Die Dinge sind in Bewegung geraten, wie gesagt. Am Wochenende war, nach tagelanger vager Unruhe, auf einmal der Eindruck entstanden, um mich würde sich eine neue Dimension öffnen. Es fühlte sich an, als würden sich die Grenze meiner Wahrnehmung ausdehnen. Eine ebenso überraschende wie bedrohliche Erfahrung, die ich mir nicht erklären konnte. Dazu die Einladung, gemeinsam mit Maria das kommende Wochenende im Retreathaus am Ende der Welt zu verbringen.

Am nächsten Tag die Information, der Khenpo – ein hoher tibetischer buddistischer Lama – würde sich gerade dort aufhalten. Er wolle das Retreathaus, samt dem Außenbereich mit Weiher und Bachlauf, mit schamanischen Riten weihen. Auf einmal machte dieses seltsame Gefühl, etwas wäre gerade dabei, sich auf magische Weise zu verändern, Sinn.

Am Montag wird der Sog stärker, ich spüre die Energie der Transformation, während ich die Aufgaben des Tages erledige. Abends wandere ich mit dem Wolf durch die Stadt, wir brauchen beide Auslauf. Ich bin inzwischen so an meinen großen grauen Begleiter gewöhnt, dass seine dauernde Präsenz für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Gedankenverloren beobachte ich ihn dabei, wie er zu meiner Rechten, die Nase am Boden, neben mir her läuft. Ich stutze: Irgendwie sieht er auf einmal anders aus! Kann das sein? Ich nehme ihn genauer in den Blick: Keine Frage, sein Fell ist dunkler geworden, es ist jetzt fast schwarz, an einzelnen Stellen sind weiße Punkte zu erkennen. Außerdem kommt es mir vor, als würde er wachsen! Eigentlich reicht er mir bis an die Hüfte. Während wir dahinlaufen, scheint er sich auszudehnen, wird immer länger und höher, bis er mir bis zu den Schultern reicht und sicher doppelt so lang ist wie zuvor. Gleichzeitig verhält er sich seltsam. Von seinem ruhigen gelassenen Wesen ist nichts mehr geblieben. Erschrocken beobachte ich, wie er geifert. Aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel zwischen den riesigen spitzen Zähnen hervor! Die Zunge hängt lang aus dem Maul, während er – den Kopf gesenkt – wittert und dabei seinen Blick lauernd umher schweifen lässt. Ich bin entsetzt: aus meinem ruhigen treuen Wolf ist ohne ersichtlichen Grund ein riesiges wildes Tier geworden!

Im verwunschenen Untermietzimmer angekommen, lässt er sich auf seinem gewohnten Platz auf dem dicken weißen Schafwollteppich neben dem Schreibtisch nieder. Er nimmt fast die ganze Breite des Zimmers ein, so lang ist er geworden. Er ist unruhig, immer wieder steht er auf, dreht sich um die eigene Achse, lässt sich wieder auf den Boden sinken, nur um wieder aufzusehen, und – den Kopf wiegend – ein paar Schritte hin und her zu laufen. Dabei hechelt er, aus dem halb geöffneten Maul tropft der Speichel auf meinen Teppich. Ob er Schmerzen hat? Irgendwas ist überhaupt nicht in Ordnung mit ihm!

Ich schreibe eine Textnachricht an Uriel und frage, was der tibetische Khenpo in Gottesnamen gerade bei ihm anstellen würde? Meinem Wolf ginge es nicht gut!

Irgendwie, denke ich, muss das Leiden meines Schattentiers etwas mit dem zu tun haben, was gerade im Retreathaus am Ende der Welt passiert. Von dort stammt er schließlich, der Wolf. Ursprünglich war er einer der Wächter des Mandalas von Vajrakilaya, bevor er beschloss, sich eines Nachts neben meinem Bett zu materialisieren. Und bei mir zu bleiben und mit mir nach Leipzig zu kommen, als das Retreat zu Ende war.

Uriel schreibt zurück, der Kenpho und sein Geshe – der gelehrte Assistent – würden gerade die Tormas – die Opfergaben – für das morgige Ritual vorbereiten. Wem sie denn opfern wollen, frage ich zurück. „Den Naturgeistern“, kommt als Antwort. „Bist du doch ein Naturgeist?“, frage ich den nervös vor sich hin hechelnden Wolf. Auf dem Boden ausgestreckt hat er den Kopf gehoben und starrt aus dem Fenster in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Er scheint mich nicht gehört zu haben.

