
In einer ruhigen Stunde während der drei Retreats im März, legte ich am großen Esstisch im Retreathaus am Ende der Welt die Karten. Uriel, der mir – an seinem Notebook arbeitend – gegenüber saß, hob den Kopf: „Und?“
„Der Tod!“ Irritiert ließ ich meinen Blick über die Legung wandern. „Etwas geht zu Ende.“
Ich hatte das Retreathaus am Ende der Welt ausgelegt. Mit der Fragestellung, was wohl daraus werden würde. Jetzt, wo hier die ersten Retreats stattfanden und das Gebäude langsam begann, ein eigenes magisches Leben zu entwickeln. Und dann lag da „der Tod“!
Die meisten, die beim Kartenlegen mit der „XIII“ im Zyklus der großen Arkana konfrontiert sind, erschrecken. Der Tod hat keinen guten Ruf in unserer Kultur. Er ist etwas schreckliches, das so konsequent als möglich ausgeblendet, so effektiv als möglich ferngehalten werden muss.
Dabei hat die Karte eine schöne Botschaft – man muss sich nur darauf einlassen. „Das, was sich in Deinem Leben überlebt hat, wird dich verlassen,“ wispert sie. „Etwas Neues ist dabei, zu Dir zu kommen.“
Es ist die ultimative Botschaft der Transformation! Und im Gegensatz zu ihrer „zornvollen Schwester“, der „XVI“ – dem „Turm“, vollzieht sich diese Neuwerdung auf natürliche, organische Weise. Während sich der Effekt des „Turms“ anfühlt, als wäre man beim Überqueren der Autobahn von einem 40-Tonner gerammt worden, läuft der transformative Prozess im Zeichen des „Todes“ auf friedvolle Weise ab.
Allerdings nur, wenn man bereit ist, die Regeln des Lebens und des Todes zu akzeptieren: „Was wirklich zu Dir gehört, kannst Du nicht verlieren. Was nicht mehr zu Dir gehört, kannst Du nicht festhalten.“ Alles ist Werden und Vergehen. Wir sind dem natürliche Prinzip des Wandels unterworfen, ob es uns passt, oder nicht. Wer das nicht einsieht, leidet. Und wird am Ende trotzdem unter Schmerzen verlieren, was er nicht hergeben möchte – Veränderung lässt sich nicht aufhalten.
Oft ist das Entsetzen groß, wenn der Tod auf einmal ins Leben tritt, um sich zu holen, was ihm zusteht. Allzu lange hat man aus Bequemlichkeit, Angst, emotionaler Treue alle Zeichen ignoriert, die nagende innere Stimme überhört, die immer wieder flüsterte „merkst du nicht, dass es vorüber ist?“
Aber eines Tages klingelt es. Und wenn man in Erwartung des Paketboten die Türe öffnet, steht er da: der Tod.
Wenn der Tod auftaucht – in den Karten wie im richtigen Leben – gilt es loszulassen, was einmal existentiell war. Gehenzulassen, was dem Leben einmal Bedeutung gegeben hatte.
Und die Trauer zuzulassen. Es ist keine Schande, zu weinen. Ich trauere heute. Ich vermisse meinen Wolf so sehr! Und er wird nie wieder zu mir zurückkehren! Er ist unwiederbringlich gegangen – wohin auch immer.
Es war von Anfang an klar, dass er nur ein Gast in meinem Leben sein würde, der große scheue graue Wolf. Er ging so magisch und überraschend, wie er vor sechs Wochen in mein Leben getreten ist. Ich habe keine Ahnung, woher er kam. Ich werde nie erfahren, wohin er verschwunden ist. Niemand wird mir jemals erklären können, warum er ausgerechnet in meiner Existenz Form angenommen hat.
Er ist gegangen, um Platz für etwas Neues zu schaffen. Wie immer das, was in mein Leben treten wird, auch aussehen mag. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.
Genauso wenig, wie wir wissen, was mit dem Retreathaus am Ende der Welt geschehen wird. Damit der Ort seine magische Bestimmung erfüllen kann, scheint auch dort sterben zu müssen, was sich überlebt hat, damit Platz für Neues ist.
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