, dort barfuß hochzuklettern. Kurz überlege ich ernsthaft, ob ich es nicht gerade deshalb tun soll – das intensive Brennen würde mich sicher effektiv in meinen Körper zurückholen – zeige mir dann selbst einen Vogel und beschließe, mein Glück lieber am anderen Ende der kleinen Insel zu versuchen, das Ufer scheint dort flacher zu sein.
Ich drehe vorsichtig um. Jetzt geht es abwärts, der Bach hat an dieser Stelle ein spürbares Gefälle und noch dazu drückt die Strömung von hinten gegen meine Waden. Schritt für Schritt bewege ich mich auf die provisorische Brücke zu, die vom Ufer auf die kleine Insel führt.
Ich hebe meinen Fuß aus dem Wasser, bewege ihn nach vorne – es fühlt sich an, als würde er nicht zu meinem Körper gehören – und senke ihn wieder in das schäumende Nass. Auf einmal ist es, als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt. Ich bin wieder zwölf Jahre alt und das hier ist der Bach meiner Kindheit. Es ist mir, als wäre ich an eine Weggabelung zurückgekehrt, die ich vollkommend vergessen hatte. Damals, im Alter von zwölf Jahren, traf ich genau an dieser Stelle eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen für den weiteren Verlauf meines Lebens haben sollte. Jetzt finde ich mich unversehens an diese Gabelung meines Lebenswegs wieder.
Ich stehe im schäumenden Wasser, starre auf die Äste der provisorischen Brücke, die sich ein paar Meter vor mir über den Bachlauf streckt und verstehe, dass ich jetzt, in diesem Moment, die Chance habe, diese Entscheidung zu revidieren. Es steht mir frei, jetzt den Pfad einzuschlagen, gegen den ich mich vor vielen Jahren entschieden hatte. Im Rückblick glaube ich zu verstehen, warum mein zwölfjähriges Ich – genau an der magischen Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – die Entscheidung für den Weg getroffen hatte, den mein weiteres Leben danach nahm. Es war ein wagemutiger Entschluss, den ich damals traf, wird mir bewusst. Und vollgerichtig. Er hat mich weit gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, zu sehen, wohin mich der andere Weg bringen wird, der, gegen den ich mich damals entschieden habe. Es ist ein großes Geschenk, wird mir in diesem Augenblick bewusst, dass ich für einen Moment den Gesetze von Raum und Zeit enthoben bin und noch einmal an diesen längst vergangenen Punkt in meinem Leben zurückkehren und einen Neuanfang wagen darf.
Mit diesem Gedanken mache ich einen weiteren Schritt, rutsche unversehens auf einem glitschigen Stein aus und lande mit einem lauten Platschen im schäumenden Wasser. Kälte und Nässe bringen mich wieder zur Besinnung. Ich lache schallend, während ich – den Kopf über mich und meinen Wahnsinn schüttelnd – triefend und vor Kälte schlotternd ans Ufer klettere. Oben empfängt mich sichtlich erleichtert der kleine weiße Hund. Vor mich hin tropfend laufe ich mit ihm zurück zum Retreathaus ans Ende der Welt.
Der Löwenzahn leuchtet immer noch mit dem Grün des Grases und dem Blau des Himmels um die Wette. Ich bin glücklich, merke ich, während ich das schwere Tor zum Hof aufziehe. Geradezu euphorisch, um genauer zu sein. Es ist jemand anderes an diesen Ort zurückgekehrt als der, der ihn vor einer Stunde verlassen hat. Jemand, der an einer Wegkreuzung eine neue Entscheidung getroffen hat. Es klingt so vollkommend bizarr, dass ich beschließe, den anderen nichts von der „Taufe“ meines neuen „Ich“ im wilden Bauchlauf zu erzählen.
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