Diese Nacht verbringe ich alleine in meinem Bett. Zum ersten Mal, seit ich im März aus dem Retreathaus am Ende der Welt zurück nach Leipzig gekommen bin. Anstatt wie üblich zu meinen Füßen zu schlafen, wandert der Wolf, nervös hechelnd, Stunde um Stunde unruhig im Zimmer auf und ab. Im Schlaf glaube ich die gewaltige Energie zu sehen, die in ihm arbeitet. Es ist, als würde er größer und dann wieder kleiner werden, seine Konturen sind mal klar erkennbar, dann wieder scheint er sich in winzige Partikel aufzulösen, bevor er wieder zu seiner Form zurück findet. Die ganze Zeit bleibt er stumm. Dabei müsste ich ihn eigentlich winseln hören, ich bin mir sicher, dass er Qualen leidet. Es liegt nicht in meiner Hand, ihm zu helfen. Das einzige, was ich für ihn tun kann ist, ihn nicht bei seiner Verwandlung zu stören. Und ihn nicht festzuhalten. Obwohl es mir schwer fällt. Er bedeutet mir viel, mein schöner großer grauer Wolf!

Ich erschrecke, als ich am nächsten Morgen aufwache: anstelle des Wolfs liegt eine riesige schwarze Hyäne mit weißen Tupfen auf meinem Teppich! Mich ignorierend, starrt sie unverwandt aus dem Fenster in die Morgendämmerung. Während ich neben ihr auf meinem Meditationskissen am Morgen-Zazen der Online-Sangha teilnehme, wird mir bewusst, dass sie kein Tier ist. Das was sich da neben mir befindet, kann eigentlich nur ein Geist sein, so verrückt das auch klingt.

Ich bin erleichtert, dass das Wesen keine Schmerzen mehr leidet. Ruhig liegt es den ganzen Tag, bis spät in den Abend hinein, auf dem Teppich und starrt – ohne mir auch nur die geringste Beachtung zu schenken – aus dem Fenster.

Vor dem Schlafengehen bekomme ich eine Nachricht von Uriel. Ich starre verblüfft auf die beiden Fotos, die er mir geschickt hat. Darauf ist eine brennende Feuerstelle zu sehen. Mit einem Feuer, wie ich noch keines in meinem Leben gesehen habe. Es wirkt, als wären die Flammen lebendig! Sie sind dick, klar konturiert und leuchten so gleißend auf dem Foto, dass es nur ein Trick sein kann. KI lässt grüßen. Allerdings sind Uriel solche Fähigkeiten nicht gegeben. Er kann nicht mal seine Selfies mit Photoshop aufhübschen! „Was ist das????“, schreibe ich zurück. „Sur Chöd“, kommt als Antwort. Ich habe schon so manches Feuer-Opfer gesehen, aber keines, das aussah wie dieses hier. Uriel auch nicht. Er wäre schon zwanzig Jahre dabei, aber so etwas wie das, was der Khenpo und sein Geshe heute an Ritual vollzogen hätten, wäre ihm noch nie untergekommen. Die Energie wäre unbeschreiblich gewesen. Ich starre auf die Fotos mit dem seltsam lebendigen Feuer für die Naturgeister – ob das auch für mein Schattentier gebrannt hat?

Ich gehe zu Bett und verbringe eine unruhige Nacht. Als ich am nächsten Morgen aufwache, kommt es mir vor, als hätte der Geist – oder was auch immer es sein mag – an Dichte eingebüßt. Tagsüber nehme ich das stille Wesen immer wieder in den Blick, während ich am Schreibtisch vor mich hin arbeite. Von Mal zu Mal wirken die Umrisse fließender, das Schwarz des Körpers blasser. Am Nachmittag ist es nur noch vage erkennbar, ich muss genau hinsehen, um die nebelhaften Konturen zu erkennen. Am Abend bin ich mit einem Mal allein in meinem Zimmer.

„Mein Wolf hat mich verlassen!“, schreibe ich Uriel. „Ich bin wieder allein, es ist bitter!“ Der antwortet umgehend: „Vielleicht hat er ja seine Form verloren und ist jetzt bereit für eine neue Wiedergeburt. Er muss nicht mehr im Bardo festhängen, das ist doch gut für ihn!“